Tag 4 (21.07.18): Von Tettau nach Sonneberg

Angelika und Dietrich Schütze mit uns auf dem Wildberghof bei Tettau

Frühstück mit Dietrich Schütze: ein alter Freund Ottos und beeindruckender Gesprächspartner

Wildberghof: Fotos vom Beginn der landwirtschaftlichen Kommune (ca. 1978)

Zeitdokumente: gesammelt auf dem Wildberghof in Tettau

Angelika Schütze: bisher mehr als 30 gewebte Kusntwerke

Dietrich Schütze: der Kachelofenbauer

ehemalige DDR-Grenzkaserne: jetzt Paintball-Gelände mit DDR-Emblemen und -Militärfahrzeugen

Sonneberg: Am Tag, als der Regen kam …, endlich mal Zeit zum Schreiben. Ein Glück, dass Dors dabei ist und sich um den Computer kümmert.

Tag 4 (21.07.18):  Von Tettau nach Sonneberg  

Km:  156 -192

Es muss schnell gehen. Ich hänge mit meinen Tagebuchaufzeichnungen hinterher – wie so oft im Leben. Zu viele Sachen gleichzeitig erledigen. Vollgestopft mit Erlebnissen und Eindrücken, körperlich abends so richtig schön ausgelaugt, dass es nur für ein Bier und ein kräftiges Essen reicht. Total ermattet falle ich ins Bett, das sich gerade mir anbietet.

Frühstück mit Dietrich Schütze, der aus seinem bewegtem  Leben erzählt, von den Anfängen der Kommune Wildberg in Tettau, der Zeit in Frankfurt im Revolutionären Kampf, von dem Leben in der Kommune, wechselnden, aber auch stabilen Beziehungen, die das ganze Leben bestehen und gegenseitigen Halt geben. Vor ein paar Monaten sind auch Beiträge über die Anfangszeit und Geschichte der Wildberg-Kommune erschienen, die der FOCUS nachgedruckt hat, so z. B.

Auch Revoluzzer werden älter: So erging es den Bewohnern, als sie aus der Kommune auszogen

und

Sex’n’Drugs’n Rock and Roll in der Provinz? Als die Studenten auf dem Land Kommunen gründeten (20.04.2018) –

So werden die 70er und 80er Jahre im Frankenwald noch einmal lebendig.

Wir treffen am Morgen auch Angelika, seine Frau, die uns ihre mehr als dreißig gewebten Wandteppiche und ihren Webstuhl zeigt. Sie gibt mir einen Einblick in ihre Denk- und Arbeitsweise. Es entwickelt sich ein sehr persönliches Gespräch über unser beider Leben, die Erfahrungen der Kindheit und der Jugend. Sie überreicht mir ein Geschenk: ihren Gedichtsband ...ob es mir denn entgangen, dass ich geweint hab…(amicus verlag, 2010) mit einer sehr persönlichen Widmung und guten Wünsche für die weitere Reise. Ich bin berührt.

Dietrich führt uns im anderen Teil des riesigen Hauses durch die verschiedenen Räume, in denen sich viele seiner selbst gemauerten Kachelöfen befinden. Der untere Teil ist als Café vermietet und läuft anscheinend gut. Eine urige Atmosphäre. Erinnerungen an gemeinsame politische Theateraufführungen mit Otto Buchholz aus Herford, der uns immer und immer wieder in unseren Gesprächen begleitet.

Dietrich hat zahlreiche zeitgenössische Dokumente gesammelt. Fotos aus den 70er Jahren. Zeitungsberichte von der Öffnung der Grenze. Wir sprechen über die Zeit vor 1989 (Probleme mit den US-Truppen, die durch den Hof fahren wollten, um die Grenze zu kontrollieren). Die Bewohner der Kommune haben kurzerhand mal Barrikaden aufgestellt. Auseinandersetzung mit den Ämtern und dem Bürgermeister. „Kein Wunder, dass wir manchmal einen auf die Fresse bekommen haben, so wie wir uns manchmal verhalten haben.“

Zum Abschied Fotos mit Dietrich und Angelika.

Der restliche Tag ist relativ schnell erzählt: Fahrt talabwärts zuerst durch den Wald, dann durch ein schönes Tal nach Pressig. Unterwegs eine alte NVA-Kaserne, die nun als Paint-Ball-Eldorado mit allerlei DDR-Militaria ausgerüstet ist. NVA-Fahne, die kopfüber aufgehängt ist. Ostalgie der Jugend?

Es regnet und regnet. Wir quälen uns den Berg in das thüringsche Sonneberg hoch und  runter. Dors‘ Brille beschlägt und es wird so langsam auf der Straße gefährlich. Ich empfinde den Regen zunächst als Befreiung nach all den Tagen der Hitze. Wir kommen nach Sonneberg, eigentlich gießt es so, dass es Regeberg heißen müsste.

In einer Bäckereifiliale unterhalten wir uns sehr nett mit der Verkäuferin, die uns erstmal Kaffee, Bratwürste und Kuchen zur Verfügung stellt. „Wer Arbeit will, bekommt welche.“ Die Tochter hat BWL mit Schwerpunkt Personal studiert, in Bayern gearbeitet und freut sich jetzt nach der Babypause, dass sie im thüringischen Sonneberg in einem neuen Betrieb anfangen kann. Eine Frage der Mentalität !? – Die Antwort: „Ja

Wir entscheiden uns heute nach Km 192 insgesamt und nur knapp zwei Stunden Fahrzeit schnell eine trockene Unterkunft zu besorgen und beziehen kleine Einzelzimmer im Hotel zur Schönen Aussicht. Was schön sein soll beim Blick auf die befahrene Straße, ist mir schleierhaft. Beide verfallen wir in einen Art Komaschlaf und setzen uns am Nachmittag zusammen und versuchen – vergeblich – die von mir schon mal angefangenen Blogs bei VAKANTIO und JIMDO zum Laufen zu bringen.

Abends dann ein Rostbrätl in einer urigen Thüringer Kneipe. Denise, die sehr junge Bedienung, spricht uns mit Du an, Dors ist ein wenig pikiert, es erinnert ihn an seine Kindheit im Ruhrpott. Wir sprechen über mein „Du“’, wenn ich hier während der Reise mit fremden Leuten, vor allem Männern spreche.

Es folgen sehr persönliche Gespräche über die Siebziger Jahre, Beziehungen in der DDR und in Moskau….

Ergänzung: Hans Wenzel, Wissenschaftler aus Berlin, den ich in Moldawien kennengelernt habe, hat mir freundlicherweise noch ein E-Mail mit eigenen Erinnerungen geschickt. Er ist in Sonnenberg geboren und beschreibt auch das Schicksal seines Vater, Leiters der dortigen Sternwarte, nach der Wende. Ich zitiere mit seinem Einverständnis aus seiner E-Mail vom 16.08.18 an mich:

Ich bin in Sonneberg aufgewachsen (geboren 1960), wo noch immer mein Vater lebt. Ich kenne daher das dortige Grenzgebiet sehr gut, sowohl aus DDR-Zeiten (natürlich nur die Thüringer Seite) als auch danach…..Die Klöserei in Ketschenbach ist mir sehr gut bekannt! Es gibt auch in Sonneberg eine Ausgabestelle der Klöße….

Ich könnte viele Grenzerlebnisse berichten. Unvergessen sind für mich die Zugfahrten von Sonneberg nach Saalfeld über Probstzella mit der Dampflok entlang des Todesstreifens, begleitet von Hunden, welche an gespannten Stahlseilen entlang der Grenze liefen, und  die gefürchteten Ausweis-Kontrollen durch die „Trapo“ (Transportpolizei,  blaue Uniformen).
Die Hunde wurden übrigens nach der Wende an Privatpersonen in Ost und West vermittelt, wobei sie nicht immer ein besseres Leben als vorher hatten (meistens wahrscheinlich aber schon).

Mein Vater war wissenschaftlicher Leiter der Sternwarte Sonneberg-Neufang.
Obwohl selbst SED-Mitglied, wurde er von der Stasi überwacht und drangsaliert, weil der einige Entwicklungen in der DDR als überzeugter Kommunist ablehnte.

Leider musste die Sternwarte nach der Wende auf Empfehlung des Wissenschaftsrates die wissenschaftliche Arbeit fast vollständig einstellen, sodass mein Vater sich arbeitslos melden musste (später arbeitete er noch an einem DFG-Projekt mit, was ein Kollege aus einem Max-Planck-Institut für ihn beantragte).

Ein typischer Beispiel, dass im Osten nach der Wende viel ohne Sinn und Verstand platt gemacht wurde, aber auch von westdeutscher Solidarität.
Ich habe eine kurze Biographie meines Vater auf Wikipedia geschrieben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Wenzel

Ein nicht ganz typisches ostdeutsches Wissenschaftlerleben.“

Vielen Dank an Hans Wenzel für diese Information und persönlichen Anmerkungen, die auch ein differenziertes Licht auf die Zeit nach 1989 werfen.