{"id":1293,"date":"2018-10-06T09:04:44","date_gmt":"2018-10-06T09:04:44","guid":{"rendered":"http:\/\/grenzgaengertour2018.de\/?page_id=1293"},"modified":"2019-07-28T08:43:25","modified_gmt":"2019-07-28T08:43:25","slug":"alle-texte-auf-einer-seite","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/?page_id=1293","title":{"rendered":"Alle Texte auf einer Seite"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>GRENZG\u00c4NGER TOUR 2018<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine lebensgeschichtliche Reise von Ost nach West und zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-94 aligncenter\" src=\"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/header2-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/header2-300x200.jpg 300w, https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/header2-768x512.jpg 768w, https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/header2.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p><strong>Anreise (17.07.18): Von Hof nach Raitschin<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1- 19<\/p>\n<ul>\n<li>Fahrt mit PKW (Dors) von Karlsruhe nach Hof<\/li>\n<li>Zwischenstopp bei der Autobahnkirche Himmelkron, Christophorus: sehr moderner Bau. Einige Kerzen f\u00fcr eine sichere Reise angez\u00fcndet. Beeindruckender moderner Kirchenbau.<\/li>\n<li>Einkehr im Hotel Opel: Leberkn\u00f6delsuppe und Pfirsichmaracuja-Torte, schmeckte alles nicht besonders.<\/li>\n<li>Hof, Bahnhofstra\u00dfe: Auto abgestellt, Fahrr\u00e4der ger\u00fcstet und gepackt<\/li>\n<li>Freundlicher, \u00e4lterer Herr fragt nach, wohin wir wollen, und erkl\u00e4rt uns den Weg zum Restaurant Eisteich<\/li>\n<li>Unterwegs erneut Hilfe durch fahrradfahrendes Rentnerpaar<\/li>\n<li>Fotos vor der Gastst\u00e4tte Eisteich, Gr\u00fcndungsversammlung des Gr\u00fcnen Bandes (Dezember 1989)<\/li>\n<li>Fahrt mit den E-Bikes entlang der Saale und \u00fcber Landstra\u00dfe nach Regnitzlosau, Ortsteil Raitschin in den Gasthof Raitschin. Ein Gl\u00fcck, dass wir E-Bikes haben. Dors: \u201eDas h\u00e4tte ich noch mit einem guten Rad gepackt, auch ohne eine &#8218;Elektroschlampe&#8216; zu sein.\u201c<\/li>\n<li>Gasthof Raitschin: sehr nette und informative Unterhaltung mit U., einer stattlichen Dame, die sich mit ihrem Mann und einem weiteren Gast zu uns an den gro\u00dfen Tisch gesetzt hat, geboren in Schwesendorf, wenige Kilometer von Raitschin entfernt.<\/li>\n<li>U., 72, war Goldmalerin in der Porzellan-Industrie bei Hutschenreuther in Selb. Sie hat sich als erste Frau in den sechziger Jahren in einem traditionellen M\u00e4nnerberuf \u00a0behauptet. Sie spricht \u00fcber ihre Hochachtung vor dem Hand- und Kunsthandwerk in Tschechien. Sie war aktiv in der Gewerkschaft als Betriebsr\u00e4tin und sp\u00e4ter in der AWO-Altenbetreuung, ein sehr sozialer und kommunikativer Mensch. Ihr Mann, 78, blieb recht still. Zusammen mit dem weiteren Gast entwickelt sich eine Diskussion zwischen Generationen, gef\u00f6rdert durch Williams-Christ-Birnen-Schnaps.<\/li>\n<li>U. und ihr Mann wohnen wenige Kilometer vom Dreil\u00e4ndereck, wo sie als Kind in einer teich\u00e4hnlichen Ausbuchtung der Saale schwimmen gelernt hat.<\/li>\n<li>Sie spricht viel \u00fcber ihre Familiengeschichte ohne Vater.<\/li>\n<li>U. bescheinigt den Sachsen und Bayern heute ein gutes Verh\u00e4ltnis. Heiraten zwischen Ost und West seien v\u00f6llig normal und Zugezogene w\u00fcrden gut integriert.<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"mceTemp\">\n<p>Start der Grenzg\u00e4ngertour 2018: gemeinsam mit Dors<\/p>\n<div id=\"attachment_1188\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1188\" class=\"size-medium wp-image-1188\" src=\"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/P1000168-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/P1000168-300x225.jpg 300w, https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/P1000168.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-1188\" class=\"wp-caption-text\">M\u00f6dlareuth (little Berlin): auf der Ostseite<\/p><\/div>\n<p><strong>Tag 1 (18.07.18): Von Raitschin zur Juchh\u00f6h<\/strong><\/p>\n<p>Km: 19 &#8211; 55<\/p>\n<p>Nachts schlecht geschlafen, um drei Uhr aufgewacht und bis um 5 Uhr Schmerzen im linken Fu\u00df gehabt. Da stellen sich mir Fragen, ob ich es schaffe und was ich mir hier antue.<\/p>\n<p>Gutes Fr\u00fchst\u00fcck im Gasthaus Raitschin: Ei, frisches Obst, Cappuccino etc.<\/p>\n<p>Gegen halb neun voll bepackt losgekommen, Fahrt nach Schwesendorf (Heimat von U., die wir am Vorabend kennengelernt haben).<\/p>\n<p>Nach kurzer Fahrt gelangen wir zum Dreil\u00e4ndereck mit tschechischen Tafeln und Hoheitswappen, deutschem F\u00e4hnlein, das jemand in der Mitte kreisrund ausgeschnitten und\u00a0 an einen Baum geklemmt hat. Grenzsteine von 1844, mit einem nachgemalten D darauf. Geschichtsf\u00e4lschung. Die tschechische Seite ist sehr gut mit Informationstafeln und \u00c4hnlichem ausgestattet.<\/p>\n<p>Wir entscheiden uns f\u00fcr die harte Tour: auf einem kleinen Steg \u00fcber den Grenzbach und die Fahrr\u00e4der \u00fcber zwei Haine hinweg- bzw. durchgeschoben. Dort sto\u00dfen wir auf die DDR-KFZ-Sperre mit Betonteilen.<\/p>\n<p>Dann unsere erste Fahrt auf dem ehemaligen Kolonnenweg, alles sehr holprig, es macht sich bezahlt, dass wir Trekkingr\u00e4der mit breiten Reifen haben. Dazu habe ich auch noch eine gute Federgabel vorn und unter ein Federparallelogramm unter dem Sattel.<\/p>\n<p>Nach ca. einer Stunde Ende Gel\u00e4nde: das Gras ist so hoch, dass es sich in der Kettenschaltung meines Fahrrads festsetzt und an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken ist. Mit vereinten Kr\u00e4ften befreien wir die Zahnritzel von den Gr\u00e4sern. Dann \u00fcber das gerade abgeerntete Feld kilometerweit holpernd weiter Richtung Posseck, einem ehemaligen Grenzort.<\/p>\n<p>An einer Gasstation treffen wir auf zwei Monteure, die sich in der Mittagspause ein bisschen sonnen. Sie berichten von ihren Erfahrungen aus dem November 1989, sie fuhren mit dem Trabbi nach Hof, dort war alles verstopft. Sie haben sich die Nasen platt gedr\u00fcckt an den Schaufenstern. Heute gebe es keine gro\u00dfen Unterschiede zwischen Bayern und Sachsen, Fachkr\u00e4fte werden \u00fcberall gesucht, im Vogtland gebe es auch nur 6 Prozent Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<p>Nach vorherigen Erfahrungen mit dem Kolonnenweg folgen wir ab Posseck meist den Landstra\u00dfen der Grenztour 3. Es geht durch kleine Orte, treffen auf freundliche Leute, die Antwort geben, wenn man nach dem Weg fragt.<\/p>\n<p>Aber so langsam wird es anstrengend. Sch\u00f6ne Pause auf einer Bank am Waldrand mit Blick auf eine sch\u00f6ne Kirche (St. Clara, Heinersgr\u00fcn). Danach wird es richtig sch\u00f6n proppenhei\u00df, aber der Akku bringt den E-Motor in Schwung und wir kommen gut die H\u00fcgel hoch.<\/p>\n<p>\u00dcber M\u00fcnchenreuth nach M\u00f6dlareuth, dem ehemals zweigeteilten Ort, der Vorbild f\u00fcr die ZDF-Serie \u201eTannbach\u201c war: Gespr\u00e4ch mit einem ehemaligen Grenzsoldaten, der 1964 ein paar Monate Dienst bei den DDR-Grenztruppen abgeleistet hat. Alles relativ easy. Es gab sogar Kontakte zwischen West und Ost. Eine West-Frau, die Bierflaschen tr\u00e4gt, \u00a0wurde von DDR-Grenzern angesprochen, sie solle doch mal paar Bier r\u00fcber bringen. Die Flaschen seien doch leer. \u201eDann bring uns nachher auf dem R\u00fcckweg doch ein paar volle mit.\u201c Gesagt, getan. Kein Problem.<\/p>\n<p>Wir erhalten einen ersten Hinweis auf den Wirt des Gasthauses Juchh\u00f6h, unserem Tagesziel, der zur damaligen Zeit ebenfalls bei den Grenztruppen war.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ergibt sich eine Diskussion mit einer Frau auf dem Museumsgel\u00e4nde. Die Entwicklung und die Ereignisse nach der Wende besch\u00e4men sie. Zuerst fand sie Arbeit in Backnang, weil die eigene Lederfabrik in Hirschberg stillgelegt worden war. Nach zwei Jahren im Westen war allerdings in Backnang auch Schluss. Viele Leute wussten, wie es im Westen aussah, aber sie h\u00e4tten sich blenden lassen. Damals h\u00e4tten sie geschimpft und heute wieder. \u201eAnderseits: die Politiker h\u00f6ren ja nicht auf uns!\u201c Sie hat gro\u00dfe Zweifel, wenn sie betrachtet, wie der NSU-Prozess verl\u00e4uft.<\/p>\n<p>In der Gastst\u00e4tte <em>Grenzg\u00e4nger<\/em> auf der th\u00fcringischen Seite genie\u00dfen wir sch\u00f6nen Kuchen und Radler. Dors ist froh, dass er seinen, sorry!, den Akku seines Fahrrades aufladen kann.<\/p>\n<p>Beim Besuch des Museums auf der bayrischen Seite sehen wir eine Filmdoku und viele alte Fahrzeuge, die beiderseits der Grenze zum Einsatz kamen. Eine Freianlage mit Mauer und Grenzt\u00fcrmen sowie dem Sperrzaun haben wir vorher auf der DDR-Seite besichtigt.<\/p>\n<p>Gegen Ende des Nachmittags geht es weiter zum Gasthaus Juchh\u00f6h: Dort finden wir freundlichen Empfang durch Wirtspaar. Beim Unterstellen der Fahrr\u00e4der gibt es einen ersten Austausch: er habe kein Mitleid mit den Leuten, die an der Grenze umgekommen sind. Alle zweihundert Meter h\u00e4tten ja entsprechende Warnschilder gestanden!<\/p>\n<p>Wir erhalten zwei einfache Zimmer und zum Abendbrot je zwei Stramme Maxe, obwohl eigentlich die K\u00fcche geschlossen ist.<\/p>\n<p>Unser Gasthaus war faktisch das Freizeitzentrum f\u00fcr die NVA-Reservisten, die in der Nachbarschaft in einer \u00f6den Kaserne untergebracht waren. Der Wirt war auch eine Zeit lang im Einsatz dort und konnte offenbar den nachfolgenden Jahrg\u00e4ngen in seiner Kneipe in den dienstfreien Stunden attraktive Zerstreuung bieten. Die holprig gereimten Gru\u00dfdevotionalien ganzer Kompanien an den W\u00e4nden bezeugen dies.<\/p>\n<p>Im Zimmer erst mal W\u00e4sche gewaschen. Einfach, aber sauber. Schwertransporter und gro\u00dfe Laster schwirren im Affentempo am Haus und meinem Fenster vorbei. Starke Ger\u00e4uschbel\u00e4stigung. Schlimmer als auf einem Autobahnparkplatz.<\/p>\n<p><strong>Tag 2 (19.07.18):\u00a0 Von Juchh\u00f6h bis Nordhalben<\/strong><\/p>\n<p>Km: 55 &#8211; 92<\/p>\n<p>Die Nacht im Gasthaus Juchh\u00f6h habe ich besser geschlafen als die erste Nacht in Raitschin, trotz Schwerlasttransportern, die auf der Stra\u00dfe vorbeigebrettert sind.<\/p>\n<p>Sehr gutes Fr\u00fchst\u00fcck von Opa H. und Oma. Fotoalbum eines ehemaligen Offiziers der DDR-Grenztruppen mit Fotos der Bauarbeiten des Autobahn\u00fcbergangs 1985-1987. Hochtief hat mitgebaut. Die Grenzsoldaten waren gute Kunden und G\u00e4ste in der Gastst\u00e4tte. Sch\u00f6n modernisierter Anbau mit Biergarten.<\/p>\n<p>Start um 8.30 Uhr nach Hirschberg. Serpentinen mit vielen Kanalsch\u00e4chten. Genau wie zwischen Kassel und Landwerhagen. Erinnerung an meine BW-Zeit in Kassel. Habe damals keine Sicherheitsstufe bei der BW wegen der DDR-Verwandtschaft bekommen.<\/p>\n<p>Hirschberg: ehemalige Lederwarenstadt. Fast das ganze Fabrikareal wurde nach 1990 platt gemacht. Nazikunst aus 1937 in Form von drei \u00fcberlebensgro\u00dfen Arbeiterstatuen sind vor dem Museum ausgestellt.<\/p>\n<p>Fahrt entlang der Saale an Schieferabbau vorbei. Landschaftlich sehr sch\u00f6n. \u00dcberquerung der Autobahn bei Rudolfstein, Weiterfahrt nach Pottiga. Gespr\u00e4ch mit einer \u00e4lteren Frau: ehemalige Grenzer von Ost und West treffen sich alle 4 Wochen. Herr Oe. aus der BRD organisiere das.<\/p>\n<p>Skywalk-Aussichtsplattform: Gespr\u00e4ch mit W. aus Naila. Sportlicher 80-J\u00e4hriger mit E-Mountainbike, fr\u00fcher in der Laufszene aktiv. Berlin Marathon. Erz\u00e4hlt von den 7 Z\u00fcgen mit Fl\u00fcchtlingen aus der Prager Botschaft (260 Menschen in einem Zug, 6 in jeder Toilette).<\/p>\n<p>Danach ein etwas k\u00fcrzeres Gespr\u00e4ch mit ehemaligem DDR-B\u00fcrger, der im November 1989 an den Demos teilgenommen hat. Mit Fahne, eher unpolitisch, aber Mielke und die anderen f\u00fchrenden DDR-Politiker h\u00e4tte man an die Wand stellen sollen. Ein Freund floh in den Westen, ein halbes Jahr Haft in Chemnitz, danach Bautzen. Sp\u00e4ter freigekauft vom Westen. Lange Zeit vorher war er mal in einer Kneipe, als ein 15-J\u00e4hriger sagt, dass sie sich demn\u00e4chst in M\u00fcnchen bei der Olympiade 1972 treffen w\u00fcrden. Danach musste er zur Stasi nach Plauen, wo man u.a. versuchte, ihn anzuwerben. Sp\u00e4ter wurde dann das Verfahren eingestellt.<\/p>\n<p>Fahrt in Pottiga den steilen Berg hoch und dann hinunter nach Blankenstein. Unterwegs am alten DDR-Kino mit gro\u00dfer Deutschland-Fahne vorbei. Die Zeit ist stehen geblieben.<\/p>\n<p>Blankenstein: Beginn des Rennsteigs. Dann den Berg hoch nach Schlegel, an der Wegespinne aber nach Seibitz ins n\u00e4chste Tal, mit dem Ergebnis, dass wir Richtung Kr\u00f6tenm\u00fchle den Berg hochschieben m\u00fcssen, durch Wiese und Wald bis an den Kolonnenweg und durch Matsch auf die Westseite zur Kr\u00f6tenm\u00fchle. Dort ein Schild mit klarem Hinweis: \u201eDurchgang auf eigene Gefahr.\u201c \u00dcberall auch Hinweise auf Minen. Ein Mann kommt uns entgegen und weist uns darauf hin, dass wir uns auf Privatgel\u00e4nde befinden. Man kennt sich in der Gegend aber nicht so recht aus. Er kommt aus Stuttgart,\u00a0 wohnt hier seit sechs Jahren. Ich sage nur: \u201eDu bist also auch ein Fl\u00fcchtling.\u201c \u2013 Er nickt.<\/p>\n<p>Dann zur\u00fcck, eine Stunde weiter auf dem Kolonnenweg Richtung Titschendorf, aber zur Sicherheit biegen wir nach einiger Zeit wieder ab auf die bayrische Landstra\u00dfe. Tschin-Tschong-Tschang. Wieder Berg hoch nach Karlsgr\u00fcn, freundliche Frau, die uns die Richtung\u00a0 nach Langenbach zeigt. Eigentlich wollen wir noch bis Tettau kommen.<\/p>\n<p>Langenbach: Die Sonne hat f\u00fcrchterlich gebretzelt. 26 Grad im Schatten. Ich war fertig gegen drei Uhr und musste mich im Schatten erstmal ausruhen. Telefonisch bei Dietrich S.\u00a0 in Tettau abgesagt.<\/p>\n<p>Weiter! Kneipe oben links im Dorf: dort eine radebrechende Brasilianerin, die uns wegen Kuchen zur B\u00e4ckerei schickt. Die erweist sich allerdings als geschlossen. \u201eObrigado\u201c und ein L\u00e4cheln sind auf ihrem Gesicht zu sehen.<\/p>\n<p>In Heinersberg keine Kneipe, aber ein Ausl\u00e4nder vom Balkan, der sein Auto mit M\u00fcnchener Kennzeichen bel\u00e4dt, gibt uns sehr nett Auskunft. Die Population hat sich halt in den letzten 50 Jahren im Westen ver\u00e4ndert. Auf th\u00fcringischer und s\u00e4chsischer Seite gibt es keine Ausl\u00e4nder, h\u00f6chstens aus M\u00fcnchen\u2026 Leute, die sich Haus und Grundst\u00fcck gekauft haben.<\/p>\n<p>In Nordhalben am Bahnhof im Tal steht ein Triebwagen wie fr\u00fcher zwischen Kassel und Hannoversch M\u00fcnden. Erinnerung an die Schulzeit in den 60er Jahren. 10 Minuten, zweieinhalb mal Skat gespielt. Keine Smartphones und gar nichts.<\/p>\n<p>Dors: \u201eHast du keinen Sprit mehr?\u201c Ich: \u201e15 % Steigung schaffe ich nicht.\u201c Dann aber auf <em>Turbo<\/em> gestellt und den Berg hoch. Oben kaputt bei der B\u00e4ckerin angekommen. Stolz erz\u00e4hlt sie uns von den Aufnahmen zum Film \u201eDer Ballon\u201c mit Regisseur Bully Herbig, der mit vielen Leuten vom Set in ihrem Kaffee verkehrte. Der Film erz\u00e4hlt die Geschichte \u00fcber die Flucht zweier Familien aus der DDR, die mit einem Hei\u00dfluftballon hin\u00fcber in den Westen geflohen sind. In den n\u00e4chsten Tagen soll er in die Kinos kommen.<\/p>\n<p>Wir finden Unterkunft in der <em>Post<\/em> in Nordhalben. Ich bin richtig kaputt und schlafe erst einmal ein. Dors weckt mich. Ein kaltes Bier und dann gegen Abend, als es etwas frischer wird, \u00fcber Stock und Stein durch den Wald hinauf nach Titschendorf. Dort begegnen wir einem Mann, der gerade grillen will. Er gibt nette, zun\u00e4chst recht knappe Antworten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter f\u00e4ngt er an zu erz\u00e4hlen: er war selbst DDR-Grenzer, 1967 bei den Grenztruppen in Titschendorf, das wie in einem fast zugebundenen Sack liegt, nach drei Seiten ringsum die BRD. Er berichtet von seiner Zeit bei der Armee. Ich bin auch 1967 beim Milit\u00e4r gewesen, allerdings bei der Bundeswehr. Er erz\u00e4hlt von der harten Grundausbildung, einem DDR-Grenztruppenoffizier, der mit dem System nicht mehr klar kam und geflohen ist. Bei dem Versuch, seine Familie nachzuholen, wurde er von den Grenztruppen festgenommen und verurteilt, 1960 dann in Leipzig gek\u00f6pft. Wie mag es der Familie wohl gegangen sein? Eine Warnung f\u00fcr andere. Mein Gegen\u00fcber hat nach der Wende in Nordhalben in der Metzgerei gegen\u00fcber des Gasthauses <em>Post<\/em> 20 Jahre lang gearbeitet.<\/p>\n<p>Danach in der <em>Post<\/em>: Es ist Schaschlik-Tag. Es schmeckt uns gut. Ein fr\u00e4nkischer Rotwein und eine Flasche Wasser dazu. Ausgleich des Fl\u00fcssigkeitsverlusts. \u2013 Gespr\u00e4ch \u00fcber N\u00fcrnberg, Clubberer und Arminia, mit einem Mann vom Nachbartisch jedoch auch \u00fcber DDR-Geschichte. Geschichtsunterricht etc. (Th\u00e4lmann: ja, Judenverfolgung: nein). Der 63-J\u00e4hrige arbeitet bei der Bank und ist ein passionierter Fahrradfahrer. W\u00fcrde gerne auch mal so eine Tour machen. Zum Thema Fl\u00fcchtlinge: in seiner evangelischen Gemeinde schon viermal Kirchenasyl gew\u00e4hrt. \u201eMenschlichkeit ist notwendig in den heutigen Zeiten. Die aktuelle V\u00f6lkerwanderung werden wir eh nicht stoppen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Ein anderer Mann, urspr\u00fcnglich aus Cottbus (dem \u201eMittelpunkt des fr\u00fcheren deutschen Reiches\u201c) hat 7 Jahre in der N\u00e4he von B\u00f6blingen bei Stuttgart gearbeitet, ist aber auf Dauer mit der Mentalit\u00e4t der Schwaben nicht zurechtgekommen und dort immer ein Fremder geblieben. Deshalb ist er mit Frau und siebenj\u00e4hrigem Kind nach Nordhalben gezogen und hat ein Haus direkt neben der Gastst\u00e4tte gekauft. \u201ePreiswert im Verh\u00e4ltnis zu Stuttgart!\u201c Er gehe gerne auf Menschen zu, spricht auch von seinem Besuch beim Fanklub der M\u00fcnchener L\u00f6wen. Dann folgt eine kontroverse und emotionale Diskussion zwischen den beiden M\u00e4nnern \u00fcber die heutige Fl\u00fcchtlingspolitik. Die SPD wolle den Kapit\u00e4n eines Rettungsschiffes ehren. \u2013 Totales Unverst\u00e4ndnis und Ablehnung.<\/p>\n<p><strong>Tag 3 (20.07.18):\u00a0 Von Nordhalben nach Tettau<\/strong><\/p>\n<p>Km: 92 &#8211; 156<\/p>\n<p>Im Gasthaus<em> Zur Post<\/em> gut geschlafen. Es war eine Wohltat. Obwohl es den Charme der 80er Jahre hatte, war es sehr ruhig. Am Morgen beobachte ich, wie sich eine \u00e4ltere Frau aus Nordhalben mit einer Fl\u00fcchtlingsmutter, die mit einem Kind mit ihr zusammen steht, unterh\u00e4lt und versucht, ihr zu erkl\u00e4ren, was ein Info-Zettel bedeutet.<br \/>\nSobald wir in den \u2018Westen\u2019 kommen, merken wir, dass in diesem l\u00e4ndlichen Raum die soziale Zusammensetzung offenbar anders ist als auf der Ost-Seite: es gibt Gastarbeiter und Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Wir fahren entlang der Erlebnisstra\u00dfe der deutschen Einheit, genie\u00dfen die kleinen Landstra\u00dfen mit m\u00e4\u00dfigen Steigungen, kommen an einer Kuhherde mit einem Bullen, der schwer an der Last seiner Hoden zu tragen hat, vorbei. So etwas sieht man bei uns nicht.<\/p>\n<p>Kurz vor Lehesten gelangen wir zu einem auff\u00e4lligen Denkmal: Der Altvater-Turm ist eine Wallfahrtsst\u00e4tte der Vertriebenenverb\u00e4nde. Erika Steinbach ist auf den ausgeh\u00e4ngten Fototafeln zu sehen. Auf mehreren Etagen wird an die Vertreibung der deutschen Bev\u00f6lkerung aus dem Sudetenland, dem Erzgebirge, aus Schlesien und der Altvaterregion im heutigen Tschechien erinnert. Nat\u00fcrlich auch an die Gr\u00e4ueltaten, die an der deutschen Bev\u00f6lkerung in den Jahren 1945-1947 begangen worden sind. Benesch-Dekrete. Allerdings kein einziges Wort \u00fcber die Vorgeschichte und die Ursachen der Vertreibung, die Gr\u00e4ueltaten w\u00e4hrend der deutschen Besatzungszeit, vom Holocaust ganz zu schweigen. Ich denke an die rechtzeitige Flucht von Wilma Iggers und ihrer Familie aus Bischofteinitz \/ Horsovsky Tyn, an ihre Verwandten, die nicht emigrieren konnten und folglich umgekommen sind.<\/p>\n<p>Gespr\u00e4ch mit einem ehemaligen Maurer \u00fcber das Leben im Osten und Westen, fr\u00fcher und heute. Fr\u00fcher habe es mehr sozialen Zusammenhalt gegeben.<\/p>\n<p>Durch einen Tannenwald geht es bergab. Der kleine Pfad ist mit Steinen und Wurzeln \u00fcbers\u00e4t. So lege ich mich zum ersten Mal mit dem Fahrrad hin. Ich st\u00fcrze vom Rad, rolle gekonnt wie ein Stuntman ein paar Meter den Waldboden herunter \u2013 nichts passiert! Sp\u00e4ter macht Dors ein Video auf der Weiterfahrt.<\/p>\n<p>In Lehesten kommen wir an dem Schiefersteinbruch vorbei. Dors ist wieder in seinem Element. Leider ist eine F\u00fchrung erst um 14.00 Uhr m\u00f6glich. Ich kaufe mir eine kleine Schiefertafel mit Schwamm und Lappen. Erinnerungen werden wach an die Einschulung 1956 in R\u00f6hrig.<\/p>\n<p>In Steinbach an der Haide kommen wir an einem wundersch\u00f6nen gro\u00dfen Blumengarten vorbei, den sich die Dorfbewohner teilen. Kie\u00dfling hat ihn, glaube ich, beschrieben. Ich spreche mit einer \u00e4lteren Dame. Die Nachbarin, eine Frau, die er in seinem Buch abbildet, gibt bei unserem Anblick Fersengeld.<\/p>\n<p>Wir fahren runter bis zu einem Geb\u00e4udekomplex, durch die K\u00fcche ging damals genau die Grenze.\u00a0 Ein rotes Auto steht auf der Veranda. Ein Gedenkstein erinnert an die \u00d6ffnung der Mauer.<\/p>\n<p>Parallel zu Stra\u00dfe und Bahn auf Radwegen fahrend, \u00a0kommen wir nach Probstzella. Das Grenzmuseum im Bahnhof ist geschlossen, nur noch mittwochs sowie samstags und sonntags ge\u00f6ffnet. Ein Symbol f\u00fcr das nachlassende Interesse an der deutsch-deutschen Geschichte?<\/p>\n<p>Dors erf\u00e4hrt von einem coolen Jugendlichen, dass das Haus des Volkes in Probstzella ein Hotel ist, aber dass er da wohl nicht reinkommen w\u00fcrde. Ein beeindruckendes Geb\u00e4ude im Bauhausstil. Wir trinken Kaffee und essen verschiedene Sorten Kuchen. Noch geht es uns gut\u00a0\u2026<\/p>\n<p>Nun treten wir gegen halb vier den Rest unserer Route nach Tettau zu Dietrich Sch\u00fctze und seiner Frau Angelika an. Wir verpassen den Weg zur Burg Lauenstein und fahren von Lauenstein eine 13-prozentige Steigung 5 Kilometer weit rauf. Ich im Turbo. Dors schiebt mindestens den halben Weg. Er kommt in einem erb\u00e4rmlichen Zustand auf der Bank mit der sch\u00f6nen Aussicht an. Mein Akku ist fast leer. Wir fahren bzw. schieben weiter. Im Wald bin ich total platt\u2026 Ich sag nur 5\u2026.<\/p>\n<p>An der n\u00e4chsten Weggabelung fahren wir in Richtung Th\u00fcringer Warte in der Hoffnung, die Gastst\u00e4tte <em>Zum L\u00f6wen<\/em> zu finden. Aufladen! Es ist aber die verkehrte Richtung. Also zur\u00fcck! Mit letzter Kraft, zum Gl\u00fcck geht es bergab, kommen wir auf einem modernen Geh\u00f6ft bei Ebersdorf an, wo uns eine junge B\u00e4uerin Strom-Asyl gew\u00e4hrt. Eine Stunde Zwischenstopp und viele Informationen \u00fcber Viehwirtschaft. Die 14 Tage alten K\u00e4lbchen saugen an den Fingern. Das juckt f\u00fcrchterlich! Ersatzmuttertier.<\/p>\n<p>Es geht noch einmal f\u00fcr einige Kilometer 11 Prozent Steigung hoch, bis wir auf der H\u00f6he sind. Ein Kreuz mit Stacheldraht. Daneben am Rennweg Hinweisschilder auf ein Geh\u00f6ft, das sowohl zur DDR als auch zur BRD geh\u00f6rte. Bewohner hatten wohl beide Ausweise. Irgendwann wurde es geschleift.<\/p>\n<p>\u00dcber Klein-Tettau geht es nach Tettau, noch einmal 16 Prozent Steigung, allerdings nur 1,5 Kilometer, und wir sind endlich auf dem Wildberg 18 angelangt! Begr\u00fc\u00dfung durch Dietrich. Hier war ich mit Otto Buchholz, meinem leider viel zu fr\u00fch verstorbenen Freund und Kollegen, im Jahre 1992 schon einmal, als wir von Eisenach den Rennsteig entlang gewandert sind.<\/p>\n<p>Erinnerungen an gemeinsame Zeiten mit Otto. Die Gr\u00fcnde, weshalb Dietrich und Angelika sowie eine Reihe anderer alternativer, linker Aussteiger aus dem Rhein-Main-Gebiet 1976 hier in die Ein\u00f6de, in die Wildnis gegangen sind, \u2026 \u2013 sehr spannend und beeindruckend. Nat\u00fcrlich fragen wir ihn auch noch den Ereignissen im November und Dezember 1989. N\u00e4here Einzelheiten erfahren wir auch aus dem Brief an seine Geschwister, geschrieben im Dezember 1989, in dem er die gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen detailliert und in beeindruckender Weise aus pers\u00f6nlicher Sicht beschreibt (<a href=\"http:\/\/www.wildberg-tettau.de\/viewpage.php?page_id=14\">http:\/\/www.wildberg-tettau.de\/viewpage.php?page_id=14<\/a>). Ein wirkliches Dokument der Wendezeit.<\/p>\n<p>Am Abend haben wir dann im <em>Anno Domino<\/em> eine herrliche Pizza gegessen und ein sehr interessantes und differenziertes Gespr\u00e4ch mit Janine, der Bedienung, gef\u00fchrt. Sie ist in Lehesten geboren und im Alter von 7 Jahren mit ihrer Mutter hier nach Tettau gekommen. Bei den jungen Leuten gebe es keine Unterschiede. Kinder aus Tettau gehen in das th\u00fcringische Neustadt und nach Sonneberg in die weiterf\u00fchrenden Schulen und nicht nach Kronach.<\/p>\n<p>Die Pizza war wohl doch zu fettig: mitten in der Nacht Sodbrennen.<\/p>\n<p>Die Knochen tun weh, die Muskeln sind angespannt. Das war der h\u00e4rteste Tag bisher. Wir fahren zuk\u00fcnftig immer mit der Angst, dass der Akku nicht lang genug h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Tag 4 (21.07.18):\u00a0 Von Tettau nach Sonneberg\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Km:\u00a0 156 -192<\/p>\n<p>Es muss schnell gehen. Ich h\u00e4nge mit meinen Tagebuchaufzeichnungen hinterher \u2013 wie so oft im Leben. Zu viele Sachen gleichzeitig erledigen. Vollgestopft mit Erlebnissen und Eindr\u00fccken, k\u00f6rperlich abends so richtig sch\u00f6n ausgelaugt, dass es nur f\u00fcr ein Bier und ein kr\u00e4ftiges Essen reicht. Total ermattet falle ich ins Bett, das sich gerade mir anbietet.<\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck mit Dietrich Sch\u00fctze, der aus seinem bewegtem\u00a0 Leben erz\u00e4hlt, von den Anf\u00e4ngen der Kommune Wildberg in Tettau, der Zeit in Frankfurt im Revolution\u00e4ren Kampf, von dem Leben in der Kommune, wechselnden, aber auch stabilen Beziehungen, die das ganze Leben bestehen und gegenseitigen Halt geben. Vor ein paar Monaten sind auch Beitr\u00e4ge \u00fcber die Anfangszeit und Geschichte der Wildberg-Kommune erschienen, die der FOCUS nachgedruckt hat, so z. B.<\/p>\n<p><em>Auch Revoluzzer werden \u00e4lter: So erging es den Bewohnern, als sie aus der Kommune auszogen<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.focus.de\/regional\/bayern\/kronach-auch-revoluzzer-werden-aelter-so-erging-es-den-bewohnern-als-sie-aus-der-kommune-auszogen_id_8792409.html\">https:\/\/www.focus.de\/regional\/bayern\/kronach-auch-revoluzzer-werden-aelter-so-erging-es-den-bewohnern-als-sie-aus-der-kommune-auszogen_id_8792409.html<\/a><\/p>\n<p>und<\/p>\n<p><em>Sex\u2019n\u2019Drugs\u2019n Rock and Roll in der Provinz? Als die Studenten auf dem Land Kommunen gr\u00fcndeten<\/em> (20.04.2018) &#8211;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.focus.de\/regional\/bayern\/kronach-sexndrugsn-rock-and-roll-in-der-provinz-als-die-studenten-auf-dem-land-kommunen-gruendeten_id_8796564.html\">https:\/\/www.focus.de\/regional\/bayern\/kronach-sexndrugsn-rock-and-roll-in-der-provinz-als-die-studenten-auf-dem-land-kommunen-gruendeten_id_8796564.html.<\/a><\/p>\n<p>So werden die 70er und 80er Jahre im Frankenwald noch einmal lebendig.<\/p>\n<p>Wir treffen am Morgen auch Angelika, seine Frau, die uns ihre mehr als drei\u00dfig gewebten Wandteppiche und ihren Webstuhl zeigt. Sie gibt mir einen Einblick in ihre Denk- und Arbeitsweise. Es entwickelt sich ein sehr pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch \u00fcber unser beider Leben, die Erfahrungen der Kindheit und der Jugend. Sie \u00fcberreicht mir ein Geschenk: ihren Gedichtsband ..<em>.ob es mir denn entgangen, dass ich geweint hab&#8230;(amicus verlag, 2010) <\/em>mit einer sehr pers\u00f6nlichen Widmung und guten W\u00fcnsche f\u00fcr die weitere Reise. Ich bin ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dietrich f\u00fchrt uns im anderen Teil des riesigen Hauses durch die verschiedenen R\u00e4ume, in denen sich viele seiner selbst gemauerten Kachel\u00f6fen befinden. Der untere Teil ist als Caf\u00e9 vermietet und l\u00e4uft anscheinend gut. Eine urige Atmosph\u00e4re. Erinnerungen an gemeinsame politische Theaterauff\u00fchrungen mit Otto Buchholz, der uns immer und immer wieder in unseren Gespr\u00e4chen begleitet.<\/p>\n<p>Dietrich hat zahlreiche zeitgen\u00f6ssische Dokumente gesammelt. Fotos aus den 70er Jahren. Zeitungsberichte von der \u00d6ffnung der Grenze. Wir sprechen \u00fcber die Zeit vor 1989 (Probleme mit den US-Truppen, die durch den Hof fahren wollten, um die Grenze zu kontrollieren). Die Bewohner der Kommune haben kurzerhand mal Barrikaden aufgestellt. Auseinandersetzung mit den \u00c4mtern und dem B\u00fcrgermeister. \u201eKein Wunder, dass wir manchmal einen auf die Fresse bekommen haben, so wie wir uns manchmal verhalten haben.\u201c<\/p>\n<p>Zum Abschied Fotos mit Dietrich und Angelika.<\/p>\n<p>Der restliche Tag ist relativ schnell erz\u00e4hlt: Fahrt talabw\u00e4rts zuerst durch den Wald, dann durch ein sch\u00f6nes Tal nach Pressig. Unterwegs eine alte NVA-Kaserne, die nun als Paint-Ball-Eldorado mit allerlei DDR-Militaria ausger\u00fcstet ist. NVA-Fahne, die kopf\u00fcber aufgeh\u00e4ngt ist. Ostalgie der Jugend?<\/p>\n<p>Es regnet und regnet. Wir qu\u00e4len uns den Berg nach Sonneberg hoch. Dors&#8216; Brille beschl\u00e4gt und es wird so langsam auf der Stra\u00dfe gef\u00e4hrlich. Ich empfinde den Regen zun\u00e4chst als Befreiung nach all den Tagen der Hitze. Wir kommen nach Sonneberg, eigentlich gie\u00dft es so, dass es Regeberg hei\u00dfen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>In einer B\u00e4ckereifiliale unterhalten wir uns sehr nett mit der Verk\u00e4uferin, die uns erstmal Kaffee, Bratw\u00fcrste und Kuchen zur Verf\u00fcgung stellt. \u201eWer Arbeit will, bekommt welche.\u201c Die Tochter hat BWL mit Schwerpunkt Personal studiert, in Bayern gearbeitet und freut sich jetzt nach der Babypause, dass sie im th\u00fcringischen Sonneberg in einem neuen Betrieb anfangen kann. Eine Frage der Mentalit\u00e4t !?<\/p>\n<p>Wir entscheiden uns heute nach Km 192 insgesamt und nur knapp zwei Stunden Fahrzeit, schnell eine trockene Unterkunft zu besorgen, und beziehen kleine Einzelzimmer im Hotel zur <em>Sch\u00f6nen Aussicht<\/em>. Was sch\u00f6n sein soll beim Blick auf die befahrene Stra\u00dfe, ist mir schleierhaft. Beide verfallen wir in einen Art Komaschlaf und setzen uns am Nachmittag zusammen und versuchen \u2013 vergeblich \u2013 die von mir schon mal angefangenen Blogs bei VAKANTIO und JIMDO zum Laufen zu bringen.<\/p>\n<p>Abends dann ein Rostbr\u00e4tl in einer urigen Th\u00fcringer Kneipe. Denise, die sehr junge Bedienung, spricht uns mit Du an, Dors ist ein wenig pikiert, es erinnert ihn an seine Kindheit im Ruhrpott. Wir sprechen \u00fcber mein \u2018Du\u2019, wenn ich hier w\u00e4hrend der Reise mit fremden Leuten, M\u00e4nnern, spreche.<\/p>\n<p>Es folgen sehr pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che \u00fcber die Siebziger Jahre, Beziehungen in der DDR und in Moskau\u2026.<\/p>\n<p><strong>Erg\u00e4nzung:<\/strong> Hans Wenzel, Wissenschaftler aus Berlin, den ich in Moldawien kennengelernt habe, hat mir freundlicherweise noch ein E-Mail mit eigenen Erinnerungen geschickt. Er ist in Sonnenberg geboren und beschreibt auch das Schicksal seines Vater, Leiters der Sternwarte, nach der Wende. Ich zitiere mit seinem Einverst\u00e4ndnis aus seiner E-Mail vom 16.08.18 an mich:<\/p>\n<p>&#8222;<em>Ich bin in Sonneberg aufgewachsen (geboren 1960), wo noch immer mein Vater lebt. Ich kenne daher das dortige Grenzgebiet sehr gut, sowohl aus DDR-Zeiten (nat\u00fcrlich nur die Th\u00fcringer Seite) als auch danach&#8230;..Die Kl\u00f6serei in Ketschenbach ist mir sehr gut bekannt! Es gibt auch in Sonneberg eine Ausgabestelle der Kl\u00f6\u00dfe&#8230;.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich k\u00f6nnte viele Grenzerlebnisse berichten. Unvergessen sind f\u00fcr mich die Zugfahrten von Sonneberg nach Saalfeld \u00fcber Probstzella mit der Dampflok entlang des Todesstreifens, begleitet von Hunden, welche an gespannten Stahlseilen entlang der Grenze liefen, und\u00a0 die gef\u00fcrchteten Ausweis-Kontrollen durch die &#8222;Trapo&#8220; (Transportpolizei,\u00a0 blaue Uniformen).<\/em><br \/>\n<em>Die Hunde wurden \u00fcbrigens nach der Wende an Privatpersonen in Ost und West vermittelt, wobei sie nicht immer ein besseres Leben als vorher hatten (meistens wahrscheinlich aber schon).<\/em><\/p>\n<p><em>Mein Vater war wissenschaftlicher Leiter der Sternwarte Sonneberg-Neufang.<\/em><br \/>\n<em>Obwohl selbst SED-Mitglied, wurde er von der Stasi \u00fcberwacht und drangsaliert, weil der einige Entwicklungen in der DDR als \u00fcberzeugter Kommunist ablehnte.<\/em><\/p>\n<p><em>Leider musste die Sternwarte nach der Wende auf Empfehlung des Wissenschaftsrates die wissenschaftliche Arbeit fast vollst\u00e4ndig einstellen, sodass mein Vater sich arbeitslos melden musste (sp\u00e4ter arbeitete er noch an einem DFG-Projekt mit, was ein Kollege aus einem Max-Planck-Institut f\u00fcr ihn beantragte).<\/em><\/p>\n<p><em>Ein typischer Beispiel, dass im Osten nach der Wende viel ohne Sinn und Verstand platt gemacht wurde,<\/em> <em>aber auch von westdeutscher Solidarit\u00e4t.<\/em><br \/>\n<em>Ich habe eine kurze Biographie meines Vater auf Wikipedia geschrieben:<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Wenzel\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Wenzel<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Ein nicht ganz typisches ostdeutsches Wissenschaftlerleben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Vielen Dank an Hans Wenzel f\u00fcr diese Information und pers\u00f6nlichen Anmerkungen, die auch ein differenziertes Licht auf die Zeit nach 1989 werfen.<\/p>\n<p><strong>Tag 5 (22.07.18): Von Sonneberg nach Eisfeld\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Km: 184 &#8211; 222<\/p>\n<p>Der Tag f\u00e4ngt mit Regen an, der Himmel weint: Dors will heute wieder Richtung Heimat. Vor der \u2018Sch\u00f6nen Aussicht\u2019 treffen sich die Sonneberger Mittdrei\u00dfiger, eher wohl Mittvierziger, im durchgestylten Fahrrad-Outfit\u2026Wenn die w\u00fcssten.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck hilft mir Dors noch schnell den Computer bzw. ein paar Programme auf Vordermann zu bringen, damit das ganze Ding schneller l\u00e4uft. Das Zimmer ist \u00fcbers\u00e4t mir Klamotten, die in die beiden Packtaschen und in die Vordertasche passen m\u00fcssen, dazu noch Zelt, Isomatte und Kamera-Stativ. Vollgepackt wie ein Esel.<\/p>\n<p>Schnell noch etwas Geld von der Sparkasse geholt. Im Osten wie im Westen Pal\u00e4ste. Die Kommunen haben es ja\u2026 Dann zum Bahnhof und Dors verabschiedet. Der Himmel weint, leise tropft es auf den Sattel. Eine syrische (?), junge Familie auf dem Bahnhof, also doch, es gibt sie auch hier im Osten, also doch noch keine ausl\u00e4nderfreien Zonen. Im Zug noch ein kurzes Interview mit Dors \u00fcber seine bisherigen Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Im Regen durch Sonneberg, alles relativ gepflegt, kurz vor der Grenze Richtung Neustadt bei Coburg noch Gespr\u00e4ch mit zwei Arbeitern (sonntags), die an einer Waschanlage Ausbesserungsarbeiten durchf\u00fchren. Sie kommen aus dem Westen und arbeiten im Osten. Wohl kein Einzelfall, wie sich in den n\u00e4chsten Tagen herausstellen sollte. Der Marktkauf l\u00e4sst in einiger Entfernung gr\u00fc\u00dfen: \u201eSubvention Ost\u201c?<\/p>\n<p>In Neustadt bei Coburg f\u00e4llt mir als erstes der t\u00fcrkische Fu\u00dfballverein auf, die H\u00e4user machen einen nicht so gepflegten Eindruck wie im th\u00fcringischen Sonneberg. Einbildung, Vorurteil? Auf dem Marktplatz ein Gespr\u00e4ch mit einem ca. 55-j\u00e4hrigen Fr\u00fchrentner, der seinen kleinen Hund Gassi f\u00fchrt. \u201eSchauen Sie sich doch mal den Marktplatz hier an! Nichts mehr los hier, alles runtergekommen.\u201c Berichtet von seinen Fahrten in den 70er und 80er Jahren zu den Verwandten in die Sperrzone, Treffen in Sonneberg. Die Stasi h\u00f6rt zu.<\/p>\n<p>Tour de Neustadt, einmal im Kreis gefahren \u2013 das einzig Gute war, dass ich an der Kultgastst\u00e4tte, die ich schon aus der Literatur kenne, Kl\u00f6\u00dferei, vorbeikomme. Die M\u00e4nner stehen in Schlangen vor dem Ausgabefenster und holen in ihren Kocht\u00f6pfen den sonnt\u00e4glichen Braten und die Kl\u00f6\u00dfe. Reiner Zufall. Drinnen ist die H\u00f6lle los und ich bestelle mir eine Riesenportion Sauerbraten. Nat\u00fcrlich mit Kl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p>Mit vollem Magen geht es weiter: die Karte in Essers \u201eRadtouren am Gr\u00fcnen Band\u201c l\u00fcgt nicht. Einmal Neustadt b. Coburg Ortsumgehung. Schlie\u00dflich finde ich mit Hilfe von Einheimischen raus aus dem Gewirr Richtung Eisfeld. Der n\u00e4chste Berg wartet. Wie wird der Akku das heute schaffen?<\/p>\n<p>Am Froschgrundsee ein nettes Ehepaar, fitte Radler im Rentenalter: \u201eNein, E-Bikes brauchen wir noch nicht.\u201c Sie w\u00fcnschen mir eine gute Fahrt. Ein Fahrrad-Haudegen, locker \u00fcber 70, r\u00e4t mir von der Nebenstrecke Richtung Eisfeld ab: \u201ezu viel Berge!\u201c. In Schalkau versuche ich einen Chai in der t\u00fcrkischen Pommesbude zu bekommen. Ayran? Fehlanzeige. Tote Hose, aber nachher kommen doch noch ein paar Jugendliche und holen sich etwas zu essen.<\/p>\n<p>Fahrt nach G\u00f6rsdorf, wo wohl noch ein Rest der Mauer stehen soll. Unterwegs mit einem 30-J\u00e4hrigen \u00fcber E-Bikes gefachsimpelt. Er war mit seinen Eltern schon \u00fcberall in Deutschland, \u00d6sterreich und hat sogar eine Mountainbike-Tour nach Luxemburg gemacht. Die DDR? Nur vom H\u00f6rensagen. Die junge Generation geht anders damit um.<\/p>\n<p>Am Ortseingang von G\u00f6rsdorf noch kurze Diskussion mit Ehepaar meines Alters. Wie war das hier an der Grenze im Sperrgebiet? \u2013 Alles ok, man hat sich halt daran gew\u00f6hnt. Nur bei Verwandtenbesuchen war es schwierig. In Wurfweite war der Westen.<\/p>\n<p>Fotosession an den \u00dcberresten der Mauer. Mein Stativ kommt zum ersten Mal zum Einsatz. In die Mauer haben Leute ein Loch reingeklopft. Symbolik.<\/p>\n<p>\u00dcber Umwegen auf der westdeutschen Seite nach Probstzella [???]. Oben auf dem Berg befindet sich die G\u00fcSt (Grenz\u00fcbergangsstelle) Rottenbach-Eisfeld. Relativ kaputt frage ich in der gro\u00dfen Tankstelle nach, wo man hier \u00fcbernachten kann. Waldhotel Hubertus \u2013 Gro\u00dfes Hotel: Essen bitte bis 19.30 Uhr bestellen. Tische mit Reserviert-Schildern wie fr\u00fcher im Osten.<\/p>\n<p>Nach dem Essen (Th\u00fcringer Rostbratw\u00fcrste mit Sauerkraut) mit vollem Magen ins Bett gefallen. Die Schulter schmerzt. Die F\u00fc\u00dfe freuen sich, in die Badelatschen zu kommen. Im Koma von 9 bis kurz nach 11 gelegen. Ist es wohl alles zu viel? Was wird wohl Dors machen?<\/p>\n<p><strong>Tag 6 (23.07.18): Von Eisfeld nach Ein\u00f6d<\/strong><\/p>\n<p>Km: 222 &#8211; 255<\/p>\n<p>Beim Aufstehen tun die Knochen weh. Fr\u00fchst\u00fcck ok. Ein Paar, \u00fcber 60, sportliches Radler-Outfit, f\u00e4hrt die Werra runter bis nach Hannoversch M\u00fcnden. Ich richte Gr\u00fc\u00dfe aus. Die Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin und einen r\u00fccksichtsvollen, jungen Klassenlehrer (Mathe und Physik) hatte. Er hat mich durchs Abi geschleust. Nach der F\u00fcnf in Englisch (Klasse 10) und der F\u00fcnf in Franz\u00f6sisch (Klasse 12) durfte ich keine weitere haben.<\/p>\n<p>In Ahlstadt steht eine wundersch\u00f6ne Kirche. Ich komme mit H. ins Gespr\u00e4ch. Fr\u00fchrentner, fr\u00fcher Bauer, jetzt tr\u00e4gt er mit seiner Frau morgens ab halb drei Zeitungen aus. Unterst\u00fctzung bekommt er nicht angesichts seines Besitzes an Ackerfl\u00e4chen. Fr\u00fcher war es hier ruhig, total ruhig. Das einzige, was gest\u00f6rt hat, waren die Amerikaner mit ihren Jeeps und Panzern, aber kein Problem. Flursch\u00e4den wurden reguliert.<\/p>\n<p>\u201eNach 1989 musste man hier alles abschlie\u00dfen. Im November sind die DDR-B\u00fcrger mit den Trabis gekommen. Kilometerlange Schlangen.\u201c Heute jedoch keine Ressentiments, nur vereinzelt. Er erz\u00e4hlt von seiner Krankheit, Morphium, R\u00fcckenschmerzen. Keine Perspektiven und das mit Mitte F\u00fcnfzig.<\/p>\n<p>In Grattstadt mache ich eine Vesperpause unter einem sch\u00f6nen Nussbaum. Ab und an kommt ein Auto vorbei. Fast wie in den 60er Jahren.<\/p>\n<p>\u00dcber Heldritt fahre ich nach Bad Rodach. Die italienische Eisdiele am Marktplatz geh\u00f6rt mir: ein Eiskaffee. Am Nachbartisch eine relativ (wohlhabende) ausl\u00e4ndische Familie, vermutlich Fl\u00fcchtlinge (aus Syrien?), f\u00e4hrt nachher mit dem gro\u00dfen, gebrauchten Volvo weg. Das deutsche Ehepaar mittleren Alters am Nachbartisch schaut mit gro\u00dfen Augen hinterher.<\/p>\n<p>Im Netto kaufe ich mir eine Banane, Zahncreme und Zahnb\u00fcrste, die ich bei Dietrich liegen gelassen habe. Alles ist so vertraut (im Westen).<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Burgruine Straufhain treffe ich nicht nur einen Haibaike-Fahrer, der sich noch gut an die Zeiten vor der Wende erinnern kann. Alles war ruhig, man konnte auf der Stra\u00dfe spielen. \u201eHeute muss ich die Kinder zur Vorsicht aufrufen.\u201c<\/p>\n<p>Kurz nach Streutdorf (mit geschlossenem Museum) treffe ich X. Weshalb habe ich den Namen vergessen? Jahrgang 45, erz\u00e4hlt mir eine Schauergeschichte, wie er im November 89 mit einem Kumpel beim illegalen Grenz\u00fcbertritt von den Amerikanern und dem BGS festgehalten wird. Im Laufe des Gespr\u00e4chs (\u201eMerkel hat einen j\u00fcdischen Polen als Vater \u2026\u201c) stellt sich heraus, dass er 1988 bei einem Verwandtenbesuch gemeinsam mit seiner Frau im Westen geblieben ist. Die Kinder waren im Osten.<\/p>\n<p>\u201eVater war bei der SS, er musste ja irgendwo mitmachen.\u201c \u201eUK als LKW-Besitzer, \u2026die Russen haben uns dann alles weggenommen, aber Putin ist in Ordnung.\u201c \u201eDie Krimbesetzung war richtig.\u201c \u201eDie Franzosen und die Tommys waren am Zweiten Weltkrieg schuld.\u201c<br \/>\nEin Alt-\/Jung-Nazi wie aus dem Buche. Anscheinend hat er einen Narren an mir gefressen, weil ich mich halbwegs in der Geschichte auskenne, und begleitet mich einen Teil des Weges zur Burgruine. \u00a0Verabschiedung: \u201eZu guten Freunden sage ich: Sieg Heil und immer dicke, fette Beute\u201c.<br \/>\nAn dieser Stelle wird es mir zu viel: \u201eAuf Sieg Heil kann ich verzichten &#8230;!\u201c<br \/>\nIrgendwer muss ja die AFD w\u00e4hlen \u2026<\/p>\n<p>Mit dem Turbogang des E-Bikes geht es zur Burgruine hoch. Fantastischer Ausblick. Mit dem Stativ mache ich \u2018repr\u00e4sentative\u2019 Fotos mit Blick in alle Richtungen. Ein sportlicher Opa kommt mit seiner Frau und den zwei Enkeln aus Hannover den Berg hoch. Alles vorbereitet: Schatzsuche und Orientierungsaufgaben mit dem Kompass. Ein Erlebnis f\u00fcr die Enkelkinder. Der sportliche Opa hat mit dem Fahrrad auch schon viele Touren in Deutschland etc. gemacht, allerdings ohne E-Bike. Fr\u00fcher war alles ruhig in unserem Ort im Sperrgebiet.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich da oben die Nacht verbringen (weshalb habe ich eigentlich das Zelt mitgenommen?). Aber dann habe ich doch Manschetten bekommen und auch nicht gen\u00fcgend Wasser dabei. Also den steilen Berg wieder runter und auf die Suche nach einer Unterkunft. Es ist mittlerweile sechs Uhr und der Asphalt der Landstra\u00dfe reflektiert die Hitze des Tages (gut \u00fcber 30 Grad). Die Autofahrer von West nach Ost (HBN) rasen nach Hause. F\u00fcr mich noch alles etwas unwirklich, wenn man 40 Jahre die Grenze als nahezu undurchl\u00e4ssig erfahren hat.<\/p>\n<p>Auf der letzten Rille komme ich in der Country-Scheune in Ein\u00f6d an. In einem Haus an der Landstra\u00dfe haben sie noch ein kleines Zimmer unter dem Dach. Als das Haus gebaut wurde, war Dachisolierung wohl noch ein Fremdwort \u2026 es ist proppenhei\u00df. Daf\u00fcr ist das Essen reichhaltig und m\u00e4chtig, aber es liegt mir im Magen. Ich bin mal wieder so richtig kaputt abends und das Laufen tut weh.<\/p>\n<p><strong>Tag 7 (24.07.18): Von Ein\u00f6d nach Rieth<\/strong><\/p>\n<p>Km: 255 &#8211; 292<\/p>\n<p>Um 9 Uhr, als ich fr\u00fchst\u00fccke, ist es schon wieder br\u00fctend hei\u00df. Mal wieder ein Tag mit weit \u00fcber 30 Grad! Das Packen der tausend Sachen in die beiden gelben Ortlieb-Packtaschen, rechts und links am Hinterrad, ist immer mit Arbeit verbunden. Hinzu kommt die blaue Lenkertasche, in der das Wichtigste verstaut wird: Handy, Ladeger\u00e4t, kleine Wasserflasche, Fotoapparat, Verbandskasten, gelbes Hals-\/Kopftuch, Fototasche und vor allem das Sonnenschutzmittel, Faktor 50. Den gelben Plastik\u00fcberzug f\u00fcr den Sturzhelm habe ich meistens auf dem Helm. Sieht klobig und bullig aus, aber ich f\u00fchle mich sicherer auf der Landstra\u00dfe. Passive Sicherheit. &#8211; Das Schicksal von Otto immer im Hinterkopf!<\/p>\n<p>Ich verlasse Ein\u00f6d in Richtung Poppenhausen und komme an einem gepflegten Denkmal f\u00fcr 20 erh\u00e4ngte polnische KZ-Insassen vorbei. Es waren wohl zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte Buchenwald-H\u00e4ftlinge, die als Racheaktion f\u00fcr den Tod eines deutschen Bauern durch einen polnischen Zwangsarbeiter ihr Leben lassen mussten. Es ist, wie ich sp\u00e4ter erfahre, der Initiative eines Ehepaares aus Poppenhausen zu verdanken, dass dieses Denkmal in den 90er Jahren errichtet wurde. Blumenschmuck der umliegenden Gemeinden l\u00e4sst vermuten, dass es regelm\u00e4\u00dfig gepflegt wird. Ich w\u00fcrde diese Menschen gerne kennenlernen, aber irgendwie bin ich noch der Meinung, ich m\u00fcsse vorankommen.<\/p>\n<p>In Poppenhausen erfahre ich von einem Ehepaar mittleren Alters, dass direkt hinter dem Dorf fr\u00fcher der 500 Meter-Sperrzaun stand und man daher nicht oder nur in Ausnahmef\u00e4llen den Ort des Grauens zu DDR-Zeiten besuchen konnte.<\/p>\n<p>Dieses Ehepaar mittleren Alters berichtet mir auch von der Zeit vor der Wende. Alles war ruhig und man hatte sich eingerichtet. Sp\u00e4ter geht die Frau mit mir in die protestantische Kirche, die im Wesentlichen in finanzieller Eigenleistung und durch freiwilligen Arbeitseinsatz wieder vorbildlich restauriert wurde. Es ist bemerkenswert, dass der Ort nur 99 Einwohner hat. Das Verh\u00e4ltnis zu den bayrischen Nachbargemeinden ist unproblematisch. Seit 20 Jahren arbeitet die Frau im Schichtbetrieb im Bayrischen. Das Dorf Poppenhausen feiert alle zwei Jahre mit zwei anderen Gemeinden gleichen Namens.<\/p>\n<p>Ich folge dem Kolonnenweg und in K\u00e4\u00dflich, dem s\u00fcdlichsten Ort der ehemaligen DDR, erwischt es mich in sengender Hitze: Ein Platten im Vorderreifen. M\u00fchselig hole ich das Flickreparatur-Set hervor und borge mir Wasser beim etwas unwilligen Nachbar, damit ich feststellen kann, wo sich das Loch befindet. Nach einer Stunde habe ich es vollbracht, allerdings bekomme ich mit meiner Luftpumpe nicht gen\u00fcgend Luft auf den Vorderreifen. Mit der s\u00fcdlichsten Stelle der DDR am Plattenweg wird es also nichts.<\/p>\n<p>Ich komme an einem stinkenden Schweinestall vorbei und freue mich im nahegelegenen Wald \u00fcber den Schatten und die springenden Forellen in dem Teich. Ein Fischreiher schreckt bei meiner Weiterfahrt auf. Ein Opa mit seinem Enkelkind erz\u00e4hlt mir von F\u00fcrsorgez\u00f6glingen, die in einem Steinbruch arbeiten mussten und in den 60er oder 70er Jahren versuchten, \u00fcber die Grenze in die DDR zu fliehen. Einer verlor dabei ein Teil seines Beines.<\/p>\n<p>\u00dcber Schweickershausen geht es auf der Landstra\u00dfe nach Rieth, wo ich im Gasthaus Bartolomens [?] ein Zimmer und etwas Gutes zu essen bekomme. Rostbr\u00e4tl. Die M\u00e4nner am Stammtisch diskutieren nat\u00fcrlich die Hitze, den Fall \u00d6zil und dass Hoene\u00df mit seiner Kritik an dem Fu\u00dfballspieler mit t\u00fcrkischen Wurzeln vollkommen Recht habe. Sp\u00e4ter berichtet ein Polier davon, wie er mit den polnischen und rum\u00e4nischen Bauarbeitern zurechtkommt. Mir dr\u00e4ngt sich der Vergleich mit den Zwangs- und Fremdarbeitern der Kriegszeit auf. Menschen 2. Klasse?<\/p>\n<p>Das Zimmer ist okay, aber dass man durch die T\u00fcr sehen kann, ob jemand auf der Toilette sitzt, ist nicht so prickelnd\u2026.<\/p>\n<p><strong>Tag 8 (25.05.18): Von Rieth nach Irmelshausen<\/strong><\/p>\n<p>KM: 285 &#8211; 322<\/p>\n<p>Nach einem fantastischen Fr\u00fchst\u00fcck, das ich so nicht erwartet h\u00e4tte, samt Zeitungsbericht \u00fcber den Gastwirt und seine Verdiensten bei der Reparatur der Kirche, fahre ich den Berg hoch Richtung Zimmerau. \u00dcber der Gemeinde thronend ein neu erbautes Kriegerdenkmal f\u00fcr die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs: \u2018Sie sollen nicht umsonst gestorben sein\u2019. Was soll man sich dabei denken?<\/p>\n<p>Am ehemaligen Grenz\u00fcbergang stehen noch Reste des Zaunes nebst Erl\u00e4uterungen und historischen Fotos aus der Wendezeit 1989\/90 sowie ein Gedenkkreuz. Seit 1990 d\u00fcrfen auch die hessischen katholischen Wallfahrer zu den 14 Allerheiligen wieder durch das th\u00fcringische Frankenland. Jedes Jahr werden in Hellingen 650 Pilger von den \u00f6rtlichen Vereinen zu einem Fr\u00fchst\u00fcck eingeladen. \u00d6kumenische Hilfestellung.<\/p>\n<p>Kurz vor dem Bayernturm frage ich einen \u00e4lteren Mann, der seinen Caravan streicht, ob er mir mit einer Kompressorluftpumpe aushelfen k\u00f6nne. Es ist offensichtlich: Menschen in meinem Alter sind in der Regel sehr hilfsbereit. Dies gilt auch f\u00fcr den pensionierten Lehrer, der mit einer Wandergruppe unterwegs ist und mir bereitwillig Auskunft \u00fcber die Zeit vor 1989 und danach gibt. Auf den Bayernturm komme ich leider nicht hoch, weil der eine gewechselte Euro zwar in den Automaten passt, ich aber nicht direkt durch das Drehkreuz gehe, sondern mir den Weg selbst verschlie\u00dfe. Ich sage nur: Mann und Technik \u2026<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum geschliffenen Dorf Leitershausen begegne ich einer holl\u00e4ndischen Radfahrerin, die mit vollem Gep\u00e4ck und ohne elektrische Unterst\u00fctzung die Grenze entlang f\u00e4hrt, meist nur Stra\u00dfen, aber immerhin. Ich komme mir alt vor.<\/p>\n<p>An der Saalequelle ist eine herrliche K\u00fchle, die ich angesichts der Hitze gut gebrauchen kann. Der naheliegende F\u00fchrungsbunker und B-Turm erlauben wieder eine Auseinandersetzung mit der Grenzgeschichte. Am Telefon erhalte ich eine kurze, wenn auch nicht enthusiastische Auskunft. Besichtigung nur nach Voranmeldung. Wie soll ich das auf einer solchen Tour machen?<\/p>\n<p>Auf dem Wege durch den Wald treffe ich auf einen F\u00f6rster, der sich beim Vorbeifahren bedankt, dass ich angehalten habe. Ich vermute, dass er wegen der Waldbrandgefahr kontrollierte. Ich erinnere mich an meinen Gro\u00dfvater, der auch F\u00f6rster war und im Dezember 1960 durch einen unerfahrenen Sch\u00fctzen zu Tode kam.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich eine T-Kreuzung und die bittere Erkenntnis, dass ich auf dem Kolonnenweg bin und mir nichts anderes \u00fcbrig bleibt, als den Kolonnenweg steil bergan hochzufahren. Hole mein Stativ raus und mache Fotos und ein Video. Die letzten Meter muss ich, um nicht stehen zu bleiben, f\u00fcrchterlich in die Eisen steigen. Seitdem habe ich wieder Schmerzen im gebrochenen Brustbein \u2013 typisch! Immer St\u00e4rke beweisen, koste was es wolle. Und das mit knapp 70 Jahren \u2026 Man lernt nie aus.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Abfahrt und einem sch\u00f6nen Tal mit Wiesen und Resten des Drahtzaunes, wo ich erst einmal im Schatten eine Pause mache, kommt die n\u00e4chste Steigung. Nur noch l\u00e4nger und h\u00f6her. Aber hier gibt es keinen Ehrgeiz mehr. Es wird ab der H\u00e4lfte geschoben. Zum Gl\u00fcck wei\u00df ich jetzt, wie die Schiebehilfe funktioniert.<\/p>\n<p>Am geschliffenen Dorf Leitershausen mache ich unter gro\u00dfen B\u00e4umen eine Pause und ein Nickerchen. Trinken, trinken, trinken ist jetzt bei weit \u00fcber 30 Grad angesagt. Durch den Wald komme ich nach Trappstadt im Westen. Die Kneipe hat nicht mehr ge\u00f6ffnet, kein Einkaufsladen, nur die Filiale einer B\u00e4ckerei mit kleinem Nebenraum hat am Mittwochnachmittag ge\u00f6ffnet. Das Kaffeekr\u00e4nzchen der \u00e4lteren Damen trifft sich hier jeden Mittwochnachmittag. Ich bin ein exotischer Gast. Ich trinke und trinke, Apfelschorle, Wasser, Kaffee und esse ein St\u00fcck Kuchen, eine Bratwurst im Br\u00f6tchen. Herrlich.<\/p>\n<p>Es hilft nichts. Es geht weiter. Noch ist etwas auf dem Akku drauf, es geht bergan und irgendwie komme ich wieder auf den Kolonnenweg, der mir allerdings nach einem Kilometer zu viel wird. Durch eine Wiese geht es zur Landstra\u00dfe. Ich komme an einer Herde von Schafen vorbei, die das Gr\u00fcne Band wohl kultivieren.<\/p>\n<p>In Eicha ist es nachmittags um halb f\u00fcnf bullenhei\u00df. Ich werde argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt, wie ich mit meinem Stativ Fotos von mir, dem Fahrrad und den Grenzreliquien mache. Bei der Umarmung des DDR-Grenzpfahles in Schwarz-Rot-Gold wei\u00df ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll \u2026, anscheinend zu viele traurige Erinnerungen. Vielleicht kommt auch die Hitze noch dazu.<\/p>\n<p>In Irmelshausen habe ich kurz vor sechs keine Lust und Kraft mehr weiterzufahren. Gasthaus zur Linde. Ein freundlicher Wirt im fortgeschrittenen (meinem) Alter bietet mir ein ruhiges Zimmer an. Die Dusche ist herrlich. Die Beine und die Schulter schmerzen. Ich trinke eine Flasche Wasser, mehrere Birnenschorlen usw. Das Rostbr\u00e4tl und der Salat schmecken gut.<\/p>\n<p>Als ich wieder ein paar Tagebuchnotizen gemacht habe, gehe ich noch einmal vor die T\u00fcr und frage einen \u00e4lteren, langhaarigen Mann: \u2018Was malst du da?\u2019 \u2013 \u2018Von Ihnen lasse ich mich nicht mit Du anreden, wir haben noch keine Schweine zusammen geh\u00fctet.\u2019 Es stellt sich heraus, dass er ein Tagebuch mit sehr sch\u00f6nen Malereien f\u00fchrt und ein Aussteiger aus M\u00fcnchen ist, der in den 90er Jahren nach der \u00d6ffnung der Grenzen in diesen bayrischen Grenzort gekommen ist.<\/p>\n<p>Bundeswehr, BGS und Amerikaner h\u00e4tten auch ihre Spitzel im Ort zu DDR-Zeiten gehabt. Hier war eine hohe Milit\u00e4rkonzentration. Fulda-Gap. Wir diskutieren \u00fcber Zeitgeschichte, die 68er und schlie\u00dflich bietet er mir an, morgen sein Atelier zu besuchen.<\/p>\n<p><strong>Tag 9 (26.08.18):\u00a0 Von Irmershausen nach Waldschmieden<\/strong><\/p>\n<p>Km: 322 \u2013 362<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck um halb acht versuche ich noch vor der richtigen Hitze zu starten, aber irgendwie klappt es nicht. Das Zimmer sieht mit den vielen Sachen auf dem Boden immer wie nach einem Bombenabwurf aus. Sorry. Der Vergleich trifft angesichts des Ernstes des 2. Weltkrieges wohl nicht die Sache, aber das sind halt die Spr\u00fcche der 50er und 60er Jahre.<\/p>\n<p>Im ersten Ort des Tages werde ich von meinem etwas st\u00f6rrischen Kunstmaler vom vergangenen Abend \u00fcberholt und er hupt freundlich. Ich halte an. Wir unterhalten uns kurz und switchen auf das Du um. Er restauriert H\u00e4userw\u00e4nde, haupts\u00e4chlich Fachwerk, und ist auf dem Weg zu einer Baustelle im Osten. Wir tauschen unsere Adressen und Telefonnummern aus und laden uns gegenseitig zu Besuchen ein. MARTa in Herford ist ihm nat\u00fcrlich ein Begriff. Das erste pers\u00f6nliche Geschenk an diesem Tag. Eins von vielen, das ich bisher auf dieser Reise erhalten habe und zuk\u00fcnftig noch bekommen werde. Sehr pers\u00f6nliche Begegnungen mit Menschen beiderseits der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in Ost und West.<\/p>\n<p>\u00dcber das Freilandmuseum Behrungen geht es bergan nach Berkach, wo ich vor der verschlossenen T\u00fcr der sch\u00f6n restaurierten Synagoge stehe. Eigentlich sollte jemand in dem Nachbarhaus wohnen, aber es wird nicht ge\u00f6ffnet. Das Badehaus und der Friedhof geben einen nachdenklichen Eindruck der ehemaligen j\u00fcdischen Gemeinde, die in den Drei\u00dfiger Jahren ein Drittel der Bev\u00f6lkerung ausgemacht hat. Ich erinnere mich an Georg Iggers, dem in Hamburg 1926 geborenen\u00a0 und vor kurzem in Buffalo, N.Y., verstorbenen Holocaust-\u00dcberlebenden, Geschichtsprofessor, meinen akademischen Lehrer von 1979 bis 1981 und v\u00e4terlichen Freund, dessen Vorfahren auch aus einem kleinen Dorf im Schw\u00e4bischen kamen (Iggersheim). \u2013 \u00a0Die Menschen geben bereitwillig Auskunft. Sie akzeptieren anscheinend die Geschichte ihres Orts.<\/p>\n<p>Auf dem Trecker kommt mir ein Mittf\u00fcnfziger entgegen und fragt mich, was ich hier mache. F\u00fcr den Besuch des j\u00fcdischen Friedhofes hat er Verst\u00e4ndnis. Er berichtet von einem Dresdner Polizisten, der sich seinen Urlaub aufgespart und den ganzen Weg zu Fu\u00df gemacht hat. Chapeau! Er fragt mich nach meinem Alter und sch\u00fcttelt ungl\u00e4ubig den Kopf \u2026 und w\u00fcnscht mir gute Fahrt.<\/p>\n<p>Am sch\u00f6nen kleinen Teich (oder ist es wohl eher ein kleiner See?) bei Nordheim mache ich in der kleinen Freizeitanlage des Angelvereins eine kleine Rast. Steil geht es dann nach Henneberg hoch. In der Mittaghitze bietet mir eine Frau freundlicherweise Nachschub f\u00fcr meine 1,5 Liter-Wasserflasche an.<\/p>\n<p>Von dem Skulpturenpark bin ich entt\u00e4uscht. Gegen\u00fcber dem ehemaligen B-Turm befindet sich das Goldene Tor, aus Holz und von Berufssch\u00fclern hergestellt. Zwei der vier Metallw\u00e4nde liegen auf dem Boden, sind anscheinend umgeworfen worden. Die Inschrift \u2018WIR SIND\u2019 ist nicht zu sehen. Auch unter der verblassten Br\u00fccke des Goldenen Tors ist ein Kunstwerk umgeworfen worden. Vandalismus mit politischem Hintergrund. \u00a0\u2026? Auf alle F\u00e4lle steht auf der noch aufgerichteten rechten Stele unter dem Wort \u2018VOLK\u2019 aufgespr\u00fcht \u2018of the New Europe\u2019. Die Aussage ist klar und eindeutig. L\u00e4sst hier die AFD gr\u00fc\u00dfen?<\/p>\n<p>In Henneberg sieht es leider wieder etwas nach Laramie Town im Mittleren Westen aus: Die Gastwirtschaft ist schon seit einigen Jahren nicht mehr in Betrieb und der Imbiss hat nur von 7 bis 14.00 Uhr auf.<\/p>\n<p>\u00dcber das geschliffene Dorf Schmerbach, nur ein kleiner Hain mit Gr\u00e4bern ist geblieben, fahre ich in Richtung Fladungen, komme aber etwas vom Weg ab. Eine sportliche Walkerin kurz vor Helmershausen verweist mich auf eine \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit im Waldschmieden. Auch diesen Anstieg schaffe ich noch. Von Jenny, der Tochter meiner Frau Ellen, bekomme ich die Nachricht, dass sie ihre Bachelor-Pr\u00fcfung erfolgreich bestanden hat. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch!<\/p>\n<p>Im Gasthaus Waldschmiede komme ich relativ kaputt an. Die Wirtin hat gerade ihre Damen-Tanzgruppe zu Gast und eine \u00dcbernachtung ist nicht mehr m\u00f6glich. Jana und Axel versuchen mir ein Zimmer in Stockheim zu organisieren, aber das w\u00fcrde bedeuten, dass ich 10 km zur\u00fcck fahren m\u00fcsste. Der Akku muss nachgeladen werden. Wenn ich einen Schlafsack h\u00e4tte, hei\u00dft es schlie\u00dflich, k\u00f6nnte ich noch auf der Couch in der Ferienwohnung nebenan \u00fcbernachten. Ein Geschenk!<\/p>\n<p>Jana erz\u00e4hlt mir vom Leben in Ost und West sowie ihrem viel zu fr\u00fch verstorbenen Vater. Eine traurige Geschichte. Die J\u00e4ger, die vom Niederrhein f\u00fcrs Wochenende gekommen sind, um bei einem Freund, der seit zwei Jahren hier \u2018ausgestiegen\u2019 ist und in der Ruhe des ehemaligen Grenzgebietes lebt, auszuspannen, sind recht leutselig. Als ich vom Schicksal meines auf der Jagd erschossenen Opas berichte, sagt einer von ihnen: \u201ePassiert halt \u00f6fters.\u201c \u2013 Ich antworte nur, dass ich dar\u00fcber nicht lachen kann.<br \/>\nVollkommen kaputt falle ich abends in den leichten Schlafsack, den mir Theresa zum Gl\u00fcck mitgegeben hat.<\/p>\n<p><strong>Tag 10 (27.07.18):\u00a0 Von Waldschmieden nach Hilders<\/strong><\/p>\n<p>KM: 362 &#8211; 400<\/p>\n<p>Nachts wache ich von Kr\u00e4mpfen in den Beinen auf. Beim Aufwachen sp\u00fcre ich noch die Strapazen der gestrigen Tour. Die Tatsache, dass ich keine Bettw\u00e4sche hatte, war kein Problem. Theresas Schlafsack hat seine Dienste getan.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck komme ich ins Gespr\u00e4ch mit der Freundin der Wirtin, die aus der Schweiz kommt und als Psychologin jugendliche Fl\u00fcchtlinge betreut. Ihr Mann wurde in Venezuela erschossen, als beide bei der Drogenfahndung t\u00e4tig waren. Es ist bedr\u00fcckend. Sie berichtet von ihrer multikulturellen und internationalen\u00a0 Familiengeschichte und von pers\u00f6nlichen Erlebnissen in den folgenden Jahrzehnten. Ihre Kinder sind und bleiben \u2013 wohl wie sie selbst auch \u2013 in diesem ehemaligen Zonenrandbezirk eine Fremde, die zwar mit ihrem Partner ein zeitweises Refugium gefunden hat, sich jedoch den Verbleib in dieser Grenzgegend bis zum Ende ihres Lebens nicht vorstellen kann.<\/p>\n<p>In Fladungen steuere ich den ersten Friseurladen an. Leider hat der Friseur viel zu tun und verweist mich an die Konkurrenz. Es ist mittlerweile mal wieder br\u00fctend hei\u00df und die Klimaanlage ist sehr angenehm. Die Auszubildende stutzt mir den inzwischen zottelig gewordenen Bart. Ein tolles Gef\u00fchl, als ich den Laden verlasse.<\/p>\n<p>Von Fladungen geht es steil \u00fcber eine Distanz von 7 km zum Schwarzen Moor hoch. Die ersten 4 km strampele ich noch routiniert im Sport-Gang, irgendwann muss der Turbo eingeschaltet werden. Ich habe das Gef\u00fchl, dass dieser Anstieg meine Gesellenpr\u00fcfung auf dieser Tour ist. Nach zehn Tagen. Oben auf dem Berggasthof Sennh\u00fctte angekommen, genie\u00dfe ich die herrliche Aussicht und eine etwas zu kalte Bionade.<\/p>\n<p>Im Schwarzen Moor bekomme ich erst einmal einen R\u00fcffel, weil es anscheinend nicht erlaubt ist, mit einem Fahrrad das Naturschutzgebiet zu befahren. Ich lege mich zu einem kurzen Nickerchen im Schatten auf eine Bank und versuche der Hitze ein wenig zu entfliehen. Im Informationszentrum mit Imbiss esse ich eine Th\u00fcringer Bratwurst, der Koch, ein Asylbewerber aus Syrien, zweisprachig: \u201eshukran\u201c und \u201ete\u015fekk\u00fcr ederim\u201c.<\/p>\n<p>Die nahen Grenzanlagen mit B-Turm sind mittlerweile Routine f\u00fcr mich geworden, ebenso wie der Hinweis auf eine Telefonnummer, die zur Besichtigung anzurufen sei. \u00dcber Frankenheim geht es wieder zur\u00fcck in den \u2018Westen\u2019 mit einem Gedenkstein, von Pilgern errichtet f\u00fcr die Vierzehn Heiligen.<\/p>\n<p>Im Hotel Deutsches Haus in Hilders komme ich gegen drei Uhr nachmittags an und mache einen so geschafften Eindruck, dass der wenig j\u00fcngere Gastwirt eine meiner beiden Packtaschen die Treppe hoch in den 2. Stock tr\u00e4gt. Ich bin dankbar. Die Beine sind wirklich schwer. Ich falle nach der Dusche erst einmal ins Koma.<\/p>\n<p>Der Fahrradladen hat Probleme, die richtigen Schrauben f\u00fcr meine Beleuchtungshalterung und die Schutzblechstrebe zu finden. Ein junger Mann, Handwerker aus dem th\u00fcringischen Frankenheim, f\u00e4hrt verschiedene Mountainbikes zur Probe. Seine Frau, geboren im hessischen Tann, f\u00fchlt sich in Frankenheim immer noch etwas als Fremde, &#8211; obwohl, in der Firma ihrer Eltern arbeiten Hessen und Th\u00fcringer ohne Probleme zusammen.<\/p>\n<p>Ich freue mich, als abends dann Theresa und ihr Freund Jannis zu Besuch kommen. Wir verbringen einen sch\u00f6nen, unterhaltsamen Abend im Biergarten der Gastst\u00e4tte direkt unter der Kirche. Zufall: unsere Tischnachbarn kommen aus Lockhausen, einem kleinen Nachbarort Herfords. Vor kurzem erst geehrt f\u00fcr 50 Besuche in Hilders. Wir genie\u00dfen den Abend und schn\u00e4pseln mit den Lippern. Theresa zeigt keine Achtung vor ihrem Vater und dem Alter. Ich komme zu sp\u00e4t. Sie hat gerade schon bezahlt. Dem Kellner gebe ich zu verstehen, dass das gar nicht geht. Da er offensichtlich einen Migrationshintergrund hat, entwickelt er Verst\u00e4ndnis f\u00fcr mich, aber was soll er machen, wenn eine junge Frau kommt und die Rechnung bezahlt. Ich schlucke nur. \u00c4ndern sich so langsam die Zeiten und geh\u00f6re ich aufs Altenteil?<\/p>\n<p><strong>Tag 11 (28.07.18):\u00a0 Hilders \u2013 Thann \u2013 Kleinfischbach &#8211; Hilders\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>KM: 400 &#8211; 430<\/p>\n<p>Mit dem dicken Kopf h\u00e4lt es sich zum Gl\u00fcck am n\u00e4chsten Tag in Grenzen. Mein Fahrrad ist repariert, das Problem mit den fehlenden Schr\u00e4ubchen hat sich zum Gl\u00fcck l\u00f6sen lassen. Die Bereitstellung von zwei Leihfahrr\u00e4dern f\u00fcr Theresa und Jannis stellt sich leider als etwas schwieriger dar: E-Bikes sind leider nicht mehr erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Auf Fahrradwegen und kleinen Stra\u00dfen geht es gem\u00fctlich nach Thann. Auf dem Marktplatz werden wir von einem \u00e4lteren Mann angesprochen, der bereitwillig Auskunft \u00fcber die Zeit vor der Wende hier im Grenzgebiet gibt. Der etwas vorlaute Enkel meint, wir m\u00fcssten unbedingt zu Point Alpha in das dortige Museum fahren.<\/p>\n<p>Der Anstieg nach Kleinfischbach ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Mi dem E-Bike trotz des Gep\u00e4cks im Prinzip kein Problem. Anders schon mit den ausgeliehenen City-Bikes, die ich mal kurzzeitig selbst fahre. Eine Qual, teilweise geht es nur im Schieben.<\/p>\n<p>Von Kleinfischbach geht es \u00fcber Unterweid nach Oberweid. In Unterweid ist der Mann mittleren Alters froh, dass er seine Arbeiten im Garten unterbrechen kann. Bis 1989 sei im Sperrgebiet alles sehr ruhig gewesen, man h\u00e4tte sich geholfen und gegenseitig unterst\u00fctzt. Nach der Wende sei der Neid ins Dorf eingezogen. Anhand der Autos habe man sich verglichen, fr\u00fcher h\u00e4tten im Wesentlichen alle nur Trabbis gefahren und da h\u00e4tte es solche Diskussionen und Gef\u00fchle nicht gegeben.<\/p>\n<p>In Oberweid geraten wir in ein kleines Dorffest, eine Hochzeit. \u00dcber den Stra\u00dfen sind Leinen gezogen, wir nannten dies fr\u00fcher in unserem Dorf in den 50er und 60er Jahren \u2018Hemmen\u2019. Die Kinder und Erwachsenen stehen am Stra\u00dfenrand vor ihren H\u00e4usern und haben kleine Tischchen aufgebaut. Ich vermute, dass das Brautpaar f\u00fcr die Kinder M\u00fcnzen werfen und mit den Erwachsenen einen Korn trinken m\u00fcssen. Am Ende der Stra\u00dfe stehen die versammelten Fu\u00dfballer und Trachtenm\u00e4dchen in ihren Trikots bzw. Kost\u00fcmen und bilden den Abschluss des Gratulationsmarathons.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Simmershausen eine sch\u00f6ne \u00dcberraschung: Jannis weist mich darauf hin, dass im Vorderreifen eine Rei\u00dfzwecke steckt. Nicht schon wieder, das w\u00e4re schon die zweite Schlauchreparatur auf der Reise. Zum Gl\u00fcck l\u00e4dt uns ein fitter Rentner in meinem Alter ein, in seinem Hof im Schatten die Reparatur durchzuf\u00fchren. Alles auspacken, das Reparatur-Set finden, aufpumpen, ins Wasser halten, nach den Bl\u00e4schen gucken, aufrauen, Kleber verreiben, trocknen lassen, Flicken draufkleben\u2026 Es kam, wie es kommen musste: Um wenige Millimeter hatte ich mich vertan. Scheibenkleister! Auch noch bei dieser Hitze, aber zum Gl\u00fcck erhalten wir etwas zu trinken.<\/p>\n<p>\u00dcber Feldwege und Wiesen geht es zur\u00fcck in den \u2018Westen\u2019 nach Simmershausen. Der b\u00e4rtige Wirt am Anfang des Dorfes gibt uns etwas zu trinken. Wir haben das Gef\u00fchl, wieder \u2018zuhause\u2019 zu sein. Zur Begr\u00fc\u00dfung kommt der Spielmannszug des Dorfes mit Humba-Humba-T\u00e4tar\u00e4 auf uns zu. Wir werden\u00a0gleich gefragt: \u201eIhr seid doch hoffentlich keine Bayern-Fans?\u201c Ein letztes Mal m\u00fcssen Theresa und Jannis die Fahrr\u00e4der auf die Anh\u00f6he schieben, bevor es mit einer rasenden Geschwindigkeit nach Hilders zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Den Abend verbringen wir in einer sehr guten Pizzeria, lassen es uns schmecken und genie\u00dfen den italienischen Wei\u00dfwein und den Vecchia Romagna. Theresa erz\u00e4hlt viel von ihrer beruflichen Situation, ihrer Karriere und den damit verbundenen \u2018Problemen\u2019. Was ist aus diesem kleinen, jungen M\u00e4dchen, dieser Azubine in den letzten zehn Jahren geworden? Bevor ich einschlafe, geht mir vieles durch den Kopf.<\/p>\n<p><strong>Tag 12 (29.07.18):\u00a0 Hilders &#8211; Schwarzes Moor \u2013 Ruhetag !\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>KM: 430<\/p>\n<p>Ich merke beim Fr\u00fchst\u00fcck, wie k\u00f6rperlich ausgelaugt ich bin, vielleicht liegt es auch an den hochprozentigen Getr\u00e4nken der beiden vergangenen Abende. Mit Jannis\u2019 Auto fahren wir zum Parkplatz am Schwarzen Moor Richtung Fladungen und gehen dann den Fu\u00dfweg zum Beobachtungsturm mit den beiden Grenzz\u00e4unen. Man hat einen herrlichen Blick \u00fcber die Rh\u00f6n. Die Grenze wird angesichts des Anblicks des Grenzzaunes f\u00fcr die beiden ca. 30-J\u00e4hrigen greifbarer, emotional nachvollziehbarer. \u2013 Erinnerungen werden wach an die Reise zu f\u00fcnft (Theresa gerade ein Vierteljahr alt) im Mazda 626 von Herford nach Berlin (Ost) am 12. November 1989\u2026<\/p>\n<p>Nach der Verabschiedung von Theresa und Jannis gehe ich auf den Marktplatz und trinke einen Cappuccino. Mit dem Wirt des Gasthauses, der schon in vielen exzellenten H\u00e4usern gearbeitet hat, spreche ich \u00fcber die Entwicklung des Gastgewerbes in den grenznahen Orten. Ein Traum von ihm ist, das gesamte Hotel noch mal mit 50 Asylbewerbern zu belegen. Das Gerede der Leute im Ort w\u00fcrde ihn dann auch nicht st\u00f6ren. Hinzukommt, dass die guten Zeiten in den 70er und 80er Jahren, als die Gelsenkirchener Bergleute um 11 Uhr mit dem Fr\u00fchschoppen anfingen und nachts um 1 Uhr achtzehn Bier auf dem Deckel hatten, auch vorbei seien.<\/p>\n<p>Mein erster richtiger Ruhetag. Ohne Fahrrad.<\/p>\n<p><strong>Tag 13 (30.07.18): Fahrt von Hilders nach Philipstal<\/strong><\/p>\n<p>KM: 430 &#8211; 478<\/p>\n<p>Morgens merke ich, dass der mir der gestrige Ruhetag gut getan hat, sowohl vom Kopf her als auch von der Muskulatur. Die liebliche Strecke nach Thann kenne ich schon. Im Supermarkt besorge ich mir Obst, Buttermilch und Studentenfutter.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Motzlar denke ich: Das gibt es ja gar nicht, du kannst deinen Augen nicht trauen. Ich begegne Anna und Lars mit ihrem adoptierten spanischen Hund Nelson. Sie kommen aus Potsdam und ziehen nach Portugal um, wo sie im Sp\u00e4therbst ankommen wollen. Sie ziehen im wahrsten Sinne mit ihrem gesamten Hausstand, der sich in einem ca. 1,00 x 1,50 Meter gro\u00dfen Handwagen befindet.\u00a0Ein Geschirr zum Ziehen wie vor einem Karren, anstatt Pferden. Strom f\u00fcr die elektronische Kommunikation (Webseite bei wordpress.com) liefern Solarzellen auf dem vergr\u00f6\u00dferten Handwagen. Sie schaffen am Tag ca. 15-20 Kilometer und haben Fulda als Ziel, immer Fahrradwegen folgend.<\/p>\n<p>Ich frage nach der Motivation der beiden, die so in den Zwanziger sein m\u00fcssten: Sie wollen aussteigen, sich nicht mehr den Zw\u00e4ngen des B\u00fcroalltags unterwerfen, obwohl\u2026 Lars arbeitet noch ab und an im Bereich des Internet-Shoppings, allerdings von unterwegs. Ich bewundere die beiden ob ihres Mutes, vielleicht auch wegen der Naivit\u00e4t, auf alle F\u00e4lle dr\u00fccke ich ihnen meine Hochachtung aus. Zum Abschied w\u00fcnsche ich ihnen viel Gl\u00fcck und gebe ihnen ein paar Euro f\u00fcr Hundefutter mit\u2026 Hier der Link zu ihrem Reiseblog: <a href=\"https:\/\/justanosite.wordpress.com\/\"><em>Erdenb\u00fcrger. Was wir f\u00fcr Sachen machen.<\/em><\/a><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Gaisa treffe ich im n\u00e4chsten Ort einen Vater, der mit seinem Sohn, der bald 16 wird, eine Samson fertig macht. Es scheint, dass dies Kleinkraftrad der DDR aus den 60er und 70er Jahren mittlerweile wieder Kultcharakter, nicht nur unter jungen Leuten, in Sachsen und Th\u00fcringen hat.<\/p>\n<p>Ich will Point Alpha, das Museum, besuchen und komme nach Geisa, wo ich in der Mittagshitze nur im Schlosshof etwas zu trinken bekomme. Die Stunde im Schatten tut mir sehr gut. Durch Zufall entdecke ich, dass es hier eine Point-Alpha-Stiftung gibt. Eine Internetrecherche ergibt, dass die Stiftung auch ein p\u00e4dagogisches Programm durchf\u00fchrt. Preistr\u00e4ger sind Helmut Kohl, Gorbatschow, Bush, Sch\u00e4uble etc. Kurzentschlossen betrete ich das Geb\u00e4ude und komme mit zwei Kollegen aus der p\u00e4dagogisch-didaktischen Abteilung ins Gespr\u00e4ch. Ich erz\u00e4hle ihnen von meiner Grenzg\u00e4nger-Tour 2018 und meiner Absicht, sp\u00e4ter evtl. dar\u00fcber zu berichten. Es entwickelt sich ein interessantes fachliches Gespr\u00e4ch \u00fcber Gedenkst\u00e4ttenp\u00e4dagogik und die Frage, wie man drei\u00dfig Jahre nach dem Fall der Mauer junge Menschen mit dem Thema vertraut machen kann. Wir vereinbaren, in Kontakt zu bleiben.<\/p>\n<p>Mit einem heftigen Anstieg geht es hoch zum Museum und zur Gedenkst\u00e4tte. Die Sonne brezelt. Eine Turbine dreht sich an und ab: <em>Frieden, Mir, Peace<\/em> ist auf den Fl\u00fcgeln zu lesen. Die Ausstellung ist vom Didaktischen gesehen sehr gut gemacht, Mikro- und Makroebene gut verbunden. Viele anschauliche Ausstellungsst\u00fccke und Videointerviews mit jungen und alten Menschen beiderseits der Grenze. Das amerikanische Lager Point Alpha ist fast unver\u00e4ndert, inklusive einem Weihnachtswunsch an die \u2018Kollegen\u2019 auf der anderen Seite der Grenze: \u201eFr\u00f6he Wiehnachten\u201c. \u00a0\u00ad\u2013 \u00a0Wie man es halt spricht \u2026<\/p>\n<p>Mit einer Besucherin komme ich \u00fcber die Zeiten vor und nach der Wende ins Gespr\u00e4ch. Sie hat an einer gro\u00dfen Samstagsdemonstration in einer Kleinstadt in Th\u00fcringen teilgenommen. Die DDR-Erziehung und die Unterschiede zu Menschen aus dem Westen sind ihrer Ansicht nach wie vor in Kleinigkeiten festzustellen, so z. B. im Zusammenhang mit der Nutzung von Energie.<\/p>\n<p>Im Lager und au\u00dferhalb habe ich das Gef\u00fchl, dass ich eher in Spanien und Italien im Sommerurlaub bin als in der Rh\u00f6n. Kein Gr\u00fcn, alles verbrannt. Die Tageszeitungen berichten von der Sommerhitze und den Ver\u00e4nderungen des Klimas. Ich mache mir Sorgen und frage mich, was wir mit dem permanenten wirtschaftlichen Aufstieg, dem Verschwenden von nat\u00fcrlichen Ressourcen \u2013 zu unserem eigenen Vorteil \u2013 bewirkt haben.<\/p>\n<p>So langsam kommen die Kali-Bergwerke beiderseits der Grenze mit ihren wei\u00dfen, z. T. \u00fcber 700 Meter hohen Bergen in Sicht. Es ist immer noch verdammt hei\u00df. Zum Gl\u00fcck bekomme ich in Philipstal noch ein Zimmer in einem Gasthaus. Ich bin geschafft und trinke wie \u00fcblich erst mal ein gro\u00dfes Radler und esse heute ausnahmsweise kein Fleisch, nur einen gro\u00dfen Salat. Der kurze Anstieg zum G\u00e4stehaus f\u00e4llt mir verdammt schwer. Ich merke: die 36 Grad haben mir gereicht und mich mal wieder geschafft.<\/p>\n<p><strong>Tag 14 (31.07.18):\u00a0 Von Philipstal nach Berka<\/strong><\/p>\n<p>KM: 478 &#8211; 506<\/p>\n<p>Von Philipstal fahre ich nach Vacha, der th\u00fcringischen Schwestergemeinde auf der anderen Seite der Werra. Genau am Beginn der Br\u00fccke treffe ich auf Hannelore, die mich fragt, wo ich hinm\u00f6chte. Es scheint, dass sie sich auskennt. Sie erkl\u00e4rt mir den genauen Grenzverlauf, zeigt mir den Beobachtungsturm in Varta und gibt mir eine Menge an historischen Informationen.<\/p>\n<p>Sie hat den 11. November 1989 hautnah miterlebt und als Hobbyfilmerin die historischen Stunden des 11. und 12. November, den Abbau der Grenze nach 40 Jahren, den Menschenauflauf, das R\u00fcber und N\u00fcber miterlebt. Eine wirkliche historische Quelle.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4dt mich freundlicherweise zu sich nach Hause ein, wo ich auch ihren Mann kennen lerne, der bei der Bundeswehr als Berufssoldat gearbeitet hat. Der Film aus dem Jahre 1989 d\u00fcrfte einer der wenigen visuellen lokalen Zeitdokumente der Mauer\u00f6ffnung 1989 sein. Die Rechte wurden an ARD und ZDF verkauft, aber im Internet befinden sich viele Kopien. Die sehr pers\u00f6nlichen Stunden vergehen wie im Fluge.<\/p>\n<p>Beim Anschauen des Films werden in mir alte Erinnerungen wach, der spontane, unangemeldete Besuch am 12. November in Ost-Berlin. Die Fahrt mit den drei Kindern, u.a. der erst dreimonatigen j\u00fcngsten Tochter, auf der Transitstrecke nach Berlin. Das Tanzen der Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor, das Hallo beim Eintreffen bei meinem Bruder Klaus und seiner Familie zum Abendbrot. Die Fahrt in der Nacht zur\u00fcck. Das Unterrichten am n\u00e4chsten Morgen nach wenigen Stunden Schlaf. \u00a0Mir kommen beim Anschauen des Filmes die Tr\u00e4nen \u2026<\/p>\n<p>Parallel zur mit Salzen und anderen Abw\u00e4ssern belasteten Werra geht es meistens \u00fcber sehr befahrene Stra\u00dfen nach Berka \/ Werra, wo ich in dem Gasthaus <em>Zur Post<\/em> heute relativ fr\u00fch eine Unterkunft finde. Ich bin froh angesichts der Hitze.\u00a0 Hier treffe ich Klaus, ein 82-j\u00e4hriger sehr r\u00fcstiger Rentner, der als Fl\u00fcchtlingskind aus Schlesien nach Berka kam und dort jahrzehntelang im Kalibergbau gearbeitet und sp\u00e4ter auch Lehrlinge unterrichtet hat. Drei Stunden haben wir die Geschichte der DDR, der Wende und Nachwendezeit hoch und runter diskutiert. Wir beide sind Th\u00fcringer, und er wundert sich \u00fcber mein historisch-politisches Wissen. Ich gebe mich als Historiker mit engen Familienbanden in der DDR zu erkennen. Es ist schw\u00fcl in dem Hof der Gastwirtschaft, aber die Zeit vergeht wie im Fluge. Ein beeindruckender Mensch, der fr\u00fcher mal in der SED war, aber wohl damals wie heute seinen kritischen Geist behalten hat.<\/p>\n<p>Die Nacht musste ich das Fenster auflassen, der Stra\u00dfenverkehr st\u00f6rte zwar, aber es kam wenigstens etwas frische, kalte Luft herein.<\/p>\n<p><strong>Tag 15 (1.08.18) :\u00a0 Von Berka\/Werra nach Creuzburg<\/strong><\/p>\n<p>Km: 512 &#8211; 547<\/p>\n<p>Ich stehe morgens gegen sieben Uhr auf und setze mich in der Gaststube an den sch\u00f6n gedeckten Tisch. Die Frau, die gestern Abend im Wesentlichen den ganzen Thekendienst und den Service alleine durchgef\u00fchrt hat, ist schon wieder auf den Beinen und hat das Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fcr die G\u00e4ste vorbereitet. Die Erlebnisse und Einstellungen der DDR-Zeit sind ihr nach wie vor greifbar und wirken sich im Denken und Handeln aus. Nach einem dreiviertel Jahr im hessischen Bad Wildungen ist sie wieder nach Berka an der Werra zur\u00fcckgekommen. Ebenso wie die Besitzerin der Gastst\u00e4tte geh\u00f6rt sie einer Generation an, die anscheinend ein doch etwas anderes Koordinatensystem als &#8218;wir&#8216; aus dem Westen haben.<\/p>\n<p>In Gerstungen auf dem Bahnhof, wo fr\u00fcher die Interzonenz\u00fcge anhielten, um von Seiten der DDR bei der Ein- und Ausreise kontrolliert zu werden, treffe ich Thomas. Er ist Anfang f\u00fcnfzig, in Nordhausen geboren, und arbeitet als Lokomotivf\u00fchrer. Er kennt die Situation und die \u00d6rtlichkeiten in Gerstungen zu DDR-Zeiten auch nur vom H\u00f6rensagen sowie von Fotos. Wieder diskutieren wir die Mentalit\u00e4tsfrage, Unterschiede zwischen Ost und West, wenn es z. B. um Extraschichten geht. Ehemalige DDRler sind seiner Ansicht nach eher bereit, dem Dienststellenleiter bei Krankmeldungen aus der Patsche zu helfen.<\/p>\n<p>Ein Blick einige Jahrzehnte zur\u00fcck. Es ist das Jahr 1964. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich aus dem Interzonenzug geholt werde, weil man bei mir aus der BRAVO ausgeschnittene Bilder der Beatles und Rolling Stones gefunden hat. Ich wurde zwei Stunden verh\u00f6rt und man teilte mir mit, dass solche Fotos in der DDR nicht erw\u00fcnscht seien. Tante Rosemarie wartete auf mich in Heiligenstadt. Meiner Bitte, bei ihr von der Grenzstelle anrufen zu d\u00fcrfen, wurde entsprochen. Ich sagte ihr, dass wohl hier \u201eeine harte Welle\u201c zur Zeit angesagt sei und ich sp\u00e4ter kommen w\u00fcrde. In Heiligenstadt angekommen, fragte sie mich ganz entsetzt, ob ich nicht w\u00fcsste, dass alle Gespr\u00e4che abgeh\u00f6rt w\u00fcrden &#8230; Das war mir eigentlich egal. So ging es dann mit dem ersten Arbeiterzug nach Eisenach morgens kurz vor sechs weiter. Die neugierigen, etwas mitleidigen Blicke der Arbeiter habe ich noch konkret vor Augen.<\/p>\n<p>In Herleshausen befand sich jahrelang der Stra\u00dfen\u00fcbergang zwischen der DDR und der BRD. Erstmalig komme ich im Mai 1965 mit dem Bundesgrenzschutz in Ber\u00fchrung. War es der in der DDR zu Propagandazwecken Richtung Westen in der N\u00e4he von Burg ausgestrahlte Soldatensender oder der Deutschlandsender? Ich wei\u00df es nicht mehr: Es wurden die westdeutschen Friedensfreunde zum gesamtdeutschen Pfingstjugendtreffen in Madeburg eingeladen. Das Wichtigste: Man musste nicht wochenlang vorher ein Visum beantragen, sondern konnte direkt zur Grenze fahren und es dort erhalten.<\/p>\n<p>Der BGS staunte nicht schlecht, dass ich als 16-J\u00e4hriger mit meiner Kreidler dort angefahren kam. Zun\u00e4chst wurde im Betrieb meines Vater angerufen, der telefonisch sein Zustimmung geben musste. \u00dcber Heiligenstadt (Besuch meiner Oma und Tante) und den Harz fuhr ich dann nach Magdeburg. Dazu aber sp\u00e4ter Genaueres. Auf alle F\u00e4lle wunderte ich mich vier Jahre sp\u00e4ter, dass ich zu Beginn meiner dreij\u00e4hrigen Bundeswehrzeit w\u00e4hrend der Grundausbildung an einem Montagmorgen vom Milit\u00e4rischen Abschirmdienst (MAD) verh\u00f6rt wurde. Der MAD wollte wissen, weshalb ich nach Magdeburg gefahren sei. Seit dem Jahr 1965 hatte ich wohl eine Akte bei den Sicherheitsbeh\u00f6rden der Bundesrepublik. Im Gegensatz zu heute waren allerdings Verfassungsschutz und MAD wohl nicht elektronisch vernetzt, ansonsten h\u00e4tte ich wohl die Pr\u00fcfung zur Aufnahme als Offiziersanw\u00e4rter in K\u00f6ln nicht bestanden &#8230;<\/p>\n<p>Gute zehn Jahre sp\u00e4ter (war es 1976 oder 1977? &#8211; ich wei\u00df es nicht mehr) fuhr ich mit meinem Renault 4 und einigen Freunden vom Marxistischen Studentenbund Spartakus aus Darmstadt nach Weimar, u. a. auf Einladung der SED oder der FDJ politische Gespr\u00e4che zu f\u00fchren und das KZ Buchenwald zu besuchen. Auf der R\u00fcckfahrt war die Begr\u00fc\u00dfung durch die Bundesgrenzschutzbeamten auch sehr aufschlu\u00dfreich: \u201eNa, wart ihr auf Gesch\u00e4ftsreise im Osten?\u201c &#8211; Anscheinend war nicht nur die Staatssicherheit der DDR, sondern auch der Verfassungsschutz der BRD gut informiert.<\/p>\n<p>In Herleshausen komme ich mit Annita ins Gespr\u00e4ch, die dort geboren wurde, aber jahrzehntelang in Kassel gewohnt hat, bevor sie mit ihrem Mann das elterliche Haus wieder bezog. Erneut diskutieren wir die unterschiedlichen Mentalit\u00e4ten in OST und WEST, allerdings auch die zunehmende Rechtsentwicklung in Th\u00fcringen. Sie versucht Klaus Gogler, den (!) Experten in Herleshausen zur deutsch-deutschen Geschichte zu erreichen und uns bekannt zu machen. Schlie\u00dflich klappt es.<\/p>\n<p>Klaus Gogol ist schon vom \u00c4u\u00dferen eine beeindruckende Pers\u00f6nlichkeit. Gro\u00df gewachsen, Rauschebart, Haarzopf kommt der 67-J\u00e4hrige mit seinem Mountainbike sportlich angeradelt und sprudelt all seine Informationen \u00fcber die Situation w\u00e4hrend der 40-j\u00e4hrigen Existenz der DDR heraus. Es ist beeindruckend. Er f\u00e4hrt mit mir zum Flu\u00dfwehr in der Werra, den ehemaligen Grenzbaracken, von den leider nichts mehr zu sehen ist, ebenso zum Bahnhof Herleshausen. Dort wurde er geboren, also auf DDR-Hoheitsgebiet. Sein Gro\u00dfvater, obwohl B\u00fcrger der BRD, war Besch\u00e4ftigter der DDR-Reichsbahn &#8211; allein der Name schon ein gewisser Antagonismus. Im Bahnhofsgeb\u00e4ude befindet sich heute ein Museum, das sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der Geschichte der letzten Kriegsheimkehrer aus der Sowjetunion besch\u00e4ftigt. Herleshausen war erste Station in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Obwohl wir nun schon mehrere Stunden gemeinsam verbracht haben und uns auch unsere Lebensgeschichten en passant erz\u00e4hlt haben, begleitet mich Klaus, der im \u00fcbrigen 2011 die Tour entlang des Gr\u00fcnen Bandes in 30 Tagen absolviert hat, auf seinem Fahrrad nach Creuzburg. Klaus ist ein wandelndes Lexikon. Natur, Genzgeschichte, Menschen diesseits und jenseits des Zaunes &#8211; er hat alles im Kopf!<\/p>\n<p>In Creuzburg versuche ich nahezu vergeblich eine Unterkunft zu finden. Schlie\u00dflich landen wir in dem Gasthaus &#8218;Zur Torpforte&#8216; mit sch\u00f6nem Hinterhof, nahe am Felsen gebaut. Wir treffen ein Ehepaar aus Oldenburg, das vier Tage entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gewandert ist. Erholung pur. Klaus ist ein sehr kommunikativer Mensch, nach mehreren Bier und Magenbittern wird er von seiner Frau abgeholt. &#8211;<br \/>\nWir versprechen uns, in Kontakt zu bleiben.<\/p>\n<p><strong>Tag 16 (02.08.18):\u00a0 Von Creuzburg nach Gro\u00dfburschla<\/strong><\/p>\n<p>KM: 547 &#8211; 582<\/p>\n<p>Die Nacht als der Regen kam&#8230;<br \/>\nIn der stickigen Ferienwohnung, die sich in den letzten Tagen der Gluthitze h\u00f6llen\u00e4hnlich aufgeheizt hatte &#8211; man spricht mittlerweile vom Jahrhundertsommer -, musste ich das Fenster aufmachen. Jedes Auto, das auf der Stra\u00dfe vorbeifuhr, war zu h\u00f6ren. Es war mir egal. Ich habe es genossen, als es pl\u00f6tzlich anfing, etwas zu regnen. Eine Erholung.<\/p>\n<p>Das sparsame Fr\u00fchst\u00fcck ger\u00e4t noch sp\u00e4rlicher durch das Gespr\u00e4ch mit der Mutter der Wirtin, ehemalige DDR-Unterstufenlehrerin: \u201eMan darf ja heute nichts mehr sagen, es gibt keine Meinungsfreiheit\u201c. Auf die Gegenfrage, ob es denn diese zu DDR-Zeiten gegeben habe, wird mir geantwortet, dass sich im Kollektiv alle einig gewesen seien und man offen habe reden k\u00f6nnen. Wenn da mal die Abteilung<em> Horch und Guck<\/em> das auch so gesehen h\u00e4tte. \u201eDen Politikern kann man heute sowieso nichts mehr glauben. Und was alles im Essen heutzutage ist\u201c. Die Ern\u00e4hrung in der DDR sei viel besser gewesen. Von den vielen Fl\u00fcchtlingen wollen wir gar nicht sprechen. Es h\u00f6rt sich nach Verschw\u00f6rungstheorien an, Verherrlichung der DDR-Zeiten. Und nat\u00fcrlich zum Schluss: bekennende AFD-W\u00e4hlerin.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass ich aus Creuzburg kommend nach der doch etwas zu kurzen letzten Nacht und dem sehr interessanten Gespr\u00e4ch \u2013 ich frage mich, ob ich nicht deutlicher h\u00e4tte Kontra geben sollen \u2013 diesen Ort so schnell wie m\u00f6glich verlassen sollte. Alle Caf\u00e9s und Gastst\u00e4tten hatten am fr\u00fchen Morgen noch zu und ich trat meine &#8218;Flucht&#8216; nach vorne an. Nach ca. einer Stunde merke ich dann, dass ich den ehemaligen Grenzverlauf verlassen habe und mich auf dem sch\u00f6nen Fahrradweg entlang der Werra befinde. Auf einer \u00fcberdachten Bank, wenige Meter \u00fcber der malerischen Werra gelegen, mache ich dann Rast, aber nur um auf dem Laptop meinen R\u00fcckstand von einigen Tagen beim Tagebuchschreiben zu verk\u00fcrzen. Ein \u00e4lteres Ehepaar f\u00e4hrt auf dem Fahrrad mit dem etwas scheuen Enkelkind aus der N\u00e4he von Stuttgart vorbei. Nein, die Kinder wollen nicht mehr nach Th\u00fcringen zur\u00fcck. Sie haben studiert und wohnen in Gro\u00dfst\u00e4dten.<\/p>\n<p>Vorbei an &#8217;sauberen&#8216; kleineren und modernen Industriebetrieben, komme ich nach Mihla. Direkt gegen\u00fcber der Kirche, die leider verschlossen ist, aber deren Innenraum durch Scheiben betrachtet werden kann, befindet sich ein D\u00f6ner-Imbiss. Der Innenraum ist belegt von einer dr\u00fcckenden, schw\u00fclen Hitze. Ich bestelle mir eine D\u00f6nertasche und trinke Ayran. Nachher komme ich mit dem D\u00f6nerbudenbesitzer ins Gespr\u00e4ch. Er lebt und arbeitet in Mihla seit 18 Jahren, davon 10 Jahre selbstst\u00e4ndig. 80 Stunden die Woche, sieben Tage die Woche, au\u00dfer \u00fcber die Weihnachtsfeiertage.<\/p>\n<p>In die alten Bundesl\u00e4nder wolle er nicht. &#8222;Nein, dort kann ich meine Kinder nicht richtig gro\u00dfziehen. Alles nur &#8218;Misch-Masch&#8216;, dort werden meine Kinder weder richtige T\u00fcrken-Kurden noch Deutsche.&#8220; Er f\u00fchlt sich hier wohl, wird sogar von der Nachbarin, die f\u00fcr die NPD im Stadtrat sitzt, akzeptiert. Er f\u00fchlt sich als Ausl\u00e4nder, die Fremden aus Ungarn, Polen und Rum\u00e4nien seien f\u00fcr die einheimische Bev\u00f6lkerung keine Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Entlang der Werra komme ich nach Frankenroda. Dort treffe ich Willi, Jahrgang 1945, der schon seit ca. 40 Jahren im ehemaligen Sperrgebiet wohnt. In der DDR war er politisch immer aufs\u00e4ssig. Den Einmarsch in die CSSR 1968 hatte er nicht schriftlich gut gehei\u00dfen und war zun\u00e4chst aus der SED geflogen, dann wegen staatsfeindlicher Propaganda zu einer Bew\u00e4hrungsstrafe verurteilt worden.\u00a0 Jedoch relativ schnell konnte er nach der zweimonatigen Bew\u00e4hrungsprobe im Gleisbau\u00a0wieder in seinem alten Beruf als Maschinenf\u00fchrer arbeiten.<\/p>\n<p>Die Wende hat er schnell &#8222;verkraftet&#8220;, als zweiter im Ort ein West-Auto, einen Audi, angeschafft, und damit kam nat\u00fcrlich auch der Neid in der d\u00f6rflichen Gesellschaft auf. Dass die Bewohner des Sperrbezirks eine Extra-Zulage bekommen haben sollen, war mir neu. Im Winter 1989\/90 habe er sich schnell zurecht gefunden, weil er &#8211; wie viele andere auch &#8211; die Unterschiede zwischen Ost und West zu Tausch- und Kaufgesch\u00e4ften genutzt hat.<\/p>\n<p>In Treffurt komme ich relativ verschwitzt gegen halb sechs an und versuche so langsam eine Unterkunft zu finden. In der N\u00e4he eines kleinen &#8218;Grenzh\u00e4uschens&#8216;, in dem man mit dem einen Bein in Th\u00fcringen und dem anderen in Hessen steht, finde ich einen Handzettel: \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit in Gro\u00dfburschla, einer ehemaligen Enklave, die in der N\u00e4he von Eschwege\/Wanfried in die Bundesrepublik hineinreichte. Nach einigen Kilometern und mehrfachem Durchfragen finde ich die relativ neue Pension kurz vor der Grenze zu Hessen. Die Unterkunft ist zwar sauber, aber das Speisenangebot \u00fcbersichtlich und der Internetzugang l\u00e4sst \u2013 wie so oft \u2013 sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<\/p>\n<p><strong>Tag 17 (03.08.18):\u00a0 Von Gro\u00dfburschla nach Heiligenstadt<\/strong><\/p>\n<p>Km: 592-630<\/p>\n<p>Gut ausgeschlafen stehe ich auf und freue mich auf das Kloster H\u00fclfensberg. Nachdem ich mit meinen Tagebucheintr\u00e4gen hinterherhinke und morgens mindestens einen Tag abarbeiten muss, komme ich so gegen halb zehn los. Es sollen wieder \u00fcber 30 Grad werden.\u00a0 Gro\u00dfburschla war zu DDR-Zeiten wegen des seltsamen Gernzverlaufs aus der DDR nur \u00fcber einen eigens gebauten Damm zu erreichen.\u00a0 Die Kinder der Wirtsleute haben studiert und leben teilweise in der N\u00e4he von Braunschweig. Man macht sich Sorgen, was mal sp\u00e4ter werden soll.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Station ist Wandfried, das ein wahrlich sch\u00f6n restauriertes Fachwerkhaus als Rathaus besitzt. Im Hof befindet sich eine Aufladestation f\u00fcr E-R\u00e4der. Ich fahre mit dem st\u00e4rksten Gang meines E-Bikes den Berg nach D\u00f6ringsdorf hoch. Ein steiler Anstieg. An der Stelle, wo fr\u00fcher die Grenze verlief, haben Anfang der 90er Jahre Katholiken aus dem Eichsfeld ein gro\u00dfes Kreuz zur Erinnerung an die Teilung Deutschlands aufgestellt. Ein Steinwurf entfernt befindet sich eine kleine Kapelle. Ich z\u00fcnde wie so oft, wenn ich in einer Kirche bin, drei Kerzen an.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt traue ich meinen Augen nicht. Es kommen vier jugendliche Reiterinnen auf der Stra\u00dfe den Berg hochgeritten und passieren das gro\u00dfe braune historische Hinweisschild, das dar\u00fcber informiert, dass hier bis zum 25. Dezember 1989 um 6 Uhr in der fr\u00fch Deutschland und Europa geteilt gewesen seien. Die erste Reiterin kommuniziert mit ihrem Handy, die anderen drei trotten hinterher&#8230; Ich vermute mal, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass hier die Grenze verlief, geschweige denn dass Menschen und Generationen vorher getrennt waren und Leid erfahren haben.<\/p>\n<p>Den sehr steilen Aufstieg zum schon seit Jahrhunderten bestehenden Kloster H\u00fclfensberg schafft mein E-Bike gut. Oben angekommen habe ich eine herrliche Aussicht von der Kanzel. Sowohl die Kirche als auch die Kapelle haben etwas Eigenartiges, es ist wie in vielen Gottesh\u00e4usern eine starke Spiritualit\u00e4t zu sp\u00fcren. Die K\u00fchle tut ebenso gut.<\/p>\n<p>Ich will mich bei Bruder Rudolf f\u00fcr den h\u00e4ufigen E-Mail-Verkehr bedanken. Vor wenigen Tagen habe ich eine Absage erhalten, dass ich die von mir geplanten drei Tage zur Einkehr, zur Besinnung und zum R\u00fcckblick auf die bisherige Reise nicht im Kloster verbringen kann. Man sei ausgebucht bis zum Oktober. Trotzdem kommt es zu einem kurzen Treffen mit dem Franziskanerm\u00f6nch, der aus Ostwestfalen stammt und seit einigen Jahren mit zwei seiner Mitbr\u00fcder die Tradition fortsetzt.<\/p>\n<p>Er berichtet von den Ereignissen des Jahres 1989, insbesondere der Tatsache, dass der damalige nur noch allein das Kloster bewohnende Pater am fr\u00fchen Morgen des Weihnachtstages 1989 eine Messe mit 1000 Gl\u00e4ubigen aus den umliegenden Orten abhielt, bevor sie gemeinsam zum neu errichten Grenz\u00fcbergang gegangen sind und die 400 schon wartenden Menschen aus dem Westen trafen. Welch ein historischer Moment muss dies nach all den Jahren der Teilung gewesen sein!<\/p>\n<p>Da ich nicht direkt auf der Stra\u00dfe nach Heiligenstadt fahren will, geht es mal wieder \u00fcber einen Feldweg, zun\u00e4chst zweimal in die Irre mit Endstation, bevor ich den richtigen, schmalen Pfad finde, dann aber zweimal das Gep\u00e4ck abschnallen muss, um schlie\u00dflich alles einzeln, Fahrrad und Gep\u00e4ck, \u00fcber einen Baumstamm zu heben.<\/p>\n<p>In Geismar erhalte ich freundliche Auskunft. Eine Gastst\u00e4tte gibt es zwar nicht, die auf hat, aber einen Netto-Supermarkt: `Geh doch zu Netto`. Es ist alles unwirklich f\u00fcr mich. Nagelneuer Supermarkt hier im ehemaligen Sperrgebiet. Man kann herrlich abk\u00fchlen im Inneren und der mindestens zehn Jahre \u00e4ltere, drahtige Radfahrer, den ich dort antreffe, f\u00e4hrt t\u00e4glich noch einige Stunden.<\/p>\n<p>Nach Volkerode und Kella, wo mein Vater 1945 angefangen hat zu unterrichten, komme ich, wie urspr\u00fcnglich geplant, heute nicht mehr. Ich sehe zu, wie ich in der sengenden Hitze durchs h\u00fcgelige Eichsfeld nach Heiligenstadt in das gebuchte Wellnesshotel komme. \u00dcber Ershausen fahre ich in der Mittagshitze durch verschlafene D\u00f6rfer wie z. B. Lehna, R\u00fcstungen und Dieterode Richtung Norden. Zum Gl\u00fcck erlaubt mir die nette Wirtin in Dieterode meinen Akku wieder aufzutanken. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Tettau l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Der Schmandkuchen, wohl eine Eichsfelder Spezialit\u00e4t, ist ein Gedicht. Von den Dieter\u00f6der Klippen, sie sehen wirklich so aus, hat man einen herrlichen Ausblick in das s\u00fcdliche Eichsfeld, bis in den Westen.<\/p>\n<p>\u00dcber Kalteneber geht es hoch zum Fortshaus im Heiligenst\u00e4dter Stadtwald. Ich suche den Gedenkstein f\u00fcr meinen auf der Jagd erschossenen Gro\u00dfvater, der am 11. Dezember 1960 dort in seinem Revier bei einer Treibjagd von einem Mitglieder der SED-Kreisleitung, einem unerfahrenen J\u00e4ger, durch zwei Sch\u00fcsse get\u00f6tet worden ist. Der Gedenkstein war seinerzeit von meinem Onkel Ernst aufgestellt worden und ist in den letzten Jahren von ehemaligen Forstkollegen, u. a. Bernhard Fahrig aus Niederorschel, mit neuer Farbe restauriert worden.<\/p>\n<p>Auf der Sitzbank erinnere ich mich an die bedr\u00fcckenden Tage des Dezember 1960, an die Totenmesse im Heiligenst\u00e4dter Redemptoristenkloster, die Beerdigung auf dem Friedhof unter massenhafter Anteilnahme der Bev\u00f6lkerung. Ein schreckliches Ereignis, das mir bis heute in Erinnerung bleibt&#8230;<\/p>\n<p>Kontrastprogramm: Ich fahre an dem ehemaligen Haus meiner Gro\u00dfeltern vorbei, das mittlerweile verkauft wurde, und gelange zum Best Western Hotel, dem ein Schwimmbad mit Saunalandschaft angeschlosssen ist. Mit meinem Gep\u00e4ck komme ich mir irgendwie fehl am Platze vor.<\/p>\n<p>Ellen, meine Frau, kommt nahezu p\u00fcnktlich aus dem Schwarzwald mit der Bahn angereist. Nach drei Wochen haben wir uns viel zu erz\u00e4hlen und verbringen einen netten Abend auf der Terrasse des Hotels.<\/p>\n<p><strong>Tag 18 (04.08.18):\u00a0 Heilbad Heiligenstadt &#8211; Ruhetag<\/strong><\/p>\n<p>Km: 630<\/p>\n<p>Heute steht kein Fahrradfahren auf dem Programm! Nach einem ausgiebigen Fr\u00fchst\u00fcck auf der Au\u00dfenterrasse kommen wir noch mit einer Kellnerin ins Gespr\u00e4ch: Sie ist in dem kleinen 200-Seelen-Ort R\u00f6hrig, wo ich einige Jahre meiner Kindheit bis zur Flucht aus der DDR verbracht habe, geboren.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Innenstadt kommen wir am Schwimmbad vorbei. Die Erinnerung holt mich ein. War es 1959 oder 1960, als ich als Neun- oder Zehnj\u00e4hriger mit mir und dem Schwimmen gek\u00e4mpft habe? 45 Minuten am St\u00fcck schwimmen, um das Fahrtenschwimmerabzeichen zu erhalten. Ich erinnere mich an die lange Zeit, die Minuten und Minuten, die nicht vergehen wollten. Kein Anfassen des Beckenrandes, immer sch\u00f6n im Wasser in Bewegung bleiben. Wurde u. a. hier die Grundlage f\u00fcr den sp\u00e4teren Ehrgeiz, alles zu bestehen und zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe, gelegt &#8230;? Beim Blick auf das schon leicht gef\u00fcllte Schwimmbecken werde ich mal wieder wehm\u00fctig wie schon \u00f6fters auf dieser Reise in die Vergangenheit.<\/p>\n<p>Die Wilhelmstra\u00dfe, wohl ein Relikt aus der Kaiserzeit, die zu DDR-Zeiten offiziell Karl-Marx-Stra\u00dfe hie\u00df, aber von den Einheimischen nur <em>Willem<\/em> genannt wurde, hat sich seit der Wende ver\u00e4ndert. H\u00e4user haben neue Farben erhalten, Au\u00dfencaf\u00e9s sind entstanden, aber auch eine Reihe von billigen Textill\u00e4den befinden sich genau wie in Herford mittlerweile dort. Ich kaufe mir ein leuchtendes T-Shirt, wahrscheinlich ein billiger Import. Mein schlechtes Gewissen h\u00e4lt sich in Grenzen. Ich habe oft Otto, einen Kollegen und Freund aus Herford im Kopf, der beim Fahrradfahren t\u00f6dlich verungl\u00fcckt ist.<\/p>\n<p>Ich sehe eine Erinnerungstafel an Theodor Storm und seine Zeit in Heiligenstadt. Wo finde ich wohl eine Erinnerungstafel an den jungen Heinrich Heine und seine Zeit am Amtsgericht in meiner Heimatstadt?<\/p>\n<p>Nach dem Besuch im VitalPark lauschen wir abends dem Sommerkonzert. Die Tanzdarbietungen der halbprofessionellen Paare sind eine Augenweide, die musikalischen Darbietungen der Band nur teilweise. Alles gesponsert von der Volksbank Mitte, einer Verschmelzung der Volksbanken Heiligenstadt und Duderstadt. Irgendwie habe ich immer noch das Gef\u00fchl, dass ich in einem anderen Film bin, obwohl es schon nahezu drei Jahrzehnte keine Grenze mehr gibt.<\/p>\n<p>Beim Absacker an der Hotelbar kommen wir mit einer Mitarbeiterin ins Gespr\u00e4ch, die sich bewusst f\u00fcr das Arbeiten in Th\u00fcringen und nicht in Hessen entschieden hat, obwohl sie nur wenige Kilometer von der hessischen Grenze entfernt wohnt. Als Grund gibt sie Mentalit\u00e4tsunterschiede an. Ein Aspekt, der sich bisher durch viele Gespr\u00e4che zog.<\/p>\n<p>Ein Tag ganz ohne Fahrrad tut gut &#8230;<\/p>\n<p><strong>Tag 19 (05.08.18):\u00a0 Heilbad Heiligenstadt \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Km: 630 &#8211; 652<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck f\u00e4hrt Ellen wieder in den Schwarzwald zur\u00fcck, nicht ohne dass wir auf dem Bahnhofsvorplatz noch ein Erinnerungsfoto gemacht haben. Ellen fotografiert mich sitzend auf genau derselben Bank, auf der es im Sommer 1958, also zwei Jahre nach der DDR-Flucht meines Vaters mit mir, das letzte gemeinsame Familienfoto gegeben hat. Die vier Kinder in der Mitte, drei davon einheitlich gekleidet, sowie Vater und Mutter jeweils an den Au\u00dfenr\u00e4ndern. Dies sollte der letzte Versuch der Familienzusammenf\u00fchrung sein &#8230; Die Trennung von meiner Mutter war bitter, aber letzten Endes bedeutete sie doch einen gewissen inneren Frieden, der angesichts der permanenten Eheauseinandersetzungen in den ersten Jahren meiner Kindheit nicht vorhanden war &#8230;<\/p>\n<p>Nachdem ich Ellen im Zug nach Kassel hinterhergewunken hatte, habe ich erstmal versucht, eine preiswertere Unterkunft in Heiligenstadt und Umgebung zu finden. Mehrere telefonische Anfragen bei Hotels und Gastst\u00e4tten waren erfolglos, weshalb ich zun\u00e4chst etwas entt\u00e4uscht in die Stadt fuhr und schlie\u00dflich einem Schild mit dem Hinweis auf eine \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit folgte. MCH war dort zu lesen.<\/p>\n<p>Ich staunte nicht schlecht, als ich unter den Linden, eigentlich m\u00fcsste es hei\u00dfen <em>Lindenallee<\/em>, vor dem ehemaligen bisch\u00f6flichen Konvikt stand, einer Ausbildungseinrichtung f\u00fcr den Priesternachwuchs, die mittlerweile als Familien- und Jugendbegegnungsst\u00e4tte genutzt wird. Nachmittags kurz vor zwei ist die T\u00fcr verschlossen. Ich z\u00f6gere, entschlie\u00dfe mich dann aber doch zu klingeln. Mehr als eine Absage kann es auch nicht geben, wenn \u00fcberhaupt jemand da ist! Doch die T\u00fcr \u00f6ffnet sich und eine etwas irritierte, zun\u00e4chst unschl\u00fcssige Frau h\u00f6rt sich meine Geschichte an: in Heiligenstadt geboren und jetzt auf der Durchreise&#8230; Irgendwie muss ich wohl einen hilfsbed\u00fcrftigen, aber doch noch halbwegs seri\u00f6sen Eindruck gemacht haben. Ich darf jedenfalls mein Gep\u00e4ck dalassen und soll zwischen f\u00fcnf und sechs wiederkommen. Ein Zimmer sei vorhanden.<\/p>\n<p>Ohne Gep\u00e4ck geht es steil zum Iberghaus hoch. Ich habe die Gelegenheit, mit Herrn M. und seinem Vater zu sprechen, der mich noch von fr\u00fcher kennt und der mit seinem Sohn zusammen die Gastwirtschaft in der vierten Generation f\u00fchrt. Diese fr\u00fcher sehr beliebte Ausflugsgastst\u00e4tte \u00fcber der Stadt bietet einen herrlichen Ausblick auf Heiligenstadt. Wir sprechen \u00fcber das Schicksal meines erschossenen Gro\u00dfvaters, auch \u00fcber meinen Vater und meine Tante Rosemarie, die auch oft zu Gast war. Schlie\u00dflich treffe ich noch einen \u00fcber 80-j\u00e4hrigen Heiligenst\u00e4dter, der zu DDR-Zeiten seinen Angaben zufolge immer Kontra gegeben, ansonsten aber seine Gesch\u00e4fte gemacht hat.<\/p>\n<p>Abends sitze ich nach dem gemeinsamen Abendessen mit der aus Jena angereisten katholischen Kinder- und Jugendgruppe (beim Beten und anschlie\u00dfendem Kreuzzeichen werde ich ein wenig argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt!) unter der herrlichen Linde im Innenhof des Konvikts und versuche meinen R\u00fcckstand im Tagebuchschreiben aufzuholen. Ich komme mit M., einem p\u00e4dagogischen Mitarbeiter des Hauses ins Gespr\u00e4ch, der erst seit kurzem hier im katholischen Eichsfeld ist. Urspr\u00fcnglich kommt er vom Niederrhein, hat aber lange Zeit in Zwickau gelebt. Man merkt ihm an, dass er Theologie studiert hat und wir sind sehr schnell in ein sehr pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott und die Welt, das Transzendentale, aber auch \u00fcber verschiedene Stationen in unserem Leben vertieft. Es entwickelt sich ein sehr pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch, das in den n\u00e4chsten Tagen noch nachwirkt. Meine lebensgeschichtliche Reise, der Versuch nach sieben Jahrzehnten eine vorl\u00e4ufige Bilanz zu ziehen, ist dabei der Ausgangs- und Ankn\u00fcpfungspunkt.<\/p>\n<p>Nachts schlafe ich unruhig. Liegt es an dem Ort oder an der Intensit\u00e4t der Gespr\u00e4che?<\/p>\n<p><strong>Tag 20 (06.08.18)\u00a0 Heilbad Heiligenstadt<\/strong><\/p>\n<p>KM: 640 &#8211; 652<\/p>\n<p>Die Nacht schlafe ich sehr unruhig. Ich wache gegen vier Uhr in der Fr\u00fche auf und muss mich erst einmal orientieren. Das behindertengerecht eingerichtete Zimmer Nr. 163 im EG hat etwas Spartanisches, vielleicht liegt es auch an den doch sehr intensiven Diskussionen des vergangenen Abends. Ich setze mich unter die herrlichen Schatten spendende Linde und versuche, meine Tagebuchaufzeichnungen der letzten Tage auf den neuesten Stand zu bringen.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlege mir das Programm f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage und rufe zun\u00e4chst meinen Cousin Ernst-Georg an, mit dem ich schon seit einigen Monaten wieder telefonischen Kontakt aufgenommen hatte. Der Zufall (?) will es, dass er gerade mit dem Auto am ehemaligen Marcel-Callo-Haus vorbeif\u00e4hrt. Spontan setzen wir uns auf eine Tasse Kaffee im Innenhof des Konvikts zusammen und bringen uns pers\u00f6nlich und familiengeschichtlich auf den neuesten Stand. Schlie\u00dflich haben wir uns mindestens seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen. So erfahre ich auch, dass er gerade heute Geburtstag hat.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag fahre ich dann mit einer Flasche franz\u00f6sischem Rotwein nach Geisleden zu seiner Geburtstagsfeier. Dort treffe ich auch seine Frau Barbara, seine T\u00f6chter Beatrix und Iris sowie die drei Enkel. Es ist von Anfang eine gro\u00dfe Freude und Herzlichkeit. Es f\u00fchlt sich an wie ein famili\u00e4res Nachhausekommen im Eichsfeld. Kuchen und Gehacktes geh\u00f6ren nat\u00fcrlich dazu. In Windeseile organisieren meine Schw\u00e4gerin und meine Nichten f\u00fcr mich ein Treffen mit ehemaligen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern meiner Eltern in Beuren sowie in R\u00f6hrig, wo beide als Lehrer\/innen gearbeitet haben. Ebenso laden mich Iris und Beatrix nach Uder ein, wo sie wohnen bzw. arbeiten.<\/p>\n<p>Abends treffe ich mich wieder mit M. im Marcel-Callo-Haus. Marcel Callo \u00fcbrigens, und das verwundert mich schon ein wenig, ist der Namensgeber dieser Bildungsst\u00e4tte in dem doch eher konservativ gepr\u00e4gten Eichsfeld. Er war ein franz\u00f6sischer Laienpriester, der sich freiwillig zum Arbeitseinsatz in Deutschland gemeldet hatte, um seinen Landsleuten seelsorgerisch beizustehen. Seine klare Opposition zum NS-System hatte zur Folge, dass er ins Gef\u00e4ngnis musste und dann schlie\u00dflich im M\u00e4rz 1945 im KZ umgekommen ist. Von der katholischen Kirche wurde er dann sp\u00e4ter selig gesprochen. Es ist zu hoffen, dass die jugendlichen Besucher nicht nur etwas \u00fcber die Geschichte von Marcel Callo erfahren, sondern auch seinen Mut und seine Standfestigkeit in Fragen der Menschenrechte \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Die wiederum sehr intensive Diskussion mit M. wird im Hotel Norddeutscher Bund, einem mittlerweile wieder sehr sch\u00f6n zurecht gemachten Hotel mit Au\u00dfengastronomie, fortgesetzt. Dort treffen wir Freunde und Bekannte von ihm, die schon seit mehr als einem Jahrzehnt im Eichsfeld wohnen. Es ergeben sich in noch schw\u00fcler Hitze interessante Gespr\u00e4che \u00fcber die Mentalit\u00e4t der Eichsfelder, m\u00f6gliche Unterschiede zwischen Ost und West, vielleicht auch die Unterschiede zwischen Menschen, die nah an der Grenze zu DDR-Zeiten gewohnt haben, also durch den kleinen Grenzverkehr immer schon mehr Kontakte mit der Bundesrepublik gehabt hatten als z. B. Menschen in Leipzig, Dresden, Bochum oder K\u00f6ln. Es freut mich besonders, dass ein Gespr\u00e4chspartner, der in der evangelischen Kirche aktiv ist, auch das Gef\u00fchl hat, dass man angesichts der rechtspopulistischen Propanganda so langsam aufstehen m\u00fcsse und \u00f6ffentlich und privat Farbe bekennen m\u00fcsse.<\/p>\n<p><strong>Tag 21 (07.08.18):\u00a0 Heilbad Heiligenstadt<\/strong><\/p>\n<p>KM: 652 -692<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen merke ich, dass der letzte Abend doch etwas zu lang war, zuerst Wein und dann Bier, wohl etwas zu viel bei der Hitze. Man ist halt nicht mehr der J\u00fcngste. Um halb zehn fahre ich hoch zum Forsthaus in Heiligenstadt, ohne volle Gep\u00e4cktaschen, es ist ein langer Anstieg, aber mit dem Turbogang des Boschmotors meines E-Bikes geht es ohne Probleme den Berg hoch. Das Forsthaus hat nicht ge\u00f6ffnet, nur an Wochenenden. Eigentlich schade, aber doch wohl realistisch.<\/p>\n<p>Um halb elf kommt Bernhard Fahrig, ein fr\u00fcherer leitender Forstbeamter im Forstamt Heiligenstadt. Bernhard hat mit Freunden den Gedenkstein f\u00fcr meinen auf der Jagd erschossenen Gro\u00dfvater im letzten Jahr restauriert, mit B\u00fcrsten die erhabenen Buchstaben wieder deutlich herausgearbeitet und dann die Buchstaben mit wei\u00dfer Schrift lesbar gemacht. Die <a href=\"https:\/\/eichsfeld.thueringer-allgemeine.de\/web\/eichsfeld\/startseite\/detail\/-\/specific\/Schrift-auf-Gedenkstein-wieder-lesbar-1849046302\"><em>Th\u00fcringer Allgemeine<\/em><\/a> hat dar\u00fcber am 1. Juli 2017 berichtet.<\/p>\n<p>Bernhard ist angesichts der lang anhaltenden D\u00fcrre um die Natur sehr besorgt. Er zeigt mir die Risse im Trampelpfad zum Gedenkstein. Es ist ein Bild wie im Sommer in Spanien oder S\u00fcditalien. Wo soll das mit dem Klimawandel noch hinf\u00fchren? Er zeigt mir die vielen braunen Bl\u00e4tter, die auf dem Waldboden liegen. Ich stelle ihm die Frage, was in ein paar Jahren, Jahrzehnten unsere Kinder und besonders unsere Enkel uns fragen werden, was unser Beitrag zum Temperaturanstieg war. Wir haben \u2013 vielleicht \u2013 unsere Eltern nach ihrer Rolle im Dritten Reich gefragt. Werden unsere Enkel uns nach unseren Konsum- und Reisegewohnheiten in den letzten 30 oder 40 Jahren fragen? Ich interviewe Bernd auf der Bank sitzend und zum Abscnied bekomme ich eine Flasche Schnaps mit selbst aufgesetzter Wildkirsche geschenkt, die ich dann und wann &#8218;zur Feier des Tages&#8216; heraushole.<\/p>\n<p>Es ist so hei\u00df, dass ich erst mal wieder ins Konvikt fahre und mich eine halbe Stunde auf das Bett lege und die relative K\u00fchle genie\u00dfe. Um viertel nach eins hilft trotzdem nichts: Barbara hat freundlicherweise um zwei einen Termin f\u00fcr mich in der Schule in Beuren ausgemacht. Ich versch\u00e4tze mich in der Entfernung und komme in der Gluthitze zehn Minuten zu sp\u00e4t an. Ich traue meinen Augen nicht. Drei noch sehr r\u00fcstige 80-J\u00e4hrige und ein Mittsechziger, eine fr\u00fchere Englisch- und Deutschlehrerin, begr\u00fc\u00dfen mich freundlich.<\/p>\n<p>Welch ein Unterschied zwischen den alten DDR-Schulen und der Montessori-Grundschule, die sich jetzt in dem Geb\u00e4ude befindet. Die Schulr\u00e4ume sind bunt bebildert eingerichtet, man f\u00fchlt sich gleich wohl, Kuschel- und Sitzecken inklusive. Man sp\u00fcrt den Hauch von Montessori. Oben unter dem Dach befindet sich ein kleines historisches Kabinett, wie man in der ehemaligen DDR wohl sagen w\u00fcrde. Sehr liebevoll eingerichtet, alte Schulb\u00e4nke, Zeugnisse, Klassenb\u00fccher, Trachten und sogar eine kleine DDR-Ecke mit FDJ- und Pionierhemd sind vorhanden. Und hier habe ich also meine ersten drei Jahre, von Ende 1948 bis Mitte 1952, verbracht. Es \u00fcberf\u00e4llt mich ein seltsames Gef\u00fchl. Ich werde nachdenklich. Vielleicht ist es auf dem Foto zu sehen?<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sind wir bei Herrn R. und seiner Frau zuhause zum Kaffee eingeladen. Es werden verschiedene Storys \u00fcber meinen Vater erz\u00e4hlt. Zwei Anwesende hatten bei ihm Mathematik und Sportunterricht. Sein Ansehen war hoch, weil er allen Schwimmen beigebracht und Fahrradtouren unternommen hat. Was mich allerdings sehr verwundert, waren seine &#8218;handfesten&#8216; Argumente, von denen die Sch\u00fcler berichteten. Backpfeifen schienen an der Tagesordnung zu sein und ein aufm\u00fcpfiger Sch\u00fcler landete im Rahmen eines Boxkampfes wohl auch mal im Kohlekasten &#8230; Heute wohl alles unvorstellbar, aber in der damaligen Zeit war es gang und gebe und die Sch\u00fcler wagten sich dann nicht nach Hause, weil die Eltern vielleicht die rote Backe h\u00e4tten sehen k\u00f6nnen und es nochmal eine gesetzt h\u00e4tte. Ich bin verwundert ob dieser Berichte. Mein Vater hat mich trotz aller Probleme und Auseinandersetzungen nie geschlagen &#8230;<\/p>\n<p>Das alte Pfarrhaus wird restauriert. Wehm\u00fctig schaue ich mir den verkleinerten Garten an. Hier habe ich Ostereier mit meiner Tante Meyer gesucht, eine der gl\u00fccklichen Stunden meiner Kindheit ebenso wie die Besuche sp\u00e4ter bei ihr, als wir schon in R\u00f6hrig wohnten. Mein Vater auf dem Motorrad, ich als kleiner Steppke auf dem Tank sitzend, bei Wind und Wetter von R\u00f6hrig nach Beuren und zur\u00fcck. Haarstreubend heute, wenn man an die Sicherheitsvorschriften denkt &#8230;<\/p>\n<p>In der Dorfkirche von Beuren \u00fcbt ein junges M\u00e4dchen mit der Gitarre moderne Kirchenlieder, ein Lehrer unterst\u00fctzt sie dabei. Einige Momente des Insichgehens, der Harmonie. Vor der Kirche fegt eine Frau meines Alters die Stra\u00dfe und beseitigt das Gras in den Ritzen. Auch sie trauert ein wenig der DDR-Zeit, dem Zusammenhalt im Dorf nach, aber stolz berichtet sie von den Fahrradtouren, die sie mit ihrem Mann an Donau und Mosel gemacht hat.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg nehme ich wieder den Fahrradweg \u00fcber Wingerode und Bodenrode, weil die Bundesstra\u00dfe 80 zu gef\u00e4hrlich ist. In den D\u00f6rfern auf dem Weg nach Heiligenstadt fallen mir die vielen Neubauten und die sch\u00f6n renovierten Fassaden der Fachwerkh\u00e4user auf. Es scheint Wohlstand vorhanden sein, was man auch an den Autos auf der Stra\u00dfe sieht.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Boxenstopp in einer D\u00f6nerbude geht es noch schnell in die Martinskirche, wo M.s fr\u00fcherer Schulkamerad ein kurzes, improvisiertes Orgelkonzert f\u00fcr einige G\u00e4ste des Marcel-Callo-Hauses gibt. Es zerrei\u00dft mir fast die Brust, so eine musikalische Gewalt str\u00f6mt auf mich ein. Ein Auf und Ab an lauten und leisen T\u00f6nen, die mir ins Mark gehen&#8230; Ich denke, irgendwie ist es symbolisch f\u00fcr den Verlauf meines bisherigen Lebens.<\/p>\n<p><strong>Tag 22 (08.08.18) : Heilbad Heiligenstadt<\/strong><\/p>\n<p>KM: 692 \u2013 719<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen f\u00fchle ich mich ausgeschlafener, erholter. Um halb elf bin ich mit ehemaligen Schulkameraden in R\u00f6hrig (<em>Quitschen R\u00f6hrchen<\/em>) verabredet. Auf dem Weg dorthin besuche ich das Freibad in Uder, in dem ich als Sechsj\u00e4hriger Schwimmen und Springen vom Ein-Meter-Sprungbrett gelernt habe. Ich wollte partout nicht, aber mein Vater hat mich mit einer Bockwurst gelockt: \u201eWenn du runterspringst, bekommst du eine Bockwurst.\u201c Schlie\u00dflich, nach langem \u00dcberlegen und voller Angst bin ich dann in die Arme meines Vaters gesprungen. Die Bockwurst, die damals viel f\u00fcr mich bedeutete, hatte ich mir teuer verdient. Sp\u00e4ter war Wasser nie mehr mein Element. Wohl ein Ergebnis dieser Bockwurst-Herausforderung.<\/p>\n<p>Der langsame Anstieg nach R\u00f6hrig erinnert mich an das Fahren mit dem Roller den Berg runter, das Schubsen meines Bruders Hannes und den dadurch verursachten Sturz. Ich habe geheult. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte er mir, dass ich ihn daf\u00fcr irgendwann mal mit dem K\u00fcchenmesser auf dem Tisch festgenagelt h\u00e4tte. Ungl\u00e4ubig schaute ich mir seine Narbe an. Sollten diese kindlichen und fr\u00fchkindlichen Spannungen zwischen dem Erstgeborenen und dem Zweitgeborenen, der lange Zeit als &#8218;Erstgeborener&#8216; und Einzelkind von der Oma m\u00fctterlicherseits verw\u00f6hnt und bevorzugt wurde, einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die famili\u00e4ren Spannungen sein?<\/p>\n<p>Ich fahre den Berg hoch nach R\u00f6hrig, malerisch am Waldrand gelegen, mein Herz schl\u00e4gt schneller. Ich sp\u00fcre, dass sich hier in diesem kleinen Eichsfelder Bauerndorf der F\u00fcnziger Jahre ein Teil meiner Wurzeln befindet. Ist es diese Mischung aus katholischer Eichsfelder Dickk\u00f6pfigkeit und Geradlinigkeit sowie dem protestantischen Arbeitsethos meiner Mutter, dem evangelischen Fl\u00fcchtlingsm\u00e4dchen aus der N\u00e4he von Lodz, die mich haben werden lassen, was ich in nahezu sieben Jahrzehnten geworden bin?<\/p>\n<p>Im Dorfzentrum befindet sich das fr\u00fchere Schulgeb\u00e4ude, wo ich bis zum 29. Juni 1956, dem katholischen Feiertag Peter und Paul, mit meinen Eltern und meinen drei Br\u00fcdern gelebt habe. Ich erinnere mich an traumatische Situationen, als nachts meine Mutter wutenbrannt das Geschirr durch das geschlossene Fenster geworfen hat, weil mein Vater mal wieder sp\u00e4t und im feuchtfr\u00f6hlichen Zustand nach Hause gekommen war, aber auch an meine Einschulung im Herbst 1955 und die Peinlichkeit, dass es mir nicht gelang f\u00fcr das Einschulungsfoto meine zu lange Unterhose hochzuziehen. Sie &#8218;lugte&#8216; unten raus, was mir sichtlich peinlich war.<\/p>\n<p>Ich denke auch an meinen damaligen besten Freund Heinz K., mit dem ich viel Zeit verbracht habe und mit dem ich mich sp\u00e4ter nach der Flucht aus der DDR immer noch an und ab getroffen habe. In seiner Jugend ist er wohl ein sehr guter Fahrradfahrer geworden und war wohl auf Bezirksebene erfolgreich \u2013 ein Beispiel f\u00fcr die erfolgreiche Talentf\u00f6rderung des staatlichen Sportsystems in der DDR. Sp\u00e4ter hie\u00df es, er sei mit Mitte F\u00fcnfzig verstorben.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Besuch in der Kirche, wo sich drei Familien f\u00fcr den bevorstehenden Kuchenbasar im Nachbarort angemeldet haben \u2013 eigentlich etwas wenig f\u00fcr einen Ort mit ca. 200 Einwohnern \u2013 gehe ich zum Haus von H. und G.. Sehr freundlich werde ich von G., der zwei Jahre \u00e4lter ist als ich, begr\u00fc\u00dft. Wir gehen in die gute Stube und H. und ich stellen fest, dass wir zur selben Zeit im Herbst 1955 eingeschult worden sind &#8211; welch eine \u00dcberraschung und Freude! Beide k\u00f6nnen sich noch an meine Eltern als Lehrer\/innen erinnern, mehr aber wohl an meinen Vater, der vor allem wohl bei den j\u00fcngeren Leuten im Dorf beliebt war, weil er den ersten Fernseher besa\u00df. Daran, dass im Januar 1956 bei den Olympischen Winterspielen in Cortina D`Ampezzo bei uns zuhause das ganze Wohnzimmer voll war, was meiner Mutter mit den vier Kindern nat\u00fcrlich nicht so passte, kann ich mich noch schemenhaft erinnern.<\/p>\n<p>Wir sprechen \u00fcber unsere unterschiedlichen Werdeg\u00e4nge, das Aufwachsen und Erwachsenwerden in der DDR und der Bundesrepublik, die Probleme mit den Kindern, die nicht zur Jugendweihe gehen wollten und deshalb nicht den gew\u00fcnschten Beruf erlernen durften bzw. \u00fcber den Zwang, in die Partei einzutreten, um den gew\u00fcnschten Beruf erlernen und aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, den Spagat im katholischen Eichsfeld seinen Glauben leben und gleichzeitig sich beruflich verwirklichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir kommen auch auf die Ver\u00e4nderungen nach der Wende zu sprechen, die Schlie\u00dfung der gro\u00dfen Textil- und Papierfabriken in Heiligenstadt und Leinefelde, die im Zuge des &#8218;Eichsfeldplanes&#8216; der SED in den Sechziger und Siebziger Jahren errichtet wurden und oft Konsumg\u00fcter f\u00fcr die BRD produzierten. Die pers\u00f6nlichen Verwerfungen, die durch Entlassungen, Umstrukturierungen und die \u00dcbernahme eines anderen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem entstanden, waren nat\u00fcrlich auch ein Thema. Es entwickelt sich ein sehr pers\u00f6nliches, vertrauliches Gespr\u00e4ch, auch \u00fcber positive und negative Erfahrungen und Sorgen so, als ob man sich schon immer gut verstanden h\u00e4tte und wir in den vergangenen sechs Jahrzehnten immer in Kontakt geblieben w\u00e4ren. Dass meine fr\u00fchere Klassenkameradin mir mehrere Gl\u00e4ser selbst hergestellten (Himbeer?)-Saft zu Trinken gibt, ist mir nat\u00fcrlich etwas peinlich, aber ich denke, die beiden hatten angesichts der Hitze drau\u00dfen und der Tatsache, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs war, Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Der Besuch dauert l\u00e4nger als geplant. Hildegard und Gerhard laden mich zum Mittagessen ein. Bevor ich die herrlichen, neuen Kartoffeln und das Gem\u00fcse aus dem eigenen Garten genie\u00dfen kann, wird gebetet. Es ist f\u00fcr mich, der sich schon mehrere Jahrzehnte von der katholischen Amtskirche entfernt hat, ohne ganz die Beziehung aufgegeben zu haben, eine \u00fcberraschende Situation. Auch ich beende das Gebet mit dem Kreuzzeichen, was ich im Marcel-Callo-Haus in Heiligenstadt beim Abendtischgebet mt der Jugendgruppe noch verweigert hatte.<\/p>\n<p>Wir kamen dann auf die anderen Klassenkameraden zu sprechen. Zu meiner gro\u00dfen \u00dcberraschung und Freude erz\u00e4hlte mir H., dass mein alter Kumpel und Freund Heinz K. noch am Leben sei und im nahen Worbis wohne. Ich konnte es nicht fassen. Wahrscheinlich der sch\u00f6nste Moment auf meiner bisherigen Reise in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bei dem Angebot ihn anzurufen und mit ihm zu sprechen, z\u00f6gerte ich noch ein wenig. Heinz wei\u00df sofort Bescheid, als H. ihm sagt, hier sei sein alter Kumpel aus R\u00f6hrig, der ihn sprechen wolle. Ich k\u00e4mpfe mit meinen Gef\u00fchlen, genau wie beim Schreiben dieser Zeilen: Es ist nicht zu fassen. Nach nahezu sechs Jahrzehnten sprechen wir einmal wieder miteinander und verabreden uns bei meinem n\u00e4chsten Besuch im Eichsfeld.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen fahren wir gemeinsam zur Schule und machten Fotos. Es war eine gute Idee, dass ich nicht nur ein gro\u00dfes Stativ f\u00fcr Aufnahmen mit Selbstausl\u00f6ser hatte, sondern auch ein so genanntes &#8218;Gorillapad&#8216;, das mir diente, wenn ich vom stehenden oder fahrenden Fahrrad aus Fotos oder Videos machen wollte. Vor der Schule, auf derselben Stufe wie vor 63 Jahren standen wir also nun, und versuchten in die Kamera zu l\u00e4cheln. Wenn ich wieder zuhause in Herford bin, werde ich das Bild aus dem Jahre 1955 herauskramen und vergleichen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich fahren G. mit Auto und ich nat\u00fcrlich steil den Berg hoch zum Sportplatz: Das ganze Gras braun, verbrannt und schon seit Jahren kein Fu\u00dfballspiel mehr, da es nicht mehr gelingt, eine Mannschaft aufzustellen. Eine \u00e4hnliche Entwicklung wie in den Orten jenseits der Grenze. Ich erinnere mich noch genau, wie mein zweitgeborener Bruder und ich im Bollerwagen hinter dem Tor, das mein Vater beim Fu\u00dfballspiel h\u00fctete, sa\u00dfen &#8230; und uns \u00fcber den f\u00fcr uns als Kinder nicht mehr auszuhaltenden Streit der Eltern unterhielten.<\/p>\n<p>Durch den sehr trockenen Wald, einem schlecht zu fahrenden Schotterweg folgend, gelangte ich nach Uder, wo ich meine Gro\u00dfnichte Iris besuchte. Ihr k\u00fcrzlich errichtetes Haus befindet sich in einem Neubaugebiet, dem man ansieht, dass der wirtschaftliche Wohlstand das Eichsfeld drei Jahrzehnte nach der Wende mehr als erreicht hat. Iris zeigt mir alte Fotos, schenkt mir das Hochzeitsbild ihrer Gro\u00dfeltern v\u00e4terlicherseits und wir tauschen Anekdoten , teilweise unbekannt und zum Schmunzeln geeignet, aus der wechselvollen Familiengeschichte der Familie Pingel,\u00a0 besonders der V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter, aus &#8230;<\/p>\n<p>Auf dem Nachhauseweg versuche ich in der Alten Burg, einer Gastst\u00e4tte zwischen Heiligenstadt und Uder, einzukehren. Hier hat mein Vater, als wir mit dem Motorrad unterwegs waren, wie gesagt: er auf dem Sitz und ich vor ihm auf dem Tank, \u00f6fters Rast gemacht. Am Nachmittag um f\u00fcnf stand da ein Schild: &#8218;heute nur mittags ge\u00f6ffnet&#8216;.\u00a0 Ich vermute, mittags steht geschrieben, dass nur abends ge\u00f6ffnet sei. In der Stadt fahre ich erstmal zu Rewe und hole mir in der\u00a0 Fleischabteilung ein Viertel Th\u00fcringer Mett,\u00a0 dazu ein paar Br\u00f6t-chen &#8230;<br \/>\nAbends falle ich m\u00fcde ins Bett. Der Tag war sehr sch\u00f6n und erlebnisreich, aber emotional auch sehr anstrengend.<\/p>\n<p><strong>Tag 23 (09.08.18): Von Heiligenstadt nach Sickenberg<\/strong><\/p>\n<p>KM: 719 \u2013 732<\/p>\n<p>Heute hat meine Tochter Theresa Geburtstag. Sie wird 29 Jahre alt. Manchmal denke ich, es war vorgestern, als sie geboren wurde, morgens kurz vor vier. Zum Gl\u00fcck habe ich es noch rechtzeitig geschafft, ihr eine Geburtstagskarte mit einem Gutschein zu schicken. Ich rufe sie auf dem Weg zur Arbeit an und wir verabreden, nach meiner R\u00fcckkehr gemeinsam auf ihren Geburtstag anzusto\u00dfen.<\/p>\n<p>Bevor ich mich auf den Weg nach Uder, diesmal aber mit dem gesamten Gep\u00e4ck, mache, gehe ich noch kurz im Eichsfelder Heimatmuseum vorbei, um dem jungen, engagierten Leiter, der mir vor einigen Monaten wertvolle Tipps in Bezug auf die Recherche zum Todesfall meines Gro\u00dfvaters gegeben hatte, sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe ausrichten zu lassen.<\/p>\n<p>In Uder treffe ich meinen Cousin Ernst-Georg wieder, der mir das von seiner Tochter Beatrix errichtete neue Alten- und Pflegeheim zeigt. Ich bin ob des modernen Standards und der sch\u00f6nen Einrichtung beeindruckt. Ein Beispiel, dass zwischen Ost und West in vielen Dingen keine Unterschiede mehr bestehen. Dort treffe ich kurz mit einem ehemaligen Schulkameraden meines Vaters und einer \u00e4lteren Frau aus R\u00f6hrig zusammen, die meine Eltern und mich wohl noch kannte, aber angesichts ihrer fortgeschrittenen Demenz kommt leider kein richtiges Gespr\u00e4ch zustande. Es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass man wichtige Dinge besser nicht verschiebt.<\/p>\n<p>Bergauf \u00fcber W\u00fcstheuterode \u2013 ein Gl\u00fcck, dass ich ein E-Bike habe! \u2013 und Dietzenrode fahre ich in Richtung des Grenzmuseums Schifflersgrund bei Sickenberg. Oben in Sickenberg angekommen, sticht mir ein gro\u00dfes, stattliches Geh\u00f6ft ins Auge. Ein Bio-Bauernhof, der auch Zimmmer anbietet (<a href=\"http:\/\/www.hof-sickenberg.de\">www.hof-sickenberg.de<\/a>). Es ist kurz nach eins, ich bin kaum 15 Km gefahren, aber instinktiv sehne ich mich nach Ruhe. Unangemeldet frage ich die etwas erstaunte Hofbesitzerin, ob heute eine \u00dcbernachtung m\u00f6glich sei. Ich lade mein Gep\u00e4ck ab und f\u00fchle mich im Haus in meine Kindheit versetzt: Ein liebevoll renoviertes Fachwerkhaus, zu Beginn des 19. Jahrhunderts als zentraler Mittelpunkt eines Viereckgeh\u00f6fts errichtet, verspr\u00fcht den Charme der F\u00fcnfziger und Sechziger Jahre meiner Eichsfelder Kindheit.<\/p>\n<p>Nach einer erholsamen Mittagspause fahre ich die kurze Strecke zum Grenzlandmuseum, wo ich an der Kasse eine nette junge Frau \u2013 sp\u00e4ter erz\u00e4hlt sie mir, dass sie drei Jahre in Herford gewohnt habe -treffe, die mich ins Archiv bringt. Dort diskutiere ich mit einem Mann, der etwa Ende drei\u00dfig ist, die Situation an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, die unterschiedlichen Mentalit\u00e4ten, die er Anfang der 00er-Jahre in der Bundeswehr erfahren hat. Er hat ein sehr profundes Wissen, was die Geschichte der Bundesrepublik bis zum Fall der Mauer im Jahre 1989 angeht. Es macht Spa\u00df, mit ihm zu diskutieren, auch wenn ich nicht all seine politischen und historischen Einsch\u00e4tzungen teile.<\/p>\n<p>Abends im Hof Sickenberg, der als musterg\u00fcltiger Betrieb vom Land Th\u00fcringen ausgezeichnet wurde, treffe ich noch einen Wanderer aus S\u00fcddeutschland, der zu Fu\u00df, meistens entlang dem Kolonnenweg, dem Gr\u00fcnen Band folgt. Er berichtet von seinen Alpen\u00fcberquerungen zu Fu\u00df und ist sehr hilfsbereit bei der Herstellung eines Internetzugangs.<\/p>\n<p>Die vielen Obstb\u00e4ume und \u2013str\u00e4uche, der gro\u00dfe Baum, unter dem man herrlich sitzen kann, strahlen eine Ruhe sondergleichen aus. Und &#8230; es hat sich endlich mal abgek\u00fchlt! Die Nacht verbringe ich bei ge\u00f6ffneten Fenstern in einem tiefen Schlaf. Erholung pur.<\/p>\n<p><strong>Tag 24 (10.08.18):\u00a0 Von Sickenberg nach\u00a0 Bremke<\/strong><\/p>\n<p>KM: 741 &#8211; 783<\/p>\n<p>In dem alten Bauernhimmelbett habe ich herrlich geschlafen, die abgek\u00fchlte Luft hat das Ihrige getan. Die Besitzerin, Frau Bauer, serviert das Fr\u00fchst\u00fcck im Garten in der zum Gl\u00fcck noch etwas k\u00fchlen Morgensonne, umgeben von dem Bauerngarten, den ich schon am Vorabend bewundert habe. Wenn nicht ab und an Autos vorbei fahren w\u00fcrden, k\u00f6nnte man meinen, man sei in den F\u00fcnfziger Jahren.<\/p>\n<p>Ich komme beim Fr\u00fchst\u00fcck mit C. ins Gespr\u00e4ch. Ohne gro\u00dfe Emotionen erz\u00e4hlt er mir, dass er im Jahre 1988 als Jugendlicher eine Republikflucht in Ungarn inszensiert habe, um m\u00f6glichst schnell freigekauft zu werden und ausreisen zu k\u00f6nnen. Auf meine Frage \u201ewarum?\u201c gibt er eine k\u00fchle, emotionslose Antwort: \u201eIch wollte frei sein, selbst \u00fcber mein Leben bestimmen und mich entwickeln k\u00f6nnen.\u201c Nicht umsonst arbeitet er jetzt als Selbstst\u00e4ndiger im IT-Bereich und hat diese Entscheidung zur Republikflucht nie bereut, auch wenn die Mauer ein Jahr sp\u00e4ter ge\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n<p>Vor der Abreise komme ich noch kurz mit der Besitzerin des Bauernhofes ins Gespr\u00e4ch. Kurz nach der Wende hat sie dieses Geh\u00f6ft erworben und nach und nach restauriert. Wir sprechen \u00fcber die unterschiedlichen Mentalit\u00e4ten der Menschen in Ost und West bzw. \u00fcber die Ver\u00e4nderungen nach 1989. Viele Reisende am Gr\u00fcnen Band kehren bei ihr ein. Sie berichtet u. a. von einem jungen Fotografen, der alle 15 Minuten auf seiner Wanderung ein Foto gemacht habe. Dieser habe davon gesprochen, dass das Gr\u00fcne Band, die ehemalige deutsch-deutsche Grenze, nach wie vor eine &#8222;Narbe&#8220; sei, die Deutschland durchzieht. Dieses Bild finde ich sehr interessant, da wom\u00f6glich noch viele Menschen in Deutschland, wohl mehr im Osten als im Westen, ihre z. T. verdeckten Narben aus der DDR-Zeit oder Nach-Wende-Zeit mit sich herumtragen. Geh\u00f6re ich auch dazu?<\/p>\n<p>In der Gedenkst\u00e4tte Schifflersgrund, die ich erneut besuche, habe ich spontan die M\u00f6glichkeit, mit dem gerade ernannten jungen Leiter der Einrichtung \u00fcber das p\u00e4dagogische Konzept zu diskutieren, insbesondere die Frage, wie man Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern das Thema der Deutschen Teilung nahe bringen kann. Er ist ein profunder Kenner der Entwicklung des Eichsfelds w\u00e4hrend der DDR-Zeit und ein Beispiel f\u00fcr die Ausbildung vieler junger Menschen: geboren in Th\u00fcringen, Studium in Hessen, berufliche R\u00fcckkehr nach Th\u00fcringen. Es macht mir Spa\u00df, mit ihm historische und didaktische Fragestellungen zu diskutieren. Ich merke, dass ich einigen Nachholbedarf in Fragen der Gedenkst\u00e4ttenp\u00e4dagogik habe.<\/p>\n<p>Bevor ich den Kolonnenweg hinunter an die Werra fahre, bitte ich noch eine Frau, ein Foto von mir, dem Fahrrad und dem Kolonnenweg zu machen. Sie ruft ihren Mann herbei, der diese Aufgabe freudig \u00fcbernimmt und mir en passant erz\u00e4hlt, dass er hier 1988\/90 als Soldat der NVA-Truppen seinen Wehrdienst geleistet habe. Alles sei easy gewesen. Leider konnte ich nicht l\u00e4nger mit ihm sprechen. Die betagte Schwiegermutter wartete und dr\u00e4ngt ihn weiter zu fahren &#8230;<\/p>\n<p>Zwischen Wahlhausen und Lindewerra sehe ich vier &#8218;\u00e4ltere Semester&#8216;, die auch mit dem Fahrrad unterwegs sind und in einer kleinen Schutzh\u00fctte knobeln. Angehalten und mit meiner gro\u00dfen Wasserflasche nichts wie hin, gefragt, ob ich mich dazu setzen k\u00f6nne. Der Knobelbecher kracht auf den Holztisch. Hallesche Macke hei\u00dft das Spiel, das ich nicht kenne. Als ich merke, dass einer der Radler Henner hei\u00dft, frage ich nach, wer es ist und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. \u201eWo kommt ihr her?\u201c \u2013 \u201eAus Heiligenstadt\u201c. Ich sage: \u201eDas darf doch nicht wahr sein!\u201c \u2013 \u201eDoch. Und wo kommst du her?\u201c \u2013 \u201eJa, geboren bin ich in Heiligenstadt, aber mein Vater ist mit mir 1956 r\u00fcbergemacht.\u201c \u201eJa, ich habe deinen Gro\u00dfvater gekannt. F\u00f6rsterhaus, oben am Holzweg.\u201c &#8211;\u00a0 Es ist schon erstaunlich, dass das Schicksal meines Gro\u00dfvaters \u00a0auch nahezu nach 60 Jahren noch in den K\u00f6pfen der \u00e4lteren Generation haften geblieben ist &#8211;\u00a0 der J\u00fcngste der Radler ist 76 Jahre alt.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wieso ich gerade diese Sportskameraden, die einer Gruppe von r\u00fcstigen Rentnern angeh\u00f6ren und schon vor der Wende, unabh\u00e4ngig von der politischen Gesinnung &#8211; Katholiken, Kommunisten und Parteilose &#8211; gemeinsam Sport betrieben haben, hier zu diesem Zeitpunkt antreffe. Zieht eigentlich irgendjemand oder irgendetwas \u201eda oben\u201c die F\u00e4den? Ist es vorherbestimmt, wen wir zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen? Wir verabreden uns in Lindewerra in der Gastst\u00e4tte und ich lasse sie einfach mal vorfahren.<\/p>\n<p>Lindewerra 2018 str\u00f6mt so viel Normalit\u00e4t aus, was ich nicht kenne oder mit diesem Ort gar nicht verbinde. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich sonntags mit meinem Vater auf dem Motorrad nach Lindewerra gefahren bin. Die Br\u00fccke war damals gesprengt, nur zum R\u00fcberschauen \u00fcber den Flu\u00df und ein vorsichtiges und schnelles Zuwinken, gedacht f\u00fcr eine Frau, die in ihrem Obstgarten so tat, als habe sie da etwas zu tun. Mein Vater bat sie, sch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe in Heiligenstadt bei meiner Gro\u00dfmutter auszurichten. Und schon war die Frau wieder verschwunden. Die Bewohner\/innen der 500 m-Sperrzone mussten besonders aufpassen, dass sie nicht als politisch unzuverl\u00e4ssig galten. Es war etwas Beklemmendes, Ohnm\u00e4chtiges, Sehnsuchtvolles, Nicht-zu-\u00c4nderndes, das ich in Erinnerung hatte.<\/p>\n<p>Als ich mit meinen Fotoaufnahmen fertig bin, kehre ich in die n\u00e4chste Gastst\u00e4tte ein, wo die vier schon wieder am Knobeln sind. Ich darf mich dazu setzen und bei der n\u00e4chsten Runde mitspielen. Das sehe ich als besondere Ehre an. Hallesche Macke. Unisono haben alle th\u00fcringisches Rostbr\u00e4tl mit Bratkartoffeln bestellt, ich schlie\u00dfe mich aus Solidarit\u00e4t an. Ebenso gebe ich eine Runde Bier aus, im selben Moment erscheint mir das aber etwas grenzwertig: ich will ja nicht als reicher Wessi gelten. Irgendwie hat man mit mir wohl Mitleid: Du kannst ja nichts daf\u00fcr, dass du kein richtiger Ossi mehr bist, warst ja zu klein und war ja die Entscheidung deines Vaters mit dir abzuhauen. Es ist immer eine Gratwanderung. Ich habe zwei Pluspunkte: ich bin geborener Heiligenst\u00e4dter, und nicht ein nach dem Krieg Zugezogener wie einer der vier Radler, und habe einen breiten Lebenslauf, inklusive Fernfahrer- und Lagerarbeitererfahrung. So geht es mir im ganzen Eichsfeld. Geboren in Heiligenstadt ist ein kleiner &#8218;Adelstitel&#8216; und das Schicksal meines Gro\u00dfvaters erleichtert mir oft, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und offene Gespr\u00e4che f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lindewerra war noch zu Zeiten der DDR eine Hochburg der Stockmacher. Im Hinterrraum der Gastst\u00e4tte befindet sich eine kleine Werkstatt, wo noch produziert wird. Es ist Freitagnachmittag und der Stockmacher erkl\u00e4rt mir freundlich, wie die Arbeitsg\u00e4nge sind. Im Augenblick werden aber in Lohnarbeit Holzknaufe in schwarze Farbe getaucht und so lackiert. Es riecht schon merklich nach Farbe in der Werkstatt &#8230;<\/p>\n<p>Auf den letzten Metern des Anstiegs zur Burg Hanstein treffe ich den Wanderer, mit dem ich morgens noch gefr\u00fchst\u00fcckt habe. Er r\u00e4t mir unbedingt mit dem Fahrrad zur Teufelskanzel durch den Wald zu fahren. Von Hann. M\u00fcnden kommend, wollte ich in meiner Jugend immer auf den Hanstein, was jedoch ausgeschlossen war, weil diese gewaltige Burgruine, im \u00fcbrigen der Stammsitz des Rennfahrers Huschke von Hanstein, im Sperrgebiet lag. Am vergangenen Wochenende war gerade ein Mittelalterfest dort gewesen. \u00dcber Stock und Stein fahre ich entlang den Klippen zur Teufelskanzel, genie\u00dfe die Waffel mit Eis und den sch\u00f6nen Milchkaffee und mache nat\u00fcrlich wie immer an sch\u00f6nen Aussichtspunkten ein paar Fotos.<\/p>\n<p>Es ist mittlerweile sechs, trotz der zwei Bier mit der Rad-Veteranen-Gruppe aus Heiligenstadt, die mich etwas unvorsichtig und unbesorgt sein lassen, merke ich so langsam, dass es Zeit wird, eine Unterkunft zu besorgen. Damit f\u00e4ngt das Drama an. In Bornhagen in einer Privatpension die Frau nicht angetroffen. Im Klausenhof nur der weibliche Malgruppe aus dem Marcel-Callo-Haus begegnet, der Wirt jedoch schaut mich kritisch an und hat kein Zimmer mehr frei. Geht er etwa davon aus, dass ich ein Journalist bin und etwas \u00fcber den AFD-Politiker Bj\u00f6rn H\u00f6cke herauskriegen m\u00f6chte, der einen Steinwurf entfernt mit seiner Familie im ehemaligen Pfarrhaus wohnt?<\/p>\n<p>Mit dem Fahrrad weiter. Hohengandern nichts, vielleicht in der Pension Eic? Dort angekommen, sehe ich ein Schild: Pension ge\u00f6ffnet erst ab 20.00 Uhr. Swinger-Club: 20.00 \u2013 04.00 Uhr. Na ja, \u00f6fter mal was Neues. Ich fahre weiter nach Arenshausen und frage mich durch. Das Handy hat mal wieder keinen Empfang. Ich soll es im Westen versuchen, in der N\u00e4he von G\u00f6ttingen. Bergauf! In Rustenfelde nichts. Mittlerweile fahre ich mit dem schwachen Eco-Gang die Berge hoch. In Rohrberg komme ich auf der letzten Rille an. Zwei Frauen, Mutter und Tochter, versuchen gerade aus dem Schutt eines Abrisshauses ein sch\u00f6nes, altes Holzfenster &#8218;zu retten&#8216;.<\/p>\n<p>\u201eNein, hier in Rohrberg gibt es nichts. Kommen Sie aber mal mit, wir rufen f\u00fcr Sie an und fragen nach.\u201c Ich schiebe mein Rad hinterher und werde von den Nachbarn kritisch be\u00e4ugt. Und die Tochter mittleren Alters schafft es: im nieders\u00e4chsischen Bremke, ca. 6 Kilometer entfernt, gibt es in einem Gasthaus noch ein Zimmer f\u00fcr mich. Die Kooperation zwischen Ost und West, zwischen Th\u00fcringen und Niedersachsen scheint nach 30 Jahren doch zu funktionieren.<br \/>\nIch k\u00f6nnte den beiden um den Hals fallen und verabschiede mich mit mehrfachem Dank. \u201e Wenn wir nichts f\u00fcr Sie gefunden h\u00e4tten, h\u00e4tten Sie auch bei uns im G\u00e4stezimmer bleiben k\u00f6nnen.\u201c Ich werde gefragt, wo ich herkomme und wohin ich will. Kr\u00f6nender H\u00f6hepunkt: Die \u00e4ltere Dame kennt nat\u00fcrlich das Schicksal meines Gro\u00dfvaters und mit meiner Tante Rosemarie hat sie auch mal zusammen geabeitet. Was soll ich davon halten, dass gerade diese beiden Menschen mir aus der Patsche geholfen haben?<\/p>\n<p>Der Rest des Tages ist schnell erz\u00e4hlt. Einmal noch berghoch. \u00dcber die Grenze und dann nur noch bergrunter und geradeaus. Gasthof &#8218;Mutter J\u00fctte&#8216; in Bremke. Sauberes Einzelzimmer im Stile der 80er und 90er Jahre. Und ein wundervolll schmackhaftes, zartes Wildgulasch mit Bratkartoffeln. Ich bin sooo dankbar, dass mir nette, liebe Menschen geholfen haben!<\/p>\n<p><strong>Tage 25 und 26 (11. und 12.08.18):\u00a0 Bremke \u2013 Ruhetage<\/strong><\/p>\n<p>KM: 783 \u2013 787<\/p>\n<p>Nach der gro\u00dfen Portion schmackhaften Wildgulaschs schlafe ich recht gut. Das Gasthaus \u201eMutter J\u00fctte\u201c hat wirklich Athmosph\u00e4re.\u00a0 An den Nachbartischen beim Fr\u00fchst\u00fcck sitzen Verwandte aus Ost und West, die zur Einschulung ihrer Enkel, Cousins etc. eingeladen sind. Man h\u00f6rt unterschiedliche Dialekte. Anscheinend nach drei Jahrzehnten deutscher Einheit eine Normalit\u00e4t, dass die eigenen Kinder vom Osten in den Westen gegangen sind und dort se\u00dfhaft wurden. Mit einem Ehepaar von der Ostseek\u00fcste (Neustadt in Holstein) unterhalte ich mich \u00fcber Disziplinprobleme, wenn die Enkel zu Besuch kommen. Die Zeiten haben sich ver\u00e4ndert. Nach dem Motto: \u201eWenn das meine w\u00e4ren &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Am Samstag fahre ich tags\u00fcber einmal durch den Ort, suche \u2013 vergeblich \u2013 den j\u00fcdischen Friedhof, der irgendwo versteckt im Wald liegt, fahre auf der Stra\u00dfe nach Bischhagen bis zur nicht mehr sichtbaren Grenze und verwende ansonsten den Tag zum Schreiben der Tagebuchaufzeichnungen und vor allem zum \u00dcbertragen der Berichte und Fotos in die Webseite, die Dors dankenswerter Weise f\u00fcr mich eingerichtet hat.<\/p>\n<p>Es wird mir klar, dass ich nicht nur k\u00f6rperlich, auch emotional ausgelaugt bin von den bisherigen dreieinhalb Wochen Reise entlang der deutsch-deutschen Grenze. Aus dem urspr\u00fcnglich vorgesehenen Ruhetag werden zwei.<\/p>\n<p>Beim Abendessen begegne ich dem etwas gehobeneren Publikum, meist Lehrer\/innen, Professor\/innen aus dem nahen G\u00f6ttingen, die sich gew\u00e4hlt, um nicht zu sagen: akademisch ausdr\u00fccken, die mit dem Auto mal einen kleinen Ausflug in das Wendebachtal unternehmen. Irgendwie merke ich, dass nach dieser auch pers\u00f6nlich sehr aufregenden Woche im Eichsfeld das ganze (westdeutsche) Ambiente mir sehr vertraut ist, zumal Orte genannt werden, die ich noch aus meiner Jugend vom Fu\u00dfballspielen kenne. Ich werde mir meiner zwei Wurzeln bewusst: hier das in der DDR gelegene katholische Eichsfeld mit dem etwas burschikosen \u201eDu\u201c, wenn ich M\u00e4nner anspreche (vielleicht auch ein Erbe meines Gro\u00dfvaters), und dort das bundesdeutsche, mehr intellektuell und auf gr\u00f6\u00dfere Distanz ausgerichtete Ambiente.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die Zeiten als Sch\u00fcler auf dem Bau, nach dem Studium als Bierfahrer in Weiterstadt b. Darmstadt sowie Fernfahrer und Lagerarbeiter bei der Fa. Koch Spedition in B\u00fcttelborn im Kreis Gro\u00df-Gerau, an das \u00dcbernachten im Schlafsack neben einer Roma-\/Sinti-Gro\u00dffamilie auf einem freien Feld in der Mitte Siziliens Anfang der Siebziger Jahre einerseits und andererseits den Empf\u00e4ngen beim Bundespr\u00e4sidenten im Rahmen des Geschichtswettbewerbes der Hamburger K\u00f6hler-Stiftung Ende der Neunziger Jahre. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich diese ganze Bandbreite an (positiven) Erfahrungen in meinem Leben sammeln konnte &#8230;<\/p>\n<p>Am Sonntagnachmittag gibt es noch mehr Besuch bei \u201eMutter J\u00fctte\u201c, es kommen G\u00e4ste, die auch die Vorstellung auf der Waldb\u00fchne besuchen wollen bzw. besucht haben. Ein junger Mann, der mit Ach und Krach sein Abitur geschafft hatte &#8211; er bedankt sich noch nachtr\u00e4glich bei der Geschichtslehrerin, die ihm die rettenden 12 Punkte gab -, sp\u00e4ter dann BWL studiert hat, schwadroniert lauthals und besserwisserisch \u00fcber aktuelle \u00f6konomische Probleme in Deutschland. K\u00f6nnte man ihm doch nur mal den Stecker rausziehen! Es w\u00fcrde ihm und v.a. den G\u00e4sten gut tun.<\/p>\n<p><strong>Tag 27 (13.08.18):\u00a0 Bremke \u2013 Duderstadt<\/strong><\/p>\n<p>KM: 790 &#8211; 837<\/p>\n<p>Frisch gest\u00e4rkt nach dem guten Fr\u00fchst\u00fcck fahre ich Richtung Rohrberg. Eigentlich ist das ein Weg zur\u00fcck und ein Umweg. So soll es sein. Ich habe das Bed\u00fcrfnis, mich bei den beiden netten Frauen noch einmal pers\u00f6nlich zu bedanken, die mir am Freitag in meiner Not eine Bleibe besorgt haben. Vorher halte ich aber noch einmal im \u201eBremketaler L\u00e4dchen\u201c an, einem kleinen Kaufmannsladen mit angeschlossenen Caf\u00e9, wo man etwas trinken kann. Ich kaufe ein St\u00fcck gute Eichsfelder Stracke, von der ich die n\u00e4chsten zwei Tage ab und an naschen werde, nat\u00fcrlich ohne Brot. Ebenso erwerbe ich ein Bounty und zwei schon etwas in die Jahre gekommenen Bananen. Genau wie Boris Becker in Wimbeldon: Magnesium gegen die Muskelkr\u00e4mpfe &#8230; Die alten M\u00e4nner (70 plus) diskutieren das Wetter, den nicht vorhandenen Regen, dass man fr\u00fcher auch schon mal braunes Wasser aus dem eigenen Brunnen getrunken habe und heute immer noch lebe &#8230; und nat\u00fcrlich die drohende \u00dcbersiedlung in ein Alten- und Pflegeheim, die anzunehmende Entm\u00fcndigung. Von der Verk\u00e4uferin erfahre ich, dass ein gemeinn\u00fctziger Verein der Tr\u00e4ger dieser d\u00f6rflichen Initiative ist, die nicht nur \u00e4lteren Bewohnern eine Einkaufsm\u00f6glichkeit bietet, sondern offensichtlich auch den m\u00e4nnlichen Rentnern ein Bet\u00e4tigungsfeld gibt. Das Hinweisschild erw\u00e4hnt, dass das Land Niedersachsen diese Einrichtung unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>In Rohberg ist die \u00dcberraschung gro\u00df, als ich urpl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr stehe. Nachdem ich mich noch einmal f\u00fcr die Hilfe am Freitag bedankt habe, werde ich spontan zum Mittagessen von Frau Sch. und ihrer Tochter eingeladen. Es gibt leckere frische Kartoffeln und schmackhaften Quark. Das Ganze kurz nach 11 morgens, und ich bin \u00fcberw\u00e4ltigt angesichts dieser Gastfreundschaft. Mit der \u00e4lteren Dame spreche ich nicht nur \u00fcber die gemeinsame Arbeit mit meiner Tante Rosemarie, sondern wir diskutieren auch die Ver\u00e4nderungen nach der Wende im Dorf. Das Zur\u00fcckgehen der d\u00f6rflichen Gemeinschaft sowie der gegenseitigen Hilfe und das Aufkommen von Neid angesichts der Westautos, die pl\u00f6tzlich im Dorf fuhren. Mit guten W\u00fcnschen f\u00fcr meine weitere Reise werde ich herzlich verabschiedet.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes Ziel habe ich mir Siemerode ausgesucht. Vor knapp 60 Jahren ist mein Vater auf dem Motorrad mit mir an die Grenze gefahren. Auf dem Stra\u00dfenschild ist zu lesen: \u201eSiemerode 2 km\u201c. Ich suche diese Stra\u00dfe und finde sie nicht. \u00dcber Freienhagen (alte NVA-Kaserne, in der man Paint-Ball spielen kann \u2013 kommt mir aus Tettau schon irgendwie bekannt vor!) geht es \u00fcber die Felder nach Bischhagen, wieder zur\u00fcck Richtung Bremke. An der Stelle, wo fr\u00fcher die Grenze stand, auch kein Schild gesehen, also zur\u00fcck. Von Bischhagen \u00fcber Feldwege entlang der Grenze nach Wei\u00dfenborn.<\/p>\n<p>Am letzten Bauernhof links vor der Ortsausausfahrt frage ich nach der Grenze und komme mit einem Besamungstechniker aus einem der Nachbarorte im th\u00fcringschen Teil des Eichsfeldes ins Gespr\u00e4ch. Nachdem er seine Arbeit \u2013 hoffentlich erfolgreich ! \u2013 hinter sich gebracht, den blutigen gro\u00dfen Handschuh in die M\u00fclltonne geworfen und sich kurz umgezogen hat,\u00a0 berichtet er von seiner Ausbildung und stolz von den fast 10.000 K\u00fchen, die er in seinem bisherigen Berufsleben, fr\u00fcher nur in LPGs, heute auch auf Bauernh\u00f6fen im Kreis Duderstadt, besamt hat. Als ich erz\u00e4hle, dass ich in Heiligenstadt geboren sei und meine ersten Jahre im Eichsfeld verbracht habe, kommen wir schnell in ein vertrautes Gespr\u00e4ch \u00fcber die Vor- und Nachteile des DDR-Systems. Kurze Zeit danach gesellt sich auch der \u00fcber 80-j\u00e4hrige Altbauer hinzu und erz\u00e4hlt von der Wendezeit und gegenseitigen Besuchen in Wei\u00dfenborn und Siemerode. So streifen wir einmal durch die Geschichte der Menschen in dieser Grenzregion von der Zeit des 2. Weltkrieges bis in das Jahr 2018. Was mich u. a. erstaunt hat, ist die Tatsache, dass der Besamungstechniker als DDR-Soldat in der Kaserne zusammen mit findigen Kollegen heimlich West-Fernsehen angeschaut hat. Einer musste Schmiere stehen und auf ein bestimmtes Zeichen hin wurde abgestellt, bevor der UvD hereinkam und am noch warmen Fernseher merken konnte, was Sache war.<\/p>\n<p>Ich bekomme den Rat, ins benachbarte Glasehausen zu fahren. Ein Rentner, der einige Meter von der fr\u00fcheren Grenze entfernt wohnt, gibt mir den Tipp, die \u201ejunge Frau\u201c, die dort auf der Stra\u00dfe steht, mal zu befragen. Glasehausen war an drei Seiten vom Grenzzaun umgeben, quasi wie ein Hufeisen, wie mir Frau Kunze, die \u00fcber 80-j\u00e4hrige Altb\u00fcrgermeisterin erz\u00e4hlt. Da sie Steno konnte, unterst\u00fctzte sie zu DDR-Zeiten den B\u00fcrgermeister. Sie berichtet von den regelm\u00e4\u00dfigen Einwohnerversammlungen, auf denen die politisch-ideologische Ausrichtung der Bewohner des 500 Meter Sperrgebiets sichergestellt werden sollte, von der \u00dcberwachung und der Angst, die angestammte Heimat verlassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wenige Monate vor der Wende wurde sie kommisarische B\u00fcrgermeisterin und forderte dann in den Wochen nach dem 9. November 1989 vom Landrat eine \u00d6ffnung des Grenzzaunes, um ins nahegelegene Wei\u00dfenborn zu kommen. Auf Druck der Bev\u00f6lkerung, mit Unterst\u00fctzung durch katholische Geistliche und Offizieren des Grenzabschnitt gelang die Beseitigung der Grenzanlagen, von denen heute noch der KfZ-Sperrgraben deutlich zu sehen ist. Stolz berichtet mir Frau Kunze, die der CDU angeh\u00f6rt, davon, dass sie dieses Jahr am 22. Mai das Bundesverdienstkreuz vom Bundespr\u00e4sidenten erhalten hat. Sie ist offensichtlich stolz darauf, auch dass sie z. B. sehr gut den fr\u00fcheren CDU-Ministerpr\u00e4sidenten Bernhard Vogel oder die ehemalige Bundestagspr\u00e4sidentin Rita S\u00fcssmuth aus dem benachbarten G\u00f6ttingen kennt. So klein ist die Welt: von Glasehausen ins politische Rampenlicht. Als Geschenk erhalte ich eine Brosch\u00fcre \u00fcber die Geschichte von Glasehausen mit pers\u00f6nlicher Widmung. Ich bin tief beeindruckt von dieser politisch sehr wachen Zeitzeugin und verlasse den Ort nach mehr als zwei Stunden Gespr\u00e4ch mit ihr.<\/p>\n<p>Ich fahre durch den Wald nach Neuendorf und von dort nach B\u00f6seckendorf, wo 1960 eine Reihe von Familien mit Leiterwagen, bepackt mit Hausrat, Babys und alten Menschen \u00fcber die \u00c4cker hinweg, den Grenzzaun durchschneidend, spektakul\u00e4r in den Westen geflohen ist. Sp\u00e4ter haben diese Fl\u00fcchtlinge in der N\u00e4he von Northheim eine Ortschaft namens Neu-B\u00f6seckendorf gegr\u00fcndet. Nach Aussage eines Dorfbewohners sind nach der Wende nur wenige zur\u00fcck gekommen. Auf der Stra\u00dfe nach Immingerode befinden sich zum Gedenken an die Flucht, die bundesweit Aufsehen erregt hatte, zwei gro\u00dfe Steine. Warum ist nur einer davon mit Inhalt aus Neu-B\u00f6seckendorf beschriftet und der andere leer?<\/p>\n<p>In Glasehausen habe ich viel Zeit verloren, besser gesagt gewonnen. Nun bin ich mal wieder darauf angewiesen, auf dem Weg nach und in Duderstadt Leute auf Unterk\u00fcnfte anzusprechen. Zum Gl\u00fcck gibt es in der N\u00e4he einer Kirche einen Hotspot. Mehrere Versuche, etwas f\u00fcr eine Nacht zu bekommen, scheitern, z. T. weil keiner ans Telefon geht. Schlie\u00dflich gew\u00e4hrt mir Frau Schmidt, eine Zahn\u00e4rztin, Unterschlupf in ihrer erst vor kurzem renovierten, in Braunt\u00f6nen und mit viel Liebe zum Detail\u00a0 eingerichteten Pension. Fr\u00fchst\u00fcck erst ab 8.30 Uhr m\u00f6glich, das soll aber kein Problem sein. Hauptsache ein Bett.<\/p>\n<p>In der Gastst\u00e4tte \u201eBudapest\u201c esse ich eine sehr schmackhafte Kohlroulade. Der F.C. spielt gerade gegen Union in K\u00f6lle. Die K\u00f6llefans singen mit &#8230; Ich frage mich, wie Arminia am kommenden Sonntag gegen Lok Stendal im Pokal spielt.<\/p>\n<p>Heute vor 57 Jahren wurde in Berlin die Mauer zwischen Ost und West gebaut.<\/p>\n<p><strong>Tag 28 (14.08.18):\u00a0 Duderstadt \u2013 Osterhagen<\/strong><\/p>\n<p>Km: 837 &#8211; 875<\/p>\n<p>Ich habe gut geschlafen, auch wenn es ab und an etwas laut auf der Stra\u00dfe war. Noch wichtiger: es hat wohl etwas geregnet. Ein Geschenk Gottes. Ich mache mir in der mit alten, sch\u00f6n aufgearbeiteten M\u00f6beln eingerichteten K\u00fcche einen Kaffee mit Milch und bekomme Besuch von einer Miezekatze. Eigentlich sind ja eher Hunde meine Freunde, aber die Mieze f\u00fchlt sich anscheinend wohl und l\u00e4sst sich kraulen &#8211; trotzdem, ich trage sie dann raus. Durch die Hinterhoft\u00fcr ist sie aber in zwei Minuten wieder da.<\/p>\n<p>Ich komme mit einer jungen Frau ins Gespr\u00e4ch, die in der Praxis ein wenig aushilft. Sie f\u00e4ngt im Herbstsemester an, Sozialarbeit in Nordhausen zu studieren. In G\u00f6ttingen gibt es einen solchen Studiengang nicht und Kassel ist zu weit, also geht es zum Studium \u00fcber die Grenze ins benachbarte Th\u00fcringen. Mit ihren zwei Kindern wird es eine Herausforderung, aber zum Gl\u00fcck wird sie ihr Mann, der als Lehrer arbeitet, unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Wir kommen auf 1989 zu sprechen. Sie erinnert sich noch sehr gut an die stinkenden Trabbis, die bei Grenz\u00f6ffnung die Stadt verstopften. Unterschiede zwischen Ost und West, unterschiedliche Mentalit\u00e4ten? Sie berichtet vom Urlaub in Meck-Pomm, Kanufahrten in landschaftlich sehr sch\u00f6nen, aber strukturschwachen Gegenden. Unterschiedliche Mentalit\u00e4ten setzen sich noch etwas fort, aber gro\u00dfe Unterschiede? Nein, die gibt es nicht mehr. Die neuen Klassenkameraden aus der DDR waren vielleicht etwas als Streber verschrien, aber trotzdem ganz nett. Wir unterhalten uns offen \u00fcber die H\u00f6hen und Tiefen im Leben und w\u00fcnschen uns gegenseitig alles Gute: Beim Studium und bei der Reise entlang der Grenze. Auch von der Frau Zahn\u00e4rztin werde ich mit den besten W\u00fcnschen verabschiedet.<\/p>\n<p>Seit gestern sehe ich in der Entfernung den Harz und damit ist auch der Brocken nicht mehr weit. Das Quietschen der Bremsen, wenn ich bergab fahre, macht mir schon Sorgen. Der Brocken ist schlie\u00dflich \u00fcber 1.100 Meter hoch gelegen. Das Fahrrad mit seinen 25 Kg, dazu 25 Kg Gep\u00e4ck sowie meine 85 Kg (mittlerweile d\u00fcrfte ich wohl ein bis zwei abgenommen haben) &#8211; die gesamte Masse entwickelt schon eine gewaltige Schubkraft, die den Bremsen zusetzt.<\/p>\n<p>Im Fahrradgesch\u00e4ft Beckmann in der Marktstra\u00dfe 4 frage ich vorsichtig und h\u00f6flich, ob man die Bremsen vor der geplanten Harz\u00fcberquerung \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nne. Ich habe Gl\u00fcck und werde angesichts meiner bisherigen Strecke auch wohl als Notfall angesehen. Ein freundlicher Zweiradmechaniker \u201evon dr\u00fcben\u201c erh\u00e4lt den Auftrag, mir die Bremsbel\u00e4ge des Hinterrades auszutauschen. Ich bin beruhigt, auch dass er mir gleich noch das lose Schutzblech und den wackeligen Fahrradst\u00e4nder wieder festmacht sowie die Kette noch kurz mit \u00d6l versorgt. Wir sprechen \u00fcber B\u00f6seckendorf und seine ersten Lebensjahre in der DDR. Mein Heiligenstadt\/Fl\u00fcchtlings-Bonus macht sich mal wieder positiv bemerkbar. Es ist eine sehr freundliche Unterhaltung, ein toller Service der Fa. Beckmann. Vielen Dank nochmal!<\/p>\n<p>Ich fahre weiter nach Teistungen in das dortige Grenzlandmuseum und schaue mir die didaktisch sehr gut aufbereitete Ausstellung, in der die Situation vor Ort am Grenz\u00fcbergang Duderstadt-Worbis anschaulich mit der Entwicklung auf internationaler Ebene (alliierte Beschl\u00fcsse) und mit der nationalen Ebene verbunden wird. Hier bin ich selber einige Male \u00fcber die Grenze nach Heiligenstadt gefahren. Das Herz schl\u00e4gt ein wenig h\u00f6her. In dem Beobachtungsturm finde ich sehr anschaulich die technischen Kommunikationsger\u00e4te mit den Kontrollen der Sprechanlagen durch Offiziere der DDR-Grenztruppen und Angeh\u00f6rige des Bundesgrenzschutzes miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Unangemeldet habe ich wiederum Gl\u00fcck und die M\u00f6glichkeit, mit der jungen und engagierten Leiterin des Grenzmuseums \u00fcber didaktische Konzeptionen und das Interesse Wecken bei den unterschiedlichen Zielgruppen zu sprechen. Ebenso wie bei dem Kollegen in Schifflersgrund merkt man, dass sie inhaltlich gesehen \u201eim Saft\u201c steht. Personell unterst\u00fctzt durch je zwei teilabgeordnete Lehrkr\u00e4fte aus Th\u00fcringen und Niedersachsen werden unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema \u201eDeutsche Teilung\u201c, verbunden aber auch mit grunds\u00e4tzlichen Aspekten, wie z. B. Demokratiefragen, erl\u00e4utert. Ich erhalte eine Vielzahl von schriftlichen Materialien und merke, dass es schon einen Unterschied zwischen Archiv- und Gedenkst\u00e4ttendidaktik gibt.<\/p>\n<p>In der Sielmann-Stifttung im Gut Herbighagen bei Duderstadt wollte ich schon am Montag gewesen sein, aber gestern hing ich mal wieder hinterher oder besser ausgedr\u00fcckt: ich nehme mir die Zeit, um mich in Ruhe mit Menschen zu unterhalten bzw. auch mal einen vermeintlichen Umweg oder einfach eine Pause zu machen. Mein Gespr\u00e4chspartner in der Sielmann-Stiftung hat heute wohl keine Zeit und so bekomme ich ein paar Brosch\u00fcren in die Hand gedr\u00fcckt. Der Bio-Bauernhof ist ein Eldorado f\u00fcr Familien mit Kindern, die sich die Tiere anschauen wollen. Beeindruckend ist auch die sehr moderne Ausstellung, in der es um den eigenen Umgang mit den Ressourcen geht.<\/p>\n<p>Es ist halb f\u00fcnf und ich befinde mich ca. 10 km von meinem heutigem Startpunkt entfernt. Also fange ich wieder an, ordentlich die H\u00fcgel bergauf und bergab zu strampeln. Auf dem Weg nach Bartolfelde komme ich nach einem langen Anstieg an einem ehemaligen DDR-Beobachtungsturm vorbei. Ich halte und mir wird sofort klar, als ich den Namen Fredi Willlig lese, dass sich dieser Turm in Privatbesitz befindet und ich schon mehrfach von ihm gelesen habe. Also, anhalten, Bilder machen. Ich fotografiere gerade den Bunker, der sich in der N\u00e4he befindet, als ein VW-Bus stoppt. Der Fahrer kann nur der Besitzer sein. Welch ein Zufall!<\/p>\n<p>Mit meinem etwas burschikosen \u201eDu\u201c frage ich Fredi Willig, ob ich den Turm mal besichtigen kann. Bereitwillig sagt er zu. Wir klettern die Stufen bis in die oberste Etage an Milit\u00e4rbetten und weiteren Einrichtungsgegenst\u00e4nden vorbei und habe oben einen herrlichen Ausblick auf die umliegenden Felder und W\u00e4lder. Ferdi \u2013 wir sind sofort beim echten Duzen \u2013 berichtet davon, wie er den Turm Anfang des Jahrtausends erworben, nach und nach restauriert und mit Hilfe von Bekannten mit orginalen Exponaten ausgestattet hat. Wir sitzen also ganz oben, trinken ein Bier und philosophieren \u00fcber Gott und die Welt, unsere Familien, die Geschichte dieses Turms, die DDR, die Unterschiede zwischen Ost und West etc. Fredi hat noch einen Wasserhahn zu reparieren und so muss ich schweren Herzens nach gut einer Stunde gehen. Die Zeit war viel zu kurz.<\/p>\n<p>Ich bin wieder im Westen. Es ist kurz vor acht und es wird so langsam dunkel. Nach vergeblichen Fragen in mehreren Orten komme ich in Osterhagen im Gasthaus \u201eZur Post\u201c an. Es ist halb neun. Meine letzte Hoffnung. Ausgelaugt vom ganzen Tag, frage ich, ob noch ein Zimmer frei sei. Eigentlich nicht, aber wenn ich noch 20 Minuten Zeit h\u00e4tte &#8230; Ich k\u00f6nnte die Gastwirtin umarmen! Zum Abendbrot bekomme ich ein herrliches Butterbrot mit Eichsfelder Wurst, und das Bier schmeckt nach diesem langen und zum Schluss sehr aufregenden Tag auch sehr gut.<\/p>\n<p>Mit dem \u00fcber 70-j\u00e4hrigen Malermeister von nebenan komme ich schnell ins Gespr\u00e4ch. Ich traue meinen Ohren nicht: Er berichtet von der Bahnlinie, die durch den Ort geht und von KZ-H\u00e4ftlingen w\u00e4hrend des Krieges gebaut wurde. Ich sollte mir morgen unbedingt in Ellrich die \u00dcberreste des KZ anschauen. Es seien viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter umgekommen. Es wird Unverst\u00e4ndnis von den Anwesenden ge\u00e4u\u00dferst, dass es heute immer noch rechte Parolen gibt, die die Nazi-Zeit verharmlosen und verherrlichen. Ich bin erstaunt, in einem kleinen Ort im Harzer Vorland solch klare Meinungen zu h\u00f6ren. Nach dem dritten Bier falle ich in mein Bett.<\/p>\n<p><strong>Tag 29 (15.08.18): Von Osterhagen nach Zorge im Harz<\/strong><\/p>\n<p>Km: 875 &#8211; 912<\/p>\n<p>Nach einem guten Fr\u00fchst\u00fcck packe ich meine tausend Sachen zusammen und schleppe alles zum Fahrrad, das ich mittlerweile aus der Garage geholt habe. Ich komme mit Viola, einer der beiden Frauen, die die Gastwirtschaft bewirten, ins Gespr\u00e4ch. Nach der Frage \u201eWohin heute?&#8220; und dem Bestaunen, Begutachten des Fahrrads und des Gep\u00e4cks kommen wir schnell zu einem pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch, in dessen Verlauf Viola mir erz\u00e4hlt, dass sie mit ihrer fr\u00fcheren Lebenspartnerin, jetzigen Ehefrau, deren Familie die Gastwirtschaft schon seit Generationen betreibt, in dieser d\u00f6rflichen Gemeinschaft mit ihrer Lebensform total akzeptiert ist. Sogar der katholische Pfarrer habe zur Hochzeit gratuliert. Ich bin verwundert, dass auf dem platten Land andere Lebensformen anscheinend akzeptiert werden. Auch hier merke ich, dass sich in den letzten sieben Jahrzehnten in der Bundesrepublik enorm viel getan hat, die Geselllschaft offener, toleranter geworden ist. Wenn ich an die Verfolgungen der Nazi-Zeit denke, verstehe ich auch die Diskussion vom gestrigen Abend besser. Mit guten W\u00fcnschen und dem Angebot \u201eRuf einfach an, wenn du nicht weiterkommst, wir holen dich \u00fcberall ab, auch wenn es zwei Kilometer vor dem Brocken ist\u201c! werde ich verabschiedet. Es tut so richtig gut!<\/p>\n<p>Quer durch den Wald, mal wieder \u00fcber Stock und Stein, geht es weiter, an einem ehemaligen Munitionsbunker vorbei, der aussieht wie ein Wasserh\u00e4uschen, nach Bad Sachsa. Ich hole mir Geld aus dem Sparkassen-Automaten, welch eine Normalit\u00e4t, wenn ich an die sechziger Jahre denke, wo man immer pers\u00f6nlich zur Bank gehen musste, um Geld abzuholen. Bad Sachsa macht z. T. einen etwas sehr in die Jahre gekommenen Eindruck. Alte Einfamilienh\u00e4user sind f\u00fcr 39.000 Euro zu kaufen, Eigentumswohnungen f\u00fcr 20.000.<\/p>\n<p>Ich beschlie\u00dfe, das von Tettenborn mittlerweile nach Bad Sachsa umgezogene Grenzlandmuseum zu besichtigen. \u00d6ffnung um 13.00 Uhr. Also vorher noch etwas essen. Wildcurrywurst mit Pommes. Zwei Bratw\u00fcrste liegen auf dem Teller und ich wei\u00df nicht, wie ich die mit der Currysauce herunterschlingen soll. Eine echte, halbwegs gut schmeckende Herausforderung.<\/p>\n<p>Im Grenzlandmuseum werde ich von einem ehemaligen Berufssoldaten in Empfang genommen, der seit seiner Pensionierung akribisch und mit gro\u00dfem zeitlichen Aufwand die Geschichte der 132 Km Grenze in dem nord-hessischen und s\u00fcd-nieders\u00e4chsischen Abschnitt nicht nur pers\u00f6nlich abgelaufen ist, sondern auch Archive in Koblenz, Freiburg oder in den grenznahen Kreisen und Gemeinden besucht und erforscht hat &#8211; von den ganzen Exponaten, davon vielen alltagsgeschichtlichen aus der Nachkriegszeit, ganz zu schweigen. Es f\u00e4llt mir auf, dass die Mikro- und Makroebene eigentlich immer gut verbunden sind, also die Ereignisse vor Ort und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Ich bin beeindruckt von dem Wissen des Museumsf\u00fchrers, der mir viele neue Informationen bietet, mit dem ich aber auch sehr intensiv \u00fcber meine bisherigen Erfahrungen und Einsch\u00e4tzungen w\u00e4hrend der Reise, vor allem, was die unterschiedlichen Mentalit\u00e4ten in Ost und West angeht, sprechen kann. Eigentlich wollte ich nur eine halbe Stunde zu diesem \u201ePflichtbesuch\u201c bleiben, aber die kollegiale Diskussion, auch wegen meiner eigenen Bundeswehrerfahrung l\u00e4sst die Zeit verfliegen. Schlie\u00dflich wollen die anderen Museumsbesucher auch noch eine F\u00fchrung &#8230;<\/p>\n<p>Auf meinem Weg nach Ellrich in die ehemalige KZ-Gedenkst\u00e4tte Juliush\u00fctte mache ich noch eine kurze Stippvisite im Zisterzienserkloster Walkenrieg, einem imposanten Areal aus dem Mittelalter. Die Besichtigung der Kirche spare ich mir, weil ich ja noch in das gestern Abend \u00a0angesprochene KZ Ellrich will.<\/p>\n<p>Bei der Ankunft in dem ehemaligen KZ bin ich entt\u00e4uscht. Keine Ausstellungsr\u00e4umlichkeiten, nur einige Informationstafeln und ein relativ gro\u00dfes Erinnerungsmonument, errichtet von der Stadt Leuven in Belgien f\u00fcr ihre hier umgekommenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Von einem Mitarbeiter der KZ-Gedenkst\u00e4tte Dora-Mittelbau erfahre ich dann telefonisch, dass die Bev\u00f6lkerung von Ellrich anscheinend kein gro\u00dfes Interesse an diesem Monument habe. An dem Spendenaufruf hat sich nur der B\u00fcrgermeister mit 100 Euro beteiligt. Er wurde bei der n\u00e4chsten Wahl abgew\u00e4hlt. Allerdings gibt es wohl auch einen r\u00fchrigen Verein Jugend f\u00fcr Dora (?), der noch internationale Jugendlager durchf\u00fchrt. Ein wenig Hoffnung f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\n<p>Der Rest ist schnell erz\u00e4hlt. Schokolade bei Lidl einkaufen, am Wurstwagen erst ein Mettbr\u00f6tchen und dann noch einmal eine sch\u00f6ne Eichsfelder Wurst auf die Faust, die die Fahrt zum n\u00e4chsten Ort nicht \u201e\u00fcberlebt\u201c, und dann vom eigentlichen Grenzverlauf abweichend das n\u00e4chste Harztal bergauf Richtung Brocken \u00a0und in Zorge noch ein sch\u00f6nes Gasthaus gefunden mit guter franz\u00f6sischer K\u00fcche. Fisch gab es nicht mehr. So habe ich einen vorz\u00fcglichen kleinen Salat gegessen und eine gutes Glas Rotwein getrunken &#8230;<\/p>\n<p><strong>Tag 30 (16.08.18):\u00a0\u00a0 Von Zorge\u00a0 nach Schierke\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Km: 912 \u2013 945<\/p>\n<p>In meinem Zimmer mit Fenster zur Bergseite hin habe ich gut geschlafen. Boxspringbetten scheinen sich immer mehr im Gastgewerbe durchzusetzen. &#8211; Von der Besitzerin erfahre ich, dass das gegen\u00fcberliegende Haus f\u00fcr 4.000 Euro zu kaufen sei, das Haus daneben, scheinbar etwas modernisiert, f\u00fcr 20.000 Euro. Die Jugend zieht weg, studiert, geht in die Gro\u00dfst\u00e4dte. Fachpersonal f\u00fcr den Service zu finden sei nahezu unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ich fahre los und merke, dass es wirklich erstmal nur berghoch geht. In dem einzigen Laden im Dorf gibt es zum Gl\u00fcck neben Bild-Zeitung, Lotto-Annahmestelle auch Zahnpasta. Ich bin erstmal gerettet. Den H\u00e4usern, die links und rechts der Stra\u00dfe liegen, merkt man an, dass die besseren Zeiten schon hinter ihnen und wahrscheinlich auch hinter ihren Bewohnern, sofern es aktuell noch welche gibt, liegen. Ich frage mich, ob der Ort nicht eigentlich \u201eSorge\u201c hei\u00dfen m\u00fcsste, aber der Ort mit diesem Namen kommt ja sp\u00e4ter: Sorge und Elend sind nur einige Kilometer voneinander entfernt und liegen im Osten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hohegei\u00df durch ein sch\u00f6nes Tal treffe ich einen pensionierten Finanzbeamten, der 1960 hier auf die Finanzfachschule gegangen ist, und der obligatorische Besuch der Grenze geh\u00f6rte nat\u00fcrlich auch noch dazu, ebenso wie die Gespr\u00e4che mit den DDR-Grenzsoldaten, was 1960, also vor dem Mauerbau, noch m\u00f6glich war. Er berichtet davon, wie er Anfang der Neunziger Jahre oft in die neuen Bundesl\u00e4nder gefahren ist und in Dresden ein junges, mit dem westlichen System unerfahrenes Gastwirtspaar beraten hat. Die Brauereien h\u00e4tten versucht, ihnen Knebelvertr\u00e4ge unterzuschieben. Ich stelle mir vor, wie es gewesen w\u00e4re, wenn die Menschen der Bundesrepublik 1990 das sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von heute auf morgen h\u00e4tten \u00fcbernehmen m\u00fcssen &#8230; Welche Br\u00fcche und Verwerfungen h\u00e4tte es auf unserer, westdeutschen Seite gegeben?! Vae victis!<\/p>\n<p>Ich traue meinen Augen nicht: ein herrliches, kleines, \u00fcberschaubares Waldbad. Um 11 Uhr morgens noch wenig bev\u00f6lkert. Haupts\u00e4chlich Niederl\u00e4nder, um nicht zu sagen: Holl\u00e4nder. Alles sehr familienfreundlich, auch die Preise. Ich ruhe mich aus, trinke einen Plastik-Cappucino und entdecke den Bademeister mit Migrationshintergrund. Er fummelt an seinem Handy herum und blickt ab und an auf das nicht sehr bev\u00f6lkerte Schwimmbecken. M\u00f6glicherweise stammen seine Vorfahren aus Vietnam oder von den Philippinen. W\u00e4re wohl im Osten nicht m\u00f6glich, einem \u201eNicht-Deutschen\u201c die Kinder anzuvertrauen?<\/p>\n<p>In Hohegei\u00df geht es wirklich hoch, bergauf. Einige H\u00e4user werden renoviert, andere sehen schlimm aus. \u201eKukki&#8217;s\u201c Pommesbude ist ein Hingucker: \u00dcberall deutsche Fahnen und DDR-Nostalgie, wenige Meter von der ehemaligen Grenze entfernt. Ich bestelle mir einen Teller mit der ber\u00fchmten Erbsensuppe und lausche einem Gespr\u00e4ch Chemnitzer zu, die sich \u00fcber Frank Sch\u00f6bel, die Puhdys und Karat unterhalten \u2013 alles ehemalige und z. T. noch aktive DDR-Schlagergr\u00f6\u00dfen und Rockbands. Der \u00e4ltere Herr mit Hund sowie die Gruppe Mittf\u00fcnfziger aus Chemnitz (warum h\u00f6re ich da immer noch &#8222;Karl-Moorx-Schtott&#8220; in meinem Kopf?) haben sofort eine gemeinsame Ebene.<\/p>\n<p>Nachdem die Gruppe sich verabschiedet hat, kommt der \u00e4ltere Herr mit mir ins Gespr\u00e4ch. Er ist nach der Wende aus Ost-Berlin nach Hohegei\u00df gekommen und hat dort ein mittleres Hotel \u00fcbernommen, was in den ersten Jahren auch gut lief. Irgendwann hat es sich nicht mehr rentiert und er ist mit seiner Frau, einer Illustratorin von B\u00fcchern, wieder zur\u00fcck in den Osten gegangen. Er lebt wenige Kilometer von der Grenze entfernt im\u00a0 Landkreis Harz. Relativ schnell haben wir eine gemeinsame Linie gefunden, weil er merkt, dass ich, der Viertel-Ossi und Dreiviertel-Wessi, mich mit der DDR-Realit\u00e4t besser auskenne als der Normalo-Wessi. Zudem hat meine Mutter ihre letzten Jahrzehnte in Berlin-M\u00fcggelheim verbracht, w\u00e4hrend A. auf der anderen Seite des Sees wohnte. Er pr\u00e4gt auch den Spruch: \u201eEinmal Ossi, immer Ossi\u201c. Ich wei\u00df nicht, ob ich stolz auf meine Geburt in der SBZ und die Einschulung in der DDR sein soll. Ich habe ja schlie\u00dflich selber nichts dazu beigetragen.<\/p>\n<p>Wir diskutieren nat\u00fcrlich auch \u00fcber die Abteilung \u201eHorch und Guck\u201c, die Staatsicherheit der DDR. Er erz\u00e4hlt mir, dass er mal f\u00fcr ein Vierteljahr in seiner Datsche einen Gast gehabt habe, der immer nur am Schreiben war. Der Name: Rudolf Bahro, der in der 2. H\u00e4lfte der Siebziger Jahre das vom \u201eSpiegel\u201c, glaube ich, ver\u00f6ffentlichte DDR-kritische Buch \u201eDie Alternative\u201c geschrieben hatte. \u00a0Irgendwie waren Telefonleute bei ihm, aber es h\u00e4tte sich nichts getan und er w\u00e4re auch nicht befragt bzw. verh\u00f6rt worden. Seltsam. Wir machen Fotos, getrennt und zusammen, und tauschen unsere Handynummern aus. Ein neuer Freund, auch wenn er einige Jahre \u00e4lter ist als ich. Zur Person Rudolf Bahros, seinen politischen und wissenschaftlichen Aktivit\u00e4ten finden sich bei Wikipedia n\u00e4here Informationen (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Bahro\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Bahro<\/a> \/ 26.08.2018).<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Bahnhof Sorge, wo sich ein kleines Grenzmuseum befindet, verfahre ich mich nat\u00fcrlich mal wieder und muss dann \u00fcber die Bundesstra\u00dfe 4 nach Sorge. Dort angekommen merke ich, dass mir der \u201eRing der Erinnerung\u201c auf meiner Liste fehlt. Also, mal wieder Retour in Richtung Hohegei\u00df. Ich treffe bei dem in freier Landschaft stehenden B-Turm eine Gruppe von Holl\u00e4ndern, denen ich ein paar Erl\u00e4uterungen auf Englisch geben und mich mit \u201etot ziens\u201c verabschiede. In der Tat treffe ich sie in dem Bahnhofsmuseum wieder, wo ein von der Arbeitsagentur unterst\u00fctzter Mittf\u00fcnfziger detaillierte, aber auch kritische Aussagen zum Prozess der Wiedervereinigung\u00a0 macht, wie z. B. dem Verlust der Arbeitspl\u00e4tze in der ehemaligen DDR. Der Mann kommt aus dem Westen &#8230;<\/p>\n<p>Eigentlich habe ich schon genug angesichts der Hitze, aber ich will unbedingt morgen den Brocken rauf. Daher muss ich heute noch Schiercke erreichen. \u00dcber die Bundesstra\u00dfe 27 geht es zun\u00e4chst nach Elend und dann durch den malerischen Wald nach Schierke. So weit so gut. In Schierke komme ich mir wie ein Auss\u00e4tziger vor, als ich den hinter der Theke stehenden Gasthausbesitzer frage, ob er in seiner Ferienlage noch ein Zimmer f\u00fcr eine Nacht habe. Geh\u00f6re ich vielleicht zu der Generation, die keinen Internetzugang hat und \u00fcber booking.com oder hrs.de nicht herausbekommt, wo noch eine Schlafm\u00f6glichkeit frei ist? Ich bin schon auf der letzten Rille hochgefahren, der Akku ist nahezu leer und dann dieser ungl\u00e4ubige, herabsch\u00e4tzige Blick. Es dauert eine Weile, bevor ich \u00fcberhaupt eine Antwort bekomme.<\/p>\n<p>Ich verlasse diesen unfreundlichen Ort und gehe ich die n\u00e4chste Seitenstra\u00dfe. Pension. Alles per Telefon. Zimmer noch m\u00f6glich, aber Wohnung noch nicht sauber gemacht. Egal. Preis verhandelt, 40 Euro unter die Kaffeemaschine morgen legen. Im Info-Heft lese ich, dass das Haus fr\u00fcher der Zirkus-Familie <em>S<\/em>arrasani geh\u00f6rt habe. Ich erinnere mich an meine Zeit als Zirkuskind beim Zirkus Busch in den Saisons 1957 und 1958. An den Sonntagnachmittag, als der B\u00e4r meinen Lufballon haben wollte und mein Vater geistesgegenw\u00e4rtig dem B\u00e4ren mit dem Trockenrasierer auf die Tatze kloppte, damit er meine Hand los lie\u00df&#8230; Welch ein Schutzengel!<\/p>\n<p>Zum Essen habe ich dann etwas beim Chinesen auf der anderen Seite, dem Schierke gegen\u00fcberliegenden Berg, bekommen. Seit 20 Jahren wohnt er schon dort. Alles in Ordnung.<br \/>\nKaputt lege ich mich schlafen, die Nacht wird kurz.<\/p>\n<p><strong>Tag 31 (17.08.18):\u00a0\u00a0 Von Schierke\u00a0 \u00fcber den Brocken nach Stapelburg<\/strong><\/p>\n<p>Km 945 \u2013 985<\/p>\n<p>Kurz nach drei Uhr morgens wache ich \u2013 ohne Wecker \u2013 auf. Ich bin nerv\u00f6s, kann nicht mehr einschlafen. Sonnenaufgang auf dem Brocken? Das w\u00e4r doch was. Also, ab unter die Dusche! Mitten in der Nacht, ohne Fr\u00fchst\u00fcck, werden die Sachen gepackt. Wie immer ein Akt. 40 Euro unter die Kaffeemaschine. Schl\u00fcssel unter die T\u00fcrmatte.<\/p>\n<p>Ich starte um 4:45 Uhr von der Pension aus und m\u00f6chte zum Sonnenaufgang um 6:11 Uhr oben sein. Ich fahre zun\u00e4chst durch den dunklen Wald mit meiner Beleuchtung, was mir hilft, denn drau\u00dfen ist es \u201ekuhnacht\u201c. In dem Buch von Stefan Esser ist der Weg auf der Versorgungsstra\u00dfe beschrieben. Pl\u00f6tzlich taucht in der Dunkelheit ein hell erleuchtetes, leeres Parkhaus auf. Surreal. Schlie\u00dflich finde ich die Versorgungsstra\u00dfe, die hoch zum Brocken f\u00fchrt, zwar doppelt so lang wie der Fu\u00dfweg, der relativ nah der Brockenbahn entlang f\u00fchrt, aber die Steigungen sind mit dem E-Bike gut machbar.<\/p>\n<p>Auf dem Weg hoch komme ich an kaputten B\u00e4umen vorbei, die in drei Meter H\u00f6he abgeschnitten oder richtig gef\u00e4llt worden sind. Ich kurbele mein Pensum herunter, wie ein Uhrwerk. Es kommt mir vor wie bei meinen Berlin-Marathons zwischen Kilometer 15 und 25. Alles l\u00e4uft. Zwischendurch \u00fcberkommen mich die Emotionen. Der h\u00f6chste Punkt der Reise: Ein paar Tr\u00e4nen werden im Fahrtwind getrocknet, genau wie bei meinem ersten Berlin-Marathon 1996, als ich zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor in Berlin \u201efrei\u201c, ohne Mauer und Zaun, laufen konnte &#8230; Zwei Kilometer vor dem Brocken treffe ich auf zwei Mountainbiker, die sich vom Osten her hoch gequ\u00e4lt haben. Ich bekomme einen Spruch wegen meines E-Bikes ab, aber ansonsen alles gut.<\/p>\n<p>Auf dem Brocken angekommen, herrscht Ruhe \u00fcber allen Wipfeln. Ein Hobbyfotograf erkl\u00e4rt mir kurz, wo ich noch ein sch\u00f6nes Foto machen kann: auf dem Bahnsteig der Brockenbahn. Aus dem Hotel kommen zwei Frauen, die auch extra zum Sonnenaufgang aufgestanden sind. Zwei junge Kerle mit dem Rucksack marschieren an mir fast gru\u00dflos vorbei. Waren das Bundeswehrsoldaten? Ich erinnere mich an den Einzelk\u00e4mpferlehrgang an der Fallschirmspringerschule in Altenstadt in der N\u00e4he von F\u00fcssen Im Fr\u00fchherbst 1968.<\/p>\n<p>Das Stativ wird ausgepackt, damit ich Fotos vom Sonnenaufgang machen kann. Nur &#8211; es ist ein wenig wolkig! Egal, die Sonne ist schemenhaft zu erkennen, zun\u00e4chst, sp\u00e4ter deutlicher. Den Fotoapparat benutze ich als Videoaufnahmeger\u00e4t und ziehe eine Bilanz der bisherigen Reise: Sehr viele interessante Begegnungen, viel Hilfsbereitschaft.<\/p>\n<p>Der Imbiss am Brockenbahnhof hat noch nicht ge\u00f6ffnet. Es ist 06:30 Uhr. Einige Autos fahren zur Wetterstation. Mitarbeiter. Ich hole die Flasche Aufgesetzen aus der Packtasche und trinke auf das Etappenziel, den h\u00f6chsten Berg der Tour mit \u00fcber 1.100 Metern. Bernhard Fahrig aus dem Eichsfeld hat mir die Flasche als Reiseproviant mitgegeben. Noch einmal vielen Dank!<\/p>\n<p>Am Brockenstein treffe ich gegen sieben Uhr einen Mann mittleren Alters, der jeden Tag ca. 20 km mit seinen sibirischen Schlittenstunden zu Fu\u00df geht oder l\u00e4uft. Er ist ein \u201eSchwob\u201c und kommt aus der N\u00e4he von Aalen, ist mit dem Camper unterwegs. Wir sprechen \u00fcber die unterschiedlichen Mentalit\u00e4ten in Ost und West. Er ist der Meinung, dass die Menschen in den neuen Bundesl\u00e4ndern freundlicher sind.<\/p>\n<p>Der Brocken ist nach wie vor relativ menschenleer und ich fahre immer noch euphorisiert den steilen Kolonnenweg Richtung Scharfenstein und Ecker-Talsperre. Die Abfahrt erfordert Konzentration, da die L\u00f6cher in den Betonplatten zwar einigerma\u00dfen zugewachsen sind, aber die Trekking-Reifen sind nicht viel breiter und das Vorderrad darf nicht verkannten. Auch sind es mindesten 135 Kg, die den Berg langsam herunterrollen, meine H\u00e4nde liegen\u00a0 immer fest an den beiden Bremsgriffen. Zum Gl\u00fcck habe ich in Duderstadt neue Bremsbel\u00e4ge f\u00fcr das Hinterrad bekommen &#8230;<\/p>\n<p>Nach 20 Minuten Abfahrt mache ich eine Pause. Heute Nacht nur 4 Stunden geschlafen, die Bergfahrt fordert ihren Tribut. Ich lege mich auf die Erde, die Regenjacke darunter, es wird so langsam warm durch die Sonne, ich lege mir sicherheitshalber noch meine vordere Gep\u00e4cktasche mit den Wertsachen unter den Kopf und schlafe ein &#8230; Als ich aufwache, frage ich mich, wo mein Handy ist. Hosen- und Jackentaschen werden abgesucht, nichts. Die vordere, blaue Gep\u00e4cktasche durchsucht, nichts. Es kommt Panik auf. Wie soll ich ohne Handy kommunzieren mit Ellen, den Kindern, Dors &#8230;? Ein weiteres Beispiel, wie sich unser bzw. mein tagt\u00e4gliches Leben in den letzten drei Jahrzehnten ver\u00e4ndert hat!<\/p>\n<p>Habe ich das Handy vielleicht oben auf dem Brocken liegen gelassen? Es hilft nichts. Den steilen Anstieg auf dem Kolonnenweg hoch zum Brocken. Am Brockenstein: nichts. Beim Brockenwirt und dem Museum auch nichts. Ich werde fatalistisch und denke: \u201eRecht geschieht es mir, h\u00e4ttest halt besser aufpassen m\u00fcssen.\u201c Schweren Herzens, frustiert, geht es wieder bergrunter. In Bad Harzburg kann man bestimmt ein neues Handy kaufen &#8230; Unterwegs spreche ich Mountainbiker, die bergauf fahren, an und bitte sie mir ggf. das Handy zuzusenden. Irgendwie gibt es Solidarit\u00e4t, obwohl ich mit einem E-Bike unterwegs bin.<\/p>\n<p>Nach einigen Kilometern liegt ein kleines Plateau vor mir: Scharfenstein. Hier stand fr\u00fcher mal eine Kaserne, genutzt von der sowjetischen Armee und sp\u00e4ter dann von den DDR-Grenztruppen. Mittlerweile abgerissen. Daf\u00fcr befinden sich dort jetzt zwei Holzh\u00fctten, eine davon mit Bewirtung, betrieben von Harz-Rangern. Da der Anstieg nochmal E-Power verbraucht hat und ich zudem noch nichts Richtiges gefr\u00fchst\u00fcckt habe, mache ich erst einmal eine Pause. Kaffee und Schmalzbrote, sp\u00e4ter dann noch ein St\u00fcck Kuchen und Limonade.<\/p>\n<p>Ich komme mit dem Ranger ins Gespr\u00e4ch: Er war in den Achtziger Jahren selber bei den DDR-Grenztruppen, allerdings nicht in der N\u00e4he seines Wohnortes, sondern weiter n\u00f6rdlich. Ich erz\u00e4hle meine Geschichte (ein Viertel Ossi, drei Viertel Wessi) und wir kommen nach anf\u00e4nglicher Zur\u00fcckhaltung sehr schnell in langes, differenziertes Gespr\u00e4ch \u00fcber das Leben in der DDR, die Wendezeit und die Zeit nach der Jahrtausendwende. Er regt sich \u00fcber undifferenzierende \u201eWest\u201c-Besucher auf, die angesichts der Fotos sofort auf die Stasi-Leute im Osten schimpfen, alle ehemaligen DDR-Bewohner gleichsetzen, die Kosten der Wiedervereinigung als einseitige Belastung f\u00fcr die alten Bundesl\u00e4nder ansehen. So werden es fast zwei Stunden intensiver Diskussion und ich freue mich, dass ich einen solchen Gespr\u00e4chs- und Diskussionspartner hier mitten in der Pr\u00e4rie am Fu\u00dfe des Brockens kennengelernt habe.<\/p>\n<p>Aus dem Esser-Buch, das mich bisher immer begleitet hat, wei\u00df ich, dass die Ecker nicht nur Grenzfluss war, sondern dass das Tal und die Talsperre sehr sch\u00f6n sein gelegen sein sollen. H\u00e4tte ich es mal blo\u00df gelassen und w\u00e4re mit einem kleinen Umweg \u00fcber Waldwege nach Ilsenburg gefahren, nein ich wollte die Mountainbikestrecke nehmen! Der erste Kilometer ging noch relativ problemlos, dann aber auf ca. 1 km nur noch eine Wurzel nach der anderen. War es die Trockenheit, die dazu f\u00fchrte, dass es eine Holperstrecke wurde, oder sonst was? Ich wei\u00df es nicht. Ich denke nur: ein Gl\u00fcck, dass ich ein Treckingrad habe, das auch durch die vollen und schweren Satteltaschen relativ stabil f\u00e4hrt. Au\u00dferdem: Ich bin stolz auf meine F\u00e4higkeit, das Fahrrad mittlerweile bei allen Unebenheiten im Griff zu haben.<\/p>\n<p>Die Talsperre kann ich auf der Mauer \u00fcberqueren. In der Mitte ein Grenzpfahl der DDR. Fr\u00fcher hat es wohl \u00f6fter Streitigkeiten zwischen der BRD und der DDR gegeben, die die Talsperre gemeinsam betrieben haben. Am Ende der Mauer dann das Erwachen. Das ganze Gep\u00e4ck vom Rad runter, die Treppen hochtragen, das Fahrrad hinterher und oben alles wieder zusammenbauen. 32 Grad Celsius. Ein Uhr mittags.<\/p>\n<p>Anstatt nach Bad Harzburg zu fahre, suche ich mir wieder die \u201eharte\u201c Tour raus. \u00dcber einen kleinen, steilen Weg runter ins Eckertal. \u00dcber Steine, leichtes Ger\u00f6ll, aber immer im Schatten und einen sch\u00f6nen Blick auf die Ecker, die allerdings nur wenig Wasser f\u00fchrt. Ich fahre mittlerweile relativ brutal \u00fcber die Schotterwege, so mit 18-20 km\/h, aber es geht ja auch leicht bergab&#8230; Irgendwann merke ich, dass es mich wieder erwischt hat, die Luft scheint vorne nicht mehr zu halten. Na ja, ein Ungl\u00fcck kommt selten allein.<\/p>\n<p>Am Eckerkrug stehen einige \u00fcberdachte Holztische. Hier befand sich fr\u00fcher eine Naturheilanstalt namens \u201eJungborn\u201c , gegr\u00fcndet von Adolf Just. Ich brauche eine Pause, folge dem Ansatz von Just, und mache meinen Oberk\u00f6rper frei. Au\u00dferdem baue ich das Vorderrad ab und flicke den Reifen. Mittlerweile ist es Routine. Gep\u00e4ck abbauen. Fahrrad auf den Sattel und den Lenker stellen. Vorderrad aus aus der Gabel. Wasser aus der 1,5 l-Flasche in den kleinen viereckigen Plastikbeh\u00e4lter. Schlauch ausbauen. Wieder aufpumpen und dann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck durch das Wasser ziehen, bis es Blasen gibt. Ein Gummiflicken drauf und 150 mal mit der kleinen Luftpumpe aufpumpen. Da kommt jedesmal Freude auf &#8230;Beim Durchsuchen der vorderen Packtasche nach Flickzeuge finde ich vollkommen \u00fcberraschend mein Handy wieder. Es ist schmal und ich hatte es auf dem Brocken in der ganzen Euphorie und Aufregung nicht gefunden&#8230;.<\/p>\n<p>In Stapelburg halte ich bei einem Supermarkt an&#8230; hat mehr den Charme des alten Konsums, nur mehr Waren nat\u00fcrlich. Ich kaufe mir Bananen und 500 gr. Joghurt. Irgendwie bekomme ich den Joghurt nicht runter, da helfen auch nicht wirklich eingetunkte Bananenst\u00fccke. Der Joghurt wird hinten auf dem Fahrrad &#8218;festgeschnallt&#8216;. Man ist ja umweltbewu\u00dft. Zum Gl\u00fcck finde ich nach mehrmaligem Fragen ein Zimmer in einer Ferienwohnung, die ich f\u00fcr mich alleine habe. Obwohl drau\u00dfen der Rasen total vedorrt ist, frage ich die Wirtin gleich nach der Besichtigung, ob ich zwei Tage bleiben kann. Ruhetag! Als ich mich nach 17 Stunden Unterwegssein im Spiegel sehe, gewinne ich den Eindruck, dass ich mit dem Typen, der mich ansieht, heute Abend auch kein Bier mehr trinken m\u00f6chte. Total kaputt, aber tolles Gef\u00fchl: Der Brocken ist geschafft!<\/p>\n<p><strong>Tag 32 und 33 (18.\/19.08.18):\u00a0\u00a0 Ruhetage in Stapelburg<\/strong><\/p>\n<p>KM: 980-985<\/p>\n<p>Heute ist Samstag. Es ist eine gute Entscheidung, einen Ruhetag einzulegen. Nachts haben die Oberschenkelmuskel mal wieder derbe gekrampft. Die gestrige Brocken-\u00dcberquerung hat ihre Spuren hinterlassen. Aber morgens geht es mir schon viel besser als gestern Abend. Mit dem Schreiben des Tagebuches h\u00e4nge ich hinterher. Daher: Schnell einige ich mich auf zwei Ruhetage anstatt nur einem. Die gediegen eingerichtete FEWO gibt mir so ein wenig das Gef\u00fchl, dass ich hier eine kleine Oase gefunden habe. Arminia Bielefeld spielt und ich h\u00f6re Radio Bielefeld dabei. Es wird, wie fast immer bei der Drama-Queen, ein Zittersieg: 2:1 gegen die Dynamos aus Dresden. Ein Geschenk an den pl\u00f6tzlich verstorbenen Stadionsprecher, der 35 Jahre lang die Stimme der Alm (Sch\u00fcco Arena) war.<\/p>\n<p>Ich kaufe Lebensmittel ein, bruzzele mir etwas zurecht, trinke Pulver-Cappucino &#8230; nur vom Feinsten. Von meiner Nichte Iris habe ich die Telefonnummer von meinem Cousin Ulli erhalten. Ich rufe an und stelle fest, dass er an der Bergstra\u00dfe in S\u00fcdhessen wohnt. Erinnerungen werden wach an meine insgesamt zehn Jahre an der TU Darmstadt, das Studium, die vielen Interviews mit Zeitzeugen aus dem NS-Widerstand, an aufrechte K\u00e4mpfer wie den Kommunisten Karl Schreiber, der daf\u00fcr sorgte, dass das KZ Osthofen (Schauplatz von Anna Seghers&#8216; \u201eDas siebte Kreuz\u201c) nicht in Vergessenheit geriet, an Schwester Ria Ratz, die als evangelische Ordensschwester in Opposition zu den Nazis stand, oder an Alexander Haas, den damaligen Vorsitzenden der J\u00fcdischen Gemeinde Darmstadt, der mich in der Auseinandersetzung um meine Staatsexamensarbeit \/ Promotion \u00fcber Machtergreifung sowie Widerstand und Verfolgung in Darmstadt gegen\u00fcber dem SPD-Oberb\u00fcrgermeister verteidigte. Ich erinnere mich an die Zeit in der Hochschulpolitik als Mitglied des damaligen Allgemeinen Studentenausschusses und an die von mir gegr\u00fcndete Georg-B\u00fcchner-Edition, die mir zur Ver\u00f6ffentlichung der mehr oder minder auf dem Index stehenden Geschichtsforschungen sowie der von mir produzierten Langspielplatte \u201eOsttangenten-Blues&#8220; diente. Lange ist es her, doch die Erinnerungen an die Auseinandersetzungen, aber auch an die Solidarit\u00e4t und die Unterst\u00fctzung, nicht von der politischen Linken, den Zeitzeugen, sondern u.a. auch vonseiten des damaligen Leiters des Hessischen Staatsarchivs in Darmstadt sind wach.<\/p>\n<p>Ich rufe meinen Cousin Uli an. Er ist erstaunt und anscheinend erfreut, von mir zu h\u00f6ren. Ein positives Gef\u00fchl, das ich auch in Heiligenstadt bei meinem Cousin Ernst-Georg und seiner Familie hatte. Ich frage nach Gerichtsakten \u00fcber den Tod unseres gemeinsamen Gro\u00dfvaters, die er angeblich von seinem Vater geerbt haben soll. Nein, Prozessunterlagen aus dem Jahre 1961, als der Todessch\u00fctze zu eineinhalb Jahren auf Bew\u00e4hrung verurteilt wurde und relativ schnell zur SED-Bezirksleitung nach Erfurt versetzt wurde, hat er nicht.<\/p>\n<p>Mich trifft fast der Schlag, als er mir berichtet, dass sein Vater Ernst davon ausgegangen war, dass es kein Unfall, sondern Mord gewesen sei. An einem klaren, sonnigen Dezembertag k\u00f6nne man auf ca. 20 Meter Entfernung in einer Schonung, in der die St\u00e4mme jeweils mehrere Meter auseinander stehen und vielleicht 10 cm dick sind, keinen erwachsenen, schwergewichtigen Menschen mit einem Wildschwein verwechseln und zweimal (!) schie\u00dfen. Ich muss das zun\u00e4chst verdauen&#8230;..\u00a0Aus dem vorgesehenen Ruhetag ist so ein emotional aufw\u00fchlender Un-Ruhetag geworden.<\/p>\n<p>Am Sonntag habe ich die M\u00f6glichkeit, mich lange mit der Besitzerin der FEWO zu unterhalten. Ihr verstorbener Ehemann, der in den 60er Jahren \u00fcber die Gr\u00fcne Grenze im Eckertal in den Westen geflohen war, hat das aufwendig restaurierte Bauerngeh\u00f6ft nach der Wende wieder zur\u00fcck erhalten. Sie berichtet von den Schwierigkeiten und den Anstrengungen, die es gekostet hat, sich Anfang der 90er Jahre die Anerkennung der Dorfbewohner im wahrsten Sinne \u201ezu erarbeiten\u201c. Inwieweit auch heute noch Ressentiments vorhanden sind, bleibt unklar.<\/p>\n<p>Ein geplanter Besuch in dem unterirdischen Museum im ehemaligen Grenzbunker zwischen Stapelburg und Eckertal findet nicht statt. Die Frau, die vor zehn Jahren einen Kiosk direkt \u00fcber dem zu besichtigenden kleinen Bunker betrieben hat, gab nach wenigen Jahren auf. Es fand sich kein Tr\u00e4ger, der die Arbeit unterst\u00fctzte. So ist heute nur noch eine Betonplatte zu sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass der Kiosk an dem ehemaligen Grenz\u00fcbergang nicht mehr lief.<\/p>\n<p><strong>Tag 34 (20.08.18):\u00a0 Von Stapelburg nach Sch\u00f6ningen<\/strong><\/p>\n<p>Km: 985 \u2013 1060<\/p>\n<p>Ich verabschiede mich herzlich von meinen beiden Gastgebern und fahre entlang der ehemaligen Grenze Richtung Vienenburg. Nachdem ich wieder im Westen bin, komme ich an total vertrockneten \u00c4sten und z. T. entwurzelten B\u00e4umen vorbei. Nat\u00fcrlich verfahre ich mich auch mal wieder. Abbenrode h\u00e4tte ich auch &#8218;leichter&#8216; haben k\u00f6nnen, aber der Waldweg war sch\u00f6n. In Vienenburg nochmal schnell Geld holen auf der Bank und einen Cappucino bei einer relativ unfreundlichen Eisdielenbetreiberin trinken. Dann geht es wieder \u00fcber die mittlerweile imagin\u00e4re Grenze in den Osten.<\/p>\n<p>Ich bin einfach dankbar und froh, zumal jetzt keine gewaltigen Steigungen mehr kommen.\u00a0 Kurz vor G\u00f6ddeckenrode habe ich ein weiteres Teilziel erreicht: 1.000 Km habe ich hinter mir &#8230; und lebe noch! Ich genehmige mir erneut einen Schluck von Bernhards Wildkirschen-Schnaps, mache neben dem Grenzzaun eine Pause und halte f\u00fcr wenige Minuten inne. Die angerissene Achillessehne, die angerissenen B\u00e4nder im linken Fu\u00df \u2013 ein Souvenir aus Chisinau, als ich morgens auf dem Weg zur Akademie der Wissenschaften auf Glatteis ausgerutscht bin (28. Januar 2014) \u2013 haben bisher gehalten und mitgemacht. Toi-toi-toi.<\/p>\n<p>In G\u00f6ddeckenrode treffe ich eine \u00e4ltere Frau. Was hei\u00dft hier \u00e4lter? Jahrgang 1946, gerade mal zwei Jahre \u00e4lter als ich! Sie ist von der Wende entt\u00e4uscht, weil sie Anfang der 90er Jahre nicht nur ihre Stelle bei der Post verlor (dazu muss man wissen, dass die Poststelle in der DDR lange Zeit eine wichtige Funktion im Dorf hatte und mit hohem Ansehen verbunden war. Es gab nur sehr wenige Telefone. Telefonieren und Telegramme versenden konnte man nur direkt auf der Post), sondern im Dorf mittlerweile die Westler das Regiment \u00fcbernommen h\u00e4tten. Nach der Wende w\u00e4ren sie relativ schnell gekommen und h\u00e4tten die alten, z. T. verlassenen H\u00e4user gekauft und renoviert. Die Qualit\u00e4t der Kinderg\u00e4rten und Schulen sei auch unterschiedlich. Sie s\u00e4he das an ihrer j\u00fcngsten Enkelin, die im bundesdeutschen Nachbarort den Kindergarten besucht habe. Auch die in der DDR gut qualifizierte Tochter w\u00fcrde sich im nahegelegenen Hornburg immer noch als Ossi f\u00fchlen, und viele Frauen h\u00e4tten keine vergleichbare berufliche Ausbildung wie in der DDR erhalten.<\/p>\n<p>Nach Hornburg fahre ich nicht rein, weil ich eine Abk\u00fcrzung Richtung Osten nehmen will und prompt verfahre ich mich mal wieder. Dies endet \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 an einem Beobachtungsturm mitten auf einem Kamm, was durchaus interessant ist, aber auch ein Desaster. Die Wege sind mal wieder von Steinen und \u00c4sten \u00fcbers\u00e4ht. Ich fahre \u00fcber ein Stoppelfeld, aber es geht nicht weit: Wieder ist es der Vorderreifen, der nicht mehr gen\u00fcgend Luft hat. Ich komme nicht mehr richtig vorw\u00e4rts, die Speichen will ich auch nicht gef\u00e4hrden. Also, ab an den Waldrand, alles abbauen! Wie gehabt und schon beschrieben: zur Feier des Tages (1.000 Km) g\u00f6nne ich mir endlich den Ersatzschlauch und bin nach einer guten Viertelstunde wieder startbereit f\u00fcr den Trail &#8230; holterdiepolter geht es weiter &#8230;<\/p>\n<p>Nach mehrmaligem Verfahren im Wald komme ich zu einer Ausflugsgastst\u00e4tte in der N\u00e4he von Osterwieck. Ich frage nach, ob ich den Akku nachladen sowie Kaffee und Kuchen bekommen kann. Die Wirtin ist zuerst etwas skeptisch, gestattet dann aber doch das Aufladen. Am Nachbartisch sitzt ein drahtiger Mann, der vielleicht knappe zehn Jahre j\u00fcnger ist als ich: \u201eWo fahren Sie hin?\u201c \u2013 \u201eOstsee, immer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzen entlang!\u201c Es entspinnt sich eine Diskussion, die ich so schnell nicht vergessen werde. Themen wie \u00fcblich: Fl\u00fcchtlinge, Migranten, Islam. &#8222;Alles raus, hat nichts mit Deutschland zu tun! Alle meine Freunde in Halle denken so.&#8220; \u201eSchauen Sie sich doch mal in Halle an der Saale auf dem Marktplatz um! Alles Asylanten, Schwarze, Fl\u00fcchtlinge! Ab sieben kann da keine deutsche Frau mehr hergehen.\u201c<\/p>\n<p>Als er dann tats\u00e4chlich fordert, man m\u00fcsse mit Frau Merkel das Gleiche machen, wie es die Securitate in Rum\u00e4nien mit Ceau\u0219escu gemacht hat, n\u00e4mlich den Staatschef ohne Gerichtsverhandlung zu erschie\u00dfen (Weihnachten 1989), gebe ich meine Zur\u00fcckhaltung auf: \u201eGlauben Sie blo\u00df nicht, dass wir es zulassen werden, dass hier in Deutschland Politiker erschossen werden, nur weil einigen Leuten deren Meinung nicht passt! Da gibt es genug Leute im Westen, die sich ganz klar dagegen stellen werden!\u201c \u2013 Er legt nach: \u201eUnd schauen Sie sich doch mal die Roth von den Gr\u00fcnen an, die ist sogar Bundestagsvizepr\u00e4sidentin. Genau das Gleiche! Weg damit!\u201c<br \/>\nIch halte hier dagegen, weil ich diese Nazipropaganda nicht unwidersprochen stehen lassen will.<\/p>\n<p>Das ganze Streitgespr\u00e4ch dauert \u00fcber eine Stunde. In welchem Bereich er arbeitet, will der sehr gut informierte Herr mir nicht sagen. Zu meinem heutigen Etappenziel Marienborn sagt er beim Abschied nur: \u201eJa, zu Marienborn k\u00f6nnte ich Ihnen auch noch was sagen. Da kenne ich mich sehr gut aus. Aber lassen wir das &#8230;!\u201c Habe ich es hier etwa mit einem ehemaligen Angeh\u00f6rigen der Stasi zu tun gehabt, deren Aufgabe es war, bundesrepublikanische Reisende auszufragen bzw. anzuwerben? &#8211; Ich erinnere mich an den 2. Weihnachtsfeiertag 1981 als ich wenige Tage nach dem Tod meines Vaters den Totenschein zu meinen Br\u00fcdern in Ostberlin bringen wollte. Morgens gegen sieben Uhr werde ich vom Zoll der DDR befragt, was denn das f\u00fcr ein Schmuck sei, den ich als Geschenk mit mir f\u00fchrte. Es war Indianerschmuck, wahrscheinlich aus dem Sioux-Reservat, den ich auf einer Reise mit meiner fr\u00fcheren Frau Ute dort w\u00e4hrend des zweij\u00e4hrigen USA-Aufenthaltes in Buffalo, N.Y.,\u00a0 gekauft hatte. Ich sollte 70 DM Zoll bezahlten. Als ich dem Grenzoffizier sagte, dass der Schmuck keine 30 DM wert sei, hielt er mir vor, dass sie in der DDR auch nicht mit allem in der BRD einverstanden seien, z. B. den Berufsverboten gegen Kommunisten. Nach vorigen Nacht ohne Schlaf war ich relativ geladen und habe ihm gesagt, dass er mir \u00fcber Berufsverbote nichts sagen br\u00e4uchte. Die Tatsache, dass ich 1978 in Hessen keinen Referendarsplatz trotz sehr guter Noten bekommen hatte, waren f\u00fcr mich Anlass anzunehmen, dass ich selber unter den so genannten Radikalen-Erlass aus dem Jahre 1971 gefallen war. Irgendwie muss es ihn beeindruckt haben: Meine Zollgeb\u00fchr wurde halbiert, von 70 DM auf 35 DM.<\/p>\n<p>Nachdem die Wirtin mich freundlich verabschiedet hat, bin ich mir mit Wut im Bauch klar, dass ich heute noch Kilometer machen muss, damit ich Dors, wie geplant, morgen fr\u00fch in Helmstedt abholen kann. Es gilt Landstra\u00dfe zu fahren: Aue-Fallstein, Huy, Jerxheim: teilweise Bundesstra\u00dfe ohne Fahrradweg. Es wird mir mulmig, wenn die Autos mit 100 und mehr Sachen an mir vorbeirauschen. Zum Gl\u00fcck habe ich immer meinen gelben Regenschutz \u00fcber dem Schutzhelm &#8211; ein guter Sonnenschutz gegen Hautkrebs und gleichzeitig von weitem sichtbar! Der Akku ist wieder einigerma\u00dfen aufgeladen und ich spule die Kilometer runter, mittlerweile Routine. Kurz vor der imagin\u00e4ren Grenze kaufe ich in Sachsen-Anhalt noch Studentenfutter zur St\u00e4rkung in einem Supermarkt. Im nieders\u00e4chsischen S\u00f6llingen hat das Gasthaus zu, aber irgendwie gelingt es mir eine Internetverbindung herzustellen und noch ein Hotel in Sch\u00f6ningen f\u00fcr diese Nacht zu bekommen. Kurz vor acht Uhr, es d\u00e4mmert schon, komme ich relativ groggy dort an. Zwei Monteure aus Schwerin sind schon da, die Unterbringung erinnert mich ein wenig an Bombay am Hafen im Jahre 1994. Jeder Ton des Nachbarn zu h\u00f6ren &#8230;<\/p>\n<p>Zum Essen bekomme ich vorz\u00fcgliche Rouladen. Das Alsterwasser als erstes Getr\u00e4nk und dann noch ein oder zwei normale Bier sind schon zur Routine geworden. Ich darf mich neben den Gastwirt setzen, der einige Jahre \u00e4lter ist als ich. Er erz\u00e4hlt von fr\u00fcher, von vor der Wende, w\u00e4hrend der Wende und den leider traurigen Jahren danach. Vor der Wende war in seiner Gastst\u00e4tte viel los: US-Soldaten, die in der N\u00e4he stationiert waren, Russisch lernten und den Funkverkehr der Warschauer Vertragsstaaten abh\u00f6rte, LKW-Fahrer der DDR-Spedition DEUTRANS, Kungelgesch\u00e4fte zwischen Amerikanern und Russen in der Wendezeit (Uniformen, Waffen der Sowjets gegen US-Dollar). Verwundert hat mich nur, dass er offensichtlich auch DEUTRANS-Fahrer mit in die Kaserne genommen hat, wo diese ihre Beobachtungen machten. Ich erz\u00e4hle ihm von meiner Bundeswehrzeit von 1967-1970 und wir finden gleich eine gemeinsame Ebene, obwohl er nur Wehrpflichtiger war und ich ein 1000-Tageb\u00e4r. Interessant war auch, dass sein Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und dort ideologisch geschult worden ist &#8230;<br \/>\nWas f\u00fcr ein Tag!<\/p>\n<p><strong>Tag 35 (21.08.18):\u00a0\u00a0 Von Sch\u00f6ningen nach Oebisfelde<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1060 \u2013 1125<\/p>\n<p>Das Zimmer war im Prinzip in Ordnung. Das Schnarchen des Nachbarn hielt sich in Grenzen. Wie das mit meinem war, habe ich nicht so genau mitbekommen. Das Fr\u00fchst\u00fcck war \u00fcberraschend gut: zwei frisch zubereitete Eier etc. und immer Kaffee mit Milch. So langsam macht sich wieder der Reflux bemerkbar. Tags\u00fcber kaum etwas zu essen, au\u00dfer Kaffee und ein St\u00fcck Kuchen, und abends wird immer reingehauen, was das Zeug h\u00e4lt. Zwischenzeitlich war ich schon mal d\u00fcnner, aber es gibt auch was Positives: Seit dem Harz sind die Temperaturen ertr\u00e4glicher geworden, so um die 22 bis 26 Grad Celcius, ab und an ein Regentropfen. Eine Wohltat, wenn auch zu wenig f\u00fcr die Natur.<\/p>\n<p>Um 10.43 Uhr kommt Dors aus B\u00fcnde mit dem Zug nach Helmstedt. Ich wollte mich extra im Westen mit ihm treffen, damit wir beide gemeinsam \u00fcber die Grenze fahren k\u00f6nnen.<br \/>\nVorher mache ich aber schnell einen Abstecher nach H\u00f6ltensen, wo die Grenzbefestigung noch original erhalten ist, eine der wenigen Grenzabschnitte, so wie z. B. bei Sickenberg \/ Allendorf. Es sind jetzt noch knapp 16 Km bis Helmstedt. Die schaffe ich in einer Stunde.<\/p>\n<p>Um halb elf bin ich dann da und wundere mich \u00fcber die Universit\u00e4tstage in Helmstedt. Welche Universit\u00e4t gibt es denn hier seit Neuestem? P\u00fcnktlich kommt Dors mit dem Zug angefahren. Seit vier Wochen hat er mich nur virtuell begleiten k\u00f6nnen. Die Freude ist gro\u00df und einen neuen Fahrradschlauch hat er mir als Geschenk aus der Heimat auch mitgebracht.<\/p>\n<p>Wir fragen uns durch, wie wir in den Osten kommen, zum Gl\u00fcck hat Dors aber auch eine Navifunktion auf seinem Handy geschaltet. Wir fahren durch einen kleinen Wald und fragen einen Ausl\u00e4nder, der kein Deutsch spricht, wo Marienborn ist. Er kommt aus dem Iran und geht gerade in den &#8218;Westen&#8216; nach Helmstedt. Durch eine kleine \u00d6ffnung im \u201eMoschendrohtzaun\u201c kommen wir auf ein Kasernengel\u00e4nde der ehemaligen NVA, das von Asylbewerbern bewohnt wird. Auch hier fragen wir uns wieder nach der Gedenkst\u00e4tte \/ Rastst\u00e4tte, nach dem fr\u00fcheren Grenz\u00fcbergang Marienborn durch. Eine junge Frau, die wohl offensichtlich zu den Betreuerinnen geh\u00f6rt, gibt uns mit einem slawischen Akzent Antwort. Ich kann es nat\u00fcrlich mal wieder nicht lassen und frage sie, woher sie kommt. Als sie Rum\u00e4nien sagt, lege ich sofort los: \u201eDe unde sunteti in Romania? Am fost doua ani in Republica Moldova. Am locuit si lucrat in Chisinau la Academia de Stiinte&#8230;!\u201c Ihr f\u00e4llt fast die nicht vorhandene Prothese raus, und es ist eine Freude, mal wieder mit jemand Rum\u00e4nisch zu sprechen, zu fragen, woher in Rum\u00e4nien sie kommt, und zu erz\u00e4hlen, dass ich zwei Jahre in Chisinau gelebt und gearbeitet habe. Sie erz\u00e4hlt von ihrem Mann, ihrem Studium in Dortmund, ihrer R\u00fcckkehr nach Rum\u00e4nien und der Jobm\u00f6glichkeit jetzt bei den Asylbewerbern. Dors schaut etwas ungl\u00e4ubig, freut sich aber mit mir.<\/p>\n<p>Kurz danach sind wir auch schon auf dem Bundesautobahnparkplatz, auf dem noch viele der Geb\u00e4ude im Original erhalten sind. Dors erz\u00e4hlt davon, wie er als 15-J\u00e4hriger mit seinem Vater auf der Transitstrecke nach Berlin unterwegs war, und zeigt mir die Stelle, wo sie alles auspacken mussten, alles Schikane und sehr einsch\u00fcchternd. Das war System von oben. Ich gehe zu dem Laufband, auf dem die P\u00e4sse und Kfz-Papiere transportiert wurden. Ich erinnere mich an Sonntag, den 12. November 1989, als wir mit meiner damaligen Frau Ute und den drei Kindern im Alter von sechs und zwei Jahren und drei Monaten nach Berlin gefahren sind, um meinen Bruder Klaus und seine Familie zu besuchen. Es war eine eigenartige Stimmung. Schon im Westen kamen uns auf der gegen\u00fcberliegenden Fahrbahn Kolonnen von DDR-Fahrzeugen entgegen. Etwas, was man sich vorher nie h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Der Ton der DDR-Grenzsoldaten war merklich moderater &#8211; oder habe ich mir das im Nachhinein etwa nur eingebildet? In West-Berlin am Brandenburger Tor war es ein Feeling wie ein politisches Woodstock. Menschen auf der Mauer sitzend, trinkend, feiernd, Bilder wie von einem anderen Stern &#8230;, auch das Hallo und die \u00dcberraschung, als wir dann endlich gegen halb sieben in Pankow zum Abendessen kamen, v\u00f6llig unerwartet, da die Telefon- und Telegrammleitungen in diesen Tagen, die Weltgeschichte geschrieben haben, total blockiert waren. Am 15. November habe ich dann noch mit zwei anderen Kolleginnen meiner Schule drei Busse organisiert und wir sind in 30 Stunden praktisch ohne Schlaf mit 150 Sch\u00fcler\/innen nach Berlin gefahren und haben uns z. T. als Mauerspechte bet\u00e4tigt. Geschichtsunterricht live &#8230;<\/p>\n<p>Vor dem Museumsgeb\u00e4ude treffen wir eine Gruppe von Fachobersch\u00fcler\/innen, die gerade an einer F\u00fchrung teilnehmen. Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt anschaulich und engagiert, ein Teilnehmer wird aufgefordert, sein Handy wegzulegen und ich &#8230;, ich werde aufgefordert zu erz\u00e4hlen, wie das am 9. November war. Ich merke, ich geh\u00f6re so langsam zu den seltenen Exemplaren, die die Zeit vor, w\u00e4hrend und nach der Wende bewusst mitbekommen haben. Man wird alt. Wir schauen uns noch gemeinsam das Museum mit seinen vielen Exponaten an, auf ein spontanes Gespr\u00e4ch mit der Museumsleitung \u00fcber didaktische Fragestellungen verzichte ich &#8230;, will Dors nicht damit nerven.<\/p>\n<p>Mir wird bewusst, dass wir uns auf der H\u00f6he von Magdeburg befinden, ca. 40 Km entfernt. Es ist das Jahr 1965, ich h\u00f6re den Soldatensender 999, einen Propagandasender der DDR, der in der Burg bei Magdeburg stationiert ist. Zu Pfingsten wird die gesamtdeutsche fortschrittliche Arbeiterjugend nach Magdeburg eingeladen. Friedensfreunde aus der Bundesrepublik sind willkommen, brauchen vorher kein Visum zu beantragen. Wie schon berichtet, fahre ich von Hann. M\u00fcnden nach Bebra\/Herleshausen und werde dort zuerst mal vom Bundesgrenzschutz befragt, verh\u00f6rt, was ich denn in Magdeburg wolle und ob mein Vater \u00fcberhaupt damit einverstanden sei. Ich war 16 Jahre alt. Mein Vater war zum Gl\u00fcck telefonisch erreichbar und so durfte ich fahren. Wie bereits erw\u00e4hnt, war dies mein erster Vermerk bei den Sicherheitsorganen der BRD &#8230; &#8211; nicht zu vergessen meine Aktivit\u00e4ten gegen die Notstandsgesetze.<\/p>\n<p>Nachdem ich also meine Gro\u00dfmutter und Verwandte in Heiligenstadt mit meiner Kreidler Florett besuchte hatte, fuhr ich durch den kalten und regnerischen Harz nach Magdeburg. Eigentlich unvorstellbar heute. Pl\u00f6tzlich hie\u00df es, dass die westdeutschen Friedensfreunde, ich vermute im Nachhinein, dass es sich bei den meisten der 20 Anwesenden um Mitglieder der 1956 verbotenen KPD gehandelt haben muss, zu einer Gespr\u00e4chsrunde mit dem Genossen Walter Ulbricht kommen sollten. \u201eNu, wie sieht es mit dem Kampf der Arbeiterklasse in Westdeutschland aus?\u201c, so muss es wohl gewesen sein. And\u00e4chtig stehe ich im Abstand von wenigen Metern neben dem Genossen Generalsekret\u00e4r und lausche seinen Ausf\u00fchrungen &#8230; ( <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Ulbricht\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Ulbricht<\/a>).<\/p>\n<p>Orts- und Zeitwechsel: gut vier Jahre sp\u00e4ter. Sauerland, Bildungsst\u00e4tte. Seminar. F\u00e4hnrich in Kassel bei der Bundeswehr. Auftrag, dem vor wenigen Monaten aus dem Amt geschiedenen Bundespr\u00e4sidenten Heinrich L\u00fcbke mit einer kleinen Abordnung von Soldaten einen Gl\u00fcckwunsch im Namen der Bundeswehr auszusprechen. Am 14. Oktober 1969 sitze ich bei Heinrich L\u00fcbke, an den genauen Ort kann ich mich nach nahezu f\u00fcnf Jahrzehnten nicht mehr erinnern (Birgits Gro\u00dftante wohnte in Enkhausen und die wu\u00dfte, dass H. L\u00fcbke seine letzten Jahre dort verbracht hat), zuhause auf dem Sofa und wir gratulieren ihm zu seinem 75. Geburtstag. Es f\u00e4llt ihm schwer, Worte des Dankes zu finden &#8230; Er bem\u00fcht sich, aber wir merken, dass er wirklich krank ist. Seit diesem Zeitpunkt habe ich keinen der weit verbreiteten Witze \u00fcber Heinrich L\u00fcbke mehr gemacht, er war krank, heute w\u00fcrde man es wohl fortschreitende Zerebralsklerose nennen ..seine Rolle als Baumeister von KZs im Dritten Reich war mir da noch nicht so bewu\u00dft . (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_L%C3%BCbke\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_L%C3%BCbke<\/a>).<\/p>\n<p>Von Marienborn fahren wir mit unseren beiden E-Bikes \u00fcber Beendorf, Schwanefeld, Saalsdorf, Gehrendorf nach Oebisfelde. Unterwegs versuchen wir uns an den Pflaumen, die aber noch nicht ganz reif sind. Wir kommen mit einem ca. 50-j\u00e4hrigem Spazierg\u00e4nger ins Gespr\u00e4ch, f\u00fcr den die fr\u00fchere deutsche Teilung kein Thema mehr ist. Fr\u00fcher war eigentlich alles im Gro\u00dfen und Ganzen in Ordnung und heute &#8230;, heute geht es uns gut.<\/p>\n<p>Wir glauben nicht, dass wegen Bauarbeiten die Aller-Br\u00fccke gesperrt ist, und nehmen den direkten Weg in die n\u00e4chste Ortschaft. Pustekuchen. Die Stra\u00dfe endet bei einer gro\u00dfen Baustelle. Zur\u00fcck und 10 Kilometer Umleitung fahren? Zwei Br\u00fcckenbauer erkl\u00e4ren uns, dass es hier nicht weitergehe, es sei denn &#8230;, ja, da w\u00e4re ein kleiner Steg, da sei neulich zwar schon einer baden gegangen &#8230; . Im Trippelschritt, darauf vertrauend, dass das Wasser schon nicht so tief ist, bringen wir Fahrrad und Gep\u00e4ck sicher r\u00fcber. Die Bauarbeiter beschweren sich \u00fcber die die &#8222;faulen Rum\u00e4nen&#8220;, die als Sub-Sub-Arbeitnehmer &#8211; als Eisenbieger und Betonarbeiter &#8211; mitgeholfen haben. Bevor wir uns nach Sachsen-Anhalt \u00fcber den Fluss begeben k\u00f6nnen, kommen uns zwei &#8218;Grenzg\u00e4nger&#8216; entgegen: ein etwa 12-j\u00e4hriges M\u00e4dchen mit Kopftuch und ihr ein paar Jahre j\u00fcngerer Bruder, vermutlich Kinder von Asylbewerbern. Sie werden hinter der Baustellenabsperrung im Westen von einer Frau in den F\u00fcnfzigern mit dem Auto erwartet. \u201eBeeilt euch &#8230;!\u201c \u2013 Ein Beispiel f\u00fcr die Willkommenskultur in der alten Bundesrepublik &#8230;<\/p>\n<p>In Oebisfelde f\u00e4llt mir als erstes das Plakat des gerade durchziehenden Klein-Zirkus auf, \u00a0Veranstaltung 18:00 Uhr. Ich erinnere mich an die Saisons 1957 und 1958, als mein Vater Lehrer der Zirkuskinder beim Zirkus Busch Roland war. Ein \u00a0Zirkuswagen mit einem kleinen Klassenzimmer f\u00fcr f\u00fcnf Sch\u00fcler\/innen: Belita und Arlene \u2013 italienische Akrobatnummer auf dem Fahrrad (der Onkel war Silvio Franceso), Charly Ruppert (seine Eltern hatten eine B\u00e4rennummer) und nat\u00fcrlich Ossi, der Sohn des Direktors, der nachmittags und abends als 7-J\u00e4hriger mit einem gro\u00dfen Elefanten in der Manege stand &#8230;, und ich zwischendrin. Spielen im Gradin, unter den Sitzreihen, alle Tage an einem anderen Ort, aber von F\u00fcssen (Schloss Neuschwanstein) bis Hamburg (Heiliggeistfeld &#8211; St. Pauli) habe ich alles mal kurz gesehen &#8230;<\/p>\n<p>Bei einem Stopp bricht mein Fahrradst\u00e4nder ab. H\u00e4tte ich mal nur die schwerere Packtasche von Ortlieb auf die rechte, \u00e4u\u00dfere Seite gepackt! H\u00e4tte, h\u00e4tte: Fahrradkette.<\/p>\n<p>Dors und ich finden nach einigen erfolglosen Versuchen noch ein wirklich sch\u00f6nes, gerade er\u00f6ffnetes Hotel am Markt und gehen abends in eine Pizzeria um die Ecke zum Essen. Das Essen ist vorz\u00fcglich, der Wein zu s\u00fc\u00df, das entspreche aber dem lokalen Geschmack, sagt zumindest der sizilianische Besitzer, der schon \u00fcber 10 Jahre im Osten ist. Seine Frau kommt, wie sich herausstellt, aus Kirgisien. \u201eOtkuda wi? Ya bil 10 mezezov Moskwe\u201c &#8211; na ja, wenn schon, denn schon! Rum\u00e4nisch hat an diesem Tag wohl nicht gereicht &#8230;<\/p>\n<p>Ach ja, fast h\u00e4tte ich es vergessen! Heute vor 40 Jahren sind die Truppen des Warschauer Vertrages, im Westen sagte man Pakt, in die CSSR einmarschiert und haben dem sich anbahnenden politischen Umbruch ein gewaltsames Ende bereitet. 20 Jahre sp\u00e4ter hat es dann mit der \u00d6ffnung der Grenzen in Ungarn geklappt.<\/p>\n<p><strong>Tag 36 (22.08.16):\u00a0\u00a0 Von Oebisfelde nach Salzwedel<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1125 \u20131196<\/p>\n<p>Halb acht Fr\u00fchst\u00fcck, Dors sei Dank. Habe mich mittlerweile daran gew\u00f6hnt, fr\u00fch aufzustehen. Manchmal schreibe ich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck noch ein paar Zeilen f\u00fcr das Tagebuch, komme dann erst so gegen 10 Uhr morgens los, aber im Prinzip h\u00e4nge ich immer mehrere Tage hinterher. Abends bin ich in der Regel zu kaputt. Ein Gl\u00fcck, dass seit dem Harz die gro\u00dfe Hitze vorbei ist.<\/p>\n<p>In einem Landhandel versuche ich einen neuen Fahrrad-St\u00e4nder zu bekommen. Die Auswahl ist nicht gro\u00df und au\u00dferdem m\u00fcsste erst die abgebrochene Schraube ausgebohrt und vielleicht auch das Gewinde nachgeschnitten werden. Ich will unbedingt zum Bahnhof Oebisfelde, weil ich einige Male \u00fcber diesen Zug-Grenz\u00fcbergang gefahren bin. Am\u00a0 Bahnhof kommen wir mit einem freundlichen, gespr\u00e4chsbereiten Bundesbahner ins Gespr\u00e4ch. Er kennt sich gut aus, hat in der 2. H\u00e4lfte der 80er Jahre TUI-Reisez\u00fcge mit Urlauber\/innen von Westdeutschland nach Polen auf der Ostseite begleitet. Zu damaligen Zeiten eine besondere Auszeichnung, in solchen Z\u00fcgen eingesetzt zu werden. Es ging ihm gut vor, w\u00e4hrend und nach der Wende. Auch wohl dadurch, dass er die M\u00f6glichkeit hatte, Wohneigentum zu renovieren und zu vermieten. Hinzu kam, dass er nahtlos von der Reichsbahn in ein Bundesbahnbesch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis \u00fcbernommen wurde. Angesprochen auf die unterschiedlichen Mentalit\u00e4ten, den unterschiedlichen Arbeitsethos, den ich bereits mit Thomas in Gerstungen diskutiert habe, best\u00e4tigt er die Ansicht, dass ehemalige DDR-Reichsbahner eine gr\u00f6\u00dfere Bereitschaft zeigen, in Vertretungsfragen einzuspringen. Hinzu kommt, dass mittlerweile in Hannover auch Ossis Fahrdienstleiter seien. Ein weiteres pers\u00f6nliches Detail: In seiner Jugend in den siebziger Jahren als 15- und 16-J\u00e4hriger sei er mit Kumpels \u00f6fters bei Brome zu seiner Tante in den Westen schwarz \u00fcber die Grenze gegangen und &#8230; auf demselben Weg unter dem Zaun zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Wir fahren durch das Naturschutzgebiet Dr\u00f6mling und sind begeistert von der Schwanenfamilie, die mit ihrem Nachwuchs in Reih und Glied wie an einer Perlenschnur aufgereiht, langsam, aber zielstrebig Fersengeld gibt, als wir sie in einem Kanal beobachten. Das relativ urspr\u00fcnglich belassene Sumpfgebiet wird durch mittlerweile oft ausgetrocknete Gr\u00e4ben durchzogen. Ein Bauer mit seinem Traktor \u00fcberholt uns.<\/p>\n<p>Kurz vor 13 Uhr kommen wir in Kl\u00f6tze an einer B\u00e4ckerei vorbei (alles noch selbst gemacht), die bis um ein Uhr ge\u00f6ffnet hat. Eine Viertelstunde bleibt uns noch. Mit M\u00fch und Not bekommen wir einen Capuccino. Auf die Frage, wie weit es noch bis zum \u201eWesten\u201c sei, bekomme ich von der Mittvierzigerin eine schnippische Antwort: \u201eWei\u00df ich nicht, ich komme nicht von hier, wohne in 20 Km Entfernung.\u201c Der Elfmeter hat gesessen. Die 1,5-Liter-Flasche Wasser wird mir dann aber doch vollgef\u00fcllt.\u00a0 Eine \u00e4ltere Dame, vermutlich die Seniorchefin, be\u00e4ugt uns mi\u00dftrauisch, ebenso ihr Sohn, der B\u00e4cker.<\/p>\n<p>In B\u00f6ckwitz gibt es ein Landwirtschafts- und Grenzmuseum. Der Museumsmitarbeiter, Mitte 50, HSV-Fan, wei\u00df zwar nichts von der Fan-Freundschaft zwischen HSV und Arminia Bielefeld, daf\u00fcr fand er das Leben in der fr\u00fcheren DDR in Ordnung. \u201eUns ging es gut, wir hatten genug zu essen und zu trinken.\u201c Eigentlich ist ab 13 Uhr das Museum geschlossen, aber wir d\u00fcrfen uns umsehen. Eintritt jeweils drei Euro, ohne Karte. Er trinkt seinen Kaffee unter der Remise und unterh\u00e4lt sich bereitwillig mit uns \u00fcber die gute, alte DDR-Zeit und die arbeitsm\u00e4\u00dfigen Verwerfungen in den 90er Jahren. Wir fahren vielleicht dreihundert Meter weiter und merken es kaum: ein Ortsschild. Zicherie. Wir sind wieder im Westen, in Niedersachsen. So schnell und unkompliziert kommt man heute, nahezu drei Jahrzehnte nach der \u00d6ffnung der Grenzen, von West nach Ost und zur\u00fcck. Wenn man bedenkt, dass die H\u00e4user, die Menschen in Ost und West vielleicht 50 bis 100 Meter durch Mauer und Grenzz\u00e4une jahrzehntelang getrennt waren! Was hat diese Teilung in den K\u00f6pfen und Herzen der Menschen bewirkt?<\/p>\n<p>In Brome suchen wir die kleine Enklave, die von DDR-Seite in das Gebiet der Bundesrepublik hereinragte. Wir finden sie, Wendischbrome, allerdings nicht das Haus des Eisenbahners aus Oebisfelde, der angab, von dort immer seiner Tante im Westen zugewunken zu haben. Vielleicht haben wir es auch nicht richtig verstanden &#8230;<\/p>\n<p>Ziel f\u00fcr heute ist das nieders\u00e4chsische Schnega. Es geht weiter \u00fcber Nettgau Richtung Norden. Es ist mal wieder warm am fr\u00fchen Nachmittag. Wir irren ein wenig durch sandige bzw. kopsteingeplasterte Feldwege umher und kommen gegen drei nachmittags in ein ganz kleines Dorf, Hanum, das durch seine imposante Kirche bestimmt wird. Es gibt eine b\u00e4uerliche Pension. Es ist drei Uhr nachmittags. Ich bin kaputt, habe keine Lust mehr. Dors ist noch relativ fit und wir entscheiden uns, im n\u00e4chsten Ort eine Pension, ein Gasthaus zu suchen. Wir merken gar nicht, dass es nur wenige hundert Meter in den Westen sind. Der ehemalige Osten hat uns gefangen, ist einfach f\u00fcr uns als 4\/4 &#8211; oder 3\/4 Wessis viel interessanter.<\/p>\n<p>Pustekuchen. Im n\u00e4chsten Ort, in J\u00fcbar, sind zwei Gasth\u00e4user, eins davon, &#8222;Zur Linde&#8220;, ist zum Gl\u00fcck ge\u00f6ffnet. Wir gehen in die &#8222;Linde&#8220; hinein und bekommen erstmal was zu trinken. Ich bestelle f\u00fcr mich eine gro\u00dfe Flasche Wasser und einen Apfelsaft. Schnell ausgetrunken. Dors versucht es mit einem gro\u00dfen Alsterwasser. Eine \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit haben sie leider nicht, aber WLAN, was uns weiter hilft. Na ja, der s\u00e4chsisch-anhaltinische Ministerpr\u00e4sident hat vor kurzem hier \u00fcbernachten k\u00f6nnen, aber er war auch angemeldet und hat mit den Unternehmern des Landkreises einen netten, informativen Abend verbracht &#8230; Nach dem 10. vergeblichen Telefonanruf, z. T. mit Unterst\u00fctzung der freundlichen Gastleute, entscheiden wir uns, es im relativ weit entfernten Salzwedel zu versuchen. Erfolgreich, aber es sind noch knappe 30 Km bis dorthin.<\/p>\n<p>28 Km laut Navi ist eigentlich gar keine Entfernung mehr f\u00fcr uns, mit E-Bike unter Einberechnung einer kurzen Pause ca. eineinhalb Stunden Fahrzeit. Wir fahren in ein Dorf nach Dors&#8216; Navi. Eine Frau f\u00e4hrt pl\u00f6tzlich hinterher und warnt uns, dass dieser Feldweg f\u00fcr Fahrr\u00e4der nur sehr schlecht befahrbar sei. Dors und ich, wir schauen uns verdutzt, sprachlos an und bedanken uns bei dieser wildfremden Frau aus der Altmark.<\/p>\n<p>Der Rest ist schnell erz\u00e4hlt: Wir spulen in dem etwas welligen Gel\u00e4nde mit den sehr gro\u00dfen Ackerfl\u00e4chen unsere Kilometer runter, zumeist und zum Gl\u00fcck auf Fahrradwegen . \u00dcber Elleneberg, Wallstawe und Eversdorf geht es Richtung Salzwedel. An einem der vielen Kriegerdenkm\u00e4ler \u2013 es scheint, dass die Namenstafeln alle noch nicht so alt sind, also erst nach der Wende (wieder) angebracht \u2013 unter einem Baum mache wir eine letzte Pause: Wasser, Studentenfutter und Feigen, die Dors mitgebracht hat. Tut gut und gibt verbrauchte Energie zur\u00fcck. Die Akkus reichen wahrscheinlich auch noch so (knapp). In Salzwedel befindet sich das Hotel einige Kilometer s\u00fcdlich der Stadt, wenige Meter von einer gro\u00dfen Kreuzung entfernt. Tankstelle inbegriffen. Das Essen schmeckt gut, im Hotel.<\/p>\n<p><strong>Tag 37 (23.08.18): Von Salzwedel nach Binde\/Arendsee<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1193 &#8211; 1231<\/p>\n<p>Morgens nach dem Fr\u00fchst\u00fcck muss ich erst nochmal eine dreiviertel Stunde meine Tagebucheintragungen vervollst\u00e4ndigen. Dors wartet schon vor dem Haus. Von einer Angestellten erhalten wir den Tipp, es in einem Hotel in Gorleben mit der n\u00e4chsten \u00dcbernachtung zu versuchen. Wir haben allerdings das Ziel, heute Abend in Binde bei J\u00fcrgen Starck, einem BUND-Aktivisten, zu \u00fcbernachten. Wir fahren zun\u00e4chst auf einer kleinen, ehemaligen Landstra\u00dfe (einer sch\u00f6nen Allee mit altem Baumbestand) in die Hansestadt, die wenige Kilometer von der ehemaligen Grenze in Sachsen-Anhalt liegt.<\/p>\n<p>Ich brauche einen Friseur: Der Bart muss gestutzt werden. Das letzte Mal geschah dies in Heiligenstadt vor mehr als zwei Wochen. Dors will bei seinem Fahrrad das letzte Firmware-Update von Bosch aufspielen lassen, vergeblich. Auf dem Weg zum Friseur komme ich an der \u201eVolksstimme\u201c vorbei, \u00fcberlege kurz und schon frage ich nach einem Redakteur, der ja einen kurzen Bildbericht \u00fcber unsere Reise in die Lokalzeitung bringen k\u00f6nnte. Es klappt, ein junger Mann kommt. Es stellt sich heraus, dass er sein erstes Bundesligaspiel auf der Alm bei Arminia in Bielefeld gesehen hat, den 5:0 Pokal-Sieg Arminias gegen Lok Stendal am vergangenen Sonntag ebenfalls. Mal abwarten, ob der Fotobericht tats\u00e4chlich ver\u00f6ffentlicht wird.<\/p>\n<p>Wir entscheiden uns, heute zun\u00e4chst ins Wendland, also in den Westen zu fahren, bevor wir nach Binde zu J\u00fcrgen und Traudi Starck fahren, zu denen ich, vermittelt durch das Gr\u00fcne-Band-Projektb\u00fcro in N\u00fcrnberg schon vorher per Mail Kontakt hatte. Auf unserer Tour zu Dietrich Sch\u00fctze in Tettau am Tag drei haben wir bewusst, aber schweren Herzens auf den Besuch der KZ-Gedenkst\u00e4tte Laura in der N\u00e4he von Probstzella aus Zeitgr\u00fcnden verzichtet, was sich im Verlauf des Tages und den Problemen mit den Akkus als richtig herausgestellt hatte. Jetzt machen wir aber einen kleinen Umweg und verlassen Salzwedel in Richtung Ritze. Direkt an einer Br\u00fccke gelegen, besuchen wir die Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr 244 im Jahr 1945 auf einem Todesmarsch umgekommene KZ-H\u00e4ftlinge, die dort in einem Gemeinschaftsgrab bestattet sind.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an meine eigenen Forschungen zum Ende der Weimarer Republik und zur Geschichte des 3. Reichs, z. B. die Dissertation zu \u201eWiderstand und Verfolgung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg\u201c, die 1985 nach langen Auseinandersetzungen von der Hessischen Historischen Kommission ver\u00f6ffentlicht und in Darmstadt\/Marburg erschienen ist, auch an die Besuche im ehemaligen KZ Buchenwald, das 1938 nach dem November-Pogrom errichtet wurde. In der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre war die Aufarbeitung der NS-Diktatur, des Faschismus in der DDR f\u00fcr mich vorbildlich im Gegensatz zum langen Verschweigen, dem Reduzieren auf den milit\u00e4rischen Widerstand des 20. Juli 1944 in der alten Bundesrepublik. Angesichts der rechtsextremistischen Entwicklung in den neuen Bundesl\u00e4ndern in den 90er Jahren frage ich mich allerdings, ob es dem staatlich verordneten Antifaschismus der DDR wirklich gelungen ist, in die K\u00f6pfe und Herzen der vor allem jungen Menschen durchzudringen. Damit sollen die Absichten zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte, auch als Verm\u00e4chtnis des Potsdamer Abkommens, prinzipiell nicht in Frage gestellt werden, aber vielleicht wurde auch in Teilen der DDR-Jugend die Teilnahme an solchen Gedenktagen etc. als Zwang angesehen und f\u00fchrte so eher zum Gegenteil.<\/p>\n<p>Wir fahren ins nieders\u00e4chsische Wendland. Dors berichtet von seiner Teilnahme an Protesten gegen die Lagerung des Atomm\u00fclls in Gorleben Ende der 70er bzw. Anfang der 80er Jahre. In Volzendorf fahren wir die Dorfstra\u00dfe entlang. Uns fallen die gelben, \u00fcberkreuzten Bretter auf, die sich an den H\u00e4usern, an Scheunen oder an Gartenz\u00e4unen befinden. Also doch, der Widerstand ist noch sichtbar, obwohl die gelbe Farbe manchmal schon sehr verblasst erscheint. An einem gro\u00dfen Bauernhof, vermutlich bewohnt von einer Kommune, halten wir an und versorgen uns mit \u00c4pfeln, die in der Hofeinfahrt gegen eine Spende ausliegen. Ein alter VW-Bulli mit Berliner Kennzeichen erinnert daran, dass wohl noch vor der Wendezeit viele Berliner Alternative ins Wendland gekommen sind, um gegen die Atomindustrie aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, wie ich bei den letzten Castortransporten vor einigen Jahren kurzfristig \u00fcberlegt habe, dem Beispiel meines Sohnes Christian zu folgen und auch die Gleise zu blockieren. Ich muss mir eingestehen, dass die dr\u00e4ngenden Umweltfragen erst in den letzten Jahren wirklich in mein politisches Bewusstsein gelangt sind und ich bereit bin, in dieser Richtung aktiv zu werden. Meine Schwerpunkte waren bzw. sind eher soziale Fragen oder auch die Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte, der geschichtlichen Aufarbeitung des Endes der Weimarer Republik, der Nazi-Diktatur, insbesondere des Holocaust, wenn ich an das multimediale Forschungsprojekt \u00fcber Georg und Wilma Iggers denke.<\/p>\n<p>Wir wollen nach Lemgow, sind aber etwas irritiert, weil auf der Navi-Karte zwar unser Ziel steht, aber nirgends finden wir, dort angekommen, das erwartete Ortsschild. Wir fahren \u00fcber Pred\u00f6hl und Trabuhn nach Schweskau. \u201eGibt es bei euch hier im Dorf eine Kneipe oder einen Supermarkt?\u201c frage ich zwei M\u00e4nner mittleren Alters, die gerade eine Wand streichen. Bald wird geheiratet, da soll die Fassade sch\u00f6n aussehen. \u201eNee, ein Gasthaus gibt es heute nicht mehr, fr\u00fcher ja, aber wenn ihr einen Kaffee wollt, k\u00f6nnt ihr zu A. gehen, da vorne erste Stra\u00dfe links und dann gleich rechts.\u201c Ok. Wir werden von einem kleffenden Hund erwartet. Kein Problem. Hunde, die bellen, bei\u00dfen nicht. Au\u00dferdem kommt Frauchen, Frau A., auch schon aus dem Haus und be\u00e4ugt uns erstmal kritisch. Ja, doch, einen Kaffee k\u00f6nnten wir kriegen, aber sonst gibt es nichts.<\/p>\n<p>Dors holt mit dem Fahrrad Kuchen, nat\u00fcrlich eingepackten, aus dem Dorf-Supermarkt, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Ich versuche mich mit dem Hund anzufreunden, was mir aber auch nicht so richtig gelingt. Erst als Frau A. mit der Kanne Filterkaffee kommt, wird er etwas ruhiger. Ist halt genau wie Frauchen und wir selbst auch schon etwas in die Tage gekommen. Wir erfahren von unserer Gastgeberin, dass es Lemgow als Ort gar nicht gibt, sondern dass 12 D\u00f6rfer im Wendland unter diesem Namen zusammengeschlossen sind. Sie ist auch ein Fl\u00fcchtling aus dem Osten, allerdings schon seit den fr\u00fchen 50er Jahren und war lange hier in Schweskau verheiratet. Ihr Mann und sie hatten eine gutgehende Wirtschaft, die sie aber vor mehreren Jahren aufgegeben haben.<\/p>\n<p>Sie berichtet auch von ihrem Mann, der bei der Bundeswehr gearbeitet habe, auf einem gro\u00dfen Fernmeldeturm, der heute noch sichtbar ist im Wendland. Sie haben dort den Osten abgeh\u00f6rt. Von der Protestbewegung gegen das Atomlager in Gorleben h\u00e4lt sie nicht viel, besonders nicht von den jungen Frauen, die damals mit ihren kleinen Kindern voran marschiert sind &#8230;Wir machen ein Erinnerungsfotos und verabschieden uns herzlich. Ich glaube, Frau A. hat sich gefreut, sich mit anderen, ihr sympathischen Menschen einmal \u00fcber ihr Leben zu unterhalten. Mit den Einheimischen w\u00e4re das so als Zugereiste manchmal immer noch etwas schwierig. Und, ach ja, unser Ziel Binde kennt sie auch. Sie f\u00e4hrt immer \u00fcber die Grenze dorthin zum Friseur.<\/p>\n<p>Dors entdeckt pl\u00f6tzlich einen Pirol. Dieser gelb-schwarze Vorgel ist wohl mittlerweile eine Seltenheit und vom Aussterben bedroht. (<a href=\"https:\/\/www.nabu.de\/imperia\/md\/nabu\/images\/arten\/tiere\/voegel\/pirol\/150324-nabu-pirol-hans-pollin.jpeg\">https:\/\/www.nabu.de\/imperia\/md\/nabu\/images\/arten\/tiere\/voegel\/pirol\/150324-nabu-pirol-hans-pollin.jpeg<\/a>). Er zeigt ihn mir und ich merke, wie einseitig doch meine Bildung ist. Ein Gl\u00fcck, dass Dors mich begleitet. Was h\u00e4tte er nicht noch alles auf dieser Reise am Gr\u00fcnen Band entdeckt, an dem ich einfach unwissend, mich konzentrierend auf Geschichte, Politik und Menschen, vorbeigefahren bin?<\/p>\n<p>Kurz nach der ehemaligen Grenze hat es mich bzw. besser gesagt mein Fahrrad in der Altmark erwischt: die gesamte Belastung, die Feldwege, die Schotter-, Wurzel- und Ger\u00f6llstrecken auf den mehr als 1.200 Kilometern bisher hat der Gep\u00e4cktr\u00e4ger, auf dem ca. 25 kg lasten, nicht l\u00e4nger ausgehalten. Auf der linken Seite ist die Schraube, die den Gep\u00e4cktr\u00e4ger mit dem Rahmen verbindet, abgebrochen. Er h\u00e4ngt auf \u201ahalb sieben\u2018, an Weiterfahren \u00fcber den holprigen Feldweg ist nicht zu denken. Ein Gl\u00fcck, dass Dors mich begleitet. Er hat f\u00fcr solche technische Probleme immer eine L\u00f6sung. W\u00e4hrend ich dilettantisch mit einem meiner elastischen Gep\u00e4ckgurte versuche, die Verlagerung auf die rechte Seite zu bewerkstelligen, holt er kurz entschlossen seine Kabelbinder raus und mit vieren davon wird der abgebrochene Gep\u00e4cktr\u00e4ger notd\u00fcrftig befestigt. Wir fahren auf Eiern und sehr vorsichtig die letzten Kilometer nach Binde zu Familie Starck. Zum Gl\u00fcck wei\u00df ich, dass der Sohn eine Fahrradwerkstatt hat &#8230;<\/p>\n<p>Wir werden von J\u00fcrgen Starck und seiner Frau Traudi herzlich begr\u00fc\u00dft. Doch zun\u00e4chst gilt mein Interesse mehr ihrem Sohn Christian, der eine alternative Fahrradwerkstatt betreibt, als gelernter Fahrradmechaniker ist er auf die individuelle Herstellung von Fahrr\u00e4dern spezialisiert (<a href=\"https:\/\/www.radkultur-starck.de\/\">https:\/\/www.radkultur-starck.de\/<\/a>), nur am Rande verdient er sein Brot auch mit Reparaturen. Eigentlich hat er etwas anderes vor, aber er erkennt unsere, meine Notlage. Nach einer guten Stunde habe ich mein mittlerweile sehr gesch\u00e4tztes E-Bike wieder: Schraube herausgebohrt, neues Gewinde, Gep\u00e4cktrager wieder richtig angebaut, das gleiche Prozedere f\u00fcr das vorherige Problem plus ein neuer Fahrradst\u00e4nder, Kette ge\u00f6lt, Gangschaltung eingestellt &#8230; Ich bin ihm sehr dankbar und hoffe, dass ich ohne weiteren Reparaturen bis zur Ostsee komme.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen und Traudi &#8211; angesichts der Vielfalt ihrer umwelt-politischen Aktivit\u00e4ten ist es zu schwierig, sie mit einem Wort zu charakterisieren &#8211; betreiben den Haselnusshof (<a href=\"https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/gruenes_band\/gruenes_band_haselnusshof_binde.pdf\">https:\/\/www.bund.net\/fileadmin\/user_upload_bund\/publikationen\/gruenes_band\/gruenes_band_haselnusshof_binde.pdf<\/a>). \u00a0Ein sehr liebevoll, \u00f6kologisch und vielleicht auch anthroposophisch angelegter Garten begeistern Dors und mich. Es ist zwar trocken, aber die vielen Obstb\u00e4ume etc. sprechen f\u00fcr sich. Ich bin etwas voreilig und brutal und angele mir die \u201eLille Villa\u201c, ein schwedisches Holzh\u00e4uschen mit Bett, M\u00fcckenschutz, Kommode, Teppichen und einer kleinen Veranda, auf der sich ein Sofa, ein Tisch und ein paar Rohrsessel befinden. Dors hat als Alternative einen alten Bauwagen in 20 Meter Entfernung bekommen, der innen mit einem provisorischen Bett ausgestattet ist. Am meisten begeistert uns aber die Dusche, die wir nach diesem Tag so richtig genie\u00dfen. Ein Holzviereck mit ausgelegten Brettern zum Draufstehen, eine Dusche, die gespeist wird durch Wasser, das von einem Solarpanel, das sich au\u00dfen befindet, aufgew\u00e4rmt ist. Die anschlie\u00dfende Dusche ist herrlich, fast so wie fr\u00fcher im Atlantik auf dem Zeltplatz von Le Gurp, nahe der Gironde. Die Toilette k\u00f6nnen wir im Haus benutzen, aber ich entscheide mich f\u00fcr die harte, \u00f6kologische Variante: das Plumpsklo mit S\u00e4gesp\u00e4nen.<\/p>\n<p>Nachdem das Fahrrad repariert ist und Dors und ich uns frisch gemacht haben, erz\u00e4hlt uns J\u00fcrgen Starck sehr ausf\u00fchrlich seine Lebensgeschichte und seine umweltpolitischen Aktivit\u00e4ten in der DDR und BRD. Geboren 1950 im brandenburgischen Freienstein im Kreis Wittstock in der N\u00e4he von Potsdam, ist er haupts\u00e4chlich aktiv in den 80er Jahren in der DDR-Umwelt\u2011 und Friedensbewegung in den Jahren vor der politischen Wende 1989. Man merkt ihm auch an, dass er stolz auf seine handwerklichen F\u00e4higkeiten ist, auf seine Ausbildung und Berufserfahrung als Fernmeldetechniker, die er zu DDR-Zeiten zu nutzen wusste. Er berichtet von einem Vater und der pers\u00f6nlichen und politischen Pr\u00e4gung durch ihn, der aufgrund seiner Zeit in der Kriegsgefangenschaft ein Pazifist geworden ist. \u201eZur Fahne\u201c musste er trozdem in der DDR. In der 2. H\u00e4lfte der 90er Jahre sind Traudi, Christian und er ins Wendland gekommen, bevor sie dann 2004 sich wieder im Osten, in Binde, einem Ortsteil von Arendsee, angesiedelt und den Bauernhof renoviert und modernisiert haben. Dazwischen lagen immer l\u00e4ngere Aufenthalte in Schweden, wo beide auf \u00f6kologischen H\u00f6fen gearbeitet haben. Es ist spannend, ihm zuzuh\u00f6ren. Ein Querdenker, der sich im Interesse der Umwelt auch schon mit dem \u00f6rtlichen B\u00fcrgermeister angelegt hat, als es um die Erweiterung einer gro\u00dfen Schweinemastanlage ging.<\/p>\n<p>Nach einem sehr schmackhaften Essen, von Traudi und J\u00fcrgen zubereitet, mit allem, \u201ewas der Garten so hergibt\u201c, fragen wir J\u00fcrgen, ob er mit uns an die ehemalige Grenze, das Gr\u00fcne Band, fahren kann. Es ist schon sp\u00e4t, fast acht Uhr abends. Am n\u00e4chsten Tag hat er wegen anderer Verpflichtungen keine Zeit. Mit dem Fahrrad schaffen wir das nicht mehr, also l\u00e4dt er uns in seinen VW-Polo ein. Stolz erz\u00e4hlt er uns, dass wir hier die Fenster noch mit der Hand selber hoch\u2011 und runterkurbeln k\u00f6nnen &#8230; Wir fahren durch Arendsee und ungef\u00e4hr 500 Meter nach der Badeanstalt biegen wir halblinks in einen Waldweg ein, der uns zu seinem \u201aLieblingsort\u2018 bringt, wenn es um die Erkl\u00e4rung des Gr\u00fcnen Bandes, der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und der Geschichte von Ost und West geht, zum historischen Grenzpunkt Klocksberg\/Wirlspitze. J\u00fcrgen h\u00e4lt das Auto an, wir steigen aus und gehen auf einen ca. 100 m breiten, nur mit geringem Pflanzenwuchs versehenen Streifen, man k\u00f6nnte sagen eine gr\u00f6\u00dfere Waldschneise, die im rechten Winkel die Nachbildung des tats\u00e4chlichen Grenzverlaufs sehr gut veranschaulicht.<\/p>\n<p>Unser BUND-Vertreter erteilt uns in der aufkommenden D\u00e4mmerung eine Geschichtsstunde allererster G\u00fcte. Er zieht mit den F\u00fc\u00dfen eine Linie zwischen den Grenzpfosten aus Beton, holt seine selbst gebastelten F\u00e4hnchen heraus (UdSSR, USA, Frankreich, UK sowie die der beiden deutschen Staaten). Dann erkl\u00e4rt er auf einfache, aber sehr eindr\u00fcckliche Weise mit Hilfe der F\u00e4hnchen die deutsch-deutsche Geschichte vom Ende des 2. Weltkrieges 1945 bis hin zum Jahr 1990. Ich beobachte ihn &#8211; nur staunend, als ehemaliger Politiklehrer, der dieses Fach mehr als drei Jahrzehnte unterrichtet hat, nur bewundernd,- wie er die Gr\u00fcndung der BRD im Mai 1949, die der DDR im Oktober 1949, Mauerbau, Grenzgestaltung etc. plastisch und einpr\u00e4gsam veranschaulicht. Es gef\u00e4llt mir auch, dass er sehr differenziert an die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse an der Staatsgrenze West bzw. der Zonengrenze vom Westen aus gesehen beschreibt und beurteilt.<\/p>\n<p>Wir sprechen auch \u00fcber die Aufkl\u00e4rungs\u2011, man k\u00f6nnte auch Spionageaktivit\u00e4ten auf beiden Seiten sagen. Die Rolle der DDR-Fernaufkl\u00e4rer, die bis auf einen Schritt ihren bundesdeutschen Kollegen vom Bundesgrenzschutz gegen\u00fcber treten durften, welch eine absurde, heute nicht mehr vorstellbare, aber doch reale Situation. Wir erinnern uns an das Gespr\u00e4ch mit Frau A. aus Lemgow, die von der Bundeswehrt\u00e4tigkeit ihres Mannes auf dem Abh\u00f6rturm im Wendland berichtete. Sp\u00e4ter stellt uns J\u00fcrgen Starck noch den Link zu der Webseite eines bundesrepublikanischen Experten, der \u00fcber die Geschichte, Struktur und Aktivit\u00e4ten der Fernaufkl\u00e4rung der Bundeswehr und des BGS eine Dokumentation erstellt hat<strong> (<\/strong><a href=\"http:\/\/www.manfred-bischoff.de\">www.manfred-bischoff.de<\/a>). Manfred \u00a0Bischoff war selbst von 1977 bis 1993 Fernmeldeaufkl\u00e4rer auf dem Thurauer Berg und lauschte in den Osten.<\/p>\n<p>Es ist wohltuend, mit einem historisch interessierten, politisch aktiven Zeitzeugen der deutschen Teilung und Wiedervereinigung in solch einer differenzierten Art und Weise diskutieren zu k\u00f6nnen. Ich denke, dass dazu nicht nur die bei Fluchtversuchen aus der DDR Get\u00f6teten und Schwerverletzten geh\u00f6ren, sondern auch die, wenn auch in viel geringerer Anzahl, von vom Westen aus erschossenen und verletzten DDR-Grenzsoldaten ins Bewusstsein ger\u00fcckt werden sollten. Die erst k\u00fcrzlich ausgestrahlte ZDF-Fernsehfilmserie \u201eTannbach\u201c scheint diese Ans\u00e4tze einer differenzierten Betrachtung der Lage und Aktivit\u00e4ten dies und jenseits der deutsch-deutschen Grenze aufzunehmen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hofft J\u00fcrgen als begeisterter Umweltsch\u00fctzer, dass der nur noch sehr selten vorkommende Ziegenmelker (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ziegenmelker_(Art))\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ziegenmelker_(Art))<\/a> sich vielleicht heute Abend noch akustisch bemerkbar macht. Er ist sich nicht sicher, als er entsprechende Laute dieses seltenen Vogels h\u00f6rt, ob es ein Jungtier ist oder nicht. Dors \u00e4u\u00dfert sich dazu auch gleich fachm\u00e4nnisch. Ich bleibe lieber stumm. Von Ornithologie habe ich keine Ahnung. Durch die Nacht fahren wir noch ins Wendland zu einem \u00f6kologischen Bauernhof, auf dessen Hof sich ein Milchautomat, teilweise finanziert von der EU, befindet. 6 Liter frische Biomilch f\u00fcr 6 Euro. Wie hat sich das Leben in den letzten sechs Jahrzehnten ver\u00e4ndert!? Fr\u00fcher in R\u00f6hrig auf dem Eichsfeld habe ich in einer Kanne immer die Milch vom Bauern geholt und war ganz stolz, wenn beim Schleudern \u00fcber dem Kopf keine Milch ausgelaufen war.<\/p>\n<p>Nachts um drei wache ich auf. Es f\u00e4ngt an zu regnen. Ich genie\u00dfe die Regentropfen auf meiner Haut. Ich stelle schnell mein Fahrrad in den Schuppen, kann aber lange nicht mehr einschlafen. Der Haselnusshof und seine Bewohner und deren Geschichte wollen mir nicht aus dem Kopf gehen &#8230;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tag 38 (24.08.18):\u00a0 Von Binde\/Arendsee nach Gorleben<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1231 &#8211; 1285<\/p>\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck haben unsere Gastgeber in der guten Stube ein tolles Fr\u00fchst\u00fcck mit selbst gemachten Marmeladen etc. aufgefahren. Ich bin mal wieder gepl\u00e4ttet und wei\u00df nicht, wo ich anfangen soll, zumal auch die Br\u00f6tchen aus einem Bio-Laden kommen. J\u00fcrgen berichtet noch von der Vielzahl seiner umwelt-p\u00e4dagogischen Aktivit\u00e4ten am Gr\u00fcnen Band, seien es nun Schulklassen, Rentnergruppen oder Weltenbummler, wie z. B. Mario Goldstein, der im Auftrag des BUND dieses Jahr auch bei ihm vorbeigekommen ist. In diesem Jahr seien es schon 30 gewesen, erg\u00e4nzt er sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck verabschieden wir uns sehr herzlich, Christian wird aus seiner Werkstatt geholt f\u00fcr einen Schnappschuss und nat\u00fcrlich seine Tochter bzw. die Enkeltochter, ein wahrer Sonnenschein. Ihre Lieblingsantwort: \u201ena klaar!\u201c Das Transparent vom Gr\u00fcnen Band darf auf dem Foto nat\u00fcrlich auch nicht fehlen.<\/p>\n<p>Am Arendsee fahren wir am malerischen S\u00fcd-Ufer entlang. Es ist ca. 9 Uhr und einige Rentner\/innen machen mit und ohne ihre vierbeinigen Begleiter einen Morgenspaziergang. Wir treffen auf einen Mann, vielleicht Mitte sechzig, mit dem wir \u00fcber eine halbe Stunde ein sehr reflektiertes Gespr\u00e4ch \u00fcber das Leben in der DDR, die Wendezeit und die letzten Jahrzehnte im vereinten Deutschland f\u00fchren. Er kennt Ost und West, war zu DDR-Zeiten Lehrer an einer Berufsschule und ist dann kurz nach der Wende Mercedes-Verk\u00e4ufer in Magdeburg geworden. Er berichtet von den Schwierigkeiten, sich dem westlich-kapitalistischen System anzupassen, den Verwerfungen, die viele DDR-B\u00fcrger nach 1989 miterleben mussten. Zum Gl\u00fcck hatte er pers\u00f6nlich aus seiner Zeit als Rallyefahrer noch Kontakt zu einem Kollegen, der bereits in den 80er Jahren in die BRD gefl\u00fcchtet war und ihm das Einmaleins des Autoverkaufens im Westen erkl\u00e4rt und ihn rechtzeitig \u00fcber alle No-Goes unterrichtet hatte.<\/p>\n<p>Dors braucht Bargeld und ich m\u00f6chte Bananen und die Lokalzeitung. Wir fahren vom Seeufer in den Ort. Es ist Freitagvormittag. Die Rentner\/innen kaufen ein, die M\u00e4nner in meinen Augen z.T. in sehr legerer Kleidung (Trainingshosen, Sportunterhemd). Fast wie in alten Tagen. Dors meint, dass dies wohl nicht nur eine spezifische Kleidung von DDR-Urlaubern gewesen sei, auch in kleineren D\u00f6rfern und St\u00e4dtchen in Frankreich sei solch ein Aufzug bis heute gang und g\u00e4be. \u2011 Die Salzwedler Volksstimme hat keinen Bericht gebracht.<\/p>\n<p>Wir fahren am Grenzbesichtigungspunkt von gestern Abend vorbei, wollen aber Kilometer machen und halten nicht nochmal an. Der gestrige Vortrag war beeindruckend. Wir halten uns Richtung Norden und kommen \u00fcber Gollensdorf, Dr\u00f6sede und Aulosen zu einer Gedenkst\u00e4tte, wo sich das geschliffene Dorf \u00a0Stresow befindet. Alle H\u00e4user wurden platt gemacht und die Bewohner zwangsweise umgesiedelt. Hier sehen wir auch wieder die Grenzz\u00e4une. An einem befindet sich eine Gesichtsmaske aus Ton. Weit ge\u00f6ffnete Augen und Mund vermitteln den Eindruck von Entsetzen und Schreien. Ein \u00e4lterer Mann, nur bekleidet mit einem Tuch, geht an uns vor\u00fcber zum See, um dort nackt zu schwimmen.<\/p>\n<p>Es sind nur noch wenige Kilometer, bis wir, auf dem Deich entlang fahrend, nach Schnackenburg kommen und dort am Hafen in das Grenzlandmuseum gehen. Ein Mann, wohl \u00fcber 80 Jahre alt, gibt uns bereitwillig Auskunft. \u201eNein, viel Kontakt mit den Leuten dr\u00fcben gibt es nicht. Wir sind ja hier in Niedersachsen. Au\u00dferdem sei nach 1990 die Schifffahrt erheblich zur\u00fcckgegangen. Das kleine, mit sehr vielen DDR-Exponaten ausgestattete Museum ist interessant. Nur die Schulklassen, die w\u00fcrden immer weniger kommen. Und wenn, dann w\u00fcrden die M\u00e4dchen der 8. und 9. Klasse auf dem Boden sitzen und Zigaretten rauchen. Ich denke, sie werden eher Zigaretten gedreht haben. Unabh\u00e4ngig davon scheinen zwei Mittf\u00fcnfziger sich sehr gut mit den DDR-Militaria auszukennen. \u201eWei\u00dft du noch \u2026?\u201c \u00ad\u2011 \u201e Das ist doch die &#8230;!\u201c \u2011 \u201eDie hatten wir auch!\u201c. Manchmal frage ich mich, welche Funktion diese Grenzlandmuseen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze mittlerweile haben. Eine Form der Ostalgie f\u00fcr fr\u00fchere Mitglieder der Grenztruppen, eine M\u00f6glichkeit, die DDR als verbrecherische Diktatur darzustellen und somit vielleicht auch von der Zeit zwischen 1933 und 1945 abzulenken? Ich wei\u00df es nicht, bin mir unsicher. Ich erinnere mich an das Gespr\u00e4ch mit der jungen Leiterin des Grenzmuseums in Teistungen bei Duderstadt: Demokratische Werte vermitteln sei die Hauptaufgabe. Wir gehen und bedanken uns bei dem Herrn der Museumsaufsicht. Er liest die neueste Ausgabe seiner Vertriebenenzeitung.<\/p>\n<p>In einer kleinen Au\u00dfengastronomie bestellen wir uns etwas zu trinken und zu essen. Dors nimmt einen Kuchen, ich Matjesfilets mit Bratkartoffeln. Irgendwie esse ich gef\u00fchlt schon 5 Wochen Bratkartoffeln, sp\u00e4testens seit Th\u00fcringen, aber sie schmecken immer wieder. Die Zwiebeln der etwas mickrigen Heringe sto\u00dfen mir bei der Weiterfahrt unangenehm auf, Sodbrennen l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Ich sp\u00fcre die kritischen Blicke eines Mannes, der uns in Stresow nach den E-Bikes, insbesondere dem i:sy von Dors, gefragt hat, Akkudauer, Preis etc. Als wir uns zur Abfahrt bereit machen, sp\u00fcre ich wieder den etwas kritischen, vielleicht auch neidischen Blick. Ich komme mir etwas vor wie der reiche Wessi, der sich im Prinzip aber nichts darauf einbildet, mit einem Mittelklasse E-Bike Baujahr 2017 unterwegs zu sein. Wieso denke ich nur an die Diskussion mit dem \u00e4lteren Mann an der Werra, der von dem nach der Wende aufkommenden Neid im Dorf berichtet hatte &#8230;?<\/p>\n<p>Wir fahren auf westlicher Seite immer relativ nah am Deich die Elbe entlang und m\u00fcssen auf den letzten Metern zur Erhebung H\u00f6hbeck und dem dortigen, luftigen Aussichtsturm eine richtige Steigung \u00fcber ca. 500 Meter hinauf. Dank Turbo-Modus trotz des schweren Gep\u00e4cks alles machbar. Oben in luftiger H\u00f6he hat man einen weiten Blick in die Altmark, auf die Elbe und das Wendland. Ca. eineinhalb Stunden nach Schnackenburg, der kleinsten nieders\u00e4chsischen Stadt, haben wir Gorleben, den Standort des umstrittenen Atom-Zwischenlagers, erreicht. Das Hotel hat den Charme eines Industriegeb\u00e4udes, allerdings sind die Zimmer wohl mit Pl\u00fcsch (z. T. in roter Farbe) eingerichtet. Hat das was damit zu tun, dass fr\u00fcher eine Nachtbar im Hotel war?<\/p>\n<p>Am Abend bekommen wir im Gasthaus an der Hauptstra\u00dfe gerade noch etwas zu essen. Das Buffet steht noch bereit. All you can eat f\u00fcr 14,99 \u20ac. Dors und ich schlagen richtig zu. Ich frage die Kellnerin, ob das Gem\u00fcse verstrahlt sei. Antwort: \u201eDas Essen ist genau so strahlend wie wir.\u201c \u2013 Der Elfmeter hat gesessen. Diskussion beendet.<\/p>\n<p><strong>Tag 39 (25.08.18):\u00a0 Von Gorleben nach Hitzacker<\/strong><\/p>\n<p>Km:\u00a0 1285\u00a0 &#8211;\u00a0 1335<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck ist etwas lieblos zusammengestellt. Brot gibt es aus der gro\u00dfen Plastikt\u00fcte. Dors meint, es kommt aus einem panimaju-po-russki Laden. Egal, wir werden freundlich aufgefordert, uns doch ein Lunchbrot mitzunehmen. Ich bin mit dem Wirt allein und verstehe endlich, weshalb die gro\u00dfen Holzf\u00e4sser, in denen man \u00fcbernachten kann, die Namen Diego und Dante tragen. Gestern hatte ich noch gefragt, ob er Werder Bremen Fan sei, was verneint wurde. Heute erfahre ich, dass seine kubanisch-deutschen S\u00f6hne so hei\u00dfen, die gestern so richtig sch\u00f6n auf dem Trampolin etc. gespielt haben. Wir sprechen \u00fcber die kubanische Realit\u00e4t, die wohl doch etwas anders als die kubanische Touristen-Realit\u00e4t aussieht<strong>. <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Von den Protesten gegen das Atom-Zwischenlager h\u00e4lt der Wirt nichts, so nach dem Motto: die Gr\u00fcnen kriegen ja noch nicht mal mehr als drei Jahre Regierungst\u00e4tigkeit gebacken &#8230; Wir packen unsere Sachen und fahren dann doch zum Atomm\u00fcllzwischenlager (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Atomm%C3%BClllager_Gorleben\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Atomm%C3%BClllager_Gorleben<\/a>). Nach einmal Fragen in einem kleinen Industriegebiet haben wir die richtige Landstra\u00dfe gefunden und stehen in geb\u00fchrendem Abstand vor einem gro\u00dfen Eingangstor mit Pf\u00f6rtnerh\u00e4uschen und gro\u00dfen quadratischen Industriegeb\u00e4uden. Es ist halb zehn Uhr morgens, es nieselt ein wenig. Dem Pf\u00f6rtner winke ich zu, so nach dem Motto \u201eGuten Morgen\u201c, und er winkt zur\u00fcck. Wie Revoluzzer, die gleich zum Sturm ansetzen, sehen wir wirklich nicht aus, eher wohl wie zwei alte M\u00e4nner, die an die St\u00e4tten ihrer politisch-\u00f6kologischen Aktivit\u00e4ten vor 30 bis 40 Jahren zur\u00fcckkommen &#8230; Die Fahrr\u00e4der haben keine Kennzeichen, er kann keine Daten weitergeben &#8230; und auch beim Gastwirt brauchten wir keine pers\u00f6nlichen Angaben hinterlassen.<\/p>\n<p>Ein paar hundert Meter weiter befindet sich die Beluga, ein gro\u00dfes Greeenpeace-Aktionsschiff, als Blickfang aufgebahrt in Sichtweite des zweiten Lagers, in dem sich auch der Salzstock befindet (https:\/\/www.greenpeace.de\/themen\/uber-uns\/beluga-i-das-herzstuck-von-greenpeace-deutschland). Nein, Besichtigungen k\u00f6nne man schon seit 3 Jahren nicht mehr machen, sagt uns der Pf\u00f6rtner am Eingang zum Salzstock, aber ein paar Schritte weiter am Zaun sei eine Infotafel angebracht. Wir ziehen es vor, uns die umfangreichen Infotafeln in der N\u00e4he des Protest-Schiffes anzuschauen. Wie jung war Angela Merkel als Bundesumweltministerin eigentlich? In der offenen Holzh\u00fctte finden wir weitere Infos und an einem Baum befindet sich ein kleines Hinweisschild, dass sich jeden Sonntag um 13 Uhr Umweltaktivisten zu einem gemeinsamen Spaziergang hier treffen. Ich bin nun froh, dass wir uns die eine Stunde Zeit f\u00fcr diesen Umweg auf unserer Route entlang der Elbe genommen habe. Ich sp\u00fcre hier wieder bundesrepublikanische Geschichte, den Hauch der Anti-Atom-Proteste der 80er und 90er Jahre, die an mir irgendwie vorbei gegangen sind, weil ich wohl schon zu sehr darauf bedacht war, meine historischen Forschungen \u00fcber die Nazi-Zeit abzuschlie\u00dfen, beruflich Fu\u00df zu fassen und eine Familie zu gr\u00fcnden, nach all den bis dahin unruhigen Jahren in ruhigeres, auch \u00f6konomisch besser abgesichertes Fahrwasser zu gelangen. Aktives Gewerkschaftsmitglied und zeitweiliger Personalrat: ja. Aber ansonsten bin ich politisch gesehen etwas auf Tauchstation gegangen. Vielleicht angesichts der weit verbreiteten Lehrerarbeitslosigkeit, den damit verbundenen sozialen und materiellen \u00c4ngsten Anfang der achtziger Jahre sowie den 1983, 1987 und 1989 geborenen Kindern verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Langendorf kommen wir an einem etwa zehn Meter hohen Aussichtsturm vorbei, den wir besteigen und von dem man eine herrliche Aussicht \u00fcber das Biosph\u00e4renreservat Elbe, das Wendland und die Altmark hat. Als wir wieder losfahren wollen, kommt es zu einer der merkw\u00fcrdigsten und vielleicht heikelsten Situationen dieser Reise.<br \/>\nIch lasse mal lieber Dors\u2018 Erinnerungen sprechen, die er einen Tag sp\u00e4ter niedergeschrieben hat:<\/p>\n<p>Aussichtsturm bei Langendorf. 29484 Langendorf. <a href=\"https:\/\/goo.gl\/maps\/wQzmkCpjHD12\">https:\/\/goo.gl\/maps\/wQzmkCpjHD12<\/a>.<br \/>\nAls wir gestern, noch nichts B\u00f6ses ahnend, den Turm verlassen hatten und uns den R\u00e4der n\u00e4herten, um weiter zu fahren, bemerkten wir ein sonderbares Gef\u00e4hrt, das langsam unter den tief h\u00e4ngenden Zweigen der B\u00e4ume heran fuhr. Es erreichte uns ein dreir\u00e4driges Liege-Bike mit Anh\u00e4nger, einem eckigen Alu-Kastenanh\u00e4nger, auf dem die Nationalit\u00e4tenkennzeichen mehrerer L\u00e4nder kleben. Als das Gef\u00e4hrt auf uns zukam, sahen wir einen jungen Mann an Bord, es war ein etwa 35-j\u00e4hriger hochgewachsener Radfahrer mit nacktem Oberk\u00f6rper, der uns mit ausgestreckter rechter Hand und etwas m\u00fcdem &#8222;Sieg-Heil&#8220;-Ruf begr\u00fc\u00dfte, wobei er m\u00fcrrisch vor sich hin blickte. Er zog an uns vorbei und stellte sein Gef\u00e4hrt ab. Henner passte dieser Gru\u00df nat\u00fcrlich ebenso wenig wie mir, aber w\u00e4hrend ich mich etwas zur\u00fcckhielt, begann er auf Englisch mit dem Typen ein Gespr\u00e4ch zu suchen. Aber er hat keine Chance, denn der antwortete nur: &#8222;fuckoff all your damn generation&#8220;. Henners Hinweise auf die politische Haltung unserer Generation wirkten \u00fcberhaupt nicht. Der Mensch schien einfach einen Lattenschuss zu haben. Er war ganz offensichtlich nur darauf aus zu beleidigen: &#8222;fuckoff all you damn nazis&#8220;, er sprach ausgerechnet von uns als <em>der<\/em> Nazi-Generation.<\/p>\n<p>Henner ging fast der Draht aus der M\u00fctze, und ich hatte M\u00fche, ihn zur\u00fcckzuhalten. Letztlich zogen wir es vor, ihn dort stehen zu lassen und fortzufahren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Weiterfahrt konnten wir kaum von diesem Typen lassen. Sein Auftritt besch\u00e4ftigte uns lange Zeit. Wir fragten uns, woher er kam und was hinter seinen abartigen \u00c4u\u00dferungen stand. Erst nach Stunden ging er uns langsam aus dem Kopf.<\/p>\n<p>Dors hat recht gehabt, auch mich hat diese vollkommen unerwartete Frechheit und Provokation eines relativ jungen Ausl\u00e4nders noch lange danach besch\u00e4ftigt. Ich war froh, dass Dors dabei gehabt zu haben, sonst h\u00e4tte es vielleicht richtig geknallt.<\/p>\n<p>Kurz vor der neuen Elbebr\u00fccke bei D\u00f6mitz f\u00e4ngt es richtig an zu regnen und wir stellen uns mit in eine Reihe anderer Mitradler in die Unterf\u00fchrung einer im Krieg zerst\u00f6rten Eisenbahnbr\u00fccke. Wenige Meter von uns ist ein Sch\u00e4fer gerade besch\u00e4ftigt, die L\u00e4mmer auszusortieren und auf einen Anh\u00e4nger zu verfrachten, ich vermute f\u00fcr die Fahrt zum Schlachthof. Er benutzt dazu eine Beinschlinge und einen Elektroschocker. Ein Lamm ist wohl widerspenstig \u00a0(\u201eBl\u00f6des Arschloch!\u201c). Ich denke an die Lammkoteletts, die mir sonst immer so gut schmecken&#8230;<\/p>\n<p>Wir gelangen auf die Bundesstra\u00dfe 191 und \u00fcberqueren die Elbe, um uns gleich danach links Richtung Dorfrepublik R\u00fcterberg, wieder relativ nah am Fluss, in einer unber\u00fchrten Landschaft gen Nord-Westen zu bewegen. R\u00fcterberg befand sich in einer Enklave, in einem an drei Seiten von der Elbe umgebenen 500 Meter-Sperrgebiet. Unzufrieden \u00fcber das im Oktober gerade ausgetauschte Sicherungstor \u2013 wesentlich schwerer in der Ausf\u00fchrung als das vorherige \u2013, verlangten die Einwohner nach einer B\u00fcrgerversammlung, die ihnen f\u00fcr den 8. November 1989 gew\u00e4hrt wurde. Bei dieser Zusammenkunft, einen Tag vor der v\u00f6llig unerwarteten Grenz\u00f6ffnung, riefen die 90 anwesenden Dorfbewohner nach Schweizer Vorbild eine eigene Republik aus. Eine Sensation f\u00fcr die damaligen politischen Machtverh\u00e4ltnisse, vermute ich. Heute noch sieht man einen Beobachtungsturm, in dem man auch privat \u00fcbernachten kann, sowie Grenzbefestigungsanlagen am Ausgang des Dorfes. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%BCterberg#Dorfrepublik_R%C3%BCterberg\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%BCterberg#Dorfrepublik_R%C3%BCterberg<\/a>)<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung hat sich mittlerweile stark ver\u00e4ndert. Die Frau, die das kleine Caf\u00e9 mit selbstgebackenem Kuchen betreibt, ist eine von vielen Menschen aus der alten Bundesrepublik. Oft kommen sie aus Hamburg oder aus Berlin, es hat sie nach der Wende hier in die ehemalige DDR verschlagen, weil das Leben hier ruhiger ist, gut m\u00f6glich auch, weil viele alte Immobilien mit historischem Flair und gro\u00dfem Renovierungsbedarf preiswert zur Verf\u00fcgung standen.<\/p>\n<p>Es geht weiter an der Elbe entlang. Wir vermeiden die Fahrt auf dem Deich. Es ist zu windig. Wir haben zu k\u00e4mpfen und ziehen den gut asphaltierten Weg am Deich vor. Gegen 15.00 Uhr sehen wir am anderen Flussufer Hitzacker, das wir uns eigentlich anschauen wollten. Der F\u00e4hrbetrieb ist aufgrund des Niedrigwassers der Elbe eingestellt. Pustekuchen. Wir entschlie\u00dfen uns weiterzufahren, zumal wir bisher auch erst knapp 40 km gemacht haben. Im n\u00e4chsten Ort, besser gesagt bei der n\u00e4chsten Ansammlung von Geh\u00f6ften, versuchen wir eine \u00dcbernachtung zu bekommen. Wieder Pustekuchen. Es ist Samstag, Wochenende und anscheinend noch Hochsaison. Zwei G\u00e4ste empfehlen uns, es doch in Hitzacker zu versuchen, ein Privatmann w\u00fcrde uns mit einem kleinen Boot \u00fcbersetzen. Der Akku von Dors neigt sich dem Ende zu, also sicher ist sicher, wir fahren zur\u00fcck. Unserem Gegen\u00fcber gelang es, den F\u00e4hrmann an die Strippe zu bekommen, der \u2013 als wir an den Anleger zur\u00fcckkommen \u2013 uns bereits erwartet, und wir lassen uns in einem relativ kleinen Boot, vielleicht 7 x 2 Meter, umgebaut zur Fahrrad- und Fu\u00dfg\u00e4ngerf\u00e4hre, von einem hemds\u00e4rmeligen Mann \u00fcbersetzen. Nat\u00fcrlich nur gegen eine Spende, es ist ja kein offizieller F\u00e4hrbetrieb. Wir sind froh.<\/p>\n<p>In Hitzacker scheint es gerade ein Kultur- oder Musikfestival zu geben. Auf der Insel, der historischen Altstadt, tanzen M\u00e4nner und Frauen, meist in Trachten, nach mittelalterlichen Kl\u00e4ngen. Wir versuchen eine Unterkunft zu finden, es klappt im 2. oder 3. Anlauf etwas au\u00dferhalb von den besseren Leuten. Ein Bio-Hotel, schon etwas in die Jahre gekommen, aber mit einem vollen Fahrradkeller, Luftkompressor etc. Wir sind froh ein Dach \u00fcber dem Kopf f\u00fcr diese Nacht zu haben.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag gehen wir zu Fu\u00df in die Stadt, genie\u00dfen den Blick vom Berg auf die Elbe und schauen uns das Musikspektakel in der Innenstadt ein. Ich merke, dass ich nach der langen Zeit im ehemaligen Osten hier pl\u00f6tzlich in einer anderen Welt bin. Die Frauen, in der Mehrzahl 50 plus, sind mit bunten, alternativen,\u00a0 z. T. altert\u00fcmlich erscheinenden Designerkleidern ausgestattet. Frau des Chefarztes aus Hamburg mit Freundin in der Kulturprovinz &#8230; Es ist mir irgendwie fremd, nicht meine Welt, aber doch irgendwie vertraut. Wie vielf\u00e4ltig ist bisher meine Reise durch die Mitte Deutschlands, entlang der ehemaligen Grenze gewesen, von der hemds\u00e4rmeligen Bauerntochter am ersten Abend unserer Reise, die sich zur Betriebsr\u00e4tin in der Porzellanindustrie hochgearbeitet hat, bis nun zu den Damen aus besseren H\u00e4usern &#8230;<\/p>\n<p>Etwas zu essen zu finden ist angesichts der vielen Touristen in der Stadt nicht so einfach. Wir landen schlie\u00dflich in einem t\u00fcrkischen Imbiss, der proppenvoll ist. Man k\u00f6nnte meinen, dass es hier Freibier gibt. Trotz des Andrangs bedient als einzige Servierkraft die junge Frau hinter dem Tresen mit einer Seelenruhe, in fehlerfreiem, tadellosen Deutsch die lange Schlange der Kunden, w\u00e4hrend ein Kollege hinten in der K\u00fcche Pizzen zubereitet. Das Publikum ist sehr gemischt: von spanischen Austauschstudenten bis hin zum 50j\u00e4hrigen Einheimischen, der sich mit seinem im Rollstuhl sitzenden Vater an einen Tisch setzt. Ich merke, es ist mir alles vertraut, ich bin hier im Westen&#8230; Diese Vertrautheit stellt sich auch in der italienischen Eisdiele ein: \u201edue esspressi i due vecchia romagna!\u201c. Wir ziehen uns den italienischen Brandy (mehrere Gl\u00e4ser, so dass zwischenzeitlich der radebrechende Kellner meint, uns an den Preis f\u00fcr ein Glas erinnern zu m\u00fcssen: \u201equatro Euro!\u201c) rein und diskutieren \u00fcber unsere bisherigen Eindr\u00fccke, seit Dors wieder zur Grenzg\u00e4ngertour hinzu gesto\u00dfen ist. Wir philosophieren \u00fcber unser Leben und das anderer Menschen. Etwas beschwingt treten wir den Heimweg an und steigen die Treppen auf den Berg hoch.<\/p>\n<p><strong>Tag 40 (26.08.18): Von Hitzacker nach Zarrentin<\/strong><\/p>\n<p>KM:\u00a0 1335 &#8211; 1416<\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck gibt es erst um acht, eigentlich viel zu sp\u00e4t f\u00fcr Dors, der unter seniler Bettflucht leidet. Kurz vor acht schickt er mir eine WhatsApp, dass er schon oben im FS-Raum auf mich wartet &#8230; Im Gegensatz zu gestern ein Fr\u00fchst\u00fcck vom Feinsten, frisches Obst etc.\u00a0 Der F\u00e4hrmann ist ab 9 Uhr morgens erreichbar. Als wir zur F\u00e4hrstelle kommen, hat er schon die erste Fuhre mit Fahrrad-Touristen \u00fcbergesetzt. Wir sind die einzigen Fahr-\u201cG\u00e4ste\u201c. Mit dem burschikosen \u201eDu\u201c kann er was anfangen und erz\u00e4hlt aus seinem Leben: Geboren Anfang der 50er Jahre in der kleinen Enklave, die bis 1945 zur Provinz Hannover geh\u00f6rte, in der ersten H\u00e4lfte der 70er Jahre durch die Elbe gefl\u00fcchtet, hat er zun\u00e4chst jahrzehntelang im Westen als Kraftfahrer gearbeitet, nach der Wende das elterliche Geh\u00f6ft zur\u00fcck erhalten, es dann verkauft und schlie\u00dflich ein anderes Geb\u00e4ude zu seinem Haus hergerichtet. Es ist das pralle ost-west-\u00f6stliche Leben, aus dem er erz\u00e4hlt. Seine Enkel sagen zu ihm: \u201eOpa, du bist ja ein richtiger Wossi.\u201c \u2013 Diese Worte machen mich nachdenklich. Bin ich nicht auch eigentlich ein Wossi, ein Wanderer zwischen zwei Welten, der an seinem Lebensende zu seinen DDR-Wurzeln zur\u00fcckkehrt, sich zumindest dar\u00fcber wieder bewusst wird? Wie hatte Achim in Hohegei\u00df gesagt? \u2013 \u00a0\u201eEinmal Ossi, immer Ossi?\u201c<\/p>\n<p>Die wenigen Minuten auf dem Strom vergehen viel zu schnell. Wieder eins der vielen Geschenke auf dieser Reise &#8230; Dors fragt fachkundig nach, wie er das mit der Hydraulik der Laderampe hinbekommen hat. \u201eAlles vom Schrott oder aus alten Baumaschinen geholt und zusammengebastelt!\u201c Wir verabschieden uns und geben ihm eine Spende. Er freut sich. Ich sage zu ihm: \u201eMach\u2018s gut und halt die Ohren steif\u201c \u2013 Er erwidert nur: \u201eJa, das ist aber auch noch das einzige, was steif wird.\u201c \u2013 Mitten aus dem prallen Leben!<\/p>\n<p>Oben auf dem Damm werden wir von vier jungen M\u00e4nnern erwartet. Sie machen sich etwas lustig \u00fcber unsere E-Bikes. Als sie die bisherigen Stationen der Reise h\u00f6ren, \u00e4ndert sich ihre Einstellung etwas. Sie sind so zwischen 30 und 40 Jahre alt, sind zu Fu\u00df unterwegs und haben die Nacht im Zelt auf einer Elbwiese verbracht. In den Westen sind sie dabei nicht abgehauen, ist ja heute auch nicht mehr notwendig. Irgendwie erinnere ich mich an meine eigenen Touren, als ich noch j\u00fcnger war: die Nacht im Weinberg auf der Insel Elba, total zerstochen von M\u00fccken, oder sp\u00e4ter, als ich schon in Herford lebte, die Nacht auf einer Ruine in der N\u00e4he von Rinteln w\u00e4hrend der Rucksackwanderung im Weserbergland von Porta Westfalica nach Hameln. Lang ist es her und kommt auch nicht wieder zur\u00fcck &#8230;<\/p>\n<p>Es ist klar: Dors wird (leider) heute wieder nach Ostwestfalen zur\u00fcckfahren. Ich muss sehen, dass ich die gestern nicht gefahrenen Kilometer nachhole. Es ist immer noch windig. Wir bewundern die Fahrradfahrer, die mit Gep\u00e4ck und ohne Akku-Unterst\u00fctzung elbabw\u00e4rts fahren. Ab und zu, wenn wir auf dem Deich fahren m\u00fcssen, haben wir einen herrlichen Blick auf die Elbe und die angrenzenden, mittlerweile wieder saftig gr\u00fcnen Wiesen. Ein bayrisches Musketier kommt uns mit seinem Mountain-Bike und wenig Gep\u00e4ck entgegen. Breite Reifen und volles Rohr voraus. Mit R\u00fcckenwind zum Gl\u00fcck. Er macht so ca. 100 km am Tag, so lange es flach ist, vermute ich.<\/p>\n<p>Bei Bleckede ist die F\u00e4hre auch nicht in Betrieb. Wir fahren weiter nach Boizenburg, das keinen besonderen Charme verbreitet. Dors will nach Lauenburg und dann von dort mit der Bahn zur\u00fcck fahren. Oberhalb der Werft geht es bergauf aus der Stadt heraus. An der Stra\u00dfe bzw. dem Fahrradweg sind von Sch\u00fcler\/innen zu unterschiedlichen Themen bemalte Stellw\u00e4nde zu sehen. Sie rufen auf zu Vielfalt, Toleranz und Frieden. Ich freue mich. Auf der H\u00f6he angekommen, machen wir Pause und sehen eine Gedenktafel und einen Gedenkstein f\u00fcr in den letzten Jahren umgekommene KZ-H\u00e4ftlinge, die in der Werft arbeiten mussten und in einem Au\u00dfenlager des KZ-Neuengamme untergebracht waren.<\/p>\n<p>In Richtung Lauenburg kommen wir nach wenigen Minuten zum ehemaligen Grenz\u00fcbergang an der Fernstra\u00dfe 4, der Interzonenstra\u00dfenverbindung zwischen Hamburg und West-Berlin, genauer gesagt an der ersten Kontrolle ca. 5 Km vor dem eigentlichen \u00dcbergang. Ein kleiner Grenzturm mit ein paar Info-Tafeln, die sich im Erdgeschoss befinden. Audios bieten einen anschaulichen Eindruck von der Situation an der Grenze. Eine Aufladestation f\u00fcr E-Autos ist in der N\u00e4he, nicht aber f\u00fcr E-Bikes. Wir gehen ins <em>Checkpoint Harry <\/em>(<a href=\"http:\/\/www.checkpointharry.de\/\">http:\/\/www.checkpointharry.de\/<\/a>) und fragen nach einer Aufladem\u00f6glichkeit f\u00fcr unsere Akkus. Kein Problem. Ebenso ein deftiges Mittagessen mit Burgunderbraten, Rotkohl und Salzkartoffeln. Wir schlagen uns im Osten nochmal richtig voll, bevor Dors sich im Westen wieder auf vornehmlich vegetarische Kost umstellt. An den Nachbartischen sitzen wirklich gut gen\u00e4hrte Menschen. Ich denke nur an Kotelett mit S\u00e4ttigungsbeilage in Preisstufe 2 f\u00fcr 2,65 M und das Bier f\u00fcr 43 Pfennige &#8230; Welch ein Kontrast zu dem gestrigen Hitzacker-Publikum! Als wir unsere aufgeladenen Akkus wieder aus der Gaststube holen, fallen uns die vielen DDR-Exponate auf, Uniformteile, Fotos, und es ist das erste Mal, dass ich eine Original DDR-Verfassung neben anderen Schriften ausliegen sehe.<\/p>\n<p>Mit einem weinenden Auge nehme ich Abschied von Dors und gehe dann \u00fcber die Stra\u00dfe in die ehemalige K\u00fcchenbaracke des KZ-Au\u00dfenlagers. Die Museumsaufsicht erz\u00e4hlt mir stolz, wie sie sich im Laufe der Jahre in die Geschichte des Lagers eingearbeitet hat. Bis auf ihren Urlaub ist sie immer am Wochenende hier. Nach der Wende ist in Boizenburg alles platt gemacht worden, kaum noch Fabriken, auf der Hauptstra\u00dfe ist heute auch nichts mehr los, aber ihren Sohn in Kiel, einen studierten Astro-Physiker, hat sie neulich besucht. Es scheint mir, dass es ihr wie so vielen ehemaligen DDR-B\u00fcrgern meiner Generation geht: eine Mischung aus Bedauern \u00fcber die Verluste nach der Wende und gleichzeitig ein Frohsein \u00fcber Reisem\u00f6glichkeiten und andere Annehmlichkeiten.<\/p>\n<p>Es ist halb vier und ich werde heute noch bis Zarrentin am Schaalsee fahren, also zwei von Stefan Esser vorgeschlagene Etappen zu einer verbinden. Schlie\u00dflich habe ich mich ja mit meiner Tochter Elena morgen Abend in Hamburg zum Fu\u00dfballspiel HSV \u2013 Arminia Bielefeld verabredet und mir vorgenommen vorher, Montag, bis Ratzeburg zu kommen. Ich fahre \u00fcber Nostorf, Schwanheide und Langelehsten Richtung Zarrentin. Ich komme nach Leisterf\u00f6rde an einem kleinen Grenzmuseum vorbei, das sehr gut die DDR-Genzanlagen veranschaulicht. Sch\u00fcler\/innen aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben bei der Errichtung mitgeholfen. An der Eingangst\u00fcr gibt es einen politisch-p\u00e4dagogischen Hinweis: Die friedliche Revolution von 1989 habe gezeigt, dass es auch heute darauf ankommt, sich gegen &#8222;Regierung und Staatsmedien&#8220; einzusetzen. Ist der Verfasser der Meinung, dass die durch die SED gelenkten DDR-Medien mit den heutigen \u00f6ffentlich-rechtlichen gleichzusetzen sind? &#8211; Spricht hier etwa die AFD?<\/p>\n<p>Als ich die Autobahn A 24 \u00fcberquere, sehe ich einen Trucker in kurzer Hose und Unterhemd, wie er sich gerade etwas zu essen bruzzelt. Ich erinnere mich an meine Zeit bei der Spedition Koch (Neuss) und meine Zeit als Fernfahrer im Frankreichverkehr. Es war im Dezember 1977. Ich halte auf meiner R\u00fcckfahrt von Paris auf der Autobahnrastst\u00e4tte Metz oben auf dem Berg an und kaufe noch ein paar Flaschen Wein in der Tankstelle ein. Als ich nach zehn Minuten zur\u00fcckkomme, traue ich meinen Augen nicht mehr. Der gesamte Sattelschlepper inklusive vollgeladenem Auflieger stand nicht mehr an seinem Platz. Er war ca. 10 m von alleine auf dem Parkplatz in Richtung Autobahnfahrstreifen zur\u00fcckgerollt. Ich hatte vergessen, die Handbremse anzuziehen, vielleicht weil mir das Gel\u00e4nde als eben erschien. Zum gro\u00dfen Gl\u00fcck wurde ein Reifen des Sattelschleppers von der Kante einer kleinen Gr\u00fcninsel gestoppt. Nicht auszudenken, was passiert w\u00e4re, wenn der herrenlose, vollgeladene Laster weiter auf die Autobahn gerollt w\u00e4re! Ich w\u00e4re meines Lebens nicht mehr froh geworden. Ein weiteres Mal nach dem Erlebnis mit dem B\u00e4ren im Zirkus, bei dem ich einen Schutzengel hatte oder wie man es sonst nennen will.<\/p>\n<p>In Zarrentin bin ich zun\u00e4chst vom Schaalsee in der Abendsonne beeindruckt. Einige Hotels sind schon ausgebucht bzw. zu teuer. Mit Gl\u00fcck finde ich noch eine Unterkunft in einer Gastst\u00e4tte\/Pension, die auch noch den Charme der fr\u00fcheren DDR verstr\u00f6mt. Ein kleiner Einkaufsladen, ein junges, t\u00e4towiertes Paar kauft sich gerade gro\u00dfe Gummib\u00e4rchen oder so was \u00c4hnliches, ein Mann noch schnell ein paar Bier f\u00fcr den Abend und im Gastzimmer an der Theke sitzen ein paar Experten, die erstmal blauen Dunst in die Luft pusten. Egal. Ich bin froh, ein sauberes Zimmer zu einem vern\u00fcnftigen Preis im Anbau bekommen zu haben. Die Speise- und Getr\u00e4nkekarte hat es sp\u00e4ter in sich: 0,2 l Bier f\u00fcr 1,20 Euro, der Schnaps f\u00fcr 80 Cent. Ich traue meinen Augen nicht und f\u00fchle mich in\u00a0 alte DDR-Zeiten versetzt. Ich bestelle mir ein Bauernfr\u00fchst\u00fcck, der mit einem Riesensalatteller serviert wird, und habe zu k\u00e4mpfen. Dem Ehepaar aus Oldenburg geht es genauso.<\/p>\n<p>Als ich nach dem Essen noch einen Verdauungsspaziergang am Schaalsee mache und den aufgehenden Mond beobachte, der sich im Wasser spiegelt, merke ich, wie ich irgendwie auf Eiern gehe. Diese Doppeletappe mit ordentlich Gegenwind am Anfang hat es in sich gehabt. 80 KM\u00a0 sind trotz E-Bike eine Herausforderung. Wieder ein Tag, \u00fcber den ich froh bin, dass ich ihn erleben durfte.<\/p>\n<p><strong>Tag 41 (27.08.18):\u00a0 Von Zarrentin nach Ratzeburg (Hamburg)<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1416 &#8211; 1462<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, womit ich es verdient habe, aber ich erhalte mal wieder ein vorz\u00fcgliches Fr\u00fchst\u00fcck. Dabei bekomme ich von der Senior-Chefin f\u00fcr meine Anrede mit &#8222;junge Frau!&#8220; einen Elfmeter verpasst. Sie beklagt sich \u00fcber die ganzen Auflagen heute, Gewerbeaufsichtsamt, Schornsteinfeger, IHK, GEMA etc. Es w\u00fcrde am Ende des Monates kaum etwas \u00fcbrig bleiben. Auf meinen Hinweis, dass die Preise mit\u00a0 z.\u00a0 B.\u00a0 1,20 \u20ac f\u00fcr ein kleines Bier auch wirklich sehr niedrig seien, antwortet sie mit ihrer Philosphie, dass die Gastwirtschaft f\u00fcr alle da sein sollte, sozusagen eine Kommunikationsm\u00f6glichkeit f\u00fcr alle, ob reich oder arm, jung oder alt. Da denke ich mir: wie im englischen Pub in Rochdale, wo wir fr\u00fcher oft eingekehrt sind, wenn wir internationale Projekttreffen dort hatten. Es scheint mir, dass sie noch sehr den alten DDR-Zeiten nachtrauert: die H\u00fctte war immer voll mit den Soldaten der naheliegenden Kaserne. Gutes Fleisch gab es zwar nicht, das ging alles in den Westen, aber die G\u00e4ste wurden satt und die Gastwirtschaft lief gut. Heute seien kostspielige Investionen in ein G\u00e4stehaus notwendig und dieser hei\u00dfe Sommer sei schlichtweg eine wirtschaftliche Katastrophe gewesen, weil bei den Temperaturen keiner in ihrem Wirtszimmer, sondern unten am See in der Au\u00dfengastronomie gesessen habe. Ich verzichte auf die \u201ejunge Frau\u201c und wir verabschieden uns herzlich.<\/p>\n<p>Am Schaalsee, leicht erh\u00f6ht, liegt das Palhuus, das Informationszentrum des Biosph\u00e4renreservats. Es l\u00e4dt zum Bleiben und Staunen ein, aber ich verzichte aufgrund des Zeitdrucks auf einen l\u00e4ngeren Aufenthalt, bekomme von der freundlichen Mitarbeiterin aber noch eine Landkarte geschenkt, die mich bis zur Ostsee begleiten soll.<\/p>\n<p>Ich entscheide mich mal wieder f\u00fcr die harte Tour und versuche, \u00fcber kleine Trampelpfade entlang des Sees Richtung Norden zu kommen. Es ist alles sehr naturbelassen, bis ich dann doch auf der Landstra\u00dfe weiter fahren muss, zum Gl\u00fcck mit Fahrradweg. In Techin versuche ich nochmals im &#8218;Urwald&#8216;, merke aber nach dem dritten querliegenden Baum, dass das Umfahren oder Dr\u00fcberheben doch keine Dauerl\u00f6sung f\u00fcr die n\u00e4chsten zwei Stunden ist. Ich fahre zur\u00fcck ins Dorf und gelange dann auf die Halbinsel Stintenberg. Eine Br\u00fccke dort in den Westen gibt es nicht. Das Caf\u00e9 im Br\u00fcckenhaus ist auch schon seit mehreren Monaten geschlossen. Schade, aber verst\u00e4ndlich. Touristen sind kaum zu sehen.<\/p>\n<p>Mittlerweile nieselt es auch sch\u00f6n, der Natur passt das gut und ich kann mal wieder meine rote Regen- und Windjacke anziehen. In Kneese, das zu Sandfeld geh\u00f6rt, halte ich an einer Pension an, einem gro\u00dfen Geb\u00e4ude, in dem sich fr\u00fcher ein Forsthaus befand, und gehe nach langem Z\u00f6gern doch herein. Man merkt, es ist alles etwas alternativ ausgestattet, im urspr\u00fcnglichen Zustand belassen oder auch wieder hergestellt, wie z. B. die Deckenmalerei. Nur im Nachbarraum gibt es ein WLAN. Die freundliche Wirtin kommt aus Hamburg und ist Pauli-Fan, als ich ihr erz\u00e4hle, dass ich heute Abend noch nach Hamburg zum HSV-Arminia-Spiel will. Der selbstgebackene Kuchen schmeckt sehr gut. Es nieselt zwar noch, aber ich fahre los. Mein Fahrradhelm wird mir hinterher gebracht. Wo war ich blo\u00df mit meinen Gedanken? Forsthaus. Holzweg 56, Heiligenstadt? Die alte Malerin, der ich mit ihrem Hund kurz danach begegne, kommt aus Hamburg und hat dort vor gesch\u00e4tzen \u201ehundert Jahren\u201c die Kunstschule besucht. Als Hamburgerin, als Wessi, mit den einheimischen Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern in Kontakt zu kommen stellt sich seit Jahrzehnten als schwierg dar. Liegt es daran, dass sie aus dem Westen kommt oder K\u00fcnstlerin ist? \u2013 Vielleicht auch beides.<\/p>\n<p>In Dutzow biege ich ab und \u00fcberquere den Lankower See. Ich bin wieder im Westen und begebe mich sp\u00e4ter dann parallel zur B 208 nach Ratzeburg. Netto und Penny lassen gr\u00fc\u00dfen. In einem kleinen angeschlossenen B\u00e4ckerladen leiste ich mir eine Tasse Kaffee mit Milch und ein St\u00fcck Kuchen (Angebot f\u00fcr 1,99 \u20ac). Drau\u00dfen hole ich mein Notebook heraus und versuche, mit meinem Tagebuch voranzukommen. Eine \u00e4ltere Frau im Rollstuhl setzt sich zu mir. Ich hole ihr auch eine Tasse Kaffee. Eine weitere \u00e4ltere, wohl kranke Frau wird von einem Kranken-Taxi mit ihrem Einkauf abgeholt.<\/p>\n<p>Beim n\u00e4chsten St\u00fcck Kuchen, das ich mir hole, \u00fcbersehe ich drau\u00dfen die Bordsteinkante und lege mich der ganzen L\u00e4nge nach hin. Kommentar der Frau im Rollstuhl: \u201eDa haben Sie aber wirklich Gl\u00fcck gehabt.\u201c. Sie hat recht. Es w\u00e4re fatal gewesen, zwei Tage vor der geplanten Ankunft an der Ostsee die Reise wegen einer Verletzung abrechen zu m\u00fcssen &#8230; Ich schreibe weiter.<\/p>\n<p>Die Fahrt bis zum Bahnhof in Ratzeburg zieht sich hin. Eine Ausl\u00e4nderin mit Kind nickt nur bei der Frage, wo der Bahnhof ist. Die Richtung sei richtig. Es regnet mittlerweile und ich kann den Ratzeburger See nicht wirklich genie\u00dfen. Die Bahnfahrt nach Hamburg f\u00fchrt mich zuerst Richtung S\u00fcden, nach Buchen. Die n\u00e4chste Station ist M\u00f6lln, das mich an den schrecklichen Brandanschlag auf ein von einer t\u00fcrkischen Familie bewohntes Haus im Jahr 1994 erinnert. Mehrere Tote. Ein Fanal, gegen die fremdenfeindliche und rassistische Verblendung von Einzelnen aufzustehen. Rostock-Lichtenhagen 1991 und die damaligen Brandanschl\u00e4ge unter dem Gejohle der Anwohner waren ein Vorl\u00e4ufer, in Solingen sollte sich kurze Zeit danach dieses feige und menschenverachtende Vorgehen wiederholen.<\/p>\n<p>In Buchen verpasse ich den planm\u00e4\u00dfigen Zug nach Hamburg um wenige Sekunden. Ein hagerer, s\u00fcdl\u00e4ndischer Mann zieht die Schultern hoch und vermittelt mir: \u201eDa haben wir wohl Pech gehabt.\u201c \u2013 Ich nicke. Eine ganze Stunde warten und es regnet. Das Warteh\u00e4uschen auf dem Bahnsteig bietet einen gewissen Schutz gegen den Regen. Der Mann und ich kommen in ein Gespr\u00e4ch. \u201eDe unde sunteti?\u201c \u2013 Also Rum\u00e4nien, aus einer Stadt, durch die Ellen und ich 2015 auf dem R\u00fcckweg von Moldawien gefahren sind. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg und arbeitet auf einer Baustelle (construtia) in Ratzeburg. Ich mache mir so meine Gedanken \u00fcber den Empfang von Sozialhilfe und der gleichzeitigen Ausbeutung als illegal Besch\u00e4ftigter einer Sub-Sub-Firma &#8230;<\/p>\n<p>Mein Fahrrad mit Gep\u00e4ck zieht Aufmerkmerksamkeit auf sich. Eine Frau um die 50 erz\u00e4hlt mir davon, wie sie mit ihrem Mann im Verlauf eines Jahres einmal um die Welt gereist ist. Das Fahrrad immer dabei, in Kanada, USA, Australien etc. weite Strecken darauf zur\u00fcckgelegt. Ob die beiden in Ulan Bataar in der Mongolei auch Galsan Tschinag als F\u00fchrer hatten, k\u00f6nnen wir nicht mehr ganz feststellen. Galsan, der Schamane seines Stammes, der Tuwiner, ist Chamisso-Preistr\u00e4ger und hat eine enorme Sprachgewalt mit seinen vielen Ver\u00f6ffentlichungen in deutscher Sprache entwickelt. Ich hatte 1994 bei meiner Bahn-R\u00fcckreise mit der Transsib von China Gelegenheit, mit ihm zusammen seinen Stamm in der mongolischen Steppe zu besuchen. Es ist interessant ihren Erlebnissen zuzuh\u00f6ren, ebenso wie dem Mann Anfang 30, der jetzt gerade von einer dreimonatigen Nordeuropa-Fahrradreise zur\u00fcckkommt und Freunde in Hamburg besucht. 6.500 km, bis zum Polarkreis mit kaum Gep\u00e4ck, drau\u00dfen \u00fcbernachtet. Nur die Harten kommen in den Garten &#8230;<\/p>\n<p>Als ich in Hamburg aus dem Zug steige, merke ich wieder den Unterschied zwischen der alten Bundesrepublik und den neuen Bundesl\u00e4ndern, zwischen\u00a0 Westen und Osten. Es ist nicht nur das Gro\u00dfstadtgewusel, sondern beeindruckend sind vor allem die Menschen aus aller Herren L\u00e4nder, ich f\u00fchle mich wie ein Fisch, der im Wasser schwimmt, habe keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, vielleicht weil ich auch fr\u00fcher als Student viel getrampt bin, sp\u00e4ter dann insgesamt f\u00fcnf Jahre im Ausland gelebt, studiert und gearbeitet habe (UdSSR, USA, Moldawien). Irgendwie habe ich im Laufe der Jahrzehnte gelernt, Menschen nicht nur nach ihrer Hautfarbe, Kleidung und Sprache zu beurteilen, sondern nach ihrem Verhalten. Das hei\u00dft nicht, das mir bei dem Macho-Gehabe von einigen ausl\u00e4ndischen Jugendlichen nicht der Hut hoch geht und ich nicht entsprechend reagiere, wenn z. B. eine Frau mittleren Alters von einem ca. 20-j\u00e4hrigen Migranten angemacht wird. Seiner Ausrede, es sei doch nur freundlich gemeint gewesen, habe ich im Herforder Aa-Wiesen-Park klar und eindeutig widersprochen und ihm gesagt, dass er das in Zukunft sein lassen solle.<\/p>\n<p>Elena holt mich vor SATURN ab und wir fahren mit dem Fahrrad zu ihr nach Hause. Es geht insgesamt fast genau so schnell wie mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Zu dritt, unter Mithilfe von Stefan, ihrem Freund, tragen wir die beiden Fahrr\u00e4der und mein Gep\u00e4ck in den 2. Stock in ihre Wohnung. Es wird ein wenig eng, aber so sind die Fahrr\u00e4der sicher.<\/p>\n<p>Noch gerade rechtzeitig kommen wir zum Fu\u00dfballspiel ins HSV-Stadion. F\u00fcr den Arminia-Block haben wir keine Pl\u00e4tze mehr bekommen, aber fast direkt daneben. Instinktiv gebe ich meinem Sitznachbarn, einem jungen Mann mit Migrationshintergrund die Hand und setze mich neben die Gruppe der HSV-Supporter. Das Spiel selbst ist nach dem Fehler des Arminia-Torwarts in der 9. Minuten schnell erz\u00e4hlt: bem\u00fcht, aber unter dem Strich eine 0:3-Klatsche bekommen. Was mir allerdings auff\u00e4llt ist, dass die t\u00fcrkisch-deutschen (?) Jungs nicht nur gut drauf waren, sondern in der Halbzeit im Gegensatz zu Stefan und mir kein Bier, sondern nur Cola tranken. Den Schl\u00fcssel des neuen Mercedes hat einer von ihnen als Siegestroph\u00e4e um den Hals geh\u00e4ngt. Aus Frust habe ich den etwas schwergewichtigen, \u00e4lteren HSV-Fan nach Spielschluss die Hand gedr\u00fcckt und ihn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. Ja, man kann&#8217;s halt nicht lassen.<br \/>\nZuhause will Elena mir noch Gute Nacht sagen, aber ich liege schon auf dem Schlafsofa und bin eingenickt. Komaschlafen &#8230; Erst um halb zwei kann ich mich wirklich aufraffen, aufzustehen, mich auszuziehen und ins Bett zu legen. Ich merke, dass ich wirklich auf der letzten Rille fahre &#8230; Es wird Zeit, dass ich <strong>bald<\/strong> an der Ostsee ankomme.<br \/>\nMorgens erinnere ich mich nur an einen wirren Traum.<\/p>\n<p><strong>Tag 42 (28.08.18):\u00a0 Von Ratzeburg (Hamburg) nach Dassow<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1462 \u2013 1526<\/p>\n<p>Um sieben Uhr ist die Nachtruhe vorbei. Schnell noch ein kurzes Fr\u00fchst\u00fcck und dann wieder das ganze Gep\u00e4ck inklusive der zwei E-Bikes die zwei Treppen runtergetragen und unten vor der T\u00fcr alles wieder sch\u00f6n verzurrt. Elena hat einen gro\u00dfen Rucksack dabei. Das ist etwas leichter. Nach einer knappen Viertelstunde durch Hamburger Gr\u00fcnanlagen und gut ausgebaute Fahrradwege kommen wir zum Bahnhof. In letzter Minute schaffen wir noch unseren Regionalzug Richtung Buchen. Umsteigen klappt ohne Probleme, ca. gegen halb zehn sind wir dann in Ratzeburg. Nur diesmal regnet es nicht in Str\u00f6men.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es gegen\u00fcber dem Bahnhof eine B\u00e4ckerei \u2013 was hat man nur fr\u00fcher gemacht, als es noch diese Vielzahl der Au\u00dfengastronomie, Backshops, Bistros etc. gab? Der Cappucino weckt meine Lebensgeister. Eigentlich war es keine gute Idee, gestern meine Reise am Gr\u00fcnen Band zu unterbrechen und in die Gro\u00dfstadt zu fahren, obwohl es ein Erlebnis war, mit Elena und Stefan ins HSV-Stadion zu gehen. Irgendwie ist die Luft raus und ich muss mich wieder neu motivieren &#8211; das Ziel, die Ostsee, das Ende der Tour ist in Sichtweite.<\/p>\n<p>Unten auf der Insel sehen wir ein historisches Segel- bzw. Ruderboot mit entsprechender Besatzung. Fotografieren? Kein Problem. Kurze Zeit danach kommt schon die Klasse, die das Schiff f\u00fcr den heutigen Tag gebucht hat, anmarschiert. Ich versuche herauszukriegen, wer die Lehrperson ist, und erinnere mich an die vielen Klassenfahrten, die ich im Laufe der Jahrzehnte gemacht habe, z. B. nach Rom, nach Kroatien oder ins fr\u00fchere KZ Auschwitz. Es war immer eine gro\u00dfe Erleichterung, wenn nichts passiert ist, alle munter und gesund geblieben sind und man auf der R\u00fcckfahrt in aller Ruhe ein Bier trinken konnte. Ein bisschen wehm\u00fctig schaue ich der Schulklasse beim Ablegen des Bootes hinterher, freue mich aber auch, dass ich in den letzten Jahren noch die M\u00f6glichkeit hatte, Fl\u00fcchtlinge im Fach Deutsch im Beruf zu unterrichten. Einmal P\u00e4dagoge, immer P\u00e4dagoge.<\/p>\n<p>Elena und ich beschlie\u00dfen, uns den Ratzeburger Dom anzuschauen, ein imposantes Geb\u00e4ude aus dem 12. Jahrhundert. Irgendwie habe ich immer das Bed\u00fcrfnis, in einer mir fremden Stadt in die Kirche zu gehen, ganz egal ob katholisch, evangelisch, oder in anderen L\u00e4ndern z. B. in orthodoxe oder muslimische Gottesh\u00e4user. Da, wo es m\u00f6glich ist, stecke ich immer drei Kerzen an. Wir beide sind sehr beeindruckt von der Gr\u00f6\u00dfe der Kirche, dem einfallenden Licht und der Orgel sowie auch von dem Kreuzgang.<\/p>\n<p>Parallel zum Ratzeburger See fahren wir an sch\u00f6nen H\u00e4usern vorbei nach B\u00e4k, um dann nach einigem Hin und Her nach Schlagsdorf ins Grenzhus, einem Museum mit angeschlossenem Au\u00dfengel\u00e4nde, zu kommen. F\u00fcr mich ist es gesch\u00e4tzt wohl das zehnte Grenz-Museum, das ich auf meiner Reise besuche, w\u00e4hrend Elena, die das Jahr 1989 als Kleinkind nicht mehr in Erinnerung hat, schon immer mal in dieses Museum gehen wollte.<\/p>\n<p>Am Eingang diskutieren lautstark und deutlich h\u00f6rbar einige Besucher\/innen aus den neuen Bundesl\u00e4ndern die Fl\u00fcchtlingsproblematik, beschweren sich \u00fcber neue Wohnungen, die Migranten und nicht die deutsche, einheimische Bev\u00f6lkerung bekommen h\u00e4tten. Es wird auf Frau Merkel geschimpft. Sie an die Wand zu stellen, wie in der N\u00e4he von Osterwieck gefordert, so weit geht es nicht. Ich frage mich, was die Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen oft hervortretenden Sozialneid sind. Oder mache ich es mir zu einfach? Ach ja, der t\u00f6dliche Messerangriff auf einen Deutschen in Chemnitz, begangen vor zwei Tagen von Asylbewerbern, ist wohl der Ausl\u00f6ser. Die weit verbreiteten \u00c4ngste innerhalb der Bev\u00f6lkerung sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesl\u00e4ndern sollten meiner Meinung nach Ernst genommen und die T\u00e4ter bestraft werden, allerdings von Gerichten und nicht von einem Mob, der meint, er sei &#8218;das Volk&#8216;.<\/p>\n<p>Die Ausstellung scheint nach modernen museumsdidaktischen Gesichtspunkten zusammen gestellt zu sein, auch das Au\u00dfengel\u00e4nde ist ein Ort zum Nachdenken, steht allerdings auch nicht im ausgesprochenen Kontrast zu der Tatsache, dass viele DDR-B\u00fcrger aus dem Grenzgebiet, mit denen ich gesprochen habe, im Gro\u00dfen und Ganzen zufrieden mit ihrem Leben, das auch gute Seiten hatte, waren. Es scheint, dass in dem Ort ein Stra\u00dfenname aus sozialistischen Zeiten \u00fcberlebt hat: \u201eNeubauer Stra\u00dfe\u201c. Ergebnis der Landreform, Enteignung der Gro\u00dfgrundbesitzer im Jahre 1946. In einem Geb\u00e4ude auf der anderen Stra\u00dfenseite wird gerade eine Werkstatt f\u00fcr den DDR-Motorroller Schwalbe eingerichtet. Es scheint \u201ein\u201c zu sein, sich mit alten DDR-Fahrzeugen fortzubewegen. Vielleicht auch ein St\u00fcck Wiedererlangung der verloren gegangenen Heimat oder der eigenen Lebensbiographie &#8230;?<\/p>\n<p>\u00dcber Utecht und Schattin mit sch\u00f6nem Ausblick auf den Ratzeburger See fahren wir gen Norden nach Herrnburg. Vor der Kirche beratschlagen wir das weitere Vorgehen. Ein Frau mittleren Alters auf der anderen Seite der Stra\u00dfe frage ich, wie weit es noch in den Westen sei. Ungl\u00e4ubig, widerwillig, gibt sie mir zur Antwort, dass es den nicht mehr gebe. Nach L\u00fcbeck seien es noch wenige Kilometer. Kurz vor der Grenze bekommen wir aber von einer \u00e4lteren Frau, die auf dem Fahrrad unterwegs ist, bereitwillig Auskunft: \u201e Da vorne gleich, da sehen Sie auch ein Schild.\u201c Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<p>Nach L\u00fcbeck reinfahren m\u00f6chte ich nicht mehr. Dort war ich mit Elena schon vor zwei Jahren und habe neben dem Museum der Schriftstellerfamilie Mann das Willi-Brandt-Museum besucht. Willy Brandt hatte f\u00fcr mich in den Sechziger Jahren als ehemaliger Widerstandsk\u00e4mpfer, Emigrant und Vertreter einer neuen Ostpolitik eine hohe moralisch-politische Ausstrahlung, weshalb ich auch wenige Monate vor der Bundestagswahl 1969 noch als Zeitsoldat in die SPD eingetreten bin. Allerdings fand ich es mehr als bedauerlich, dass er im Januar 1972 den so genannten Radikalenerlass als Bundeskanzler unterzeichnet hat. Ein Grund f\u00fcr mich in Darmstadt 500 Unterschriften dagegen zu sammeln, aus Protest \u00a0aus der SPD auszutreten und mich dem Marxistischen Studentenbund, der der DKP nahestand, anzuschlie\u00dfen. Willi Brandt hatte den Radikalenerlass sp\u00e4ter selbst als politischen Fehler angesehen. Damit war aber die \u00dcberpr\u00fcfung von zehntausenden Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Dienst, seien es nun Lehrer, Postbeamte oder Putzfrauen, nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Es stimmte mich traurig, dass in der Ausstellung dazu kein Wort zu finden war. Schade.<\/p>\n<p>Nachdem wir kurz \u00fcber der Grenze im Westen waren, ging es wieder in den Osten zur\u00fcck. Na ja, gro\u00dfe \u00e4u\u00dferliche Unterschiede gibt es wohl nicht, au\u00dfer vielleicht dass direkt hinter der fr\u00fcheren deutsch-deutschen Grenze in Herrnburg sch\u00f6ne Neubaugebiete entstanden sind, in denen nun wohl nicht wenige L\u00fcbecker wohnen. \u00dcber L\u00fcdersdorf und Sch\u00f6nberg wollen wir nach Dassow, also so nah an die Ostseek\u00fcste wie m\u00f6glich, damit wir uns am Morgen nicht abhetzen brauchen. In Sch\u00f6nberg fragen wir mal wieder eine \u00e4ltere Frau nach dem Weg nach Dassau. Ungl\u00e4ubig h\u00f6ren sich die Frau und ihre Tochter die Geschichte meiner Reise an, geben uns dann aber einen guten Hinweis, wie wir \u00fcber ein Naturschutzgebiet in den Ortsteil Holm gelangen k\u00f6nnen. Sie bedauern, uns nicht zu einem Getr\u00e4nk einladen zu k\u00f6nnen. Sie haben noch eine Familienfeier. Als ich ihnen mein Alter sage, fordert die Tochter uns auf, gleich ihre 78-j\u00e4hrige Mutter vorne in einen Fahrradkorb zu setzen und mitzunehmen. Anscheinend ist die Mutter wohl auch noch sehr unternehmenslustig.<\/p>\n<p>Die Fahrt nach Dassow\/Holm zieht sich in die L\u00e4nge. Zwischendurch, bei einem leichten Anstieg, packt mich noch mal der Ehrgeiz und ich trete richtig in die Pedalen. Als Elena mich wieder einholt, sage ich ihr, dass das nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn von mir war. Ich meine, wohl immer noch zwanzig, drei\u00dfig, vierzig oder f\u00fcnfzig Jahre alt zu sein. Die Zeiten des Sich-Beweisens, des Erfolgsstrebens, des Gegen-Sich-Hartseins sollten doch so langsam an der Schwelle zum achten Lebensjahrzehnt vorbei sein.\u00a0 Oder? Ich sag nur M\u00e4nner, alte M\u00e4nner. Und in derselben Nacht bezahle ich daf\u00fcr &#8230;<\/p>\n<p>Im Naturschutzgebiet in der N\u00e4he von Gro\u00df- und Klein-B\u00fcnsdorf machen wir auf einer Bank eine Pause. Es ist sechs, eine friedliche Stimmung. Die Stimmung ist so friedlich, dass ich erstmal einen zehnmin\u00fctigen Erholungsschlaf mache. Ich merke, dass ich echt auf der letzten Rille fahre &#8230; Elena hat Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass ich nicht so kommunikativ bin.<\/p>\n<p>Das Hotel J\u00e4gerhof in Holm verspr\u00fcht gerade keinen so gro\u00dfen Charme. Wir sind froh, es nach langem Suchen \u00fcberhaupt gefunden zu haben. Es ist wohl eher, wie der Name schon sagt, auch auf Waidleute ausgerichtet. Die Zimmer im baracken\u00e4hnlichen Anbau sind sauber, aber schlicht. Unsere beiden Fahrr\u00e4der nehmen wir sicherheitshalber mit in die Zimmer, zwar wird es nun eng, aber sicher ist sicher. Das Essen ist daf\u00fcr wieder schmackhaft, ob nun vegetarisch f\u00fcr Elena oder ein Mecklenburger Rippenbraten mit Backpflaumen f\u00fcr mich. Die dicke So\u00dfe gibt mir aber den Rest. Ich bin groggy. Mit der Unterhaltung ist es bei mir nicht mehr weit her. Ich finde das am letzten Abend meiner Reise schade, zumal meine Tochter mich begleitet. Und ich h\u00e4tte uns eigentlich ein gediegeneres Ambiente, so wie ich es w\u00e4hrend dieser Reise \u00f6fters vorgefunden habe, gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Um neun gehen wir schlafen. Um viertel nach zw\u00f6lf wache ich vor Schmerzen auf, mal wieder ein Krampf im rechten Bein! Ich k\u00f6nnte vor Schmerzen schreien, darf es aber nicht, weil Elena im Nachbarzimmer schl\u00e4ft und ich sie nicht wach machen will. Es werden harte zehn Minuten, bis ich wieder einschlafen kann. Die Strafe folgt (fast) auf dem Fu\u00dfe &#8230;<\/p>\n<p>Ich bin nur froh, dass es morgen geschafft ist &#8230;<\/p>\n<p><strong>Tag 43 (29.08.18): Von Dassow nach Priwall \/ Travem\u00fcnde (Ostsee)\u00a0\u00a0 &#8211;\u00a0\u00a0 Ende<\/strong><\/p>\n<p>Km: 1526-1541<\/p>\n<p><strong>Heute ist der letzte Tag meiner Grenzg\u00e4ngertour 2018.<\/strong> Um acht Uhr fr\u00fchst\u00fccken wir, ich ein letztes Mal auf dieser Reise. Ich erz\u00e4hle von meinen Schmerzen in der Nacht. Elenas Matratze hatte auch schon bessere Zeiten erlebt. Beim Fr\u00fchst\u00fcck frage ich Elena nach ihren bisherigen Eindr\u00fccken, die trotz der Schwierigkeiten mit der Unterkunft durchweg positiv sind, vor allem der gestrige Besuch des Grenzmuseums in Schlagsdorf. Ich fange mal wieder an \u00fcber deutsche Teilung, Nachkriegsgeschichte, Mauerbau 1961, Wendezeit zu dozieren und bin mir nicht sicher, ob ich \u00fcber ihren Kopf hinweg rede.<\/p>\n<p>Auf der Bundestra\u00dfe 105 m\u00fcssen wir eine kurze Strecke ohne Fahrradweg fahren. Ich hoffe, dass hier auf den letzten &#8218;gef\u00e4hrlichen&#8216; Metern nichts passiert. \u00a0Gl\u00fcck gehabt, wie so an manchen Stellen w\u00e4hrend der Fahrradtour, an denen der Autoverkehr mir doch etwas zu nahe gekommen ist.<\/p>\n<p>In Dassow biegen wir kurz von der Hauptstra\u00dfe ab, um einen Blick auf die Kirche zu werfen. Geschlossen. Daf\u00fcr kommen wir aber mit einem Rentner ins Gespr\u00e4ch, der auf den Hufschmied wartet, der aus L\u00fcbeck her\u00fcber kommen soll. Seit mehr als vierzig Jahre lebt er schon alleine, die Ehe ist geschieden worden. \u00a0Er geh\u00f6rt wohl auch der Generation an, die m\u00f6glicherweise im Innersten ihres Herzens der \u201eguten, alten\u201c DDR-Zeit nachh\u00e4ngt. Wie so oft auf dieser Reise h\u00f6re ich, dass vor 1989 ja auch nicht alles schlecht gewesen sei, alle genug zu essen gehabt h\u00e4tten und, na ja, mit den Bananen und Apfelsinen w\u00e4re es halt etwas schwierig gewesen. Er erz\u00e4hlt eine Fl\u00fcchtlingsgeschichte: ein Republikfl\u00fcchtling sei durch Travem\u00fcnder Fischer, auf einem Stein im Wasser sitzend, gerettet worden. Der Sohn sei bei der Bundeswehr als Zeitsoldat gewesen. Das w\u00e4re ja auch im Vergleich zu seiner eigenen Zeit als Wehrpflichtiger bei der DDR-Armee nichts Richtiges gewesen, viel zu lasch &#8230; Ein L\u00fcbecker Auto h\u00e4lt an, sein Besuch kommt.<\/p>\n<p>Der Weg nach Priwall, der Endstation meiner nun mehr als sechsw\u00f6chigen Reise entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, ist gut ausgeschildert. In Johannstorf biegen wir aber von der Landstra\u00dfe ab und fahren \u00fcber Feld- und Waldwege nach Volkstorf, wo gerade ein ehemaliges adliges, imposantes Gutsgeb\u00e4ude au\u00dfen renoviert wird. Von Bauarbeitern ist nichts zu sehen. Es scheint, als ob die Zeit stehen geblieben ist.<\/p>\n<p>Nach Volkstorf mit teilweise sch\u00f6nen, neuen H\u00e4usern mit Blick auf den Dassower See fahren wir \u00fcber abgeerntete Felder und haben den Westen, das Ziel schon fest im Blick. Ein letztes Mal geht es durch einen etwas urwald\u00e4hnlichen Wald auf einem schmalen Trail voran. Die Spannung steigt. Bald ist das Ziel erreicht. Wir lassen P\u00f6tenitz rechts liegen und sehen pl\u00f6tzlich die Ostsee vor uns. Ein schmaler Strandweg f\u00fchrt direkt darauf zu. Die Kamera wird ausgepackt, eine paar (vorletzte) Bilder gemacht. Elena holt ihr Handy raus und filmt uns beide auf dem Weg zum Strand. Beim Schieben der Fahrr\u00e4der durch den Sand ans Wasser merken wir, dass wir an einem FKK-Strand gelandet sind. Ich hoffe nur, wir st\u00f6ren hier nicht zu sehr &#8230;<\/p>\n<p>Ich ziehe meine lange Hose aus und wate in das etwas steinige Ostseewasser, bis ich sandigen Boden unter meinen F\u00fc\u00dfen habe und ein paar Runden schwimmen kann. Im Westen sehe ich Travem\u00fcnde. Ein gro\u00dfes F\u00e4hrschiff kommt gerade rein. Ein junges P\u00e4rchen macht freundlicherweise ein paar Erinnerungsfotos von uns bzw. von mir.<br \/>\n1.541 Kilometer in exakt 100 Stunden Fahrzeit haben am 43. Tag meiner Reise ihr gl\u00fcckliches Ende gefunden. Sechs Wochen sind eine lange Zeit&#8230;.<\/p>\n<p>Ich lasse ein letztes Mal die unterschiedlichen Stationen, die Menschen, die Gespr\u00e4che, die Landschaften, die Grenzanlagen, den Brocken, das Eichsfeld Revue passieren. Ich empfinde Freude, dass alles gut gegangen ist bei mir und meinen Begleiter\/innen, eine gro\u00dfe Dankbarkeit daf\u00fcr, dass ich diese mich sehr bewegende Reise durch die deutsch-deutsche Geschichte und damit auch meine eigene Lebensgeschichte machen durfte. Vielleicht ist es auch ein wenig Stolz, dass ich die k\u00f6rperlichen Anstrengungen und psychischen Herausforderungen wenige Monate vor meinem 70. Geburtstag gut und zehn Jahre nach einer schrecklichen medizinischen Diagnose \u00fcberstanden habe. Ich hole die zwei Fl\u00e4schen Sekt aus der Packtasche, die ich wohlweislich schon vor einigen Tagen gekauft habe. Es geht wie bei der Siegerfeier der Formel 1 zu. Wir bespritzen uns mit dem Rotk\u00e4ppchen-Sekt aus dem NETTO in Ratzeburg. Auch der Rest von Bernhard Fahrigs selbstgebrautem Wildkirschen-Schnaps muss dran glauben.<\/p>\n<p>Wir setzen uns an den D\u00fcnenrand in den Sand. Mein Blick geht von Ost nach West und zur\u00fcck, zu den M\u00f6wen, die \u00fcber mir fliegen. Elena holt das Handy heraus und fragt mich:<br \/>\n\u201ePapa, wie war deine Reise insgesamt, erz\u00e4hl doch mal &#8230;!\u201c<br \/>\nIch spreche ein letztes Mal \u00fcber meine Motivation f\u00fcr diese Reise, die Erlebnisse, die vielen positiven und sehr wenigen negativen, die Freude und Dankbarkeit &#8230;, die n\u00e4chsten Pl\u00e4ne. Zwischendurch stocke ich, es kommen mir ab und an Tr\u00e4nen der Erleichterung &#8230;<\/p>\n<p>Es ist geschafft!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1066 aligncenter\" src=\"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/P1030427-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/P1030427-300x169.jpg 300w, https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/P1030427-768x432.jpg 768w, https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/P1030427-1024x575.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(c) Heinrich Pingel<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Herford, 07. Oktober 2018<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Kontakt: heinrich_pingel@t-online.de<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GRENZG\u00c4NGER TOUR 2018 Eine lebensgeschichtliche Reise von Ost nach West und zur\u00fcck Anreise (17.07.18): Von Hof nach Raitschin Km: 1- 19 Fahrt mit PKW (Dors) von Karlsruhe nach Hof Zwischenstopp bei der Autobahnkirche Himmelkron, Christophorus: sehr moderner Bau. Einige Kerzen f\u00fcr eine sichere Reise angez\u00fcndet. Beeindruckender moderner Kirchenbau. Einkehr im Hotel Opel: Leberkn\u00f6delsuppe und Pfirsichmaracuja-Torte, schmeckte alles nicht besonders. Hof,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1293"}],"collection":[{"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1293"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1293\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1814,"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1293\/revisions\/1814"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/grenzgaengertour2018.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}