Anreise (17.07.2018): Von Hof nach Raitschin

Unser erstes Ziel: Gaststätte Eisteich in Hof. Hier trafen sich im Dezember 1989 400 Umweltschützer aus Ost und West, um die Erhaltung der Natur an der Grenze zu fordern: dies war die Geburtsstunde des Grünen Bandes

Gasthaus in Raitschin

Hinweis: durch das Anklicken der Fotos können Sie diese vergrößern  

Anreise (17.07.18): Von Hof nach Raitschin

Km: 1- 19

Es kann beginnen. Endlich!!! Nach monatelangen Vorbereitungen, dem Studium vieler Bücher über das Grüne Band, die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Der schwere Autounfall Ende März auf der A 10 war noch einmal ein Wink mit dem Zaunpfahl…schiebe im 70. Lebensjahr nicht mehr so viel vor dir her, was du vielleicht noch machen, eleben möchtest. Wer weiß, wie lange es dir noch gegönnt ist…

Mit Dors treffe ich mich morgens um 9 Uhr am Bahnhof in Karlsruhe. Ungläubig schauen wir uns an. Wollen wir es wirklich wagen? Zwei Typen, auf die siebzig zuschläudernd, begeben sich auf große Fahrt. Standes- und altersgemäß mit dem E-Bike wollen wir zum Startpunkt unserer Radtour: das Grüne Band am Dreiländereck Bayern-Tschechien-Sachsen.

Die Fahrräder kommen hinten auf den Bike-Träger und es kann losgehen. Ein bischen Abenteuer-Feeling ist auch dabei. Der A 5, A 6 und A 9  folgend ist unser erstes Ziel heute Hof. An der Autobahnkirche Himmelkron lagen wir einen Zwischenstopp ein. Ganz ohne spirituelle Unterstützung geht es nun auch nicht. Die Christopherus-Kirche ist ein beeindruckender sakraler Bau, man kommt sich verloren vor, winzig, aber der Blick richtet sich nach oben….Wie so oft, wenn ich eine katholische oder orthodoxe Kirche betrete, zünde ich drei Kerzen an….und verweile einen Augenblick in Stille…1399 Kilometer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze ist ein langer Weg.

Es ist Mittag und schon relativ heiß. Das Auto kommt in den Schatten und wir wenden uns profaneren Dingen zu. Hotel Opel: Leberknödelsuppe und Pfirsichmaracuja-Torte, schmeckt alles nicht besonders. Hatten uns mehr davon versprochen.

In Hof suchen wir den Bahnhof. In der Bahnhofstraße stellt Dors sein Auto ab. Die Fahrräder, das ganze Gepäck wird abgeladen, auf dem Bürgersteig verstreut…die Passanten schauen ungläubig zu.Und tatsächlich, wir bekommen alles in unseren Packtaschen unter. Das Zelt, die Liegematratze und der Schlafsack dürfen natürlich auch nicht fehlen…man weiß ja nie.

Ein freundlicher älterer Herr, kommt gerade von einem Nachmittag mit Flüchtlingskindern, fragt uns, wohin wir wollen. Gaststätte Eisteich, unser erstes Ziel, der Ausgangspunkt des Grünen Bandes. Hier haben sich Anfang Dezember 1989 ca. 400 Natürschützer aus Ost und West getroffen und das Grüne Band aus der Taufe gehoben. Wir stehen vor der geschlossenen Gasstätte: „Hier soll alles angefangen haben?“. Irgendwie unwahr. Ich komme mir verloren vor.

Es kann nun endlich losgehen: Entlang der Saale fahren wir über Landstraßen nach Regnitzlosau weiter nach Raitschin. Ich denke mir bei all dem Gepäck, Fahrrad und Beladung werden wohl sich 45 bis 50 Kilo haben: „Ein Glück, dass ich eine E-Bike habe.“ Dors dagegen: „Das hätte ich noch mit einem guten Rad gepackt, auch ohne eine ‚Elektroschlampe‘ zu sein.“ Nach knapp 20 Kilometern und zweistündiger Fahrt kommen wir im Gasthof Raitschin an und sind positiv überrascht.

Nach dem Duschen setzen wir uns in den Biergarten. Im Gegensatz zu Ostwestfalen setzen sich noch andere Gäste dazu. Ursula, eine stattliche Dame, die sich mit ihrem Mann und einem weiteren Gast zu uns an den großen Tisch gesetzt hat, ist in Schwesendorf, wenige Kilometer von Raitschin entfernt und direkt an der früheren Grenze liegend, geboren. Im Prinzip ohne Vater groß geworden, erzählt sie von ihrem beruflichen Werdegang. Die 72-Jährige war früher Gold-Malerin in der Porzellan-Industrie bei der Fa Hutschenreuther in Selb. Sie hat sich, so erzählt sie stolz, als erste Frau in den Sechziger Jahren in einem traditionellen Männerberuf  behauptet. Eine aktive Gewerkschafterin und Betriebsrätin, ein sehr sozialer und kommunikativer Mensch. Ihr Mann, ein paar Jahre älter, bleibt recht still.

Wir diskutieren über die Grenze, wie es früher vor 1989 war und wie es heute ist. „Wir haben heute ein gutes Verhältnis zwischen den Bayern und Sachsen.“ Heiraten zwischen Ost und West seien keine Ausnahme. Zugezogene aus der ehemaligen DDR vollkommen integriert. So vergeht der Abend wie im Fluge, ein paar Gläser Williams Christ Birne lösen die Zungen… Werden wir noch andere Menschen treffen, die uns so bereitwillig Auskunft über ihr Leben an der früheren Zonengrenze bzw. Staatsgrenze West geben werden? Kann es vielleicht sein, dass Menschen in Ost und West die Geschichte der deutschen Teilung, die Ereignisse des Jahres 1989 und vor allem der Nachwendezeit heute nach drei Jahrzehnten unterschiedlich bewerten?

Tag 1 (18.07.18): Von Raitschin zur Juchhöh

Am Dreiländereck Tschechien-Bayern-Sachsen

Start am Dreiländereck Bayern-Tschechien-SachsenStart der Grenzgängertour 2018: gemeinsam mit Dors

Die ersten Kilometer in Sachsen auf dem Kolonnenweg

Hupps: Da hat wohl die Beleuchtung die ersten Kilometer Kolonnenweg nicht gut überstanden…

Mödlareuth: auf der Ostseite

Mödlareuth, das geteilte Dorf: zum ersten Mal von Ost nach West

Grenzmuseum Mödlareuth: unsere erste Begegnung mit den sichtbaren Überresten der ehemaligen DDR-Grenze

Mödlareuth: Diskussion mit Zeitzeugen – Spediteur aus Gütersloh

Gedenktafel in Mödlareuth

Grenzmuseum: Modell von Mödlareuth

Beeindruckende Bäume laden ein zur Rast

Tag 1 (18.07.18): Von Raitschin zur Juchhöh

Km: 19 – 55

Nachts schlecht geschlafen, um drei Uhr aufgewacht und bis um 5 Uhr Schmerzen im linken Fuß gehabt. Da stellen sich mir Fragen, ob ich es schaffe und was ich mir hier antue.

Gutes Frühstück im Gasthaus Raitschin: Ei, frisches Obst, Cappuccino etc.

Gegen halb neun voll bepackt losgekommen, Fahrt nach Schwesendorf (Heimat von U., die wir am Vorabend kennengelernt haben).

Nach kurzer Fahrt gelangen wir zum Dreiländereck (tschechisch: Trojmezi) mit tschechischen Tafeln und Hoheitswappen, deutschem Fähnlein, das jemand in der Mitte kreisrund ausgeschnitten und  an einen Baum geklemmt hat. Grenzsteine von 1844, mit einem nachgemalten D darauf. Geschichtsfälschung. Die tschechische Seite ist sehr gut mit Informationstafeln und Ähnlichem ausgestattet.

Wir entscheiden uns für die harte Tour: auf einem kleinen Steg über den Grenzbach und die Fahrräder über zwei Haine hinweg- bzw. durchgeschoben. Dort stoßen wir auf die DDR-KFZ-Sperre mit Betonteilen.

Dann unsere erste Fahrt auf dem ehemaligen Kolonnenweg, alles sehr holprig, es macht sich bezahlt, dass wir Trekkingräder mit breiten Reifen haben. Dazu habe ich auch noch eine gute Federgabel vorn und unter ein Federparallelogramm unter dem Sattel.

Nach ca. einer Stunde Ende Gelände: das Gras ist so hoch, dass es sich in der Kettenschaltung meines Fahrrads festsetzt und an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken ist. Mit vereinten Kräften befreien wir die Zahnritzel von den Gräsern. Dann über das gerade abgeerntete Feld kilometerweit holpernd weiter Richtung Posseck, einem ehemaligen Grenzort.

An einer Gasstation treffen wir auf zwei Monteure, die sich in der Mittagspause ein bisschen sonnen. Sie berichten von ihren Erfahrungen aus dem November 1989. Sie fuhren mit dem Trabbi nach Hof, dort war alles verstopft. Sie haben sich die Nasen platt gedrückt an den Schaufenstern. Heute gäbe es keine großen Unterschiede mehr zwischen Bayern und Sachsen, Fachkräfte werden überall gesucht, im Vogtland gibt es anscheinend nur 6 Prozent Arbeitslosigkeit.

Nach vorherigen Erfahrungen mit dem Kolonnenweg folgen wir ab Posseck meist den Landstraßen der Grenztour 3. Es geht durch kleine Orte, wir treffen auf freundliche Leute, die Antwort geben, wenn man nach dem Weg fragt.

Aber so langsam wird es anstrengend. Schöne Pause auf einer Bank am Waldrand mit Blick auf eine schöne Kirche (St. Clara, Heinersgrün). Danach wird es richtig schön proppenheiß, aber der Akku bringt den E-Motor in Schwung und wir kommen gut die Hügel hoch.

Über Münchenreuth nach Mödlareuth, dem ehemals zweigeteilten Ort, der Vorbild für die ZDF-Serie „Tannbach“ war: Gespräch mit einem ehemaligen Grenzsoldaten, der 1964 ein paar Monate Dienst bei den DDR-Grenztruppen abgeleistet hat. Alles sei relativ easy gewesen. Es habe sogar Kontakte zwischen West und Ost gegeben. Eine West-Frau, die Bierflaschen trug,  wurde von DDR-Grenzern angesprochen, sie solle doch mal paar Bier rüber bringen. Die Flaschen seien doch leer, antwortete sie. „Dann bring uns nachher auf dem Rückweg doch ein paar volle mit.“ Gesagt, getan. Kein Problem.

Später ergibt sich eine Diskussion mit einer Frau auf dem Museumsgelände. Die Entwicklung und die Ereignisse nach der Wende beschämen sie. Zuerst fand sie Arbeit in Backnang, weil die eigene Lederfabrik in Hirschberg stillgelegt worden war. Nach zwei Jahren im Westen war allerdings in Backnang auch Schluss. Viele Leute wussten, wie es im Westen aussah, aber sie hätten sich blenden lassen. Damals hätten sie geschimpft und heute wieder. „Anderseits: die Politiker hören ja nicht auf uns!“ Sie hat große Zweifel, wenn sie betrachtet, wie der NSU-Prozess verläuft.

In der Gaststätte Grenzgänger auf der thüringischen Seite genießen wir schönen Kuchen und Radler. Dors ist froh, dass er seinen, sorry!, den Akku seines Fahrrades aufladen kann.

Beim Besuch des Museums auf der bayrischen Seite sehen wir eine Filmdoku und viele alte Fahrzeuge, die beiderseits der Grenze zum Einsatz kamen. Eine Freianlage mit Mauer und Grenztürmen sowie dem Sperrzaun haben wir vorher auf der DDR-Seite besichtigt.

Gegen Ende des Nachmittags geht es weiter zum Gasthaus Juchhöh: Dort finden wir freundlichen Empfang durch die Wirtsleute. Beim Unterstellen der Fahrräder gibt es einen ersten Austausch: Er habe kein Mitleid mit den Leuten, die an der Grenze umgekommen sind. Alle zweihundert Meter hätten ja entsprechende Warnschilder gestanden!

Wir erhalten zwei einfache Zimmer und zum Abendbrot je zwei Stramme Maxe, obwohl eigentlich die Küche geschlossen ist.

Unser Gasthaus war faktisch das Freizeitzentrum für die NVA-Reservisten, die in der Nachbarschaft in einer öden Kaserne untergebracht waren. Der Wirt war auch eine Zeit lang im Einsatz dort und konnte offenbar den nachfolgenden Jahrgängen in seiner Kneipe in den dienstfreien Stunden attraktive Zerstreuung bieten. Die holprig gereimten Gruß-Devotionalien ganzer Kompanien an den Wänden bezeugen dies.

Im Zimmer erst mal Wäsche gewaschen. Einfach, aber sauber. Schwertransporter und große Laster schwirren im Affentempo am Haus und meinem Fenster vorbei. Starke Geräuschbelästigung. Schlimmer als auf einem Autobahnparkplatz. Egal, um kurz vor zehn geht es in das Bett. Total kaputt.

Tag 2 (19.07.18): Von Juchhöh bis Nordhalben

Hirschberg an der sächsischen Saale

Das Ledermuseum in Hirschberg: auch hier sind Tausende von Arbeitsplätzen nach der Wende verloren gegangen.

Ledermuseum Hirschberg: Infotafeln. Die Fabrik lag direkt an der Grenze.

Blick auf die Saale bei Sparnberg

malerisches Sparnberg an der Saale

Diskussion mit einem 80-jährigen Mountainbiker. Hof. Oktober 1989

Skywalk bei Pottiga: alles mit EU-Geld erbaut.

Blick aufs Saaletal bei Pottiga

„Achtung Minen“- Hinweisschild bei Klösterle

Tag 2 (19.07.18):  Von Juchhöh bis Nordhalben

Km: 55 – 92

Die Nacht im Gasthaus Juchhöh habe ich besser geschlafen als die erste Nacht in Raitschin, trotz Schwerlasttransportern, die auf der Straße vorbeigebrettert sind.

Sehr gutes Frühstück von Opa H. und Oma. Fotoalbum eines ehemaligen Offiziers der DDR-Grenztruppen mit Fotos der Bauarbeiten des Autobahnübergangs 1985-1987. Hochtief hat mitgebaut. Die Grenzsoldaten waren gute Kunden und Gäste in der Gaststätte. Schön modernisierter Anbau mit Biergarten.

Start um 8.30 Uhr nach Hirschberg. Serpentinen mit vielen Kanalschächten. Genau wie zwischen Kassel und Landwerhagen. Erinnerung an meine BW-Zeit in Kassel. Habe damals keine Sicherheitsstufe bei der BW wegen der DDR-Verwandtschaft bekommen.

Hirschberg: ehemalige Lederwarenstadt. Fast das ganze Fabrikareal wurde nach 1990 platt gemacht. Nazikunst aus 1937 in Form von drei überlebensgroßen Arbeiterstatuen sind vor dem Museum ausgestellt.

Fahrt entlang der Saale an Schieferabbau vorbei. Landschaftlich sehr schön. Überquerung der Autobahn bei Rudolfstein, Weiterfahrt über Sparnberg nach Pottiga. Gespräch mit einer älteren Frau: ehemalige Grenzer von Ost und West treffen sich alle 4 Wochen. Herr Oe. aus der BRD organisiere das.

Skywalk-Aussichtsplattform: Gespräch mit W. aus Naila. Sportlicher 80-Jähriger mit E-Mountainbike, früher in der Laufszene aktiv. Berlin Marathon. Erzählt von den ersten sieben Zügen mit Flüchtlingen aus der Prager Botschaft (260 Menschen in einem Zug, 6 in jeder Toilette), die er als Eisenbahner Anfang Oktober in Hof hat eintreffen gesehen.

Danach ein etwas kürzeres Gespräch mit ehemaligem DDR-Bürger, der im November 1989 an den Demos teilgenommen hat. Mit Fahne, eher unpolitisch, aber Mielke und die anderen führenden DDR-Politiker hätte man an die Wand stellen sollen. Ein Freund floh in den Westen, ein halbes Jahr Haft in Chemnitz, danach Bautzen. Später freigekauft vom Westen. Lange Zeit vorher war er mal in einer Kneipe, als ein 15-Jähriger sagt, dass sie sich demnächst in München bei der Olympiade 1972 treffen würden. Danach musste er zur Stasi nach Plauen, wo man u.a. versuchte, ihn anzuwerben. Später wurde dann das Verfahren eingestellt.

Fahrt in Pottiga den steilen Berg hoch und dann hinunter nach Blankenstein. Unterwegs am alten DDR-Kino mit großer Deutschland-Fahne vorbei. Die Zeit ist stehen geblieben.

Blankenstein: Beginn des Rennsteigs. Dann den Berg hoch nach Schlegel, an der Wegespinne aber nach Seibitz ins nächste Tal, mit dem Ergebnis, dass wir Richtung Krötenmühle den Berg hochschieben müssen, durch Wiese und Wald bis an den Kolonnenweg und durch Matsch auf die Westseite zur Krötenmühle. Dort ein Schild mit klarem Hinweis: „Durchgang auf eigene Gefahr.“ Überall auch Hinweise auf Minen. Ein Mann kommt uns entgegen und weist uns darauf hin, dass wir uns auf Privatgelände befinden. Man kennt sich in der Gegend aber nicht so recht aus. Er kommt aus Stuttgart,  wohnt hier seit sechs Jahren. Ich sage nur: „Du bist also auch ein Flüchtling.“ – Er nickt.

Dann zurück, eine Stunde weiter auf dem Kolonnenweg Richtung Titschendorf, aber zur Sicherheit biegen wir nach einiger Zeit wieder ab auf die bayrische Landstraße. Tschin-Tschong-Tschang. Wieder Berg hoch nach Carlsgrün, freundliche Frau, die uns die Richtung  nach Langenbach zeigt. Eigentlich wollen wir noch bis Tettau kommen.

Langenbach: Die Sonne hat fürchterlich gebretzelt. 26 Grad im Schatten. Ich war fertig gegen drei Uhr und musste mich im Schatten erstmal ausruhen. Telefonisch bei Dietrich S.  in Tettau abgesagt.

Weiter! Kneipe oben links im Dorf: dort eine radebrechende Brasilianerin, die uns wegen Kuchen zur Bäckerei schickt. Die erweist sich allerdings als geschlossen. „Obrigado“ und ein Lächeln sind auf ihrem Gesicht zu sehen.

In Heinersberg keine Kneipe, aber ein Ausländer vom Balkan, der sein Auto mit Münchener Kennzeichen belädt, gibt uns sehr nett Auskunft. Die Bevölkerung in Deutschland hat sich halt in den letzten 50 Jahren im Westen verändert. Auf thüringischer und sächsischer Seite gibt es keine Ausländer, höchstens welche aus München… Leute, die sich Haus und Grundstück gekauft haben.

In Nordhalben am Bahnhof im Tal steht ein Triebwagen wie früher zwischen Kassel und Hannoversch Münden. Erinnerung an die Schulzeit in den 60er Jahren. 10 Minuten, zweieinhalb mal Skat gespielt. Keine Smartphones und gar nichts. wie haben wir das bloß ausgehalten…..?

Dors: „Hast du keinen Sprit mehr?“ Ich: „15 % Steigung schaffe ich nicht.“ Dann aber auf Turbo gestellt und den Berg hoch. Oben kaputt bei der Bäckerin angekommen. Stolz erzählt sie uns von den Aufnahmen zum Film „Der Ballon“ mit Regisseur Bully Herbig, der mit vielen Leuten vom Set in ihrem Kaffee verkehrte. Der Film erzählt die Geschichte über die Flucht zweier Familien aus der DDR, die mit einem Heißluftballon hinüber in den Westen geflohen sind. In der nächsten Zeit soll er in die Kinos kommen.

Wir finden Unterkunft in der Post in Nordhalben. Ich bin richtig kaputt und schlafe erst einmal ein. Dors weckt mich. Ein kaltes Bier und dann gegen Abend, als es etwas frischer wird, über Stock und Stein durch den Wald hinauf nach Titschendorf. Dort begegnen wir einem Mann, der gerade grillen will. Er gibt eine nette, zunächst recht knappe Antworten. Später fängt er an zu erzählen: er war selbst DDR-Grenzer, 1967 bei den Grenztruppen in Titschendorf, das wie in einem fast zugebundenen Sack liegt, nach drei Seiten ringsum die BRD. Er berichtet von seiner Zeit bei der Armee. Ich bin auch 1967 beim Militär gewesen, allerdings bei der Bundeswehr. Er erzählt von der harten Grundausbildung, einem DDR-Grenztruppenoffizier, der mit dem System nicht mehr klar kam und geflohen ist. Bei dem Versuch, seine Familie nachzuholen, wurde er von den Grenztruppen festgenommen und verurteilt, 1960 dann in Leipzig geköpft. Wie mag es der Familie wohl gegangen sein? Eine Warnung für andere. Mein Gegenüber hat nach der Wende in Nordhalben in der Metzgerei gegenüber des Gasthauses Post 20 Jahre lang gearbeitet.

Danach in der Post: Es ist Schaschlik-Tag. Es schmeckt uns gut. Ein fränkischer Rotwein und eine Flasche Wasser dazu. Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts. – Gespräch über Nürnberg, Clubberer und Arminia, mit einem Mann vom Nachbartisch jedoch auch über DDR-Geschichte. Geschichtsunterricht etc. (Thälmann: ja wurde behandelt. Judenverfolgung im 3. Reich: nicht). Der 63-Jährige arbeitet bei der Bank und ist ein passionierter Fahrradfahrer. Würde gerne auch mal so eine Tour machen. Zum Thema Flüchtlinge: in seiner evangelischen Gemeinde schon viermal Kirchenasyl gewährt. „Menschlichkeit ist notwendig in den heutigen Zeiten. Die aktuelle Völkerwanderung werden wir eh nicht stoppen können.“

Ein anderer Mann, ursprünglich aus Cottbus (dem „Mittelpunkt des früheren deutschen Reiches“), hat 7 Jahre in der Nähe von Böblingen bei Stuttgart gearbeitet, ist aber auf Dauer mit der Mentalität der Schwaben nicht zurechtgekommen und dort immer ein Fremder geblieben. Deshalb ist er mit Frau und siebenjährigem Kind nach Nordhalben gezogen und hat ein Haus direkt neben der Gaststätte gekauft. „Preiswert im Verhältnis zu Stuttgart!“ Er gehe gerne auf Menschen zu, spricht auch von seinem Besuch beim Fanklub der Münchener Löwen. Dann folgt eine kontroverse und emotionale Diskussion zwischen den beiden Männern über die heutige Flüchtlingspolitik. Die SPD wolle den Kapitän eines Rettungsschiffes ehren. – Totales Unverständnis und Ablehnung.

Tag 4 (21.07.18): Von Tettau nach Sonneberg

Mit großem Entsetzen und tiefer Bestürzung haben wir erfahren, dass der Hof von Angelika und Dietrich Schütze am 9. August 2020 durch Brandstiftung vollständig zerstört wurde. Wie wir mittlerweile erfahren haben, soll dankenswerterweise ein einzelnes Gebäude wieder errichtet werden (Stand: April 2021)

Angelika und Dietrich Schütze mit uns auf dem Wildberghof bei Tettau

Frühstück mit Dietrich Schütze: ein alter Freund Ottos und beeindruckender Gesprächspartner

Wildberghof: Fotos vom Beginn der landwirtschaftlichen Kommune (ca. 1978)

Zeitdokumente: gesammelt auf dem Wildberghof in Tettau

Angelika Schütze: bisher mehr als 30 gewebte Kusntwerke

Dietrich Schütze: der Kachelofenbauer

ehemalige DDR-Grenzkaserne: jetzt Paintball-Gelände mit DDR-Emblemen und -Militärfahrzeugen

Sonneberg: Am Tag, als der Regen kam …, endlich mal Zeit zum Schreiben. Ein Glück, dass Dors dabei ist und sich um den Computer kümmert.

Tag 4 (21.07.18):  Von Tettau nach Sonneberg  

Km:  156 -192

Es muss schnell gehen. Ich hänge mit meinen Tagebuchaufzeichnungen hinterher – wie so oft im Leben. Zu viele Sachen gleichzeitig erledigen. Vollgestopft mit Erlebnissen und Eindrücken, körperlich abends so richtig schön ausgelaugt, dass es nur für ein Bier und ein kräftiges Essen reicht. Total ermattet falle ich ins Bett, das sich gerade mir anbietet.

Frühstück mit Dietrich Schütze, der aus seinem bewegtem  Leben erzählt, von den Anfängen der Kommune Wildberg in Tettau, der Zeit in Frankfurt im Revolutionären Kampf, von dem Leben in der Kommune, wechselnden, aber auch stabilen Beziehungen, die das ganze Leben bestehen und gegenseitigen Halt geben. Vor ein paar Monaten sind auch Beiträge über die Anfangszeit und Geschichte der Wildberg-Kommune erschienen, die der FOCUS nachgedruckt hat, so z. B.

Auch Revoluzzer werden älter: So erging es den Bewohnern, als sie aus der Kommune auszogen

und

Sex’n’Drugs’n Rock and Roll in der Provinz? Als die Studenten auf dem Land Kommunen gründeten (20.04.2018) –

So werden die 70er und 80er Jahre im Frankenwald noch einmal lebendig.

Wir treffen am Morgen auch Angelika, seine Frau, die uns ihre mehr als dreißig gewebten Wandteppiche und ihren Webstuhl zeigt. Sie gibt mir einen Einblick in ihre Denk- und Arbeitsweise. Es entwickelt sich ein sehr persönliches Gespräch über unser beider Leben, die Erfahrungen der Kindheit und der Jugend. Sie überreicht mir ein Geschenk: ihren Gedichtsband ...ob es mir denn entgangen, dass ich geweint hab…(amicus verlag, 2010) mit einer sehr persönlichen Widmung und guten Wünsche für die weitere Reise. Ich bin berührt.

Dietrich führt uns im anderen Teil des riesigen Hauses durch die verschiedenen Räume, in denen sich viele seiner selbst gemauerten Kachelöfen befinden. Der untere Teil ist als Café vermietet und läuft anscheinend gut. Eine urige Atmosphäre. Erinnerungen an gemeinsame politische Theateraufführungen mit Otto Buchholz aus Herford, der uns immer und immer wieder in unseren Gesprächen begleitet.

Dietrich hat zahlreiche zeitgenössische Dokumente gesammelt. Fotos aus den 70er Jahren. Zeitungsberichte von der Öffnung der Grenze. Wir sprechen über die Zeit vor 1989 (Probleme mit den US-Truppen, die durch den Hof fahren wollten, um die Grenze zu kontrollieren). Die Bewohner der Kommune haben kurzerhand mal Barrikaden aufgestellt. Auseinandersetzung mit den Ämtern und dem Bürgermeister. „Kein Wunder, dass wir manchmal einen auf die Fresse bekommen haben, so wie wir uns manchmal verhalten haben.“

Zum Abschied Fotos mit Dietrich und Angelika.

Der restliche Tag ist relativ schnell erzählt: Fahrt talabwärts zuerst durch den Wald, dann durch ein schönes Tal nach Pressig. Unterwegs eine alte NVA-Kaserne, die nun als Paint-Ball-Eldorado mit allerlei DDR-Militaria ausgerüstet ist. NVA-Fahne, die kopfüber aufgehängt ist. Ostalgie der Jugend?

Es regnet und regnet. Wir quälen uns den Berg in das thüringsche Sonneberg hoch und  runter. Dors‘ Brille beschlägt und es wird so langsam auf der Straße gefährlich. Ich empfinde den Regen zunächst als Befreiung nach all den Tagen der Hitze. Wir kommen nach Sonneberg, eigentlich gießt es so, dass es Regeberg heißen müsste.

In einer Bäckereifiliale unterhalten wir uns sehr nett mit der Verkäuferin, die uns erstmal Kaffee, Bratwürste und Kuchen zur Verfügung stellt. „Wer Arbeit will, bekommt welche.“ Die Tochter hat BWL mit Schwerpunkt Personal studiert, in Bayern gearbeitet und freut sich jetzt nach der Babypause, dass sie im thüringischen Sonneberg in einem neuen Betrieb anfangen kann. Eine Frage der Mentalität !? – Die Antwort: „Ja

Wir entscheiden uns heute nach Km 192 insgesamt und nur knapp zwei Stunden Fahrzeit schnell eine trockene Unterkunft zu besorgen und beziehen kleine Einzelzimmer im Hotel zur Schönen Aussicht. Was schön sein soll beim Blick auf die befahrene Straße, ist mir schleierhaft. Beide verfallen wir in einen Art Komaschlaf und setzen uns am Nachmittag zusammen und versuchen – vergeblich – die von mir schon mal angefangenen Blogs bei VAKANTIO und JIMDO zum Laufen zu bringen.

Abends dann ein Rostbrätl in einer urigen Thüringer Kneipe. Denise, die sehr junge Bedienung, spricht uns mit Du an, Dors ist ein wenig pikiert, es erinnert ihn an seine Kindheit im Ruhrpott. Wir sprechen über mein „Du“’, wenn ich hier während der Reise mit fremden Leuten, vor allem Männern spreche.

Es folgen sehr persönliche Gespräche über die Siebziger Jahre, Beziehungen in der DDR und in Moskau….

Ergänzung: Hans Wenzel, Wissenschaftler aus Berlin, den ich in Moldawien kennengelernt habe, hat mir freundlicherweise noch ein E-Mail mit eigenen Erinnerungen geschickt. Er ist in Sonnenberg geboren und beschreibt auch das Schicksal seines Vater, Leiters der dortigen Sternwarte, nach der Wende. Ich zitiere mit seinem Einverständnis aus seiner E-Mail vom 16.08.18 an mich:

Ich bin in Sonneberg aufgewachsen (geboren 1960), wo noch immer mein Vater lebt. Ich kenne daher das dortige Grenzgebiet sehr gut, sowohl aus DDR-Zeiten (natürlich nur die Thüringer Seite) als auch danach…..Die Klöserei in Ketschenbach ist mir sehr gut bekannt! Es gibt auch in Sonneberg eine Ausgabestelle der Klöße….

Ich könnte viele Grenzerlebnisse berichten. Unvergessen sind für mich die Zugfahrten von Sonneberg nach Saalfeld über Probstzella mit der Dampflok entlang des Todesstreifens, begleitet von Hunden, welche an gespannten Stahlseilen entlang der Grenze liefen, und  die gefürchteten Ausweis-Kontrollen durch die „Trapo“ (Transportpolizei,  blaue Uniformen).
Die Hunde wurden übrigens nach der Wende an Privatpersonen in Ost und West vermittelt, wobei sie nicht immer ein besseres Leben als vorher hatten (meistens wahrscheinlich aber schon).

Mein Vater war wissenschaftlicher Leiter der Sternwarte Sonneberg-Neufang.
Obwohl selbst SED-Mitglied, wurde er von der Stasi überwacht und drangsaliert, weil der einige Entwicklungen in der DDR als überzeugter Kommunist ablehnte.

Leider musste die Sternwarte nach der Wende auf Empfehlung des Wissenschaftsrates die wissenschaftliche Arbeit fast vollständig einstellen, sodass mein Vater sich arbeitslos melden musste (später arbeitete er noch an einem DFG-Projekt mit, was ein Kollege aus einem Max-Planck-Institut für ihn beantragte).

Ein typischer Beispiel, dass im Osten nach der Wende viel ohne Sinn und Verstand platt gemacht wurde, aber auch von westdeutscher Solidarität.
Ich habe eine kurze Biographie meines Vater auf Wikipedia geschrieben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Wenzel

Ein nicht ganz typisches ostdeutsches Wissenschaftlerleben.“

Vielen Dank an Hans Wenzel für diese Information und persönlichen Anmerkungen, die auch ein differenziertes Licht auf die Zeit nach 1989 werfen.

Tag 5 (22.07.18): Von Sonneberg nach Eisfeld

Bahnhof Sonneberg: Dors fährt wieder Richtung Heimat

 

Ehemaliger Grenzübergang zwischen Sonneberg und Neustadt bei Coburg

Ketschenbach bei Neustadt b. Coburg, Gaststätte Klößerei: Männer holen den Sonntagsbraten

Blick auf den Froschgrundsee mit neuer DB-Trasse Berlin-München im Hintergrund

Kolonnenweg bei Görsdorf

Grenzmauer bei Görsdorf

 

Tag 5 (22.07.18): Von Sonneberg nach Eisfeld  

Km: 184 – 222

Der Tag fängt mit Regen an, der Himmel weint: Dors will heute wieder Richtung Heimat. Vor der ‘Schönen Aussicht’ treffen sich die Sonneberger Mittdreißiger, eher wohl Mittvierziger, im durchgestylten Fahrrad-Outfit…Wenn die wüssten.

Nach dem Frühstück hilft mir Dors noch schnell den Computer bzw. ein paar Programme auf Vordermann zu bringen, damit das ganze Ding schneller läuft. Das Zimmer ist übersät mir Klamotten, die in die beiden Packtaschen und in die Vordertasche passen müssen, dazu noch Zelt, Isomatte und Kamera-Stativ. Vollgepackt wie ein Esel.

Schnell noch etwas Geld von der Sparkasse geholt. Im Osten wie im Westen Paläste. Die Kommunen haben es ja… Dann zum Bahnhof und Dors verabschiedet. Der Himmel weint, leise tropft es auf den Sattel. Eine syrische (?), junge Familie auf dem Bahnhof, also doch, es gibt sie auch hier im Osten, also doch noch keine ausländerfreien Zonen. Im Zug noch ein kurzes Interview mit Dors über seine bisherigen Eindrücke.

Im Regen durch Sonneberg, alles relativ gepflegt, kurz vor der Grenze Richtung Neustadt bei Coburg noch Gespräch mit zwei Arbeitern (sonntags), die an einer Waschanlage Ausbesserungsarbeiten durchführen. Sie kommen aus dem Westen und arbeiten im Osten. Wohl kein Einzelfall, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte. Der Marktkauf lässt in einiger Entfernung grüßen: „Subvention Ost“?

In Neustadt bei Coburg fällt mir als erstes der türkische Fußballverein auf, die Häuser machen einen nicht so gepflegten Eindruck wie im thüringischen Sonneberg. Einbildung, Vorurteil? Auf dem Marktplatz ein Gespräch mit einem ca. 55-jährigen Frührentner, der seinen kleinen Hund Gassi führt. „Schauen Sie sich doch mal den Marktplatz hier an! Nichts mehr los hier, alles runtergekommen.“ Berichtet von seinen Fahrten in den 70er und 80er Jahren zu den Verwandten in die Sperrzone, Treffen in Sonneberg. Die Stasi hört zu.

Tour de Neustadt, einmal im Kreis gefahren – das einzig Gute war, dass ich durcch Zufall an der Kultgaststätte, die ich schon aus der Literatur kenne, Klößerei, dem Gasthaus Lindenhof, vorbeikomme. Die Männer stehen in Schlangen vor dem Ausgabefenster und holen in ihren Kochtöpfen den sonntäglichen Braten und die Klöße. Drinnen ist die Hölle los. Ich bestelle mir eine Riesenportion Sauerbraten. Natürlich mit Klößen.

Mit vollem Magen geht es weiter: die Karte in Stefan Essers „Radtouren am Grünen Band“ lügt nicht. Einmal Neustadt b. Coburg Ortsumgehung. Schließlich finde ich mit Hilfe von Einheimischen raus aus dem Gewirr Richtung Eisfeld. Der nächste Berg wartet. Wie wird der Akku das heute schaffen?

Am Froschgrundsee ein nettes Ehepaar, fitte Radler im Rentenalter: „Nein, E-Bikes brauchen wir noch nicht.“ Sie wünschen mir eine gute Fahrt. Ein Fahrrad-Haudegen, locker über 70, rät mir von der Nebenstrecke Richtung Eisfeld ab: „zu viel Berge!“. In Schalkau versuche ich einen Chai in der türkischen Pommesbude zu bekommen. Ayran? Fehlanzeige. Tote Hose in dem Laden, aber nachher kommen doch noch ein paar Jugendliche und holen sich etwas zu essen.

Fahrt nach Görsdorf, wo wohl noch ein Rest der Grenzanlagen stehen soll. Unterwegs mit einem 30-Jährigen über E-Bikes gefachsimpelt. Er war mit seinen Eltern schon überall in Deutschland, Österreich und hat sogar eine Mountainbike-Tour nach Luxemburg gemacht. Die DDR? Nur vom Hörensagen. Die junge Generation geht anders damit um.

Am Ortseingang von Görsdorf noch kurze Diskussion mit Ehepaar meines Alters. „Wie war das hier an der Grenze im Sperrgebiet?“m frage ich. „Alles ok, man hat sich halt daran gewöhnt. Nur bei Verwandtenbesuchen war es schwierig.“ In Wurfweite war der Westen.

Fotosession an den Überresten der Mauer. Mein Stativ kommt zum ersten Mal zum Einsatz. In die Mauer haben Leute ein Loch reingeklopft. Symbolik.

Über Umwegen auf der westdeutschen Seite nach Eisfeld. Oben auf dem Berg befindet sich die GüSt (Grenzübergangsstelle) Rottenbach-Eisfeld. Relativ kaputt frage ich in der großen Tankstelle nach, wo man hier übernachten kann. Waldhotel Hubertus – Großes Hotel: Essen bitte bis 19.30 Uhr bestellen. Tische mit Reserviert-Schildern, wie früher im Osten.

Nach dem Essen (Thüringer Rostbratwürste mit Sauerkraut) mit vollem Magen ins Bett gefallen. Die Schulter schmerzt. Die Füße freuen sich, in die Badelatschen zu kommen. Im Koma von 9 bis kurz nach 11 gelegen. Ist es wohl alles zu viel? Was wird wohl Dors machen?

 

Tag 6 (23.07.18): Von Eisfeld nach Einöd

Rottenbach-Eisfeld: Grenztum der Grenzübergangsstelle (GüSt) mit moderner AGIP-Tankstelle im Hintergrund

Grenzturm mit Museum

Fränkische Landschaft: auf dem Wege nach Ahlstadt.

Blick von der Burgruine Straufhain

Blick von der Burgruine Stauf

Stadttor in Heldburg: war die Pension wirklich schon ausgebucht?

 

Tag 6 (23.07.18): Von Eisfeld nach Einöd

Km: 222 – 255

Beim Aufstehen tun die Knochen weh. Frühstück ok. Ein Paar, über 60, sportliches Radler-Outfit, fährt die Werra runter bis nach Hann. Münden. Ich richte Grüße aus. Die Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin und einen rücksichtsvollen, jungen Klassenlehrer (Mathe und Physik) hatte. Er hat mich durchs Abi geschleust. Nach der Fünf in Englisch (Klasse 10) und der Fünf in Französisch (Klasse 12) durfte ich keine weitere haben.

In Ahlstadt steht eine wunderschöne Kirche. Ich komme mit H. ins Gespräch. Frührentner, früher Bauer, jetzt trägt er mit seiner Frau morgens ab halb drei Zeitungen aus. Unterstützung bekommt er nicht angesichts seines Besitzes an Ackerflächen. Früher war es hier ruhig, total ruhig. Das einzige, was gestört hat, waren die Amerikaner mit ihren Jeeps und Panzern, aber kein Problem. Flurschäden wurden reguliert.

„Nach 1989 musste man hier alles abschließen. Im November sind die DDR-Bürger mit den Trabbis gekommen. Kilometerlange Schlangen.“ Heute jedoch keine Ressentiments, nur vereinzelt. Er erzählt von seiner Krankheit, Morphium, Rückenschmerzen. Keine Perspektiven und das mit Mitte Fünfzig. Das Gespräch macht mich sehr nachdenklich. Ich vergleiche seine und meine gesundheitliche Situation. Große Dankbarkeit.

In Grattstadt mache ich eine Vesperpause unter einem schönen Nussbaum. Ab und an kommt ein Auto vorbei. Fast wie in den 60er Jahren.

Über Heldritt fahre ich nach Bad Rodach. Die italienische Eisdiele am Marktplatz gehört mir: ein Eiskaffee. Am Nachbartisch eine relativ (wohlhabende) ausländische Familie, vermutlich Flüchtlinge (aus Syrien?), fährt nachher mit dem großen, gebrauchten Volvo weg. Das deutsche Ehepaar mittleren Alters am Nachbartisch schaut mit großen Augen hinterher.

Im Netto kaufe ich mir eine Banane, Zahncreme und Zahnbürste, die ich bei Dietrich liegen gelassen habe. Alles ist so vertraut (im Westen).

Auf dem Weg zur Burgruine Straufhain treffe ich nicht nur einen Haibaike-Fahrer, der sich noch gut an die Zeiten vor der Wende erinnern kann. Alles war ruhig, man konnte auf der Straße spielen. „Heute muss ich die Kinder zur Vorsicht aufrufen.“

Kurz nach Streufdorf (mit geschlossenem Museum) treffe ich X. Weshalb habe ich den Namen vergessen? Jahrgang 45, erzählt mir eine Schauergeschichte, wie er im November 89 mit einem Kumpel beim illegalen Grenzübertritt vom Westen in den Osten von den Amerikanern und dem BGS festgehalten wird. Im Laufe des Gesprächs („Merkel hat einen jüdischen Polen als Vater …“) stellt sich heraus, dass er 1988 bei einem Verwandtenbesuch gemeinsam mit seiner Frau im Westen geblieben ist. Die Kinder waren im Osten.

„Vater war bei der SS, er musste ja irgendwo mitmachen.“ „UK als LKW-Besitzer, …die Russen haben uns dann alles weggenommen, aber Putin ist in Ordnung.“ „Die Krimbesetzung war richtig.“ „Die Franzosen und die Tommys waren am Zweiten Weltkrieg schuld.“
Ein Alt-/Jung-Nazi wie aus dem Buche. Anscheinend hat er einen Narren an mir gefressen, weil ich mich halbwegs in der Geschichte auskenne. Er begleitet mich einen Teil des Weges zur Burgruine.  Verabschiedung: „Zu guten Freunden sage ich: Sieg Heil und immer dicke, fette Beute“. An dieser Stelle wird es mir zu viel: „Auf Sieg Heil kann ich verzichten …!“
Irgendwer muss ja die AFD wählen …

Mit dem Turbogang des E-Bikes geht es zur Burgruine hoch. Fantastischer Ausblick. Mit dem Stativ mache ich ‘repräsentative’ Fotos mit Blick in alle Richtungen. Ein sportlicher Opa, Anfang bis Mitte 50, kommt mit seiner Frau und den zwei Enkeln aus Hannover den Berg hoch. Alles vorbereitet: Schatzsuche und Orientierungsaufgaben mit dem Kompass. Ein Erlebnis für die Enkelkinder. Der sportliche Opa hat mit dem Fahrrad auch schon viele Touren in Deutschland etc. gemacht, allerdings ohne E-Bike, wie er stolz betont. „Früher war alles ruhig in unserem Ort im Sperrgebiet.“ Trauert er der alten DDR-Zeit nach? – Ich glaube eher nicht.

Eigentlich wollte ich da oben die Nacht verbringen (weshalb habe ich eigentlich das Zelt mitgenommen?). Aber dann habe ich doch Manschetten bekommen und auch nicht genügend Wasser dabei gehabt. Also, den steilen Berg wieder runter und auf die Suche nach einer Unterkunft. Es ist mittlerweile sechs Uhr und der Asphalt der Landstraße reflektiert die Hitze des Tages (gut über 30 Grad). Die Autofahrer von West nach Ost (HBN – Hildburghausen) rasen nach Hause. Für mich noch alles etwas unwirklich, wenn man 40 Jahre die Grenze als nahezu undurchlässig erfahren hat.

Auf der letzten Rille komme ich in der Country-Scheune in Einöd mit seinen 43 Einwohnern laut Wikipedia an. In einem Haus an der Landstraße haben sie noch ein kleines Zimmer unter dem Dach. Als das Haus gebaut wurde, war Dachisolierung wohl noch ein Fremdwort … es ist proppenheiß. Dafür ist das Essen reichhaltig und mächtig, aber es liegt mir im Magen. Ich bin mal wieder so richtig kaputt abends und das Laufen tut weh.

 

Tag 7 (24.07.18): Von Einöd nach Rieth

 

Blick auf die Veste Heldberg

Mahnmal für die 20 ermordeten polnischen KZ-Häftlinge

Neu renovierte Kirche in Poppenhausen

Kolonnenweg bei Poppenhausen: Wer liebt.der schiebt … – bergauf!

Käßlitz: südlichstes Dorf der ehemaligen DDR. Schlauchreparatur in der Mittagshitze

Wegemarkierung  Bayern-Thüringen

 

Tag 7 (24.07.18): Von Einöd nach Rieth

Km: 255 – 292

Um 9 Uhr, als ich frühstücke, ist es schon wieder brütend heiß. Mal wieder ein Tag mit weit über 30 Grad! Das Packen der tausend Sachen in die beiden gelben Ortlieb-Packtaschen, rechts und links am Hinterrad, ist immer mit Arbeit verbunden. Hinzu kommt die blaue Lenkertasche, in der das Wichtigste verstaut wird: Handy, Ladegerät, kleine Wasserflasche, Fotoapparat, Verbandskasten, gelbes Hals-/Kopftuch, Fototasche und vor allem das Sonnenschutzmittel, Faktor 50. Den gelben Plastiküberzug für den Sturzhelm habe ich meistens auf dem Helm. Sieht klobig und bullig aus, aber ich fühle mich sicherer auf der Landstraße. Passive Sicherheit. – Das Schicksal von Otto immer im Hinterkopf!

Ich verlasse Einöd in Richtung Poppenhausen und komme an einem gepflegten Denkmal für 20 erhängte polnische KZ-Insassen vorbei. Es waren wohl zufällig ausgewählte Buchenwald-Häftlinge, die als Racheaktion für den Tod eines deutschen Bauern durch einen polnischen Zwangsarbeiter ihr Leben lassen mussten. Es ist, wie ich später erfahre, der Initiative eines Ehepaares aus Poppenhausen zu verdanken, dass dieses Denkmal in den 90er Jahren errichtet wurde. Blumenschmuck der umliegenden Gemeinden lässt vermuten, dass es regelmäßig gepflegt wird. Ich würde diese Menschen gerne kennenlernen, aber irgendwie bin ich noch der Meinung, ich müsse vorankommen.

In Poppenhausen erfahre ich von einem Ehepaar mittleren Alters, dass direkt hinter dem Dorf früher der 500 Meter-Sperrzaun stand und man daher nicht oder nur in Ausnahmefällen den Ort des Grauens zu DDR-Zeiten besuchen konnte. Dieses Ehepaar berichtet mir auch von der Zeit vor der Wende. Alles war ruhig und man habe sich eingerichtet.

 

Später geht die Frau mit mir in die protestantische Kirche, die im Wesentlichen in finanzieller Eigenleistung und durch freiwilligen Arbeitseinsatz wieder vorbildlich restauriert wurde. Es ist bemerkenswert, weil der Ort nur 99 Einwohner hat. Das Verhältnis zu den bayrischen Nachbargemeinden ist unproblematisch. Seit 20 Jahren arbeitet die Frau im Schichtbetrieb im Bayrischen. Das Dorf Poppenhausen feiert alle zwei Jahre mit zwei anderen Gemeinden gleichen Namens.

Ich folge dem Kolonnenweg und in Käßlich, dem südlichsten Ort der ehemaligen DDR, erwischt es mich in sengender Hitze: Ein Platten im Vorderreifen. Mühselig hole ich das Flickreparatur-Set hervor und borge mir Wasser beim etwas unwilligen Nachbar, damit ich feststellen kann, wo sich das Loch im Schlauch befindet. Nach einer Stunde habe ich es vollbracht, allerdings bekomme ich mit meiner Luftpumpe nicht genügend Luft auf den Vorderreifen. Mit der südlichsten Stelle der DDR am Plattenweg wird es also nichts.

Ich komme an einem stinkenden Schweinestall vorbei und freue mich im nahegelegenen Wald über den Schatten und die springenden Forellen in dem Teich. Ein Fischreiher schreckt bei meiner Weiterfahrt auf. Ein Opa mit seinem Enkelkind erzählt mir von Fürsorgezöglingen, die in einem bayrischen Steinbruch arbeiten mussten und in den 60er oder 70er Jahren versuchten, über die Grenze in die DDR zu fliehen. Einer verlor dabei ein Teil seines Beines.

Über Schweickershausen geht es auf der Landstraße nach Rieth, einem Ortsteil von Hellingen, wo ich im  Gasthaus Beyersdorfer ein Zimmer und etwas Gutes zu essen bekomme. Rostbrätl. Die Männer am Stammtisch diskutieren natürlich über die Hitze, den Fall Özil und dass Hoeneß mit seiner Kritik an dem Fußballspieler mit türkischen Wurzeln vollkommen Recht habe. Die Menschen hier haben einen fränkischen Dialekt. Später berichtet ein Polier davon, wie er mit den polnischen und rumänischen Bauarbeitern auf seinen Baustellen zurechtkommt. Mir drängt sich der Vergleich mit den Zwangs- und Fremdarbeitern der Kriegszeit auf. Menschen 2. Klasse?

Das Zimmer ist okay, aber dass man durch die Tür sehen kann, ob jemand auf der Toilette sitzt, ist nicht so prickelnd….

 

Tag 8 (25.07.18): Von Rieth nach Irmelshausen

Ehemaliger Grenzzaun  an der Straße zwischen dem thüringischen Rieth und dem bayrischen Zimmerau

Schöner Wald und ruhige Landstraße zwischen Rieth und Zimmerau

Bayernturm in der Nähe von Zimmerau

Geschafft: Kolonnenweg in der Nähe des geschliffenen Dorfs Leitenhausen

Grenzmahnmal in Eicha: brütende Hitze und ein kritisch schauender Dorfbewohner

Tag 8 (25.05.18): Von Rieth nach Irmelshausen

KM: 285 – 322

Nach einem fantastischen Frühstück, das ich so nicht erwartet hätte, samt Zeitungsbericht über den Gastwirt und seine Verdiensten bei der Reparatur der Kirche, fahre ich den Berg hoch Richtung Zimmerau. Über der Gemeinde thronend ein neu erbautes Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs: „Sie sollen nicht umsonst gestorben sein“. Was soll man sich dabei denken?

Am ehemaligen Grenzübergang stehen noch Reste des Zaunes nebst Erläuterungen und historischen Fotos aus der Wendezeit 1989/90 sowie ein Gedenkkreuz. Seit 1990 dürfen auch die katholischen Wallfahrer aus Hessen zu den 14 Allerheiligen wieder durch das thüringische Frankenland. Jedes Jahr werden in Hellingen 650 Pilger von den örtlichen Vereinen zu einem Frühstück eingeladen. Ökumenische Hilfestellung. Ein Beispiel für christliches Bürgerengagement.

Kurz vor dem Bayernturm frage ich einen älteren Mann, der seinen Caravan streicht, ob er mir mit einer Kompressorluftpumpe aushelfen könne. Na klar. Es ist offensichtlich: Menschen in meinem Alter sind in der Regel sehr hilfsbereit. Dies gilt auch für den pensionierten Lehrer aus dem Bayrischen, der mit einer Wandergruppe unterwegs ist und mir bereitwillig Auskunft über die Zeit vor 1989 und danach gibt. Auf den Bayernturm komme ich leider nicht hoch, weil der eine gewechselte Euro zwar in den Automaten passt, ich aber nicht direkt durch das Drehkreuz gehe, sondern mir den Weg selbst verschließe. Ich sage nur: Mann und Technik …

Auf dem Weg zum geschliffenen Dorf Leitenhausen begegne ich einer holländischen Radfahrerin, die mit vollem Gepäck und ohne elektrische Unterstützung die Grenze entlang fährt, meist nur Straßen, aber immerhin. Ich komme mir alt vor.

An der Saalequelle ist eine herrliche Kühle, die ich angesichts der Hitze gut gebrauchen kann. Der naheliegende Führungsbunker und B-Turm erlauben wieder eine Auseinandersetzung mit der Grenzgeschichte. Am Telefon erhalte ich eine kurze, wenn auch nicht enthusiastische Auskunft. Besichtigung nur nach Voranmeldung. Wie soll ich das auf einer solchen Tour machen?

Auf dem Wege durch den Wald treffe ich auf einen Förster, der sich beim Vorbeifahren bedankt, dass ich angehalten habe. Ich vermute, dass er wegen der Waldbrandgefahr sein Revier kontrolliert hat. Ich erinnere mich an meinen Großvater, der auch Förster war und im Dezember 1960 durch einen unerfahrenen Schützen aus der Heiligenstädter SED-Kreisleitung zu Tode kam.

Plötzlich eine T-Kreuzung und die bittere Erkenntnis, dass ich auf dem Kolonnenweg bin und mir nichts anderes übrig bleibt, als den Kolonnenweg steil bergan hochzufahren. Hole mein Stativ raus und mache Fotos und ein Video. Die letzten Meter muss ich, um nicht stehen zu bleiben, fürchterlich in die Eisen steigen. Seitdem habe ich wieder Schmerzen im gebrochenen Brustbein – typisch! Immer Stärke beweisen, koste es, was es wolle. Und das mit knapp 70 Jahren … Man lernt nie aus.

Nach einer kurzen Abfahrt und einem schönen Tal mit Wiesen und Resten des Drahtzaunes, wo ich erst einmal im Schatten eine Pause mache, kommt die nächste Steigung. Nur noch länger und höher. Aber hier gibt es keinen Ehrgeiz mehr. Es wird ab der Hälfte geschoben. Zum Glück weiß ich jetzt, wie die Schiebehilfe funktioniert.

Am geschliffenen Dorf Leitenhausen mache ich unter großen Bäumen eine Pause und ein Nickerchen. Trinken, trinken, trinken ist jetzt bei weit über 30 Grad angesagt. Durch den Wald komme ich nach Trappstadt im Westen. Die Kneipe hat nicht mehr geöffnet, kein Einkaufsladen, nur die Filiale einer Bäckerei mit kleinem Nebenraum hat am Mittwochnachmittag geöffnet. Das Kaffeekränzchen der älteren Damen trifft sich hier jeden Mittwochnachmittag. Ich bin ein exotischer Gast. Ich trinke und trinke, Apfelschorle, Wasser, Kaffee und esse ein Stück Kuchen, eine Bratwurst im Brötchen. Herrlich.

Es hilft nichts. Es geht weiter. Noch ist der Akku etwas geladen, es geht bergan und irgendwie komme ich wieder auf den Kolonnenweg, der mir allerdings nach einem Kilometer zu viel wird. Durch eine Wiese geht es zur Landstraße. Ich komme an einer Herde von Schafen vorbei, die das Grüne Band wohl kultivieren sollen, vielleicht sogar im Auftrag des BUND.

In Eicha ist es nachmittags um halb fünf bullenheiß. Ich werde argwöhnisch beäugt, wie ich mit meinem Stativ Fotos von mir, dem Fahrrad und den Grenzreliquien mache. Bei der Umarmung des DDR-Grenzpfahles in Schwarz-Rot-Gold weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll …, anscheinend zu viele traurige Erinnerungen. Vielleicht kommt auch die Hitze noch dazu.

Im unterfränkischen Irmelshausen habe ich kurz vor sechs keine Lust und Kraft mehr weiterzufahren. Gasthaus zur Linde. Familienbetrieb. Die gute, alte Zeit der Sechziger und Siebziger Jahre. Ein freundlicher Wirt im fortgeschrittenen (meinem) Alter bietet mir ein ruhiges Zimmer an. Die Dusche ist herrlich. Die Beine und die Schulter schmerzen. Ich trinke eine Flasche Wasser, mehrere Birnenschorlen usw. Das Rostbrätl und der Salat schmecken gut.

Als ich wieder ein paar Tagebuchnotizen gemacht habe, gehe ich noch einmal vor die Tür und frage einen älteren, langhaarigen Mann: „Was malst du da?“ – „Von Ihnen lasse ich mich nicht mit Du anreden, wir haben noch keine Schweine zusammen gehütet.“ Es stellt sich heraus, dass er ein Tagebuch mit sehr schönen Malereien führt und ein Aussteiger aus München ist, der in den 90er Jahren nach der Öffnung der Grenzen in diesen bayrischen Grenzort gekommen ist.

Bundeswehr, BGS und Amerikaner hätten auch ihre Spitzel im Ort zu DDR-Zeiten gehabt. Hier war eine hohe Militärkonzentration. Fulda-Gap. Wir diskutieren über Zeitgeschichte, die 68er und schließlich bietet er mir an, morgen sein Atelier zu besuchen.

Tag 9 (26.07.2018): Von Irmelshausen nach Weimarschmieden

Gasthaus zur Linde in Irmelshausen

thüringisches Franken: auf dem Weg nach Berkach

Ehemalige Synagoge in Berkach. Sehr schön restauriert.

jüdischer Friedhof in Berkach

kleiner See bei Nordheim

Verfallener Beobachtungsturm an der ehemaligen Grenzübergangsstelle (GÜST) Henneberg / Eußenhausen

Blick von der GÜST nach Thüringen

demolierte Steelen am Goldenen Tor

Erinnerungsstätte Goldenes Tor

Tag 9 (26.08.18):  Von Irmershausen nach Weimarschmieden

Km: 322 – 362

Nach dem Frühstück um halb acht versuche ich noch vor der richtigen Hitze zu starten, aber irgendwie klappt es nicht. Das Zimmer sieht mit den vielen Sachen auf dem Boden immer wie nach einem Bombenabwurf aus. Sorry. Der Vergleich trifft angesichts des Ernstes des 2. Weltkrieges wohl nicht die Sache, aber das sind halt die Sprüche der 50er und 60er Jahre.

Im ersten Ort des Tages werde ich von meinem etwas störrischen Kunstmaler vom vergangenen Abend überholt und er hupt freundlich. Ich halte an. Wir unterhalten uns kurz und switchen auf das Du um. Er restauriert Häuserwände, hauptsächlich Fachwerk, und ist auf dem Weg zu einer Baustelle im Osten. Wir tauschen unsere Adressen und Telefonnummern aus und laden uns gegenseitig zu Besuchen ein. MARTa in Herford ist ihm natürlich ein Begriff. Das erste persönliche Geschenk an diesem Tag. Eins von vielen, das ich bisher auf dieser Reise erhalten habe und zukünftig noch bekommen werde. Sehr persönliche Begegnungen mit Menschen beiderseits der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in Ost und West.

Über das deutsch-deutsche Freilandmuseum Behrungen geht es bergan nach Berkach, wo ich vor der verschlossenen Tür der nach 1990 schön restaurierten Synagoge stehe. Eigentlich sollte jemand in dem Nachbarhaus wohnen, aber es wird nicht geöffnet. Das Badehaus und der Friedhof geben einen nachdenklichen Eindruck der ehemaligen jüdischen Gemeinde, die in den Dreißiger Jahren ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht hat. Ich erinnere mich an Georg Iggers, dem in Hamburg 1926 geborenen  und im November 2017 in Buffalo, N.Y., verstorbenen Holocaust-Überlebenden, Geschichtsprofessor, meinen akademischen Lehrer von 1979 bis 1981 und väterlichen Freund, dessen Vorfahren auch aus einem kleinen Dorf im Schwäbischen kamen (Iggersheim). –  Die Menschen geben bereitwillig Auskunft. Sie akzeptieren anscheinend die Geschichte ihres Orts.

Auf dem Trecker kommt mir ein Mittfünfziger entgegen und fragt mich, was ich hier mache. Für den Besuch des jüdischen Friedhofes hat er Verständnis. Er berichtet von einem Dresdner Polizisten, der sich seinen Urlaub aufgespart und den ganzen Weg zu Fuß gemacht hat. Chapeau! Er fragt mich nach meinem Alter und schüttelt ungläubig den Kopf … und wünscht mir gute Fahrt.

Am schönen kleinen Teich (oder ist es wohl eher ein kleiner See?) bei Nordheim mache ich in der kleinen Freizeitanlage des Angelvereins eine kleine Rast. Steil geht es dann nach Henneberg hoch. In der Mittaghitze bietet mir eine Frau freundlicherweise Nachschub für meine 1,5 Liter-Wasserflasche an.

Von dem Nationaldenkmal Skulpturenpark Deutsche Einheit bin ich enttäuscht. Gegenüber dem ehemaligen B-Turm befindet sich das Goldene Tor, aus Holz und von Berufsschülern hergestellt. Zwei der vier Metallwände liegen auf dem Boden, sind anscheinend umgeworfen worden. Die Inschrift ‘WIR SIND’ ist nicht zu sehen. Auch unter der verblassten Brücke des Goldenen Tors ist ein Kunstwerk umgeworfen worden. Vandalismus mit politischem Hintergrund.  …? Auf alle Fälle steht auf der noch aufgerichteten rechten Stele unter dem Wort ‘VOLK’ aufgesprüht ‘of the New Europe’. Die Aussage ist klar und eindeutig. Lässt hier die AFD grüßen?

In Henneberg sieht es leider wieder etwas nach Downtorn Laramie im Mittleren Westen aus: Die Gastwirtschaft, für das am Ortseingang geworben wird, ist schon seit einigen Jahren nicht mehr in Betrieb und der Imbiss hat nur von 7 bis 14.00 Uhr auf. Zu spät. Pech gehabt.

Über das von DDR-Grenzsoldaten geschliffene Dorf Schmerbach, nur ein kleiner Hain mit Gräbern ist geblieben, fahre ich in Richtung Fladungen, komme aber etwas vom Weg ab. Eine sportliche Walkerin kurz vor Helmershausen verweist mich auf eine Übernachtungsmöglichkeit im Weimarschmieden, dem nördlichsten Ort in Bayern mit sage und schreibe 46 Einwohnern. Auch diesen Anstieg schaffe ich noch. Von Jenny, der Tochter meiner Frau Ellen, bekomme ich die Nachricht, dass sie ihre Bachelor-Prüfung erfolgreich bestanden hat. Herzlichen Glückwunsch!

Im Gasthaus Zur Weimarschmiede komme ich relativ kaputt an. Die Wirtin hat gerade ihre Damen-Tanzgruppe zu Gast und eine Übernachtung ist nicht mehr möglich. Jana und Axel, zwei Angestellte, versuchen mir ein Zimmer in Stockheim zu organisieren, aber das würde bedeuten, dass ich 10 km zurück fahren müsste. Der Akku muss nachgeladen werden. Wenn ich einen Schlafsack hätte, heißt es schließlich, könne ich noch auf der Couch in der Ferienwohnung nebenan übernachten. Ein Geschenk!

Jana erzählt mir vom Leben in Ost und West sowie ihrem viel zu früh verstorbenen Vater. Eine traurige Geschichte. Die Jäger, die vom Niederrhein für`s Wochenende gekommen sind, um bei einem Freund, der seit zwei Jahren hier ‘ausgestiegen’ ist und in der Ruhe des ehemaligen Grenzgebietes lebt, auszuspannen, sind recht leutselig. Als ich vom Schicksal meines auf der Jagd erschossenen Opas berichte, sagt einer von ihnen: „Passiert halt öfters.“ – Ich antworte nur, dass ich darüber nicht lachen kann.
Vollkommen kaputt falle ich abends in den leichten Schlafsack, den mir Theresa zum Glück mitgegeben hat.

Tag 10 (27.07.18): Von Weimarschmieden nach Hilders

Gasthaus Zur Weimarschmiede

7 km Anstieg von Fladungen zum Schwarzen Moor

Blick vom Berggasthof Sennhütte (Schwarzes Moor) auf Fladungen

Schwarzes Moor: Mittagsschläfchen auf der Holzbank

verblasster DDR-Grenzpfahl mit Originalgrenzsicherungsanlagen in der Nähe des Schwarzen Moors

Gedenkstein an die Öffnung der Grenze für die hessischen Wallfahrer nach Vierzehn Allerheiligen (an der Straße nach Frankenheim)

Theresa: der Besuch aus der Heimat. Kirche in Hilders

Mit Theresa und Jannis beim Abendessen

Tag 10 (27.07.18):  Von Weimarschmieden nach Hilders

KM: 362 – 400

Nachts wache ich von Krämpfen in den Beinen auf. Beim Aufwachen spüre ich noch die Strapazen der gestrigen Tour. Die Tatsache, dass ich keine Bettwäsche hatte, war kein Problem. Theresas Schlafsack hat seine Dienste getan.

Beim Frühstück komme ich ins Gespräch mit der Freundin der Wirtin, die aus der Schweiz kommt und als Psychologin jugendliche Flüchtlinge betreut. Ihr Mann wurde in Venezuela erschossen, als beide bei der Drogenfahndung tätig waren. Es ist bedrückend. Sie berichtet von ihrer multikulturellen und internationalen  Familiengeschichte und von persönlichen Erlebnissen in den folgenden Jahrzehnten. Ihre Kinder sind und bleiben – wohl wie sie selbst auch – in diesem ehemaligen Zonenrandbezirk eine Fremde, die zwar mit ihrem Partner ein zeitweises Refugium gefunden hat, sich jedoch den Verbleib in dieser Grenzgegend bis zum Ende ihres Lebens nicht vorstellen kann.

In Fladungen steuere ich den ersten Friseurladen an. Leider hat der Friseur viel zu tun und verweist mich an die Konkurrenz. Es ist mittlerweile mal wieder brütend heiß und die Klimaanlage ist sehr angenehm. Die Auszubildende stutzt mir den inzwischen zottelig gewordenen Bart. Ein tolles Gefühl, als ich den Laden verlasse. Heute ist der letzte Schultag vor den nun beginnenden Sommerferien in Bayern.

Von Fladungen geht es steil über eine Distanz von 7 km zum Schwarzen Moor hoch. Ich merke, dass ich mittlerweile auf meiner Reise in der Rhön angelangt bin. Die ersten 4 km strampele ich noch routiniert im Sport-Gang, irgendwann muss der Turbo eingeschaltet werden. Ich habe das Gefühl, dass dieser Anstieg meine erste Gesellenprüfung auf dieser Tour ist. Nach zehn Tagen. Oben auf dem Berggasthof Sennhütte angekommen, genieße ich die herrliche Aussicht und eine etwas zu kalte Bionade.

Im Schwarzen Moor, einem Teil des UNESCO-Biospärenreservats, bekomme ich erst einmal einen Rüffel, weil es anscheinend nicht erlaubt ist, mit einem Fahrrad das Naturschutzgebiet zu befahren. Ich lege mich zu einem kurzen Nickerchen im Schatten auf eine Bank und versuche der Hitze ein wenig zu entfliehen. Im Informationszentrum mit Imbiss esse ich eine Thüringer Bratwurst, dem Bratwurstverkäufer, der ein Asylbewerber aus Syrien ist und eine zeitlang in der Türkei gelebt hat, sage ich zweisprachig: „shukran“ und „teşekkür ederim“.

Die nahen Grenzanlagen mit B-Turm sind mittlerweile Routine für mich geworden, ebenso wie der Hinweis auf eine Telefonnummer, die zur Besichtigung anzurufen sei. Ehemalige DDR-Grenzsoldaten berichten über ihre Erfahrungen in diesem Grenzabschnitt auf der Webseite www.forum-ddr-grenze.de. Über das thüringsche Frankenheim geht es wieder zurück in den ‘Westen’ mit einem Gedenkstein an der ehemaligen Grenze, von Pilgern errichtet für die Vierzehn Heiligen.

Im Hotel Deutsches Haus in Hilders komme ich gegen drei Uhr nachmittags an und mache einen so geschafften Eindruck, dass der unwesentlich jüngere Gastwirt eine meiner beiden Packtaschen die Treppe hoch in den 2. Stock trägt. Ich bin dankbar. Die Beine sind wirklich schwer. Ich falle nach der Dusche erst einmal ins Koma.

Der Fahrradladen um die Ecke hat Probleme, die richtigen Schrauben für meine Beleuchtungshalterung und die Schutzblechstrebe zu finden. Ein junger Mann, Handwerker aus dem thüringischen Frankenheim, fährt verschiedene Mountainbikes zur Probe. Seine Frau, geboren im hessischen Tann, fühlt sich in Frankenheim immer noch etwas als Fremde, – obwohl – in der Firma ihrer Eltern arbeiten Hessen und Thüringer ohne Probleme zusammen.

Ich freue mich, als abends dann Theresa und ihr Freund Jannis zu Besuch kommen. Wir verbringen einen schönen, unterhaltsamen Abend im Biergarten der Gaststätte direkt unter der Kirche. Zufall: unsere Tischnachbarn kommen aus Lockhausen, einem kleinen Nachbarort Herfords. Vor kurzem erst geehrt für 50 Besuche in Hilders. Wir genießen den Abend und schnäpseln mit den Lippern. Theresa zeigt keine Achtung vor ihrem Vater und dem Alter. Ich komme zu spät. Sie hat gerade schon bezahlt. Dem Kellner gebe ich zu verstehen, dass das gar nicht geht. Da er offensichtlich einen Migrationshintergrund hat, entwickelt er Verständnis für mich, aber was soll er machen, wenn eine junge Frau kommt und die Rechnung bezahlt. Ich schlucke nur. Ändern sich so langsam die Zeiten und gehöre ich nun mit meinen knapp 70 Jahren auf`s Altenteil?

Tag 11 (28.07.18): Hilders -Tann – Kleinfischbach – Hilders

Leihfahrräder sind vorhanden,aber keine E-Bikes

Blick auf Thann und die Rhön: schön, dass es mal eine Pause gibt, nach dieser ganzen Schieberei den langen Berg hoch

Anstieg nach Kleinfischbach

Hochzeit in Oberweid

Mann, oh Mann: Womit habe ich das nur verdient?

Blick auf die Wasserkuppe

geschafft: still alive

Tag 11 (28.07.18):  Hilders – Tann – Kleinfischbach – Hilders                                                  

KM: 400 – 430

Mit dem dicken Kopf hält es sich zum Glück am nächsten Tag in Grenzen. Mein Fahrrad ist repariert, das Problem mit den fehlenden Schräubchen hat sich zum Glück lösen lassen. Die Bereitstellung von zwei Leihfahrrädern für Theresa und Jannis stellt sich leider als etwas schwieriger dar: E-Bikes sind leider nicht mehr erhältlich.

Auf Fahrradwegen und kleinen Straßen geht es gemütlich nach Tann. Auf dem Marktplatz werden wir von einem älteren Mann angesprochen, der bereitwillig Auskunft über die Zeit vor der Wende hier im Grenzgebiet gibt. Der etwas vorlaute Enkel meint, wir müssten unbedingt zu Point Alpha in das dortige Museum fahren.

Der Anstieg nach Kleinfischbach ist nicht zu unterschätzen. Mi dem E-Bike trotz des Gepäcks im Prinzip kein Problem. Anders schon mit den ausgeliehenen City-Bikes, die ich mal kurzzeitig selbst fahre. Eine Qual, teilweise geht es nur im Schieben.

Von Kleinfischbach geht es über Unterweid nach Oberweid. In Unterweid ist der Mann mittleren Alters froh, dass er seine Arbeiten im Garten unterbrechen kann. Bis 1989 sei im Sperrgebiet alles sehr ruhig gewesen, man hätte sich geholfen und gegenseitig unterstützt. Nach der Wende sei der Neid ins Dorf eingezogen. Anhand der Autos habe man sich verglichen, früher hätten im Wesentlichen alle nur Trabbis gefahren und da hätte es solche Diskussionen und Gefühle nicht gegeben.

In Oberweid geraten wir in ein kleines Dorffest, eine Hochzeit. Über den Straßen sind Leinen gezogen, wir nannten dies früher in unserem Dorf in den 50er und 60er Jahren ‘Hemmen’. Die Kinder und Erwachsenen stehen am Straßenrand vor ihren Häusern und haben kleine Tischchen aufgebaut. Ich vermute, dass das Brautpaar für die Kinder Münzen werfen und mit den Erwachsenen einen Korn trinken müssen. Am Ende der Straße stehen die versammelten Fußballer und Trachtenmädchen in ihren Trikots bzw. Kostümen und bilden den Abschluss des Gratulationsmarathons.

Auf dem Weg nach Simmershausen eine „schöne“ Überraschung: Jannis weist mich darauf hin, dass im Vorderreifen eine Reißzwecke steckt. Nicht schon wieder, das wäre schon die zweite Schlauchreparatur auf der Reise. Zum Glück lädt uns ein fitter Rentner in meinem Alter ein, in seinem Hof im Schatten die Reparatur durchzuführen. Alles auspacken, das Reparatur-Set finden, aufpumpen, ins Wasser halten, nach den Bläschen gucken, aufrauen, Kleber verreiben, trocknen lassen, Flicken draufkleben… Es kam, wie es kommen musste: Um wenige Millimeter hatte ich mich vertan. Scheibenkleister! Auch noch bei dieser Hitze, aber zum Glück erhalten wir etwas zu trinken. Gastfreundschaft.

Über Feldwege und Wiesen geht es zurück in den Westen nach Simmershausen. Der bärtige Wirt am Anfang des Dorfes gibt uns etwas zu trinken. Wir haben das Gefühl, wieder ‘zuhause’ zu sein. Zur Begrüßung kommt der Spielmannszug des Dorfes mit Humba-Humba-Tätarä auf uns zu. Wir werden gleich gefragt: „Ihr seid doch hoffentlich keine Bayern-Fans?“ Jannis verdrückt sich angesichts der Übermacht. Ein letztes Mal müssen Theresa und Jannis die Fahrräder auf die Anhöhe schieben, bevor es mit einer rasenden Geschwindigkeit nach Hilders zurückgeht.

Den Abend verbringen wir in einer sehr guten Pizzeria, lassen es uns schmecken und genießen den italienischen Weißwein und den Vecchia Romagna. Theresa erzählt viel von ihrer beruflichen Situation, ihrer Karriere und den damit verbundenen ‘Problemen’. Was ist aus diesem kleinen, jungen Mädchen, dieser Azubine in den letzten zehn Jahren geworden? Bevor ich einschlafe, geht mir vieles durch den Kopf.

 

Tag 12 (29.07.18): Hilders – Schwarzes Moor – Ruhetag!

Theresa und Jannis am Beobachtungsturm in der Nähe von Frankenheim / Schwarzes Moor – eine unreale Situation für die beiden jungen Leute

Tochter und Vater am verblassten DDR-Grenzpfahl

Markplatz in Hilders

Tag 12 (29.07.18):  Hilders – Schwarzes Moor – Ruhetag !     

KM: 430

Ich merke beim Frühstück, wie körperlich ausgelaugt ich bin, vielleicht liegt es auch an den hochprozentigen Getränken der beiden vergangenen Abende. Mit Jannis’ Auto fahren wir zum Parkplatz am Schwarzen Moor Richtung Fladungen und gehen dann den Fußweg zum Beobachtungsturm mit den beiden Grenzzäunen. Man hat einen herrlichen Blick über die Rhön. Die Grenze wird angesichts des Anblicks des Grenzzaunes für die beiden ca. 30-Jährigen greifbarer, emotional nachvollziehbarer. – Erinnerungen werden wach an die Reise zu fünft (Theresa gerade ein Vierteljahr alt) im Mazda 626 von Herford nach Berlin (Ost) am 12. November 1989…

Nach der Verabschiedung von Theresa und Jannis gehe ich auf den Marktplatz und trinke einen Cappuccino. Mit dem Wirt des Gasthauses, der schon in vielen exzellenten Häusern gearbeitet hat, spreche ich über die Entwicklung des Gastgewerbes in den grenznahen Orten. Ein Traum von ihm ist, das gesamte Hotel noch mal mit 50 Asylbewerbern zu belegen. Das Gerede der Leute im Ort würde ihn dann auch nicht stören. Hinzukommt, dass die guten Zeiten in den 70er und 80er Jahren, als die Gelsenkirchener Bergleute um 11 Uhr mit dem Frühschoppen anfingen und nachts um 1 Uhr achtzehn Bier auf dem Deckel hatten, auch vorbei seien.

Mein erster richtiger Ruhetag. Ohne Fahrrad.

 

Tag 13 (30.07.18): Von Hilders nach Philippsthal

ehemaliger Bahnhof von Hilders

Anna und Lars mit ihrem treuen vierbeinigen Begleiter auf dem Weg mit Hausstand von Berlin nach Portugal. Mutig. Chapeau!

Schloss in Gaisa, Sitz der Point-Alpha-Stiftung

Gedenkstätte Point Alpha bei Gaisa

In der Ausstellung: biographischer Ansatz –  Verbindung von Mikro-(Einzelperson) und Makroebene (gesamtstaatliche Situation)

Drehflügel mit FRIEDEN, PEACE und MIR

Grenzzaun mit Beobachtungsturm am Point Alpha – vertrocknetes Gras weit und breit…

US-amerkanischer Beobachtungsturm

‚Glück Auf‘: angekommen im thüringischen Kali-Bergbaugebiet

Tag 13 (30.07.18): Fahrt von Hilders nach Philippsthal

KM: 430 – 478

Morgens merke ich, dass mir der gestrige Ruhetag gut getan hat, sowohl vom Kopf her als auch von der Muskulatur. Die liebliche Strecke nach Tann kenne ich schon. Im Supermarkt besorge ich mir Obst, Buttermilch und Studentenfutter.

Auf dem Weg nach Motzlar denke ich: Das gibt es ja gar nicht, du kannst deinen Augen nicht trauen. Ich begegne Anna und Lars mit ihrem adoptierten spanischen Hund Nelson. Sie kommen aus Potsdam und ziehen nach Portugal um, wo sie im Spätherbst ankommen wollen. Sie ziehen im wahrsten Sinne mit ihrem gesamten Hausstand, der sich in einem ca. 1,00 x 1,50 Meter großen Handwagen befindet. Ein Geschirr zum Ziehen wie vor einem Karren, anstatt Pferden. Strom für die elektronische Kommunikation (Webseite bei wordpress.com) liefern Solarzellen auf dem vergrößerten Handwagen. Sie schaffen am Tag ca. 15-20 Kilometer und haben Fulda als Ziel, immer Fahrradwegen folgend.

Ich frage nach der Motivation der beiden, die so in den Zwanziger sein müssten: Sie wollen aussteigen, sich nicht mehr den Zwängen des Büroalltags unterwerfen, obwohl… Lars arbeitet noch ab und an im Bereich des Internet-Shoppings, allerdings von unterwegs. Ich bewundere die beiden ob ihres Mutes, vielleicht auch wegen der Naivität, auf alle Fälle drücke ich ihnen meine Hochachtung aus. Zum Abschied wünsche ich ihnen viel Glück und gebe ihnen ein paar Euro für Hundefutter mit… Hier der Link zu ihrem Reiseblog: Erdenbürger. Was wir für Sachen machen.

Auf dem Weg nach Gaisa treffe ich im nächsten Ort einen Vater, der mit seinem Sohn, der bald 16 wird, eine Samson fertig macht. Es scheint, dass dieses Kleinkraftrad der DDR aus den 60er und 70er Jahren mittlerweile wieder Kultcharakter, nicht nur unter alten Leuten in Sachsen und Thüringen, sondern auch jungen Leuten hat.

Ich will Point Alpha, das Museum, besuchen und komme nach Geisa, wo ich in der Mittagshitze nur im Schlosshof etwas zu trinken bekomme. Die Stunde im Schatten tut mir sehr gut. Durch Zufall entdecke ich, dass es hier eine Point-Alpha-Stiftung gibt. Eine Internetrecherche ergibt, dass die Stiftung auch ein pädagogisches Programm durchführt. Preisträger sind Helmut Kohl, Gorbatschow, Bush, Schäuble etc. Kurzentschlossen betrete ich das Gebäude und komme mit zwei Kollegen aus der pädagogisch-didaktischen Abteilung ins Gespräch. Ich erzähle ihnen von meiner Grenzgänger-Tour 2018 und meiner Absicht, später evtl. darüber zu berichten. Es entwickelt sich ein interessantes fachliches Gespräch über Gedenkstättenpädagogik und die Frage, wie man dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer junge Menschen mit dem Thema vertraut machen kann. Wir vereinbaren, in Kontakt zu bleiben.

Mit einem heftigen Anstieg geht es hoch zum Museum und zur Gedenkstätte. Die Sonne brezelt. Eine Turbine dreht sich an und ab: Frieden, Mir, Peace ist auf den Flügeln zu lesen. Die Ausstellung ist vom Didaktischen gesehen sehr gut gemacht, Mikro- und Makroebene gut verbunden. Viele anschauliche Ausstellungsstücke und Videointerviews mit jungen und alten Menschen beiderseits der Grenze. Das amerikanische Lager Point Alpha ist fast unverändert, inklusive einem Weihnachtswunsch an die ‘Kollegen’ auf der anderen Seite der Grenze: „Fröhe Wiehnachten“.  ­–  Wie man es halt spricht …im Englischen.

Mit einer Besucherin komme ich über die Zeiten vor und nach der Wende ins Gespräch. Sie hat an einer großen Samstagsdemonstration in einer Kleinstadt in Thüringen teilgenommen. Die DDR-Erziehung und die Unterschiede zu Menschen aus dem Westen sind ihrer Ansicht nach wie vor in Kleinigkeiten festzustellen, so z. B. im Zusammenhang mit der Nutzung von Energie.

Im Lager und außerhalb habe ich das Gefühl, dass ich eher in Spanien und Italien im Sommerurlaub bin als in der Rhön. Kein Grün, alles verbrannt. Die Tageszeitungen berichten von der Sommerhitze und den Veränderungen des Klimas. Ich mache mir Sorgen und frage mich, was wir mit dem permanenten wirtschaftlichen Aufstieg, dem Verschwenden von natürlichen Ressourcen – zu meinem und unserem eigenen Vorteil – bewirkt haben.

So langsam kommen die Kali-Bergwerke beiderseits der Grenze mit ihren weißen, z. T. über 700 Meter hohen Bergen in Sicht. Es ist immer noch verdammt heiß. Zum Glück bekomme ich in Philippsthal noch ein Zimmer in einem Gasthaus. Ich bin geschafft und trinke wie üblich erst mal ein großes Radler und esse heute ausnahmsweise kein Fleisch, nur einen großen Salat. Der kurze Anstieg zum Gästehaus fällt mir verdammt schwer. Ich merke: die 36 Grad haben mir gereicht und mich mal wieder geschafft.

Tag 14 (31.07.18): Von Philippsthal nach Berka / Werra

Fahrt über die Brücke vom hessischen Philippsthal in das thüringische Vacha

Die ehemalige Druckerei in Philippsthal, die bis in die 50er Jahre mitten im Haus geteilt war. Je eine Hälfte gehörte zur BRD und zur DDR.

Hannelore D. bei der Erläuterung des Grenzverlaufs zwischen Philippsthal und Vacha

Grenzturm und modernes Grafitti in Vacha – Symbole der alten und der neuen Zeit

Mit Hannelore und ihrem Mann zuhause. Ein beeindruckendes Video über die Grenzöffnung im November 1989

Von Heringen (Werra) nach Berka (Werra). Ganz ohne Kontrolle, aber mit viel LKW-Verkehr …

Blick auf einen der Kaliberge

Kilometer 500. Es geht voran.

Tag 14 (31.07.18):  Von Philippsthal nach Berka

KM: 478 – 506

Von Philipsthal fahre ich nach Vacha, der thüringischen Schwestergemeinde auf der anderen Seite der Werra. Genau am Beginn der Brücke treffe ich auf Hannelore, die mich fragt, wo ich hinmöchte. Es scheint, dass sie sich auskennt. Sie erklärt mir den genauen Grenzverlauf, zeigt mir den Beobachtungsturm in Vacha und gibt mir eine Menge an historischen Informationen.

Sie hat den 11. November 1989 hautnah miterlebt und als Hobbyfilmerin die historischen Stunden des 11. und 12. November, den Abbau der Grenze nach 40 Jahren, den Menschenauflauf, das Rüber und Nüber miterlebt. Eine wirkliche historische Quelle.

Sie lädt mich freundlicherweise zu sich nach Hause ein, wo ich auch ihren Mann kennenlerne, der bei der Bundeswehr als Berufssoldat gearbeitet hat. Der Film aus dem Jahre 1989 dürfte einer der wenigen visuellen lokalen Zeitdokumente der Maueröffnung 1989 sein. Die Rechte wurden an ARD und ZDF übertragen, aber im Internet befinden sich viele Kopien, auch eine Zusammenfassung der Hessischen Staatskanzlei bei Youtube Die sehr persönlichen Stunden vergehen wie im Fluge.

Beim Anschauen des Films werden in mir alte Erinnerungen wach, der spontane, unangemeldete Besuch am 12. November in Ost-Berlin. Die Fahrt mit den drei Kindern, u. a. der erst dreimonatigen jüngsten Tochter, auf der Transitstrecke nach Berlin. Das Tanzen der Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor, das Hallo beim Eintreffen bei meinem Bruder Klaus und seiner Familie zum Abendbrot. Die Fahrt in der Nacht zurück. Das Unterrichten am nächsten Morgen nach wenigen Stunden Schlaf.  Mir kommen beim Anschauen des Filmes die Tränen …

Parallel zur mit Salzen und anderen Abwässern belasteten Werra geht es meistens über sehr befahrene Straßen nach Berka / Werra, wo ich in dem Gasthaus Zur Post heute relativ früh eine Unterkunft finde. Ich bin froh angesichts der Hitze.  Hier treffe ich Klaus, einen 82-jährigen sehr rüstigen Rentner, der als Flüchtlingskind aus Schlesien nach Berka kam und dort jahrzehntelang im Kalibergbau gearbeitet, später auch Lehrlinge unterrichtet hat. Drei Stunden haben wir die Geschichte der DDR, der Wende und Nachwendezeit hoch und runter diskutiert. Wir beide sind Thüringer, und er wundert sich über mein historisch-politisches Wissen. Ich gebe mich als Historiker mit engen Familienbanden in der DDR zu erkennen. Es ist schwül in dem Hof der Gastwirtschaft, aber die Zeit vergeht wie im Fluge. Ein beeindruckender Mensch, der früher mal in der SED war, aber wohl damals wie heute seinen kritischen Geist behalten hat.

Die Nacht muss ich das Fenster auflassen, der Straßenverkehr stört zwar, aber es kommt wenigstens etwas frische, kalte Luft herein.

Tag 15 (01.08.18): Von Berka/Werra nach Creuzburg

Gasthaus Zur Post in Berka / Werra

Bahnhof in Gerstungen: Verhör 1964 wegen Beatles-Bildern

Bahnhof Gerstungen

Kirche und Fachwerkhäuser in Neustädt

Blick auf Sallmanshausen

Werratal: Blick von Hessen nach Thüringen

Klaus Gogler beim Erläutern des Grenzverlaufs am Werra-Flußwehr

Historisches Foto vom Straßengrenzübergang Herleshausen – Wartha (vermutlich Fünfziger Jahre, Besitz: Klaus Gogler)

Tag 15 (1.08.18) :  Von Berka/Werra nach Creuzburg

Km: 512 – 547

Ich stehe morgens gegen sieben Uhr auf und setze mich in der Gaststube an den schön gedeckten Tisch. Die Frau, die gestern Abend im Wesentlichen den ganzen Thekendienst und den Service alleine durchgeführt hat, ist schon wieder auf den Beinen und hat das Frühstück für die Gäste vorbereitet. Die Erlebnisse und Einstellungen der DDR-Zeit sind ihr nach wie vor greifbar und wirken sich im Denken und Handeln aus. Nach einem dreiviertel Jahr im hessischen Bad Wildungen ist sie wieder nach Berka an der Werra zurückgekommen. Ebenso wie die Besitzerin der Gaststätte gehört sie einer Generation an, die anscheinend ein doch etwas anderes Koordinatensystem als ‚wir‘ aus dem Westen in der Regel haben.

In Gerstungen auf dem Bahnhof, wo früher die Interzonenzüge anhielten, um von Seiten der DDR bei der Ein- und Ausreise kontrolliert zu werden, treffe ich Thomas. Er ist Anfang fünfzig, in Nordhausen geboren, und arbeitet als Lokomotivführer. Er kennt die Situation und die Örtlichkeiten in Gerstungen zu DDR-Zeiten auch nur vom Hörensagen sowie von Fotos. Wieder diskutieren wir die Mentalitätsfrage, Unterschiede zwischen Ost und West, wenn es z. B. um Extraschichten geht. Ehemalige DDRler sind seiner Ansicht nach eher bereit, dem Dienststellenleiter bei Krankmeldungen aus der Patsche zu helfen.

Ein Blick einige Jahrzehnte zurück. Es ist das Jahr 1964. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich von dem DDR-Zoll aus dem Interzonenzug geholt werde, weil man bei mir aus der BRAVO ausgeschnittene Bilder der Beatles und Rolling Stones gefunden hat. Ich wurde zwei Stunden verhört und man teilte mir mit, dass solche Fotos in der DDR nicht erwünscht seien. Tante Rosemarie wartete auf mich in Heiligenstadt. Meiner Bitte, bei ihr von der Grenzstelle anrufen zu dürfen, wurde entsprochen. Ich sagte ihr, dass wohl hier „eine harte Welle“ zur Zeit angesagt sei und ich später kommen würde. In Heiligenstadt angekommen, fragte sie mich ganz entsetzt, ob ich nicht wüsste, dass alle Gespräche abgehört würden … Das war mir eigentlich egal. So ging es dann mit dem ersten Arbeiterzug nach Eisenach morgens kurz vor sechs weiter. Die neugierigen, etwas mitleidigen Blicke der Arbeiter habe ich noch konkret vor Augen.

In Herleshausen befand sich jahrelang der Straßenübergang zwischen der DDR und der BRD. Erstmalig komme ich im Mai 1965 mit dem Bundesgrenzschutz in Berührung. War es der in der DDR zu Propagandazwecken Richtung Westen in der Nähe von Burg ausgestrahlte Soldatensender oder der Deutschlandsender? Ich weiß es nicht mehr: Es wurden auf alle Fälle die westdeutschen Friedensfreunde zum gesamtdeutschen Pfingst-Jugendtreffen in Magdeburg eingeladen. Das Wichtigste: Man musste nicht wochenlang vorher ein Visum beantragen, sondern konnte direkt zur Grenze fahren und es dort erhalten.

Der BGS staunte nicht schlecht, dass ich als 16-Jähriger mit meinem Kleinkraftrad Marke Kreidler dort angefahren kam. Zunächst wurde im Betrieb meines Vater angerufen, der telefonisch seine Zustimmung geben musste. Über Heiligenstadt (Besuch meiner Oma und Tante) und den Harz fuhr ich dann nach Magdeburg. Dazu aber später Genaueres. Auf alle Fälle wunderte ich mich vier Jahre später, dass ich zu Beginn meiner dreijährigen Bundeswehrzeit während der Grundausbildung in Lüneburg an einem Montagmorgen vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) verhört wurde. Der MAD wollte wissen, weshalb ich nach Magdeburg gefahren sei. Seit dem Jahr 1965 hatte ich wohl eine Akte bei den Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik. Im Gegensatz zu heute waren allerdings Verfassungsschutz und MAD wohl nicht elektronisch vernetzt, ansonsten hätte ich wohl die Prüfung zur Aufnahme als Offiziersanwärter in Köln nicht bestanden …wohl auch wegen einer 1965 von mir organisierten Diskussion zu den Notstandsgesetzen in Hann. Münden….

Gute zehn Jahre später (war es 1976 oder 1977? – ich weiß es nicht mehr) fuhr ich mit meinem Renault 4 und einigen Freunden vom Marxistischen Studentenbund Spartakus aus Darmstadt nach Weimar, um u. a. auf Einladung der SED oder der FDJ politische Gespräche zu führen und das KZ Buchenwald zu besuchen. Auf der Rückfahrt war die Begrüßung durch die Bundesgrenzschutzbeamten auch sehr aufschlußreich: „Na, wart ihr auf Geschäftsreise im Osten?“ – Anscheinend waren nicht nur die Staatssicherheit der DDR, sondern auch der Verfassungsschutz und der Bundesgrenzschutz der BRD gut informiert.

In Herleshausen komme ich mit Annita ins Gespräch, die hier geboren wurde, aber jahrzehntelang in Kassel gewohnt hat, bevor sie mit ihrem Mann das elterliche Haus wieder bezog. Sie bietet mir freundlicherweise Obst und etwas zu trinken an. Gastfreundschaft. Erneut diskutieren wir die unterschiedlichen Mentalitäten in OST und WEST, allerdings auch die zunehmende Rechtsentwicklung in Thüringen. Sie versucht Klaus Gogler, den (!) Experten in Herleshausen zur deutsch-deutschen Geschichte, zu erreichen und uns bekannt zu machen. Schließlich klappt es.

Klaus Gogler ist schon vom Äußeren eine beeindruckende Persönlichkeit. Groß gewachsen, Rauschebart, Haarzopf kommt der 67-Jährige mit seinem Mountainbike sportlich angeradelt und sprudelt all seine Informationen über die Situation während der 40-jährigen Existenz der DDR heraus. Es ist beeindruckend. Er fährt mit mir zum Flußwehr in der Werra, den ehemaligen Grenzbaracken des Straßenübergangs, von denen leider nichts mehr zu sehen ist, ebenso zum Bahnhof Herleshausen. Dort wurde er geboren, also auf DDR-Hoheitsgebiet. Sein Großvater, obwohl Bürger der BRD, war Beschäftigter der DDR-Reichsbahn – allein der Name schon ein gewisser Antagonismus. Im Bahnhofsgebäude befindet sich heute ein Museum, das sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der letzten Kriegsheimkehrer aus der Sowjetunion beschäftigt. Herleshausen war erste Station in der Bundesrepublik.

Obwohl wir nun schon mehrere Stunden gemeinsam verbracht haben und uns auch unsere Lebensgeschichten en passant erzählt haben, begleitet mich Klaus, der im übrigen 2011 die Tour entlang des Grünen Bandes in 30 Tagen absolviert hat, auf seinem Fahrrad nach Creuzburg. Klaus ist ein wandelndes Lexikon. Natur, Grenzgeschichte, Menschen diesseits und jenseits des Zaunes – er hat einfach alles im Kopf!

In Creuzburg versuche ich nahezu vergeblich eine Unterkunft zu finden. Schließlich landen wir in dem Gasthaus ‚Zur Torpforte‘ mit schönem Hinterhof, nahe am Felsen gebaut. Wir treffen ein Ehepaar aus Oldenburg, das vier Tage entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gewandert ist. Erholung pur. Klaus ist ein sehr kommunikativer Mensch, nach mehreren Bier und Magenbittern wird er von seiner Frau abgeholt. – Wir versprechen uns, in Kontakt zu bleiben.

Tag 16 (02.08.18): Von Creuzburg nach Großburschla

Verfahren! – Macht nichts! Dafür geht es jetzt an der malerischen Werra entlang.

Ein Glück, dass es überdachte Sitzgelegenheiten gibt.

die malerische Werra

Kirche in Mihla

historisches Hotel in Mihla

weiter im schönen Werratal

Werra bei Frankenroda: Gespräch mit Willi

ohne Kommentar …

Rathaus in Treffurt: unfreundliche Bedienung in der Eisdiele

Tag 16 (02.08.18):  Von Creuzburg nach Großburschla

KM: 547 – 582

Die Nacht, als der Regen kam…
In der stickigen Ferienwohnung, die sich in den letzten Tagen der Gluthitze höllenähnlich aufgeheizt hatte – man spricht mittlerweile vom Jahrhundertsommer -, musste ich das Fenster aufmachen. Jedes Auto, das auf der Straße vorbeifuhr, war zu hören. Es war mir egal. Ich habe es genossen, als es plötzlich anfing, etwas zu regnen. Eine wahre Erholung.

Das sparsame Frühstück gerät noch spärlicher durch das Gespräch mit der Mutter der Wirtin, ehemalige DDR-Unterstufenlehrerin: „Man darf ja heute nichts mehr sagen, es gibt keine Meinungsfreiheit“. Auf die Gegenfrage, ob es denn diese zu DDR-Zeiten gegeben habe, wird mir geantwortet, dass sich im Kollektiv alle einig gewesen seien und man offen habe reden können. Wenn da mal die Abteilung Horch und Guck (Staatssicherheit) das auch so gesehen hätte. „Den Politikern kann man heute sowieso nichts mehr glauben. Und was alles im Essen heutzutage ist“. Die Ernährung in der DDR sei viel besser gewesen. Von den vielen Flüchtlingen wollen wir gar nicht sprechen. Es hört sich nach Verschwörungstheorien an, Verherrlichung der DDR-Zeiten. Und natürlich zum Schluss: bekennende AFD-Wählerin.

Kein Wunder, dass ich aus Creuzburg kommend nach der doch etwas zu kurzen letzten Nacht und dem sehr interessanten Gespräch – ich frage mich, ob ich nicht deutlicher hätte Kontra geben sollen – diesen Ort so schnell wie möglich verlassen sollte. Alle Cafés und Gaststätten hatten am frühen Morgen noch zu und ich trat meine ‚Flucht‘ nach vorne an. Nach ca. einer Stunde merke ich dann, dass ich den ehemaligen Grenzverlauf verlassen habe und mich auf dem schönen Fahrradweg entlang der Werra befinde. Auf einer überdachten Bank, wenige Meter über der malerischen Werra gelegen, mache ich dann Rast, aber nur um auf dem Laptop meinen Rückstand von einigen Tagen beim Tagebuchschreiben zu verkürzen. Ein älteres Ehepaar fährt auf dem Fahrrad mit dem etwas scheuen Enkelkind aus der Nähe von Stuttgart vorbei. Nein, die eigenen Kinder wollen nicht mehr nach Thüringen zurück. Sie haben studiert und wohnen in Großstädten.

Vorbei an ’sauberen‘, modernen (kleinen) Industriebetrieben komme ich nach Mihla. Direkt gegenüber der Kirche, die leider verschlossen ist, aber deren Innenraum durch Scheiben betrachtet werden kann, befindet sich ein Döner-Imbiss. Der Gastraum ist belegt von einer drückenden, schwülen Hitze. Ich bestelle mir eine Dönertasche und trinke Ayran. Nachher komme ich mit dem Dönerbudenbesitzer ins Gespräch. Er lebt und arbeitet in Mihla seit 18 Jahren, davon 10 Jahre selbstständig. 80 Stunden die Woche, sieben Tage die Woche, außer über die Weihnachtsfeiertage.

In die alten Bundesländer wolle er nicht. „Nein, dort kann ich meine Kinder nicht richtig großziehen. Alles nur ‚Misch-Masch‘, dort werden meine Kinder weder richtige Türken-Kurden noch Deutsche.“ Er fühlt sich hier wohl, wird sogar von der Nachbarin, die für die NPD im Stadtrat sitzt, akzeptiert. Er fühlt sich als Ausländer, die Fremden jedoch aus Ungarn, Polen und Rumänien seien für die einheimische Bevölkerung keine richtigen Ausländer.

Entlang der Werra komme ich nach Frankenroda. Dort treffe ich Willi, Jahrgang 1945, der schon seit ca. 40 Jahren im ehemaligen Sperrgebiet wohnt. In der DDR war er politisch immer aufsässig. Den Einmarsch in die CSSR 1968 hatte er kritisch gegenüber gestanden und sich geweigert im Rahmen einer Unterschriftenaktion diesen gutzuheißen. Als Folge war er zunächst aus der SED geflogen, dann wegen staatsfeindlicher Propaganda zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.  Relativ schnell jedoch konnte er nach der zweimonatigen Bewährungsprobe im Gleisbau wieder in seinem alten Beruf als Maschinenführer arbeiten.

Die Wende hat er schnell „verkraftet“, als zweiter im Ort ein West-Auto, einen Audi, angeschafft, und damit kam natürlich auch der Neid in der dörflichen Gesellschaft auf. Dass die Bewohner des Sperrbezirks eine Extra-Zulage bekommen haben sollen, war mir neu, wurde aber im Laufe meiner Reise des Öfteren bestätigt. Im Winter 1989/90 habe er sich schnell zurecht gefunden, weil er – wie viele andere auch – die Unterschiede zwischen Ost und West zu Tausch- und Kaufgeschäften genutzt hatte.

In Treffurt komme ich relativ verschwitzt gegen halb sechs an und versuche so langsam eine Unterkunft zu finden. In der Nähe eines kleinen ‚Grenzhäuschens‘, in dem man mit dem einen Bein in Thüringen und dem anderen in Hessen steht, finde ich einen Handzettel: Übernachtungsmöglichkeit in Großburschla, einer ehemaligen DDR-Enklave, die in der Nähe von Eschwege/Wanfried in die Bundesrepublik hineinreichte. Nach einigen Kilometern und mehrfachem Durchfragen finde ich die relativ neue Pension kurz vor der Grenze zu Hessen. Die Unterkunft ist zwar sauber, aber das Speisenangebot übersichtlich und der Internetzugang lässt – wie so oft – sehr zu wünschen übrig.

Tag 17 (03.08.18): Von Großburschla nach Heilbad Heiligenstadt

Kurz nach Großburschla: erster Blick auf die alte Heimat – das Eichsfeld

Rathaus im hessischen Wanfried – mit E-Bike-Ladestation

ehemaliger Grenzübergang am Kloster Hülfensberg – vier junge Reiterinnen

Erinnerung an die deutsche Teilung – errichtet Anfang der 90er Jahren von Katholiken

herrlicher Blick von der Kanzel des Hülfensbergs

Klosterkirche Hülfensberg

zugewachsener Waldweg runter nach Geismar

Blick von den Dieteröder Klippen auf das Südeichsfeld

Gedenkstein für meinen auf der Jagd erschossenen Großvater – ca. 1 km vom Forsthaus Heiligenstadt Richtung Kalteneber entfernt

Tag 17 (03.08.18):  Von Großburschla nach Heiligenstadt

Km: 592-630

Gut ausgeschlafen stehe ich auf und freue mich auf das Kloster Hülfensberg. Nachdem ich mit meinen Tagebucheinträgen hinterherhinke und morgens mindestens einen Tag abarbeiten muss, komme ich so gegen halb zehn los. Es sollen wieder über 30 Grad werden.  Ich komme mit der Wirtin ins Gespräch: Großburschla ist zu DDR-Zeiten wegen des seltsamen Gernzverlaufs aus der DDR nur über einen eigens gebauten Damm zu erreichen gewesen.  Die Kinder der Wirtsleute haben studiert und leben teilweise in der Nähe von Braunschweig. Die Wirtin macht sich Sorgen, was mal mit ihr und ihrem Ehemann später im Alter werden soll – die Kinder soweit entfernt.

Nächste Station ist Wanfried, das ein wahrlich schön restauriertes Fachwerkhaus als Rathaus besitzt. Im Hof befindet sich eine Aufladestation für E-Räder. Übrigens: In Wanfried wurde am 17. September 1945 das so genannte Wanfrieder Abkommen zwischen der sowjetischen und US-amerikanischen Besatzungsmacht abgeschlossen. Zwischen Eichenberg und Werleshausen verlief die Nord-Südstrecke der Eisenbahn wenige Kilometer über thüringisches Gebiet, das zur sojwjetischen Besatzungszone gehörte.  Durch den Austausch von kleineren thüringischen und hessischen Gebieten wurde es den Amerikanern ermöglicht, ihre Truppenzüge ungestört von Bremerhaven in den Süden Deutschlands laufen zu lassen.

Von Wanfried fahre ich mit dem stärksten Gang meines E-Bikes den Berg nach Döringsdorf hoch. Ein steiler Anstieg. An der Stelle, wo früher die Grenze verlief, haben Anfang der 90er Jahre Katholiken aus dem Eichsfeld ein großes Kreuz zur Erinnerung an die Teilung Deutschlands aufgestellt. Ein Steinwurf entfernt befindet sich eine kleine Kapelle. Ich zünde wie so oft, wenn ich in einer Kirche bin, drei Kerzen an.

Bei der Weiterfahrt traue ich meinen Augen nicht. Es kommen vier jugendliche Reiterinnen auf der Straße den Berg hochgeritten und passieren das große braune historische Hinweisschild, das darüber informiert, dass hier bis zum 25. Dezember 1989 um 6 Uhr in der früh Deutschland und Europa geteilt gewesen seien. Die erste Reiterin kommuniziert mit ihrem Handy, die anderen drei trotten hinterher… Ich vermute mal, dass ihnen gar nicht bewusst ist, dass hier die Grenze verlief, geschweige denn dass Menschen und Generationen vorher getrennt waren und Leid erfahren haben.

Den sehr steilen Aufstieg zum schon seit Jahrhunderten bestehenden Kloster Hülfensberg schafft mein E-Bike gut. Oben angekommen habe ich eine herrliche Aussicht von der Kanzel. Sowohl die Kirche als auch die Kapelle haben etwas Eigenartiges, es ist wie in vielen Gotteshäusern eine starke Spiritualität zu spüren. Die Kühle tut ebenso gut.

Ich will mich bei Bruder Rudolf für den häufigen E-Mail-Verkehr bedanken. Vor wenigen Tagen habe ich eine Absage erhalten, dass ich die von mir geplanten drei Tage zur Einkehr, zur Besinnung und zum Rückblick auf die bisherige Reise nicht im Kloster verbringen kann. Man sei ausgebucht bis zum Oktober. Trotzdem kommt es zu einem kurzen Treffen mit dem Franziskanermönch, der aus Ostwestfalen stammt und seit einigen Jahren mit zwei seiner Mitbrüder die Tradition des Kolsters fortsetzt.

Er berichtet von den Ereignissen des Jahres 1989, insbesondere der Tatsache, dass der damalige nur noch allein das Kloster bewohnende Pater am frühen Morgen des Weihnachtstages 1989 eine Messe mit 1000 Gläubigen aus den umliegenden Orten abhielt, bevor sie gemeinsam zum neu errichten Grenzübergang gegangen sind und die 400 schon wartenden Menschen aus dem Westen trafen. Welch ein historischer Moment muss dies nach all den Jahren der Teilung gewesen sein!

Da ich nicht direkt auf der Straße nach Heiligenstadt fahren will, geht es mal wieder über einen Feldweg, zunächst zweimal in die Irre mit Endstation, bevor ich den richtigen, schmalen Pfad finde, dann aber zweimal das Gepäck abschnallen muss, um schließlich alles einzeln, Fahrrad und Gepäck, über einen Baumstamm zu heben.

In Geismar erhalte ich freundliche Auskunft. Eine Gaststätte, die auf hat, gibt es zwar nicht,  aber einen Netto-Supermarkt: „Geh doch zu Netto“. Es ist alles unwirklich für mich. Nagelneuer Supermarkt hier im ehemaligen Sperrgebiet. Man kann herrlich abkühlen im Inneren und der mindestens zehn Jahre ältere, drahtige Radfahrer, den ich dort antreffe, fährt täglich noch einige Stunden.

Nach Volkerode und Kella, wo mein Vater 1945 angefangen hat zu unterrichten, komme ich, wie ursprünglich geplant, heute nicht mehr. Ich sehe zu, wie ich in der sengenden Hitze durchs hügelige Eichsfeld nach Heiligenstadt in das gebuchte Wellnesshotel gelange.  Über Ershausen fahre ich in der Mittagshitze durch verschlafene Dörfer wie z. B. Lehna, Rüstungen und Dieterode Richtung Norden. Zum Glück erlaubt mir die nette Wirtin in Dieterode meinen Akku wieder aufzutanken. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Tettau lässt grüßen. Der Schmandkuchen, wohl eine Eichsfelder Spezialität, ist ein Gedicht. Von den Dieteröder Klippen, sie sehen wirklich so aus, hat man einen herrlichen Ausblick in das südliche Eichsfeld, bis in den Westen.

Über Kalteneber geht es hoch zum Fortshaus im Heiligenstädter Stadtwald. Ich suche den Gedenkstein für meinen auf der Jagd erschossenen Großvater, der am 11. Dezember 1960 dort in seinem Revier bei einer Treibjagd von einem Mitglied der SED-Kreisleitung, einem unerfahrenen Jäger, durch zwei Schüsse getötet worden ist. Der Todesschütze wurde im folgenden Jahr dann zu eineinhalb Jahren auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Umstände – es war klare Sicht und die Bäume weit auseinander stehend – bleiben bis heute mysteriös. Der Gedenkstein war seinerzeit von meinem Onkel Ernst aufgestellt und ist in den letzten Jahren von ehemaligen Forstkollegen, u. a. Bernhard Fahrig aus Niederorschel, mit neuer Farbe restauriert worden.

Auf der Sitzbank erinnere ich mich an die bedrückenden Tage des Dezember 1960, an die Totenmesse im Heiligenstädter Redemptoristenkloster, die Beerdigung auf dem Friedhof unter massenhafter Anteilnahme der Bevölkerung. Ein schreckliches Ereignis, das mir bis heute in Erinnerung bleibt…

Kontrastprogramm: Ich fahre an dem ehemaligen Haus meiner Großeltern vorbei, das mittlerweile verkauft wurde, und gelange zum Best Western Hotel, dem ein Schwimmbad mit Saunalandschaft angeschlosssen ist. Mit meinem Gepäck komme ich mir irgendwie fehl am Platze vor.

Ellen, meine Frau, kommt aus dem Schwarzwald mit der Bahn angereist. Nach drei Wochen haben wir uns viel zu erzählen und verbringen einen netten Abend auf der Terrasse des Hotels.

Tag 18 (04.08.18): Heilbad Heiligenstadt – Ruhetag

altehrwürdiges Schwimmbad in Heiligenstadt – Fahrtenschwimmen …

… lang, lang ist’s her …

Krankenhaus Heiligenstadt. Hier wurde ich geboren. Hier hat man am 11.12.1960 – vergeblich – versucht, meinem Großvater nach den schweren Schussverletzungen das Leben zu retten.

Barockgarten mit Blick auf die Marienkirche, links das Heimatmuseum

Kurpark Heiligenstadt mit See – leider ist aufgrund der Hitzewelle alles etwas mehr braun als grün.

Sommerkonzert am Vital Park mit tollen Tanzdarbietungen … und die Gäste tanzen und tanzen selbst …

Tag 18 (04.08.18):  Heilbad Heiligenstadt – Ruhetag

Km: 630

Heute steht kein Fahrradfahren auf dem Programm! Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Außenterrasse kommen wir noch mit einer Kellnerin ins Gespräch: Sie ist in dem kleinen 200-Seelen-Ort Röhrig, wo ich einige Jahre meiner Kindheit bis zur Flucht aus der DDR verbracht habe, geboren.

Auf dem Weg in die Innenstadt kommen wir am Schwimmbad vorbei. Die Erinnerung holt mich ein. War es 1959 oder 1960, als ich als Neun- oder Zehnjähriger mit mir und dem Schwimmen gekämpft habe? 45 Minuten am Stück schwimmen, um das Fahrtenschwimmerabzeichen zu erhalten. Ich erinnere mich an die lange Zeit, die Minuten und Minuten, die nicht vergehen wollten. Kein Anfassen des Beckenrandes, immer schön im Wasser in Bewegung bleiben. Wurde u. a. hier die Grundlage für den späteren Ehrgeiz, alles zu bestehen und zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe, gelegt …? Beim Blick auf das schon leicht gefüllte Schwimmbecken werde ich mal wieder wehmütig wie schon öfters auf dieser Reise in die Vergangenheit.

Die Wilhelmstraße, wohl ein Relikt aus der Kaiserzeit, die zu DDR-Zeiten offiziell Karl-Marx-Straße hieß, aber von den Einheimischen nur Willem genannt wurde, hat sich seit der Wende verändert. Häuser haben neue Farben erhalten, Außencafés sind entstanden, aber auch eine Reihe von billigen Textilläden befinden sich genau wie in Herford mittlerweile dort. Ich kaufe mir ein leuchtendes T-Shirt, wahrscheinlich ein billiger Import. Mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. Ich habe oft Otto, einen Kollegen und Freund aus Herford im Kopf, der beim Fahrradfahren tödlich verunglückt ist.

Ich sehe eine Erinnerungstafel an Theodor Storm und seine Zeit in Heiligenstadt. Wo finde ich wohl eine Erinnerungstafel an den jungen Heinrich Heine und seine Zeit am Amtsgericht in meiner Heimatstadt?

Nach dem Besuch im VitalPark lauschen wir abends dem Sommerkonzert. Die Tanzdarbietungen der halbprofessionellen Paare sind eine Augenweide, die musikalischen Darbietungen der Band nur teilweise. Alles gesponsert von der Volksbank Mitte, einer Verschmelzung der Volksbanken Heiligenstadt und Duderstadt. Irgendwie habe ich immer noch das Gefühl, dass ich in einem anderen Film bin, obwohl es schon nahezu drei Jahrzehnte keine Grenze mehr gibt.

Beim Absacker an der Hotelbar kommen wir mit einer Mitarbeiterin ins Gespräch, die sich bewusst für das Arbeiten in Thüringen und nicht in Hessen entschieden hat, obwohl sie nur wenige Kilometer von der hessischen Grenze entfernt wohnt. Als Grund gibt sie Mentalitätsunterschiede an. Ein Aspekt, der sich bisher durch viele Gespräche zog.

Ein Tag ganz ohne Fahrrad tut gut …

Tag 19 (05.08.18): Heilbad Heiligenstadt

endlich – es kühlt mal ein wenig ab: Wolken über Heiligenstadt

Bank vor dem Bahnhof – was ist aus dem kleinen Jungen mit Lederhose geworden in all den Jahrzehnten? – Na ja, so klein und dünn wie einst ist er nicht mehr. Was ist sonst aus diesen Jahren übrig geblieben?

Steingraben 12: hier habe ich oft meine Tante Paula Meyer besucht. 9 Geschwister – alles Mädchen. Auf dem Bahnhof hieß es nur: „Schulklassen hinten einsteigen!“

Die evangelische Kirche auf dem Berg. Daneben das Nonnenkloster.

Wilhelmstraße am Sonntagnachmittag

Iberghaus: Blick auf Heiligenstadt. Vom Holzweg sind wir oft durch den Wald dorthin gewandert und eingekehrt.

Tag 19 (05.08.18):  Heilbad Heiligenstadt                                                        

Km: 630 – 652

Nach dem Frühstück fährt Ellen wieder in den Schwarzwald zurück, nicht ohne dass wir auf dem Bahnhofsvorplatz noch ein Erinnerungsfoto gemacht haben. Ellen fotografiert mich sitzend auf genau derselben Bank, auf der es im Sommer 1958, also zwei Jahre nach der DDR-Flucht meines Vaters mit mir, das letzte gemeinsame Familienfoto gegeben hat. Die vier Kinder in der Mitte, drei davon einheitlich gekleidet, sowie Vater und Mutter jeweils an den Außenrändern. Dies sollte der letzte Versuch der Familienzusammenführung sein … Die Trennung von meiner Mutter war bitter, aber letzten Endes bedeutete sie doch einen gewissen inneren Frieden, der angesichts der permanenten Eheauseinandersetzungen in den ersten Jahren meiner Kindheit nicht vorhanden war …

Nachdem ich Ellen im Zug nach Kassel hinterher gewunken hatte, habe ich erstmal versucht, eine preiswertere Unterkunft in Heiligenstadt und Umgebung zu finden. Mehrere telefonische Anfragen bei Hotels und Gaststätten waren erfolglos, weshalb ich zunächst etwas enttäuscht in die Stadt fuhr und schließlich einem Schild mit dem Hinweis auf eine Übernachtungsmöglichkeit folgte. MCH war dort zu lesen, als Abkürzung für Marcel-Callo-Haus. 

Ich staunte nicht schlecht, als ich Unter den Linden, eigentlich müsste es Lindenallee heißen, vor dem ehemaligen bischöflichen Konvikt stehe, einer Ausbildungseinrichtung für den Priesternachwuchs. Mittlerweile wird es als Familien- und Jugendbegegnungsstätte genutzt. Nachmittags kurz vor zwei ist die Tür verschlossen. Ich zögere, entschließe mich dann aber doch zu klingeln. Mehr als eine Absage kann es auch nicht geben, wenn überhaupt jemand da ist! Doch die Tür öffnet sich und eine etwas irritierte, zunächst unschlüssige Frau hört sich meine Geschichte an: in Heiligenstadt geboren und jetzt auf der Durchreise… Irgendwie muss ich wohl einen hilfsbedürftigen, aber doch noch halbwegs seriösen Eindruck gemacht haben. Ich darf jedenfalls mein Gepäck dort lassen und soll zwischen fünf und sechs wiederkommen. Ein Zimmer sei vorhanden.

Ohne Gepäck geht es steil zum Iberg-Gasthaus hoch. Ich habe die Gelegenheit, mit Herrn M. und seinem Vater zu sprechen, der mich noch von früher kennt und der mit seinem Sohn zusammen die Gastwirtschaft in der vierten Generation führt. Diese früher sehr beliebte Ausflugsgaststätte über der Stadt bietet einen herrlichen Ausblick auf Heiligenstadt. Wir sprechen über das Schicksal meines erschossenen Großvaters, auch über meinen Vater und meine Tante Rosemarie, die auch oft zu Gast war. Schließlich treffe ich noch einen über 80-jährigen Heiligenstädter, der zu DDR-Zeiten seinen Angaben zufolge immer Kontra gegeben, ansonsten aber seine Geschäfte gemacht hat.

Abends sitze ich nach dem gemeinsamen Abendessen mit der aus Jena angereisten katholischen Kinder- und Jugendgruppe – beim Beten und anschließendem Kreuzzeichen werde ich ein wenig argwöhnisch beäugt! – unter der herrlichen Linde im Innenhof des Konvikts und versuche meinen Rückstand im Tagebuchschreiben aufzuholen. Ich komme mit M., einem pädagogischen Mitarbeiter des Hauses, der erst seit kurzem hier im katholischen Eichsfeld ist, ins Gespräch. Ursprünglich kommt er vom Niederrhein, hat aber lange Zeit in Zwickau gelebt. Man merkt ihm an, dass er Theologie studiert hat und wir sind sehr schnell in ein sehr persönliches Gespräch über Gott und die Welt, das Transzendentale, aber auch über verschiedene Stationen in unserem Leben vertieft. Es entwickelt sich ein sehr persönliches Gespräch, das in den nächsten Tagen noch nachwirkt. Meine lebensgeschichtliche Reise, der Versuch nach sieben Jahrzehnten eine vorläufige Bilanz zu ziehen, ist dabei der Ausgangs- und Anknüpfungspunkt.

Tag 20 (06.08.18): Heilbad Heiligenstadt

katholisches Marcel-Callo-Haus in Heiligenstadt (Lindenallee)

Tag 20 (06.08.18)  Heilbad Heiligenstadt

KM: 640 – 652

Die Nacht schlafe ich sehr unruhig. Ich wache gegen vier Uhr in der Frühe auf und muss mich erst einmal orientieren. Das behindertengerecht eingerichtete Zimmer Nr. 163 im EG hat etwas Spartanisches, vielleicht liegt es auch an den doch sehr intensiven Diskussionen des vergangenen Abends. Ich setze mich unter die herrlichen Schatten spendende Linde und versuche, meine Tagebuchaufzeichnungen der letzten Tage auf den neuesten Stand zu bringen.

Ich überlege mir das Programm für die nächsten Tage und rufe zunächst meinen Cousin Ernst-Georg an, mit dem ich schon seit einigen Monaten wieder telefonischen Kontakt aufgenommen hatte. Der Zufall (?) will es, dass er gerade mit dem Auto am Marcel-Callo-Haus vorbeifährt. Spontan setzen wir uns auf eine Tasse Kaffee im Innenhof des früheren Konvikts zusammen und bringen uns persönlich und familiengeschichtlich auf den neuesten Stand. Schließlich haben wir uns mindestens seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen. So erfahre ich auch, dass er gerade heute Geburtstag hat.

Am späten Nachmittag fahre ich dann mit einer Flasche französischem Rotwein nach Geisleden zu seiner Geburtstagsfeier. Dort treffe ich auch seine Frau Barbara, seine Töchter Beatrix und Iris sowie die drei Enkel. Es ist von Anfang eine große Freude und Herzlichkeit. Es fühlt sich an wie ein familiäres Nachhausekommen im Eichsfeld. Kuchen und Gehacktes gehören natürlich dazu. In Windeseile organisieren meine Schwägerin und meine Nichten für mich in den kommenden Tagen ein Treffen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern meiner Eltern in Beuren sowie in Röhrig, wo beide als Lehrer/innen gearbeitet haben. Ebenso laden mich Iris und Beatrix zu sich nach Hause ein.

Abends treffe ich mich wieder mit M. im Marcel-Callo-Haus. Marcel Callo übrigens, und das verwundert mich schon ein wenig, ist der Namensgeber dieser Bildungsstätte in dem doch eher konservativ geprägten Eichsfeld. Er war ein französischer Laienpriester, der sich freiwillig zum Arbeitseinsatz in Deutschland gemeldet hatte, um seinen Landsleuten seelsorgerisch beizustehen. Seine klare Opposition zum NS-System hatte zur Folge, dass er ins Gefängnis musste und dann schließlich im März 1945 im KZ Mauthausen umgekommen ist. Von der katholischen Kirche wurde er  später selig gesprochen. Es ist zu hoffen, dass die jugendlichen Besucher nicht nur etwas über die Geschichte von Marcel Callo erfahren, sondern auch seinen Mut und seine Standfestigkeit in Fragen der Menschenrechte übernehmen.

Die wiederum sehr intensive Diskussion mit M. wird im Hotel Norddeutscher Bund, einem mittlerweile wieder sehr schön zurecht gemachten Hotel mit Außengastronomie, fortgesetzt. Dort treffen wir Freunde und Bekannte von ihm, die schon seit mehr als einem Jahrzehnt im Eichsfeld wohnen. Es ergeben sich in noch schwüler Hitze interessante Gespräche über die Mentalität der Eichsfelder, mögliche Unterschiede zwischen Ost und West, vielleicht auch die Unterschiede zwischen Menschen, die nah an der Grenze zu DDR-Zeiten gewohnt haben, also durch den kleinen Grenzverkehr immer schon mehr Kontakte mit der Bundesrepublik gehabt hatten als z. B. Menschen in Leipzig, Dresden, Bochum oder Köln. Es freut mich besonders, dass ein Gesprächspartner, der in der evangelischen Kirche aktiv ist, auch das Gefühl hat, dass man angesichts der rechtspopulistischen Propanganda so langsam aufstehen müsse und öffentlich und privat Farbe bekennen müsse.

Tag 21 (07.08.18): Heilbad Heiligenstadt

Forsthaus Heiligenstadt (Richtung Kalteneber)

Ausgetrockneter Waldweg (Nähe Gedenkstein)

Bernhard Fahrig auf dem Weg zum Gedenkstein

Mit Berhanrd Fahrig am Gedenkstein

Mit ehemaligen Schüler/innen meines Vaters im Schulhaus in Beuren

Schulklasse in Beuren. Mein Vater: hintere Reihe links (ca. 1952)

Turm auf dem Grundstück des Pfarrhauses

Pfarrhaus in Beuren

Hotel in Wingerode

Tag 21 (07.08.18):  Heilbad Heiligenstadt

KM: 652 -692

Am nächsten Morgen merke ich, dass der letzte Abend doch etwas zu lang war, zuerst Wein und dann Bier, wohl etwas zu viel bei der Hitze. Man ist halt nicht mehr der Jüngste. Um halb zehn fahre ich hoch zum Forsthaus in Heiligenstadt, ohne volle Gepäcktaschen, es ist ein langer Anstieg, aber mit dem Turbogang des Boschmotors meines E-Bikes geht es ohne Probleme den Berg hoch. Das Forsthaus hat nicht geöffnet, nur an Wochenenden. Eigentlich schade, aber doch wohl realistisch.

Um halb elf kommt Bernhard Fahrig, ein früherer leitender Forstbeamter im Forstamt Heiligenstadt. Bernhard hat im vergangenen Jahr mit Freunden den Gedenkstein für meinen auf der Jagd erschossenen Großvater im letzten Jahr restauriert, mit Bürsten die erhabenen Buchstaben wieder deutlich herausgearbeitet und dann die Buchstaben mit weißer Schrift lesbar gemacht. Die Thüringer Allgemeine hat darüber am 1. Juli 2017 berichtet.

Bernhard ist angesichts der lang anhaltenden Dürre um die Natur sehr besorgt. Er zeigt mir die Risse im Trampelpfad zum Gedenkstein. Es ist ein Bild wie im Sommer in Spanien oder Süditalien. Wo soll das mit dem Klimawandel noch hinführen? Er zeigt mir die vielen braunen Blätter, die auf dem Waldboden liegen. Ich stelle ihm die Frage, was in ein paar Jahren, Jahrzehnten unsere Kinder und besonders unsere Enkel uns fragen werden, was unser Beitrag zum Temperaturanstieg war. Wir haben – vielleicht – unsere Eltern nach ihrer Rolle im Dritten Reich gefragt. Werden unsere Enkel uns nach unseren Konsum- und Reisegewohnheiten in den letzten 30 oder 40 Jahren fragen? Ich interviewe Bernd auf der Bank sitzend. Zum Abschied bekomme ich eine Flasche Schnaps mit selbst aufgesetzter Wildkirsche geschenkt, die ich dann und wann ‚zur Feier des Tages‘ öffne und mir einen Schluck genehmige.

Es ist so heiß, dass ich erst mal wieder ins Konvikt fahre und mich eine halbe Stunde auf das Bett lege und die relative Kühle genieße. Um viertel nach eins hilft trotzdem nichts: Barbara hat freundlicherweise um zwei einen Termin für mich in der Schule in Beuren ausgemacht. Ich verschätze mich in der Entfernung und komme in der Gluthitze zehn Minuten zu spät an. Ich traue meinen Augen nicht. Drei noch sehr rüstige 80-Jährige und ein Mittsechziger, eine frühere Englisch- und Deutschlehrerin, begrüßen mich freundlich.

Welch ein Unterschied zwischen den alten DDR-Schulen und der Montessori-Grundschule, die sich jetzt in dem Gebäude befindet. Die Schulräume sind bunt bebildert eingerichtet, man fühlt sich gleich wohl, Kuschel- und Sitzecken inklusive. Man spürt den Hauch von Montessori-Pädagogik. Oben unter dem Dach befindet sich ein kleines historisches Kabinett, wie man in der ehemaligen DDR wohl sagen würde. Sehr liebevoll eingerichtet, alte Schulbänke, Zeugnisse, Klassenbücher, Trachten und sogar eine kleine DDR-Ecke mit FDJ- und Pionierhemd sind vorhanden. Und hier habe ich also meine ersten drei Jahre, von Ende 1948 bis Mitte 1952, verbracht. Es überfällt mich ein seltsames Gefühl. Ich werde nachdenklich. Vielleicht ist es auf dem Foto zu sehen?

Später sind wir bei Herrn R. und seiner Frau zuhause zum Kaffee eingeladen. Es werden verschiedene Storys über meinen Vater erzählt. Zwei Anwesende hatten bei ihm Mathematik und Sportunterricht. Sein Ansehen als Pädagoge war hoch, weil er allen Schwimmen beigebracht und Fahrradtouren unternommen hat. Was mich allerdings sehr verwundert hat, waren seine ‚handfesten‘ Argumente, von denen die Schüler berichteten. Backpfeifen schienen an der Tagesordnung zu sein und ein aufmüpfiger Schüler landete im Rahmen eines Boxkampfes wohl auch mal im Kohlekasten neben dem Ofen … Heute wohl alles unvorstellbar, aber in der damaligen Zeit war es gang und gäbe und die Schüler wagten sich dann nicht nach Hause, weil die Eltern vielleicht die rote Backe hätten sehen können und es nochmal eine gesetzt hätte. Ich bin verwundert ob dieser Berichte. Mein Vater hat mich trotz aller Probleme und Auseinandersetzungen nie geschlagen …

Das alte Pfarrhaus wird restauriert. Wehmütig schaue ich mir den verkleinerten Garten an. Hier habe ich Ostereier mit meiner Tante Meyer gesucht, eine der glücklichen Stunden meiner Kindheit ebenso wie die Besuche später bei ihr, als wir schon in Röhrig wohnten. Mein Vater auf dem Motorrad, ich als kleiner Stepke auf dem Tank sitzend, bei Wind und Wetter von Röhrig nach Beuren und zurück. Haarsträubend heute, wenn man an die Sicherheitsvorschriften denkt …

In der Dorfkirche von Beuren übt ein junges Mädchen mit der Gitarre moderne Kirchenlieder, ein Lehrer unterstützt sie dabei. Einige Momente der Einkehr, der Harmonie. Vor der Kirche fegt eine Frau in meinem Alter die Straße und beseitigt das Gras in den Ritzen. Wir sind auf dem Eichsfeld. Auch sie trauert ein wenig der DDR-Zeit, dem Zusammenhalt im Dorf nach, aber stolz berichtet sie von den Fahrradtouren, die sie mit ihrem Mann an Donau und Mosel gemacht hat.

Auf dem Rückweg nehme ich wieder den Fahrradweg über Wingerode und Bodenrode, weil die Bundesstraße 80 zu gefährlich ist. In den Dörfern auf dem Weg nach Heiligenstadt fallen mir die vielen Neubauten und die schön renovierten Fassaden der Fachwerkhäuser auf. Es scheint Wohlstand vorhanden sein, was man auch an den Autos auf der Straße sieht.

Nach einem kurzen Boxenstopp in einer Dönerbude geht es noch schnell in die evangelische Martinskirche, wo M`s früherer Schulkamerad ein kurzes, improvisiertes Orgelkonzert für einige Gäste des Marcel-Callo-Hauses gibt. Es zerreißt mir fast die Brust, so eine musikalische Gewalt strömt auf mich ein. Ein Auf und Ab an lauten und leisen Tönen, die mir ins Mark gehen… Ich denke, irgendwie ist es symbolisch für den Verlauf meines bisherigen Lebens, zumindest der ersten Jahre im Eichsfeld.

Tag 22 (08.06.18): Heilbad Heiligenstadt – Röhrig

Schwimmbad in Uder: Bockwurst für einen Sprung vom Ein-Meter-Brett

                                                                                           Röhrig

Schulhaus in Röhrig

                                                                            Einschulung in Röhrig 1955

Nach 63 Jahren: Foto mit meiner Schulkameradin H. und ihrem Mann G.

Total ausgetrockneter Waldweg von Röhrig nach Uder: Vorsicht Schotter

Drei Generationen: mit meiner Großnichte und ihrem Kind

Meine Großnichte und ihr Kind. Die Biene-Maja-Klingel scheint interessant zu sein

Tag 22 (08.08.18) : Heilbad Heiligenstadt – Röhrig

KM: 692 – 719

Am nächsten Morgen fühle ich mich ausgeschlafener, erholter. Um halb elf bin ich mit ehemaligen Schulkameraden in Röhrig (Quitschen Röhrchen), das mittlerweile zur Verwaltungsgemeinschaft Uder gehört, verabredet. Auf dem Weg dorthin besuche ich das Freibad in Uder, in dem ich als Sechsjähriger Schwimmen und Springen vom Ein-Meter-Sprungbrett gelernt habe. Ich wollte partout nicht, aber mein Vater hat mich mit einer Bockwurst gelockt: „Wenn du runter springst, bekommst du eine Bockwurst.“ Schließlich, nach langem Überlegen und voller Angst bin ich dann in die Arme meines Vaters gesprungen. Die Bockwurst, die damals viel für mich bedeutete, hatte ich mir teuer verdient. Später war Wasser nie mehr mein Element. Wohl ein Ergebnis dieser Bockwurst-Herausforderung.

Der langsame Anstieg nach Röhrig erinnert mich an das Fahren mit dem Roller den Berg runter, das Schubsen meines Bruders Hannes und den dadurch verursachten Sturz. Ich habe geheult. Später erzählte er mir, dass ich ihn dafür irgendwann mal mit dem Küchenmesser auf dem Tisch festgenagelt hätte. Ungläubig schaute ich mir seine Narbe an. Sollten diese kindlichen und frühkindlichen Spannungen zwischen dem Erstgeborenen und dem Zweitgeborenen, der lange Zeit als ‚Erstgeborener‘ und Einzelkind von der Oma mütterlicherseits verwöhnt und bevorzugt wurde, einer der Gründe für die familiären Spannungen sein?

Ich fahre den Berg hoch nach Röhrig, malerisch am Waldrand gelegen, mein Herz schlägt schneller. Ich spüre, dass sich hier in diesem kleinen Eichsfelder Bauerndorf der Fünfziger Jahre ein Teil meiner Wurzeln befindet. Ist es diese Mischung aus katholischer Eichsfelder Dickköpfigkeit und Geradlinigkeit sowie dem protestantischen Arbeitsethos meiner Mutter, dem evangelischen Flüchtlingsmädchen aus der Nähe von Lodz, die mich haben werden lassen, was ich in nahezu sieben Jahrzehnten geworden bin?

Im Dorfzentrum befindet sich das frühere Schulgebäude, wo ich bis zum 29. Juni 1956, dem katholischen Feiertag Peter und Paul, mit meinen Eltern und meinen drei Brüdern gelebt habe. Ich erinnere mich an traumatische Situationen, als nachts meine Mutter wutentbrannt das Geschirr durch das geschlossene Fenster geworfen hat, weil mein Vater mal wieder spät und im feuchtfröhlichen Zustand nach Hause gekommen war. Ich habe auch wieder meine Einschulung im Herbst 1955 vor Augen und die Peinlichkeit, dass es mir nicht gelang für das Einschulungsfoto meine zu lange Unterhose hochzuziehen. Sie ‚lugte‘ unter der Lederhose raus, was mir sichtlich unangenehm war.

Ich erinnere mich schemenhaft an den Tag der Flucht mit meinem Vater nach West-Berlin. Ein guter Freund von ihm aus Heiligenstadt hatte ein Taxiunternehmen. „Vati, wo fahren wir hin?“ „Wir fahren nach Berlin. Wir gehen jetzt in den Westen“, antwortete mein Vater. Herr K. holte meinen Vater und mich in Röhrig ab und brachte uns über Feldwege nach Ost-Berlin. Die Kontrollen der Volkspolizei vor der Einfahrt in das Ostberliner Stadtgebiet mussten umgangen werden. Als Lohn für diese, für alle nicht ungefährliche Fahrt, erhielt er von meinem Vater den Fernsehapparat, an dem wenige Monate vorher noch die ganze Dorfjugend die olympischen Winterspiele in Cortina d`Ampezzo mitverfolgt hatte.

In Ost-Berlin habe ich auch noch eine Straßensituation vor Augen. Als Polizisten uns entgegenkommen, sagt mein Vater mir, wir sollten jetzt sicherheitshalber auf den gegenüberliegenden Bürgersteig gehen. Die wenigen Tage in dem Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde, durch das bis zum Bau der Mauer im August 1961 Hunderttausende auf ihrem Weg von der DDR in die Bundesrepublik gekommen sind, sind mir nicht im Gedächtnis haften geblieben. Ich weiß nur noch, dass wir mit einem amerikanischen Flugzeug in Wiesbaden-Erbenheim gelandet sind und mein Vater seine Uhr an eine Stewardess verkauft hat, um die Fahrkarten nach Wiesbaden, unserer ersten Anlaufstation im Westen, bezahlen zu können.

Vor der ehemaligen Schule in Röhrig denke ich auch an meinen damaligen besten Freund Heinz K., mit dem ich viel Zeit verbracht habe und mit dem ich mich später nach der Flucht aus der DDR immer noch an und ab getroffen habe. In seiner Jugend ist er ein sehr guter Fahrradfahrer geworden und war wohl auf Bezirksebene erfolgreich – ein Beispiel für die erfolgreiche Talentförderung des staatlichen Sportsystems in der DDR. Später hieß es, er sei mit Mitte Fünfzig verstorben.

Nach einem kurzen Besuch in der Kirche, wo sich drei Familien für den bevorstehenden Kuchenbasar im Nachbarort angemeldet haben – eigentlich etwas wenig für einen Ort mit ca. 200 Einwohnern – gehe ich zum Haus von H. und G. Sehr freundlich werde ich von G., der zwei Jahre älter ist als ich, begrüßt. Wir gehen in die gute Stube und H. und ich stellen fest, dass wir zur selben Zeit im Herbst 1955 eingeschult worden sind – welch eine Überraschung und Freude! Beide können sich noch an meine Eltern als Lehrer/innen erinnern, mehr aber wohl an meinen Vater, der vor allem wohl bei den jüngeren Leuten im Dorf beliebt war, u. a. weil er den ersten Fernseher besaß und Torwart der Fußballmannschaft war. Daran, dass im Januar 1956 bei den Olympischen Winterspielen in Cortina D`Ampezzo bei uns zuhause das ganze Wohnzimmer voll war, was meiner Mutter mit den vier Kindern natürlich nicht so passte, kann ich mich auch noch vage erinnern.

Wir sprechen über unsere unterschiedlichen Werdegänge, das Aufwachsen und Erwachsenwerden in der DDR und der Bundesrepublik, die Probleme mit den Kindern, die nicht zur Jugendweihe gehen wollten und deshalb nicht den gewünschten Beruf erlernen durften bzw. über den Zwang, in die Partei einzutreten, um den gewünschten Beruf erlernen und ausüben zu können, den Spagat im katholischen Eichsfeld seinen Glauben leben und gleichzeitig sich beruflich verwirklichen zu können.

Wir kommen auch auf die Veränderungen nach der Wende zu sprechen, die Schließung der großen Textil- und Papierfabriken in Heiligenstadt und Leinefelde, die im Zuge des ‚Eichsfeldplans‘ der SED in den Sechziger und Siebziger Jahren errichtet wurden und oft Konsumgüter für die BRD produzierten. Die persönlichen Verwerfungen, die durch Entlassungen, Umstrukturierungen und die Übernahme eines anderen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem entstanden, sind natürlich auch ein Thema. Es entwickelt sich ein sehr persönliches, vertrauliches Gespräch, auch über positive und negative Erfahrungen und Sorgen so, als ob man sich schon immer gut verstanden hätte und wir in den vergangenen sechs Jahrzehnten immer in Kontakt geblieben wären. Meine frühere Klassenkameradin bietet mir selbst gemachten (Himbeer?)-Saft zu Trinken an. Ich trinke Glas für Glas. Es ist mir fast schon etwas peinlich. Angesichts der Hitze der letzten Tage haben sie – so denke ich – aber Verständnis dafür. Ich bin ja schließlich mit dem Farrad unterwegs.

Der Besuch dauert länger als geplant. Hildegard und Gerhard laden mich zum Mittagessen ein. Bevor ich die köstlich schmeckenden neuen Kartoffeln und das Gemüse aus dem eigenen Garten genießen kann, wird gebetet. Es ist für mich, der sich schon mehrere Jahrzehnte von der katholischen Amtskirche entfernt hat, ohne ganz die Beziehung aufgegeben zu haben, eine überraschende Situation. Auch ich beende das Gebet mit dem Kreuzzeichen, was ich im Marcel-Callo-Haus in Heiligenstadt beim Abendtischgebet mit der Jugendgruppe aus Jena noch verweigert hatte.

Wir kommen dann auf die anderen Klassenkameraden zu sprechen. Zu meiner großen Überraschung und Freude erzählt mir Hildegard, dass mein alter Kumpel und Freund Heinz K. noch am Leben sei und im nahen Worbis wohne. Ich kann es nicht fassen. Wahrscheinlich der schönste Moment auf meiner bisherigen Reise in die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bei dem Angebot ihn anzurufen und mit ihm zu sprechen, zögere ich noch ein wenig. Heinz weiß sofort Bescheid, als Hildegard ihm sagt, hier sei sein alter Kumpel aus Röhrig, der ihn sprechen wolle. Ich kämpfe mit meinen Gefühlen, genau wie beim Schreiben dieser Zeilen: Es ist nicht zu fassen. Nach nahezu sechs Jahrzehnten sprechen wir einmal wieder miteinander und verabreden uns für meinem nächsten Besuch im Eichsfeld.

Nach dem Mittagessen fahren wir gemeinsam zur Schule und machen Fotos. Es war eine gute Idee, dass ich nicht nur ein großes Stativ für Aufnahmen mit Selbstauslöser mitgenommen hatte, sondern auch ein so genanntes ‚Gorillapad‘, das mir diente, wenn ich vom stehenden oder fahrenden Fahrrad aus Fotos oder Videos machen wollte. Vor der Schule, auf derselben Stufe wie vor 63 Jahren, stehen wir also nun und versuchen in die Kamera zu lächeln. Wenn ich wieder zuhause in Herford bin, werde ich das Bild aus dem Jahre 1955 herauskramen und vergleichen.

Schließlich fahren G. mit Auto und ich natürlich mit dem E-Bike steil den Berg hoch zum Sportplatz: Das Gras ist braun, verbrannt und schon seit Jahren kein Fußballspiel mehr. Für eine Mannschaft gibt es nicht mehr genug Interessenten. Eine ähnliche Entwicklung wie in den Orten jenseits der Grenze. Auf dem Sportplatz habe ich noch genau vor Augen, wie mein zweitgeborener Bruder und ich im Bollerwagen hinter dem Tor, das mein Vater beim Fußballspiel hütete, saßen … und uns über den für uns als Kinder nicht mehr auszuhaltenden Streit der Eltern unterhielten.

Durch den sehr trockenen Wald, einem schlecht zu fahrenden Schotterweg folgend, gelange ich nach Uder, wo ich meine Großnichte Iris besuche. Ihr kürzlich errichtetes Haus befindet sich in einem Neubaugebiet, dem man ansieht, dass der wirtschaftliche Wohlstand das Eichsfeld drei Jahrzehnte nach der Wende mehr als erreicht hat. Iris zeigt mir alte Fotos, schenkt mir das Hochzeitsbild ihrer Großeltern väterlicherseits und wir tauschen Anekdoten aus, teilweise unbekannt und zum Schmunzeln geeignet, aus der wechselvollen Familiengeschichte der Familie Pingel,  besonders der Väter und Großväter …

Auf dem Nachhauseweg versuche ich in der Alten Burg, einer Gaststätte zwischen Heiligenstadt und Uder, einzukehren. Hier hat mein Vater, als wir mit dem Motorrad in der Fünfziger Jahren unterwegs waren, wie gesagt: er auf dem Sitz und ich vor ihm auf dem Tank, öfters Rast gemacht. Am Nachmittag um fünf hängt ein Schild an der Eingangstür: ‚heute nur mittags geöffnet‚.  Ich vermute, mittags steht geschrieben, dass nur abends geöffnet sei. In der Stadt fahre ich erstmal zu REWE und hole mir in der  Fleischabteilung ein Viertel Thüringer Mett,  dazu ein paar Brötchen …und schlinge es mit Heißhunger runter.

Abends falle ich müde ins Bett. Der Tag war sehr schön und erlebnisreich, aber emotional auch sehr anstrengend.

Tag 23 (09.08.18): Von Heilbad Heiligenstadt nach Sickenberg

Treffen mit einem ehemaligem Schulkameraden meines Vaters und meinem Cousin Ernst-Georg

Grenzmuseum Schifflersgrund bei Sickerode-Asbach

Blick auf DDR-Grenzpfahl und Beobachtungsturm (Schifflersgrund)

Allerlei Militärgerät ist zu sehen, daneben aber auch alltagsgeschichtliche Dokumente in der Ausstellung

Stelen in der Nähe des Grenzmuseums

Tag 23 (09.08.18): Von Heiligenstadt nach Sickenberg

KM: 719 – 732

Heute hat meine Tochter Theresa Geburtstag. Sie wird 29 Jahre alt. Manchmal denke ich, es war vorgestern, als sie geboren wurde, morgens kurz vor vier. Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig geschafft, ihr eine Geburtstagskarte mit einem Gutschein zu schicken. Ich rufe sie auf dem Weg zur Arbeit an und wir verabreden, nach meiner Rückkehr gemeinsam auf ihren Geburtstag anzustoßen.

Bevor ich mich auf den Weg nach Uder, diesmal aber mit dem gesamten Gepäck, mache, gehe ich noch kurz im Eichsfelder Heimatmuseum vorbei, um dem jungen, engagierten Leiter, der mir vor einigen Monaten wertvolle Tipps in Bezug auf die Recherche zum Todesfall meines Großvaters gegeben hatte, schöne Grüße ausrichten zu lassen.

In Uder treffe ich meinen Cousin Ernst-Georg wieder, der mir das von seiner Frau und Tochter errichtete neue Alten- und Pflegeheim zeigt. Ich bin ob des modernen Standards und der schönen Einrichtung beeindruckt. Ein Beispiel, dass zwischen Ost und West in vielen Dingen keine Unterschiede mehr bestehen. Dort treffe ich kurz mit einem ehemaligen Schulkameraden meines Vaters und einer älteren Frau aus Röhrig zusammen, die meine Eltern und mich wohl noch kannte, aber angesichts ihrer fortgeschrittenen Demenz kommt leider kein richtiges Gespräch zustande. Es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass man in diesem (meinem) Alter wichtige Dinge besser nicht mehr vor sich herschieben sollte.

Bergauf über Wüstheuterode – ein Glück, dass ich ein E-Bike habe! – und Dietzenrode fahre ich in Richtung des Grenzmuseums Schifflersgrund bei Sickenberg. Oben in Sickenberg angekommen, sticht mir ein großes, stattliches Gehöft ins Auge. Ein Bio-Bauernhof, der auch Zimmmer anbietet (www.hof-sickenberg.de). Es ist kurz nach eins, ich bin kaum 15 Km gefahren, aber instinktiv sehne ich mich nach Ruhe. Unangemeldet frage ich die etwas erstaunte Hofbesitzerin, ob heute eine Übernachtung möglich sei. Ich lade mein Gepäck ab und fühle mich im Haus in meine Kindheit versetzt: Ein liebevoll renoviertes Fachwerkhaus, zu Beginn des 19. Jahrhunderts als zentraler Mittelpunkt eines Viereckgehöfts errichtet, versprüht den Charme der Fünfziger und Sechziger Jahre meiner Eichsfelder Kindheit.

Nach einer erholsamen Mittagspause fahre ich die kurze Strecke zum Grenzmuseum Schifflersgrund, wo ich an der Kasse eine nette junge Frau treffe – später erzählt sie mir, dass sie drei Jahre in Herford gewohnt habe. Sie bringt mich ins Archiv. Dort diskutiere ich mit einem Mann, der etwa Ende dreißig ist, die Situation an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und die unterschiedlichen Mentalitäten, die er Anfang der 00er-Jahre in der Bundeswehr erlebt hat. Er hat ein sehr profundes Wissen, was die Geschichte der Bundesrepublik bis zum Fall der Mauer im Jahre 1989 angeht. Es macht Spaß, mit ihm zu diskutieren, auch wenn ich nicht all seine politischen und historischen Einschätzungen teile.

Abends im Hof Sickenberg, der als mustergültiger Betrieb vom Land Thüringen ausgezeichnet wurde, treffe ich noch einen Wanderer aus Süddeutschland, der zu Fuß, meistens entlang des Kolonnenweges, dem Grünen Band folgt. Er berichtet von seinen Alpenüberquerungen zu Fuß und ist sehr hilfsbereit bei der Herstellung eines Internetzugangs.

Die vielen Obstbäume und –sträucher, der große Baum, unter dem man herrlich sitzen kann, strahlen eine Ruhe sondergleichen aus. Und … es hat sich endlich mal abgekühlt! Die Nacht verbringe ich bei geöffneten Fenstern in einem tiefen Schlaf. Erholung pur!

Tag 24 (10.08.18): Von Sickenberg nach Bremke

Bio-Bauernhof in Sickenberg

Schafzucht

Bio-Bauernhof mit Garten

auf dem Kolonnenweg bei Schifflersgrund bergab zur Werra

Jublläum im Grenzmuseum – eine neue didaktische Konzeption wird erarbeitet

Zu Gast bei vier rüstigen Heiligenstädtern – Hallesche Macke

Im schönen Werratal bei Lindewerra

In der Stockmacherwerkstatt in Lindewerra

Blick von der Burg Hanstein in den „Westen“

Blick auf die Burg Hanstein

Blick von der Teufelskanzel bei Lindewerra

Tag 24 (10.08.18):  Von Sickenberg nach  Bremke

KM: 741 – 783

In dem alten Bauernhimmelbett habe ich herrlich geschlafen, die abgekühlte Luft hat das Ihrige getan. Die Besitzerin, Frau Bauer, serviert das Frühstück im Garten in der zum Glück noch etwas kühlen Morgensonne, umgeben von dem Bauerngarten, den ich schon am Vorabend bewundert habe. Wenn nicht ab und an Autos vorbei fahren würden, könnte man meinen, man sei in den Fünfziger Jahren.

Ich komme beim Frühstück mit C. ins Gespräch. Ohne große Emotionen erzählt er mir, dass er im Jahre 1988 als Jugendlicher eine Republikflucht in Ungarn inszeniert habe, um möglichst schnell freigekauft zu werden und ausreisen zu können. Auf mein „Warum?“ gibt er eine kühle, emotionslose Antwort: „Ich wollte frei sein, selbst über mein Leben bestimmen und mich entwickeln können.“ Nicht umsonst arbeitet er jetzt als Selbstständiger im IT-Bereich und hat diese Entscheidung zur Republikflucht nie bereut, auch wenn die Mauer ein Jahr später geöffnet wurde.

Vor der Abreise komme ich noch kurz mit der Besitzerin des Bauernhofes ins Gespräch. Kurz nach der Wende hat sie dieses Gehöft erworben und nach und nach restauriert. Wir sprechen über die unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen in Ost und West bzw. über die Veränderungen nach 1989. Viele Reisende am Grünen Band kehren bei ihr ein. Sie berichtet u. a. von einem jungen Fotografen, der alle 15 Minuten auf seiner Wanderung ein Foto gemacht habe. Dieser habe davon gesprochen, dass das Grüne Band, die ehemalige deutsch-deutsche Grenze, nach wie vor eine „Narbe“ sei, die Deutschland durchzieht. Dieses Bild, diese Metapher finde ich sehr interessant, da womöglich noch viele Menschen in Deutschland, wohl mehr im Osten als im Westen, ihre z. T. verdeckten Narben aus der DDR-Zeit oder Nach-Wende-Zeit mit sich herumtragen. Gehöre ich auch dazu?

In der Gedenkstätte Schifflersgrund, die ich erneut besuche, habe ich spontan die Möglichkeit, mit dem gerade ernannten jungen Leiter der Einrichtung über das pädagogische Konzept zu diskutieren, insbesondere die Frage, wie man Schülerinnen und Schülern das Thema der Deutschen Teilung nahe bringen kann. Er ist ein profunder Kenner der Entwicklung des Eichsfelds während der DDR-Zeit und ein Beispiel für die Ausbildung vieler junger Menschen: geboren in Thüringen, Studium in Hessen, berufliche Rückkehr nach Thüringen. Es macht mir Spaß, mit ihm historische und didaktische Fragestellungen zu diskutieren. Ich merke, dass ich einigen Nachholbedarf in Fragen der Gedenkstättenpädagogik habe.

Bevor ich den Kolonnenweg hinunter an die Werra fahre, bitte ich noch eine Frau, ein Foto von mir mit dem Fahrrad auf dem Kolonnenweg zu machen. Sie ruft ihren Mann herbei, der diese Aufgabe freudig übernimmt und mir en passant erzählt, dass er hier 1988/90 als Soldat der NVA-Truppen seinen Wehrdienst geleistet habe. Alles sei easy gewesen. Leider kann ich nicht länger mit ihm sprechen. Die betagte Schwiegermutter wartet und drängt ihn weiter zu fahren …

Zwischen Wahlhausen und Lindewerra sehe ich vier ‚ältere Semester‘, die auch mit dem Fahrrad unterwegs sind und in einer kleinen Schutzhütte lautstark knobeln. Anhalten und mit meiner großen Wasserflasche nichts wie hin, gefragt, ob ich mich dazu setzen könne. Der Knobelbecher kracht auf den Holztisch. Hallesche Macke heißt das Spiel, das ich nicht kenne. Als ich merke, dass einer der Radler Henner heißt, frage ich nach, wer es ist und wir kommen ins Gespräch. „Wo kommt ihr her?“ – „Aus Heiligenstadt“. Ich sage: „Das darf doch nicht wahr sein!“ – „Doch. Und wo kommst du her?“ – „Ja, geboren bin ich in Heiligenstadt, aber mein Vater ist mit mir 1956 rübergemacht.“ „Ja, ich habe deinen Großvater gekannt. Försterhaus, oben am Holzweg.“ –  Es ist schon erstaunlich, dass das Schicksal meines Großvaters  auch nahezu nach 60 Jahren noch in den Köpfen der älteren Generation haften geblieben ist –  der Jüngste der Radler ist 76 Jahre alt.

Ich frage mich, wieso ich gerade diese Sportskameraden, die einer Gruppe von rüstigen Rentnern angehören und schon vor der Wende, unabhängig von der politischen Gesinnung – Katholiken, Kommunisten und Parteilose – gemeinsam Sport betrieben haben, hier zu diesem Zeitpunkt antreffe. Zieht eigentlich irgendjemand oder irgendetwas „da oben“ die Fäden? Ist es vorherbestimmt, wen wir in unserem Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen? Wir verabreden uns in Lindewerra in der Gaststätte und ich lasse sie einfach mal vorfahren.

Lindewerra 2018 strömt so viel Normalität aus. Eine Idylle, die mir fremd ist und die ich mit diesem Ort gar nicht verbinde. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich manchmal sonntags mit meinem Vater auf dem Motorrad nach Lindewerra gefahren bin. Die Brücke war damals gesprengt, nur zum Rüberschauen über den Fluß und ein vorsichtiges und schnelles Zuwinken, gedacht für eine Frau, die in ihrem Obstgarten so tat, als habe sie da etwas zu tun. Mein Vater bat sie, schöne Grüße in Heiligenstadt bei meiner Großmutter auszurichten. Und schon war die Frau wieder verschwunden. Die Bewohner/innen der 500 m-Sperrzone mussten besonders aufpassen, dass sie nicht als politisch unzuverlässig galten. Es war etwas Beklemmendes, Ohnmächtiges, Sehnsuchtvolles, Nicht-zu-Änderndes, das ich in Erinnerung hatte.

Als ich mit meinen Fotoaufnahmen fertig bin, kehre ich in die nächste Gaststätte ein, wo die vier schon wieder am Knobeln sind. Ich darf mich dazu setzen und bei der nächsten Runde mitspielen. Das sehe ich als besondere Ehre an. Hallesche Macke. Unisono haben alle thüringisches Rostbrätl mit Bratkartoffeln bestellt, ich schließe mich aus Solidarität an. Ebenso gebe ich eine Runde Bier aus, im selben Moment erscheint mir das aber etwas grenzwertig: Ich will ja nicht als reicher Wessi gelten. Irgendwie hat man mit mir wohl Mitleid: „Du kannst ja nichts dafür, dass du kein richtiger Ossi mehr bist, warst ja zu klein und war ja die Entscheidung deines Vaters mit dir abzuhauen„. Es ist immer eine Gratwanderung. Ich habe zwei Pluspunkte: Ich bin geborener Heiligenstädter und nicht ein nach dem Krieg Zugezogener wie einer der vier Radler.Außerdem habe ich einen breitgefächerten Lebenslauf, inklusive Fernfahrer- und Lagerarbeitererfahrung. So geht es mir im ganzen Eichsfeld. Geboren in Heiligenstadt ist ein kleiner ‚Adelstitel‘ und das Schicksal meines Großvaters erleichtert mir oft, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und offene Gespräche führen zu können.

Lindewerra war noch zu Zeiten der DDR eine Hochburg der Stockmacher. Im Hinterrraum der Gaststätte befindet sich eine kleine Werkstatt, wo noch produziert wird. Es ist Freitagnachmittag und der Stockmacher erklärt mir freundlich, wie die Arbeitsschritte ablaufen. Im Augenblick werde aber nur in Lohnarbeit Holzknaufe in schwarze Farbe getaucht und so lackiert. Es riecht schon merklich nach Farbe in der Werkstatt

Auf den letzten Metern des Anstiegs zur  Burgruine Hanstein treffe ich den Wanderer, mit dem ich morgens in Sickenberg noch gefrühstückt habe. Er rät mir unbedingt mit dem Fahrrad zur Teufelskanzel durch den Wald zu fahren. Von Hann. Münden kommend, wollte ich in meiner Jugend immer auf den Hanstein, was jedoch ausgeschlossen war, weil diese gewaltige Burgruine, im übrigen der Stammsitz des Rennfahrers Huschke von Hanstein, im Sperrgebiet lag. Am vergangenen Wochenende fand gerade ein Mittelalterfest dort statt. Über Stock und Stein fahre ich entlang den Klippen zur Teufelskanzel, genieße die Waffel mit Eis und den gut schmeckenden Milchkaffee. Natürlich mache ich wie immer an schönen Aussichtspunkten ein paar Fotos, diesmal auf den Klippen der Teufelskanzel mit herrlichem Blick auf das friedliche Werratal.

Es ist mittlerweile sech Uhr. Ich merke immer noch die zwei Bier, die ich mit der Rad-Veteranen-Gruppe aus Heiligenstadt getrunken habe. Sie machen mich etwas unvorsichtig und lassen mich unbesorgt sein. Trotzdem – ich merke ich so langsam, dass es Zeit wird eine Unterkunft zu besorgen. Damit fängt das Drama an. In Bornhagen in einer Privatpension die Frau nicht angetroffen. Im Klausenhof nur der weiblichen Malgruppe aus dem Marcel-Callo-Haus in Heiligenstadt begegnet. Der Wirt jedoch schaut mich kritisch an und hat kein Zimmer mehr frei. Geht er etwa davon aus, dass ich ein Journalist bin und etwas über den AFD-Politiker Björn Höcke herauskriegen möchte, der einen Steinwurf entfernt mit seiner Familie im ehemaligen Pfarrhaus wohnt?

Mit dem Fahrrad weiter. Hohengandern nichts. „Vielleicht in der Pension Eic?„, rät mir ein junges Ehepaar mit Kind. Dort angekommen, sehe ich ein Schild: „Pension geöffnet erst ab 20.00 Uhr. Swinger-Club: 20.00 – 04.00 Uhr„. Na ja, öfter mal was Neues. Ich fahre weiter nach Arenshausen und frage mich durch. Das Handy hat mal wieder keinen Empfang. Wie war das mit dem Internet an jeder Milchkanne? Ich soll es im Westen versuchen, in der Nähe von Göttingen. Bergauf! In Rustenfelde nichts. Mittlerweile fahre ich mit dem schwachen Eco-Gang die Berge hoch. Der Akku ist fast leer. In Rohrberg komme ich fast auf der letzten Rille an. Zwei Frauen, Mutter und Tochter, versuchen gerade aus dem Schutt eines Abrisshauses ein schönes, altes Holzfenster ‚zu retten‘.

Nein, hier in Rohrberg gibt es nichts. Kommen Sie aber mal mit, wir rufen für Sie an und fragen nach.“ Ich schiebe mein Rad hinterher und werde von den Nachbarn kritisch beäugt. Und die Tochter mittleren Alters schafft es nach einigen Telefonaten schließlich: Im niedersächsischen Bremke, ca. 6 Kilometer entfernt, gibt es in einem Gasthaus noch ein Zimmer für mich. Die Kooperation zwischen Ost und West, zwischen Thüringen und Niedersachsen, scheint nach 30 Jahren doch gut zu funktionieren. Ich könnte den beiden um den Hals fallen – tue es aber nicht – und verabschiede mich mit mehrfachem Dank. „ Wenn wir nichts für Sie gefunden hätten, hätten Sie auch bei uns im Gästezimmer bleiben können. Ich werde gefragt, wo ich herkomme und wohin ich will. Krönender Höhepunkt: Die ältere Dame kennt natürlich das Schicksal meines Großvaters und mit meiner Tante Rosemarie hat sie auch mal zusammen geabeitet. Was soll ich davon halten, dass gerade diese beiden Menschen mir aus der Patsche geholfen haben? – Der Akku ist auch wieder etwas aufgeladen.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Einmal noch berghoch. Über die Grenze und dann nur noch bergrunter und geradeaus. Gasthof ‚Mutter Jütte‘ in Bremke. Sauberes Einzelzimmer im Stile der 80er und 90er Jahre. Und ein wundervolll schmackhaftes, zartes Wildgulasch mit Bratkartoffeln. Ich bin sooo dankbar, dass mir nette, liebe Menschen geholfen haben!

Tage 25 und 26 (11. und 12.08.18): Bremke – Ruhetage

Gasthaus „Mutter Jütte“ in Bremke: leckeres Essen und guter Service

Auch das Fahrrad hat mal (fast) Ruhe – Garten im Gasthaus „Mutter Jütte“

Bllick über die Felder nach Bremke. Endlich ein paar Wolken. Wenn es doch nur mal richtig regnen würde …

Tage 25 und 26 (11. und 12.08.18):  Bremke – Ruhetage

KM: 783 – 787

Nach der großen Portion schmackhaften Wildgulaschs schlafe ich recht gut. Das Gasthaus „Mutter Jütte“ hat wirklich Athmosphäre.  An den Nachbartischen beim Frühstück sitzen Verwandte aus Ost und West, die zur Einschulung ihrer Enkel, Cousins etc. eingeladen sind. Man hört unterschiedliche Dialekte. Anscheinend nach drei Jahrzehnten deutscher Einheit eine Normalität, dass die eigenen Kinder vom Osten in den Westen gegangen sind und dort seßhaft wurden. Mit einem Ehepaar von der Ostseeküste (Neustadt in Holstein) unterhalte ich mich über Disziplinprobleme, wenn die Enkel zu Besuch kommen. Die Zeiten haben sich verändert. Nach dem Motto: „Wenn das meine wären …

Am Samstag fahre ich tagsüber einmal durch den Ort, suche – vergeblich – den jüdischen Friedhof, der irgendwo versteckt im Wald liegt, fahre auf der Straße in das thüringische Bischhagen bis zur nicht mehr sichtbaren Grenze und verwende ansonsten den Tag zum Schreiben der Tagebuchaufzeichnungen und vor allem zum Übertragen der Berichte und Fotos auf die Webseite, die Dors dankenswerter Weise für mich eingerichtet hat.

Es wird mir klar, dass ich nicht nur körperlich, sondern auch von den bisherigen dreieinhalb Wochen Reise entlang der deutsch-deutschen Grenze emotional ausgelaugt bin. Aus dem ursprünglich vorgesehenen einem Ruhetag werden zwei.

Beim Abendessen begegne ich dem etwas gehobeneren Publikum, meist Lehrer/innen, Professor/innen aus dem nahen Göttingen, die sich gewählt, um nicht zu sagen akademisch ausdrücken, mit dem Auto mal einen kleinen Ausflug in das Wendebachtal unternehmen. Irgendwie merke ich, dass nach dieser auch persönlich sehr aufregenden Woche im Eichsfeld das ganze (westdeutsche) Ambiente mir sehr vertraut ist, zumal Orte genannt werden, die ich noch aus meiner Jugend vom Fußballspielen her kenne. Ich werde mir meiner zwei Wurzeln bewusst: hier das in der DDR gelegene katholische Eichsfeld mit dem etwas burschikosen „Du“, wenn ich Männer anspreche (vielleicht auch ein Erbe meines Großvaters), und dort das bundesdeutsche, mehr intellektuell und auf größere Distanz ausgerichtete Ambiente und „Sie“ in der Kommunikation mit fremden Menschen.

Ich erinnere mich an die Zeiten als Schüler auf dem Bau, nach dem Studium als Bierfahrer in Weiterstadt b. Darmstadt sowie als Fernfahrer und Lagerarbeiter bei der Fa. Koch Spedition in Büttelborn im Kreis Groß-Gerau, an das Übernachten im Schlafsack neben einer Roma-Großfamilie auf einem freien Feld in der Mitte Siziliens Anfang der Siebziger Jahre einerseits und andererseits die Empfänge beim Bundespräsidenten im Rahmen des Geschichtswettbewerbes der Hamburger Körber-Stiftung Ende der Neunziger Jahre. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich diese ganze Bandbreite an (positiven) Erfahrungen in meinem Leben sammeln konnte …

Am Sonntagnachmittag gibt es noch mehr Besuch bei „Mutter Jütte“, es kommen Gäste, die auch die Vorstellung auf der Waldbühne besuchen wollen bzw. besucht haben. Ein junger Mann, der mit Ach und Krach sein Abitur geschafft hatte. Eer bedankt sich noch nachträglich bei seiner ebenso anwesenden früheren Geschichtslehrerin, die ihm die rettenden 12 Punkte gab, damit er sein Abitur bestand. Später dann BWL studiert. Er schwadroniert lauthals und besserwisserisch über aktuelle ökonomische Probleme in Deutschland. Könnte man ihm doch nur mal den Stecker raus ziehen! Es würde ihm und vielleicht auch den Gästen gut tun.

Tag 27 (13.08.18): Von Bremke nach Duderstadt

Bremketaler Lädchen: eine positive ländliche Initiative

Alte Reklame auf einem Bauernhof: Das berühmte HB-Männchen. „Warum denn immer gleich in die Luft gehen?“

Rückkehr nach Rohrberg: Dank an Familie Sch.

Kreuz zur Erinnerung an die deutsche Teilung: Straße zwischen Rohrberg und Ischenrode

Zwischenstopp auf einem Bauernhof in Weißenborn. Wenn alte Männer aus ihrem Leben berichten …

Blick auf Glasehausen: „wie ein Hufeisen eingezäunt“

Kolonnenweg in Glasehausen

Bundesverdienstkreuz am Bande: hohe Ehrung für Frau Gertrud Kunze, Altbürgermeisterin in Glasehausen

Wolken über dem Eichsfeld

Gedenksteine an die Flucht aus Böseckendorf

Tag 27 (13.08.18):  Bremke – Duderstadt

KM: 790 – 837

Frisch gestärkt nach dem guten Frühstück fahre ich Richtung Rohrberg. Eigentlich ist das ein Weg zurück und ein Umweg. So soll es sein. Ich habe das Bedürfnis, mich bei den beiden netten Frauen noch einmal persönlich zu bedanken, die mir am Freitag in meiner Not eine Bleibe besorgt haben. Vorher halte ich aber noch einmal im „Bremketaler Lädchen“ an, einem kleinen Kaufmannsladen mit angeschlossenem Café, wo man etwas trinken kann. Ich kaufe ein Stück gute Eichsfelder Stracke, eine für die Gegend typische geräucherte Mettwurst, von der ich die nächsten zwei Tage ab und an naschen werde, natürlich ohne Brot. Ebenso erwerbe ich ein Bounty und zwei schon etwas in die Jahre gekommenen Bananen. Genau wie Boris Becker in Wimbledon: Magnesium gegen die Muskelkrämpfe … Die alten Männer (70 plus) diskutieren das Wetter, den nicht vorhandenen Regen, dass man früher auch schon mal braunes Wasser aus dem eigenen Brunnen getrunken habe und heute immer noch lebe … und natürlich die drohende Übersiedlung in ein Alten- und Pflegeheim, die bevorstehende Entmündigung. Von der Verkäuferin erfahre ich, dass ein gemeinnütziger Verein der Träger dieser dörflichen Initiative ist, die nicht nur älteren Bewohnern eine Einkaufsmöglichkeit bietet, sondern offensichtlich auch den männlichen Rentnern eine Kommunikationsmöglichkeit bietet. Das Hinweisschild erwähnt, dass das Land Niedersachsen diese Einrichtung unterstützt.

In Rohrberg ist die Überraschung groß, als ich urplötzlich vor der Tür stehe. Nachdem ich mich noch einmal für die Hilfe am Freitag bedankt habe, werde ich spontan zum Mittagessen von Frau Sch. und ihrer Tochter eingeladen. Es gibt leckere frische Kartoffeln und schmackhaften Quark. Das Ganze kurz nach 11 morgens, und ich bin überwältigt angesichts dieser Gastfreundschaft. Mit der älteren Dame spreche ich nicht nur über die gemeinsame Arbeit mit meiner Tante Rosemarie, sondern wir diskutieren auch die Veränderungen nach der Wende im Dorf. Das Zurückgehen der dörflichen Gemeinschaft sowie der gegenseitigen Hilfe und das Aufkommen von Neid angesichts der Westautos, die plötzlich im Dorf fuhren. Mit guten Wünschen für meine weitere Reise werde ich herzlich verabschiedet.

Als nächstes Ziel habe ich mir Siemerode ausgesucht. Vor knapp 60 Jahren ist mein Vater auf dem Motorrad mit mir an die Grenze gefahren. Auf dem Straßenschild ist zu lesen: „Siemerode 2 km“. Ich suche diese Straße und finde sie nicht. Über Freienhagen (alte NVA-Kaserne, in der man Paint-Ball spielen kann – kommt mir aus Tettau schon irgendwie bekannt vor!) geht es über die Felder nach Bischhagen, wieder zurück Richtung Bremke. An der Stelle, wo früher die Grenze stand, auch kein Schild gesehen, also zurück. Von Bischhagen über Feldwege entlang der Grenze in das niedersächsische Weißenborn.

Am letzten Bauernhof links vor der Ortsausfahrt Richtung Siemerode frage ich nach der Grenze und komme mit einem Besamungstechniker aus einem der Nachbarorte im thüringischen Teil des Eichsfeldes ins Gespräch. Nachdem er seine Arbeit – hoffentlich erfolgreich ! – hinter sich gebracht, den blutigen großen Handschuh in die Mülltonne geworfen und sich kurz umgezogen hat,  berichtet er von seiner Ausbildung und stolz von den fast 10.000 Kühen, die er in seinem bisherigen Berufsleben, früher nur in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), heute auch auf Bauernhöfen im Kreis Duderstadt, besamt hat. Als ich erzähle, dass ich in Heiligenstadt geboren sei und meine ersten Jahre im Eichsfeld verbracht habe, kommen wir schnell in ein vertrautes Gespräch über die Vor- und Nachteile des DDR-Systems. Kurze Zeit danach gesellt sich auch der über 80-jährige westdeutsche Altbauer hinzu und erzählt von der Wendezeit und gegenseitigen Besuchen in Weissenborn und Siemerode. So streifen wir einmal durch die Geschichte der Menschen in dieser Grenzregion von der Zeit des 2. Weltkrieges bis in das Jahr 2018. In diesem Gespräch komme ich mir aufgrund der Zeit, die ich in der DDR und der BRD verbracht habe, als Brückenbauer zwischen Ost und West vor. Was mich u. a. erstaunt hat, ist die Tatsache, dass der Besamungstechniker als DDR-Soldat in der Kaserne zusammen mit findigen Kollegen heimlich West-Fernsehen angeschaut hat. Einer musste Schmiere stehen und auf ein bestimmtes Zeichen hin wurde abgestellt, bevor der UvD (Unteroffizier vom Dienst) hereinkam und am noch warmen Fernseher merken konnte, was Sache war.

Ich bekomme den Rat, ins benachbarte Glasehausen zu fahren. Dort angekommen, gibt mir ein Rentner, der einige Meter von der früheren Grenze entfernt wohnt, den Tipp, die „junge Frau“, die dort auf der Straße steht, mal zu befragen. Glasehausen war an drei Seiten vom Grenzzaun umgeben, quasi wie ein Hufeisen, wie mir Frau Gertrud Kunze, die über 80-jährige Altbürgermeisterin, erzählt. Da sie Steno konnte, unterstützte sie zu DDR-Zeiten den Bürgermeister. Sie berichtet von den regelmäßigen Einwohnerversammlungen, auf denen die politisch-ideologische Ausrichtung der Bewohner des 500 Meter Sperrgebiets sichergestellt werden sollte, von der Überwachung und der Angst, die angestammte Heimat verlassen zu müssen.

Wenige Monate vor der Wende wurde sie kommisarische Bürgermeisterin und forderte dann in den Wochen nach dem 9. November 1989 vom Landrat eine Öffnung des Grenzzaunes, um ins nahegelegene Weißenborn zu kommen. Auf Druck der Bevölkerung, mit Unterstützung durch katholische Geistliche und Offiziere des Grenzabschnitt gelang die Beseitigung der Grenzanlagen, von denen heute noch der KfZ-Sperrgraben deutlich zu sehen ist. Frau Kunze ist CDU-Mitglied und stolz berichtet sie, dass sie dieses Jahr am 22. Mai das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten erhalten hat. Auch kennt sie nach eigenen Angaben sehr gut sowohl den früheren rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, der nach der Wende die gleiche Funktion in Thüringen ausübte, als auch die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth aus dem benachbarten Göttingen. So klein ist die Welt: von Glasehausen ins politische Rampenlicht. Als Geschenk erhalte ich eine Broschüre über die Geschichte von Glasehausen mit persönlicher Widmung. Ich bin tief beeindruckt von dieser politisch sehr wachen Zeitzeugin und verlasse den Ort nach mehr als zwei Stunden Gespräch mit ihr.

Ich fahre durch den Wald nach Neuendorf und von dort nach Böseckendorf, wo am 2. Oktober 1961, kurze Zeit nach dem Bau der Berliner Mauer,  eine Reihe von Familien, ungefähr die Hälfte der Dorfbevölkerung, mit Leiterwagen, bepackt mit Hausrat, Babys und alten Menschen über die Äcker hinweg, den Grenzzaun durchschneidend, im Dunkeln in den Westen geflohen ist. Die spektakuläre Flucht wurde im Jahre 2009 auch verfilmt (Böseckendorf – Die Nacht, in der ein Dorf verschwand). Auch hat Astrid Seehaus die Ereignisse des Jahres 1961 als thematische Grundlage für einen sehr spannenden Eichsfeld-Roman genommen (Tod im Eichsfeld, 2012)

Als Grund gaben die Flüchtlinge die bevorstehende Zwangsevakuierung von Bewohnern, die nicht mit dem Eintritt in die LPG einverstanden waren, an. Später haben diese Flüchtlinge in der Nähe von Northheim eine Ortschaft namens Neu-Böseckendorf gegründet. Nach Aussage eines von mir befragten Dorfbewohners sind nach der Wende nur wenige zurück gekommen. Auf der Straße nach Immingerode befinden sich zum Gedenken an die Flucht, die bundesweit Aufsehen erregt hatte, zwei große Steine. Warum ist nur einer davon mit Inhalt aus Neu-Böseckendorf beschriftet und der andere leer?

In Glasehausen habe ich viel Zeit verloren, besser gesagt gewonnen. Nun bin ich mal wieder darauf angewiesen, auf dem Weg nach und in Duderstadt Leute auf Unterkünfte anzusprechen. Zum Glück gibt es in der Nähe einer Kirche einen Hotspot. Mehrere Versuche, etwas für eine Nacht zu bekommen, scheitern, z. T. weil keiner ans Telefon geht. Schließlich gewährt mir Frau Sch., eine Zahnärztin, Unterschlupf in ihrer erst vor kurzem renovierten, in Brauntönen und mit viel Liebe zum Detail  eingerichteten Pension. Frühstück erst ab 8.30 Uhr möglich, das soll aber kein Problem sein. Hauptsache ein Bett.

In der Gaststätte „Budapest“ esse ich eine sehr schmackhafte Kohlroulade. Der F. C. Köln spielt gerade gegen Union Berlin.  2. Liga.  Die Köllefans singen mit … Ich frage mich, wie Arminia am kommenden Sonntag gegen Lok Stendal im Pokal spielt.

Übrigens: 13. August. Heute vor 57 Jahren wurde in Berlin die Mauer zwischen Ost und West gebaut.

Tag 28 (14.08.18): Von Duderstadt nach Osterhagen

Rathaus in Duderstadt

Unbürokratische Hilfe: neue Bremsbeläge hinten und Schutzblech wieder richtig befestigt. Vielen Dank!

ehemalige Grenzübergangsstelle Duderstadt-Worbis: Beobachtungsturm

Grenzsäule mit DDR-Wappen (ausgebaut)

Grenzmuseum: Raum zum Thema Naturschutz am Grünen Band

Beobachtungsturm: Telefongespräch zwischen BRD und DDR

Sielmann-Umweltstiftung: Gut Herbishagen bei Duderstadt

Fredi Willigs privater Beobachtungsturm bei Bartolfelde

Fredi Willig aus Lauterberg in seinem mit viel Liebe zum Detail eingerichteten B-Turm

Modell des Beobachtungsturms mit Inneneinrichtung, z. B. Betten im 1. Stock

Tag 28 (14.08.18):  Duderstadt – Osterhagen

Km: 837 – 875

Ich habe gut geschlafen, auch wenn es ab und an etwas laut auf der Straße war. Noch wichtiger: es hat wohl etwas geregnet. Ein Geschenk Gottes in dieser von Hitze geplagten Zeit. Ich mache mir in der mit alten, schön aufgearbeiteten Möbeln eingerichteten Küche einen Kaffee mit Milch und bekomme Besuch von einer Miezekatze. Eigentlich sind ja eher Hunde meine Freunde, aber die Mieze fühlt sich anscheinend wohl und lässt sich kraulen – trotzdem, ich trage sie dann raus. Durch die Hinterhoftür ist sie aber in zwei Minuten wieder da.

Ich komme mit einer jungen Frau ins Gespräch, die in der Praxis ein wenig aushilft. Sie fängt im Herbstsemester an, Sozialarbeit in Nordhausen zu studieren. In Göttingen gibt es einen solchen Studiengang nicht und Kassel ist zu weit, also geht es zum Studium über die Grenze ins benachbarte Thüringen. Mit ihren zwei Kindern wird es eine Herausforderung, aber zum Glück wird sie ihr Mann, der als Lehrer arbeitet, unterstützen.

Wir kommen auf 1989 zu sprechen. Sie erinnert sich noch sehr gut an die qualmenden und stinkenden Trabbis, die bei Grenzöffnung die Stadt verstopften. Unterschiede zwischen Ost und West, unterschiedliche Mentalitäten? Sie berichtet vom Urlaub in Meck-Pomm, Kanufahrten in landschaftlich sehr schönen, aber strukturschwachen Gegenden. Unterschiedliche Mentalitäten setzen sich noch etwas fort, aber große Unterschiede? Nein, die gibt es nicht mehr. Die neuen Klassenkameraden aus der DDR waren vielleicht etwas als Streber verschrien, aber trotzdem ganz nett. Wir unterhalten uns offen über die Höhen und Tiefen im Leben und wünschen uns gegenseitig alles Gute: Beim Studium und bei der Reise entlang der Grenze. Auch von der Frau Zahnärztin werde ich mit den besten Wünschen verabschiedet.

Seit gestern sehe ich in der Entfernung den Harz und damit ist auch der Brocken nicht mehr weit. Das Quietschen der Bremsen, wenn ich bergab fahre, macht mir schon Sorgen. Der Brocken ist schließlich über 1.100 Meter hoch gelegen. Das Fahrrad mit seinen 25 kg, dazu 25 kg Gepäck sowie meine 85 g (mittlerweile dürfte ich wohl ein bis zwei abgenommen haben) – die gesamte Masse entwickelt schon eine gewaltige Schubkraft, die den Bremsen zusetzt.

Im Fahrradgeschäft Beckmann in der Marktstraße 4 frage ich vorsichtig und höflich, ob man die Bremsen vor der geplanten Harz-Überquerung überprüfen könne. Ich habe Glück und werde angesichts meiner bisherigen Strecke wohl als Notfall angesehen. Ein freundlicher Zweiradmechaniker „von drüben“ erhält den Auftrag, mir die Bremsbeläge des Hinterrades auszutauschen. Ich bin beruhigt, auch dass er mir gleich noch das lose Schutzblech und den wackeligen Fahrradständer wieder festmacht sowie die Kette noch kurz mit Öl versorgt. Wir sprechen über Böseckendorf und seine ersten Lebensjahre in der DDR. Mein Heiligenstadt/Flüchtlings-Bonus macht sich mal wieder positiv bemerkbar. Es ist eine sehr freundliche Unterhaltung, ein toller Service der Fa. Beckmann. Vielen Dank nochmal!

Ich fahre weiter nach Teistungen in das dortige Grenzlandmuseum Eichsfeld und schaue mir die didaktisch sehr gut aufbereitete Ausstellung, in der die Situation vor Ort am Grenzübergang Duderstadt-Worbis anschaulich mit der Entwicklung auf internationaler Ebene (alliierte Beschlüsse) und mit der nationalen Ebene verbunden wird. Hier bei Duderstadt bin ich selber einige Male über die Grenze nach Heiligenstadt gefahren. Das Herz schlägt ein wenig höher. In dem Beobachtungsturm finde ich sehr anschaulich die technischen Kommunikationsgeräte mit den Kontrollen der Sprechanlagen durch Offiziere der DDR-Grenztruppen und Angehörige des Bundesgrenzschutzes miteinander verbunden.

Unangemeldet habe ich wiederum Glück und die Möglichkeit, mit der jungen und engagierten Leiterin des Grenzmuseums über didaktische Konzeptionen und das Interesse Wecken bei den unterschiedlichen Zielgruppen zu sprechen. Ebenso wie bei dem Kollegen in Schifflersgrund merkt man, dass sie inhaltlich gesehen „im Saft“ steht. Personell unterstützt durch je zwei teilabgeordnete Lehrkräfte aus Thüringen und Niedersachsen werden unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema „Deutsche Teilung“, verbunden aber auch mit grundsätzlichen Aspekten, wie z. B. Demokratiefragen, erläutert. Ich erhalte eine Vielzahl von schriftlichen Materialien und merke, dass es schon einen Unterschied zwischen Archiv- und Gedenkstättendidaktik gibt.

In der Heinz Sielmann Stiftung im Gut Herbigshagen bei Duderstadt wollte ich schon am Montag gewesen sein, aber gestern hing ich mal wieder hinterher oder besser ausgedrückt: Ich nehme mir die Zeit, um mich in Ruhe mit Menschen zu unterhalten bzw. auch mal einen vermeintlichen Umweg oder einfach eine Pause zu machen. Mein Gesprächspartner in der Sielmann-Stiftung hat heute wohl keine Zeit und so bekomme ich ein paar Broschüren in die Hand gedrückt. Der Bio-Bauernhof ist ein Eldorado für Familien mit Kindern, die sich die Tiere anschauen wollen. Beeindruckend ist auch die sehr moderne Ausstellung, in der es um den eigenen Umgang mit den Ressourcen geht.

Es ist halb fünf und ich befinde mich ca. 10 km von meinem heutigem Startpunkt entfernt. Also fange ich wieder an, ordentlich die Hügel bergauf und bergab zu strampeln. Auf dem Weg nach Bartolfelde, einem Ortsteil von Bad Lauterberg, komme ich nach einem langen Anstieg an einem ehemaligen DDR-Beobachtungsturm vorbei. Ich halte und mir wird sofort klar, als ich den Namen Fredi Willig lese, dass sich dieser Turm in Privatbesitz befindet und ich schon mehrfach von ihm und seinem Besitzer in mehreren Büchern gelesen habe. Also, anhalten, Bilder machen. Ich fotografiere gerade den Bunker, der sich in der Nähe befindet, als ein VW-Bus stoppt. Der Fahrer kann nur der Besitzer sein. Welch ein Zufall!?

Mit meinem etwas burschikosen „Du“ frage ich Fredi Willig, ob ich den Turm mal besichtigen kann. Bereitwillig sagt er zu. Wir klettern die Stufen bis in die oberste Etage an Militärbetten und weiteren Einrichtungsgegenständen vorbei und habe oben einen herrlichen Ausblick auf die umliegenden Felder und Wälder. Fredi – wir sind sofort beim echten Duzen – berichtet davon, wie er den Turm Anfang des Jahrtausends erworben, nach und nach restauriert und mit Hilfe von Bekannten mit originalen Exponaten ausgestattet hat. SAT.Regional hat im Jahr 2017 einen kurzen Filmbericht gesendet, der bei Youtube zu sehen ist. Auch die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine schreibt im selben Jahr über Fredi Willig und seine Renovierungsarbeiten. Wir sitzen also ganz oben, trinken ein Bier und philosophieren über Gott und die Welt, unsere Familien, die Geschichte dieses Turms, die DDR, die Unterschiede zwischen Ost und West etc. Fredi hat noch einen Wasserhahn zu reparieren und so muss ich schweren Herzens nach gut einer Stunde gehen. Die Zeit war viel zu kurz.

Ich bin wieder im Westen. Es ist kurz vor acht und es wird so langsam dunkel. Nach vergeblichen Fragen in mehreren Orten komme ich in Osterhagen im Gasthaus „Zur Post“ an. Es ist halb neun. Meine letzte Hoffnung. Ausgelaugt vom ganzen Tag frage ich, ob noch ein Zimmer frei sei. Eigentlich nicht, aber wenn ich noch 20 Minuten Zeit hätte … Ich könnte die Gastwirtin umarmen! Zum Abendbrot bekomme ich ein herrliches Butterbrot mit Eichsfelder Wurst, und das Bier schmeckt nach diesem langen und zum Schluss sehr aufregenden Tag auch sehr gut.

Mit dem über 70-jährigen Malermeister, der gegenüber dem Gasthaus wohnt,  komme ich schnell ins Gespräch. Ich traue meinen Ohren nicht: Er berichtet von der Bahnlinie, die durch den Ort geht und von KZ-Häftlingen des KZ Mittelbau-Dora während des Krieges gebaut wurde. Ich sollte mir morgen unbedingt in Ellrich die Überreste des KZ anschauen. Es seien viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter umgekommen. Es wird Unverständnis von den Anwesenden geäußert, dass es heute immer noch rechte Parolen gibt, die die Nazi-Zeit verharmlosen und verherrlichen. Ich bin erstaunt, in einem kleinen Ort im Harzer Vorland solch klare Meinungen zu hören. Nach dem dritten Bier falle ich in mein Bett. Obwohl, ich hätte gerne noch weiter diskutiert.

Tag 29 (15.08.18): Von Osterhagen nach Zorge

Osterhagen: vor dem Gasthaus „Zur Post“

letzter Blick aufs Eichsfeld

„traumhaftes Appartement“ in Bad Sachsa für 20.000 Euro

sehr sachkundiger und diskussionsfreudiger Museumsführer in Bad Sachsa

malerischer See auf dem Weg nach Walkenried und Ellrich

Hinweistafel im ehemaligen KZ Ellrich.


Gedenkstein für die KZ-Häftlinge aus der Stadt Leuven in Belgien

Stein mit Wegemarkierung „Zorge“ und „Ellrich“

Tag 29 (15.08.18): Von Osterhagen nach Zorge im Harz

Km: 875 – 912

Nach einem guten Frühstück packe ich meine tausend Sachen zusammen und schleppe alles zum Fahrrad, das ich mittlerweile aus der Garage geholt habe. Ich komme mit Viola, einer der beiden Frauen, die die Gastwirtschaft bewirten, ins Gespräch. Nach der Frage „Wohin heute?“ und dem Bestaunen, Begutachten des Fahrrads und des Gepäcks kommen wir schnell zu einem persönlichen Gespräch, in dessen Verlauf Viola mir erzählt, dass sie mit ihrer früheren Lebenspartnerin, jetzigen Ehefrau, deren Familie die Gastwirtschaft schon seit Generationen betreibt, in dieser dörflichen Gemeinschaft mit ihrer Lebensform total akzeptiert ist. Sogar der katholische Pfarrer habe zur Hochzeit gratuliert. Ich bin verwundert, dass auf dem platten Land andere Lebensformen anscheinend anerkannt werden. Auch hier merke ich, dass sich in den letzten sieben Jahrzehnten in der Bundesrepublik enorm viel getan hat, die Geselllschaft offener, toleranter geworden ist. Wenn ich an die diesbezüglichen Verfolgungen der Nazi-Zeit denke, verstehe ich auch die Diskussion vom gestrigen Abend besser. Mit guten Wünschen und dem Angebot „Ruf einfach an, wenn du nicht weiterkommst, wir holen dich überall ab, auch wenn es zwei Kilometer vor dem Brocken ist!“, werde ich verabschiedet. Es tut so richtig gut!

Quer durch den Wald, mal wieder über Stock und Stein, geht es weiter, an einem ehemaligen Munitionsbunker vorbei, der aussieht wie ein Wasserhäuschen, nach Bad Sachsa. Ich hole mir Geld aus dem Sparkassen-Automaten, welch eine Normalität, wenn ich an die Sechziger Jahre denke, wo man immer persönlich zur Bank gehen musste, um Geld abzuholen. Gut: Vielleicht war man damals auch noch nicht so überschuldet wie viele Menschen es heute leider sind. Man spricht von 10 % der Bevölkerung. Bad Sachsa macht z. T. einen etwas sehr in die Jahre gekommenen Eindruck. Alte Einfamilienhäuser sind für 39.000 Euro zu kaufen, Eigentumswohnungen für 20.000.

Ich beschließe, das von Tettenborn mittlerweile nach Bad Sachsa umgezogene Grenzlandmuseum zu besichtigen. Öffnung um 13.00 Uhr. Also vorher noch etwas essen. Wildcurrywurst mit Pommes. Zwei Bratwürste liegen auf dem Teller und ich weiß nicht, wie ich die mit der Currysauce herunter schlingen soll. Eine echte, halbwegs gut schmeckende Herausforderung.

Im Grenzlandmuseum werde ich von einem ehemaligen Berufssoldaten in Empfang genommen, der seit seiner Pensionierung akribisch und mit großem zeitlichen Aufwand die Geschichte der 132 Km Grenze in dem nord-hessischen und süd-niedersächsischen Abschnitt nicht nur persönlich abgelaufen ist, sondern auch Archive in Koblenz, Freiburg oder in den grenznahen Kreisen und Gemeinden besucht und erforscht hat – von den ganzen Exponaten, davon vielen alltagsgeschichtlichen aus der Nachkriegszeit, ganz zu schweigen. Es fällt mir auf, dass die Mikro- und Makroebene eigentlich immer gut verbunden sind, also die Ereignisse vor Ort und die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Ich bin beeindruckt von dem Wissen des Museumsführers, der mir viele neue Informationen bietet, mit dem ich aber auch sehr intensiv über meine bisherigen Erfahrungen und Einschätzungen während der Reise, vor allem, was die unterschiedlichen Mentalitäten in Ost und West angeht, sprechen kann. Eigentlich wollte ich nur eine halbe Stunde zu diesem „Pflichtbesuch“ bleiben, aber die kollegiale Diskussion, auch wegen meiner eigenen Bundeswehrerfahrung,  lässt die Zeit verfliegen. Schließlich wollen die anderen Museumsbesucher auch noch eine Führung …

Auf meinem Weg nach Ellrich in die ehemalige KZ-Gedenkstätte Juliushütte mache ich noch eine kurze Stippvisite im Zisterzienserkloster Walkenried, einem imposanten Areal aus dem Mittelalter. Die Besichtigung der Kirche spare ich mir, weil ich ja noch in das gestern Abend  angesprochene KZ Ellrich will.

Bei der Ankunft in dem ehemaligen KZ bin ich enttäuscht. Keine Ausstellungs-Räumlichkeiten, nur einige Informationstafeln und ein relativ großes Erinnerungs-Monument, errichtet von der Stadt Leuven in Belgien für ihre hier umgekommenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Von einem Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Dora-Mittelbau erfahre ich dann telefonisch, dass die Bevölkerung von Ellrich anscheinend kein großes Interesse an diesem Monument habe. An dem Spendenaufruf hat sich nur der Bürgermeister mit 100 Euro beteiligt. Er wurde bei der nächsten Wahl abgewählt. Allerdings gibt es wohl auch einen rührigen Verein Jugend für Dora, der noch internationale Jugendlager durchführt. Ein wenig Hoffnung für die Zukunft.

Der Rest ist schnell erzählt. Schokolade bei Lidl einkaufen, am Wurstwagen erst ein Mettbrötchen und dann noch einmal eine schöne Eichsfelder Wurst auf die Faust, die die Fahrt zum nächsten Ort nicht „überlebt“, und dann vom eigentlichen Grenzverlauf abweichend das nächste Harztal bergauf Richtung Brocken  und in Zorge noch ein schönes Gasthaus gefunden mit guter französischer Küche. Fisch gab es nicht mehr. So habe ich einen vorzüglichen kleinen Salat gegessen und eine gutes Glas Rotwein getrunken …

Tag 30 (16.08.18): Von Zorge nach Schierke

Zorge: Renovierungsbedürftiges Haus

Waldweg zwischen Zorge und Hohegeiß

Kleinod: Waldschwimmbad in Hohegeiß

Grenz-Imbiss in Hohegeiß

Kolonnenweg in der Nähe von Sorge

Grenzzaun und Beobachtungsturm zwischen Hohegeiß und Sorge

Freilandmuseum Sorge: Ring der Erinnerung

Museumsführer im Bahnhof Sorge

Nationalpark Harz: Flusstal zwischen Elend und Schierke. Ein ‚Elend‘ bei der lang anhaltenden Trockenheit

Flusstal auf dem Weg von Elend nach Schierke

Tag 30 (16.08.18):   Von Zorge  nach Schierke            

Km: 912 – 945

In meinem Zimmer mit Fenster zur Bergseite hin habe ich gut geschlafen. Boxspringbetten scheinen sich immer mehr im Gastgewerbe durchzusetzen. – Von der Besitzerin erfahre ich, dass das gegenüberliegende Haus für 4.000 Euro zu kaufen sei, das Haus daneben, scheinbar etwas modernisiert, für 20.000 Euro. Die Jugend zieht weg, studiert, geht in die Großstädte. Fachpersonal für den Service zu finden sei nahezu unmöglich.

Ich fahre los und merke, dass es wirklich erstmal nur berghoch geht. In dem einzigen Laden im Dorf gibt es zum Glück neben Bild-Zeitung, Lotto-Annahmestelle auch Zahnpasta. Ich bin erstmal gerettet. Den Häusern in Zorge, die links und rechts der Straße liegen, merkt man an, dass die besseren Zeiten schon hinter ihnen und wahrscheinlich auch hinter ihren Bewohnern, sofern es aktuell noch welche gibt, liegen. Ich frage mich, ob der Ort nicht eigentlich „Sorge“ heißen müsste, aber der Ort mit diesem Namen kommt ja später: Sorge und Elend sind nur einige Kilometer voneinander entfernt und liegen im Osten.

Auf dem Weg nach Hohegeiß durch ein schönes Tal treffe ich einen pensionierten Finanzbeamten, der 1960 hier auf die Finanzfachschule gegangen ist, und der obligatorische Besuch der Grenze gehörte natürlich auch noch dazu, ebenso wie die Gespräche mit den DDR-Grenzsoldaten, was 1960, also vor dem Mauerbau, noch möglich war. Er berichtet davon, wie er Anfang der Neunziger Jahre oft in die neuen Bundesländer gefahren ist und in Dresden ein junges, mit dem westlichen System unerfahrenes Gastwirtspaar beraten hat. Die Brauereien hätten versucht, ihnen Knebelverträge unterzuschieben. Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wenn die Menschen der Bundesrepublik 1990 das sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem von heute auf morgen hätten übernehmen müssen … Welche Brüche und Verwerfungen hätte es auf unserer, westdeutschen Seite gegeben?! Vae victis!

Ich traue meinen Augen nicht: ein herrliches, kleines, überschaubares Waldbad. Um 11 Uhr morgens noch wenig bevölkert. Hauptsächlich Niederländer, um nicht zu sagen: Holländer. Alles sehr familienfreundlich, auch die Preise. Ich ruhe mich aus, trinke einen Plastik-Cappucino und entdecke den Bademeister mit Migrationshintergrund. Er fummelt an seinem Handy herum und blickt ab und an auf das nicht sehr bevölkerte Schwimmbecken. Möglicherweise stammen seine Vorfahren aus Vietnam oder von den Philippinen. Wäre wohl im Osten nicht möglich, einem „Nicht-Deutschen“ die Kinder anzuvertrauen?

In das Bergdorf Hohegeiß geht es wirklich hoch, bergauf. Einige Häuser werden renoviert, andere sehen schlimm aus. Der Grenz-Imbiss ist ein Hingucker: Überall deutsche Fahnen und DDR-Nostalgie, wenige Meter von der ehemaligen Grenze entfernt. Ich bestelle mir einen Teller mit der berühmten Erbsensuppe und lausche einem Gespräch Chemnitzer zu, die sich über Frank Schöbel, die Puhdys und Karat unterhalten – alles ehemalige und z. T. noch aktive DDR-Schlager-Größen und Rockbands. Der ältere Herr mit Hund sowie die Gruppe Mittfünfziger aus Chemnitz (warum höre ich da immer noch „Karl-Moorx-Schtott“ in meinem Kopf?) haben sofort eine gemeinsame Ebene.

Nachdem die Gruppe sich verabschiedet hat, kommt der ältere Herr mit mir ins Gespräch. Er ist nach der Wende aus Ost-Berlin nach Hohegeiß gekommen und hat dort ein mittleres Hotel übernommen, was in den ersten Jahren auch gut lief. Irgendwann hat es sich nicht mehr rentiert und er ist mit seiner Frau, einer Illustratorin von Büchern, wieder zurück in den Osten gegangen. Er lebt wenige Kilometer von der Grenze entfernt im  Landkreis Harz. Relativ schnell haben wir eine gemeinsame Linie gefunden, weil er merkt, dass ich, der Viertel-Ossi und Dreiviertel-Wessi, mich mit der DDR-Realität besser auskenne als der Normalo-Wessi. Zudem hat meine Mutter ihre letzten Jahrzehnte in Berlin-Müggelheim verbracht, während A. früher auf der anderen Seite des Sees wohnte. Er prägt auch den Spruch: „Einmal Ossi, immer Ossi“ und – das ist wichtig – es ist von seiner Seite wohlwollend gemeint. Ich weiß nicht, ob ich stolz auf meine Geburt in der SBZ und die Einschulung in der DDR sein soll. Ich habe ja schließlich selber nichts dazu beigetragen.

Wir diskutieren natürlich auch über die Abteilung „Horch und Guck“, die Staatsicherheit der DDR. Er erzählt mir, dass er mal für ein Vierteljahr in seiner Datsche einen Gast gehabt habe, der immer nur am Schreiben war. Der Name: Rudolf Bahro, der in der 2. Hälfte der Siebziger Jahre das vom „Spiegel“ (1977), glaube ich, veröffentlichte DDR-kritische Buch „Die Alternative“ geschrieben hatte.  Irgendwie und irgendwann, so mein Gesprächspartner, seien Telefonleute bei ihm auf dem Grundstück gewesen, aber es hätte sich nichts getan und er wäre auch nicht befragt bzw. verhört worden. Seltsam. Wir machen Fotos, getrennt und zusammen, und tauschen unsere Handynummern aus. Ein neuer Freund, auch wenn er einige Jahre älter ist als ich. Zur Person Rudolf Bahros, seinen politischen und wissenschaftlichen Aktivitäten finden sich bei Wikipedia nähere Informationen.

Auf dem Weg zum Bahnhof Sorge, wo sich ein kleines Grenzmuseum befindet, verfahre ich mich natürlich mal wieder und muss dann über die Bundesstraße 4 nach Sorge. Dort angekommen merke ich, dass mir der „Ring der Erinnerung“ auf meiner Liste fehlt. Also, mal wieder Retour in Richtung Hohegeiß. Ich treffe bei dem in freier Landschaft stehenden B-Turm eine Gruppe von Holländern, denen ich ein paar Erläuterungen auf Englisch geben und mich mit „tot ziens“ verabschiede. In der Tat treffe ich sie in dem Bahnhofsmuseum wieder, wo ein von der Arbeitsagentur unterstützter Mittfünfziger detaillierte, aber auch kritische Aussagen zum Prozess der Wiedervereinigung  macht, wie z. B. dem Verlust der Arbeitsplätze in der ehemaligen DDR. Der Mann kommt aus dem Westen …

Eigentlich habe ich schon genug angesichts der Hitze, aber ich will unbedingt morgen den Brocken rauf. Daher muss ich heute noch Schiercke erreichen. Über die Bundesstraße 27 geht es zunächst nach Elend und dann durch den malerischen Wald nach Schierke. So weit so gut. In Schierke komme ich mir wie ein Aussätziger vor, als ich den hinter der Theke stehenden Gasthaus-Besitzer frage, ob er in seiner Ferienlage noch ein Zimmer für eine Nacht habe. Gehöre ich vielleicht zu der Generation, die keinen Internetzugang hat und über booking.com oder hrs.de nicht herausbekommt, wo noch eine Schlafmöglichkeit frei ist? Ich bin schon auf der letzten Rille hochgefahren, der Akku ist nahezu leer und dann dieser ungläubige, herabschätzende Blick.

Es dauert eine Weile, bevor ich überhaupt eine Antwort bekomme. Sind hier vielleicht noch die Reste der DDR-Gastronomie zu spüren? Ein bekanntes geflügeltes Wort lautete: „Der Gast ist König, und der Kellner ist Kaiser.“ Und in das Beschwerdebuch traute man sich auch nichts Negatives reinzuschreiben, weil es ansonsten beim nächsten Mal wahrscheinlich nichts zu essen und zu trinken gegeben hätte. Ich erinnere mich noch gut: Draußen eine Schlange vor der Gaststätte, drinnen ein paar wenige Gäste, Kellner, die sich miteinander unterhielten, und ansonsten die Tisch mit Schildern versehen („Hier werden sie platziert“) – Irgendwie war man das im Westen nicht gewohnt. Und Reservierungen für den Abend im Voraus und ganz sicher gab es oft nur gegen einen kleinen Fünf-Mark-Schein (DM-West natürlich).

Ich verlasse diesen unfreundlichen Ort und gehe ich die nächste Seitenstraße. Pension. Alles per Telefon. Zimmer noch möglich, aber Wohnung noch nicht sauber gemacht. Egal. Preis verhandelt, runter gehandelt, 40 Euro unter die Kaffeemaschine morgen legen. Im Info-Heft lese ich, dass das Haus früher der Zirkus-Familie Sarrasani gehört habe. Ich erinnere mich an meine Zeit als Zirkuskind beim Zirkus Busch in den Saisons 1957 und 1958. An den Sonntagnachmittag, als der Bär meinen Lufballon haben wollte und mein Vater geistesgegenwärtig dem Bären mit dem Trockenrasierer auf die Tatze kloppte, damit er meine Hand los ließ… Welch ein Schutzengel!

Zum Essen habe ich dann etwas beim Chinesen auf der anderen Seite, dem Schierke gegenüberliegenden Berg, bekommen. Seit 20 Jahren wohnt er schon dort. Alles in Ordnung für ihn.

Kaputt lege ich mich schlafen, die Nacht wird kurz.

Tag 31 (17.08.18): Von Schierke über den Brocken nach Stapelburg

Brockenstraße: Überquerung der Brockenbahn. Morgens um 5 Uhr

 

Die letzten Meter bis zum Brocken: gleich ist es geschafft!

 

Heinrich-Heine-Denkmal, Blick Richtung Osten: die Sonne geht so langsam auf.

 

Brocken: Sonnenaufgang. Emotion pur um 6 Uhr morgens

 

Fahrrad-Stilleben mit Brockenbahnhof im Hintergrund. 6.15 Uhr

 

Siegerpose in der Morgensonne

 

Frühstück auf dem Brocken: Dank an Bernhard Fahring aus dem Eichsfeld

 

Schönheit der Natur auf dem Brocken

 

Rast- und Schlafplatz: Zeit für ein kurzes Nickerchen. Wo ist das Handy?

 

Blick nach Norden – der größte Teil der Grenzgängertour ist geschafft

 

Scharfenstein, Naturpark Harz – Rangerhütte

 

Blick auf die Eckertalsperre

 

FF = Viel Vergnügen! Nur die Harten kommen in den Garten. – Dem Trekkingfahrer ist nichts zu schwör!

 

Eckertalsperre mit DDR-Grenzpfahl

 

Endlich mal wieder … Ein neuer Fahrradschlauch wird zur Feier des Tages ‚geopfert‘.

 

Endlich – zum ersten Mal auf der Reise ist es (fast) richtig flach.

 

Tag 31 (17.08.18):   Von Schierke  über den Brocken nach Stapelburg

Km 945 – 985

Kurz nach drei Uhr morgens wache ich – ohne Wecker – auf. Ich bin nervös, kann nicht mehr einschlafen. Sonnenaufgang auf dem Brocken? Das wär doch was. Also, ab unter die Dusche! Mitten in der Nacht, ohne Frühstück, werden die Sachen gepackt. Wie immer ein Akt. 40 Euro unter die Kaffeemaschine. Schlüssel unter die Türmatte, wie vereinbart.

Ich starte um 4:45 Uhr von der Pension aus und möchte zum Sonnenaufgang um 6:11 Uhr oben sein. Ich fahre zunächst durch den dunklen Wald mit meiner Beleuchtung, was mir hilft, denn draußen ist es „kuhnacht“. In dem Buch Radtouren am Grünen Band von Stefan Esser ist der Weg auf der Versorgungsstraße beschrieben. Plötzlich taucht in der Dunkelheit ein hell erleuchtetes, leeres Parkhaus auf. Surreal. Schließlich finde ich die Versorgungsstraße, die hoch zum Brocken führt, zwar doppelt so lang wie der Fußweg, der relativ nah der Brockenbahn entlang führt, aber die Steigungen sind mit dem E-Bike gut machbar.

Auf dem Weg hoch komme ich an kaputten Bäumen vorbei, die in drei Meter Höhe abgeschnitten oder richtig gefällt worden sind. Ich kurbele mein Pensum herunter, wie ein Uhrwerk. Es kommt mir vor wie bei meinen Berlin-Marathons zwischen Kilometer 15 und 25. Alles läuft. Zwischendurch überkommen mich die Emotionen. Der höchste Punkt der Reise: Ein paar Tränen werden im Fahrtwind getrocknet, genau wie bei meinem ersten Berlin-Marathon 1996, als ich zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor in Berlin „frei“, ohne Mauer und Zaun, laufen konnte … Zwei Kilometer vor dem Brocken treffe ich auf zwei Mountainbiker, die sich vom Osten her hoch gequält haben. Ich bekomme einen Spruch wegen meines E-Bikes ab, aber ansonsen alles gut.

Auf dem Brocken in 1141 Meter Höhe angekommen, herrscht Ruhe über allen Wipfeln. Ein Hobby-Fotograf erklärt mir kurz, wo ich noch ein schönes Foto machen kann: auf dem Bahnsteig der Brockenbahn. Aus dem Hotel kommen zwei Frauen, die auch extra zum Sonnenaufgang aufgestanden sind. Zwei junge Kerle mit dem Rucksack marschieren an mir fast grußlos vorbei. Waren das Bundeswehrsoldaten? Ich erinnere mich an den Einzelkämpfer-Lehrgang an der Fallschirmspringer-Schule in Altenstadt in der Nähe von Füssen Im Frühherbst 1968.

Das Stativ wird ausgepackt, damit ich Fotos vom Sonnenaufgang machen kann. Nur – es ist ein wenig wolkig! Egal, die Sonne ist schemenhaft zu erkennen, zunächst, später deutlicher. Den Fotoapparat benutze ich als Videoaufnahmegerät und ziehe eine Bilanz der bisherigen Reise: Sehr viele interessante Begegnungen, viel Hilfsbereitschaft.

Der Imbiss am Brocken-Bahnhof hat noch nicht geöffnet. Es ist 06:30 Uhr. Einige Autos fahren zur Wetterstation. Mitarbeiter. Ich hole die Flasche selbst Aufgesetzten aus der Packtasche und trinke auf das Etappenziel, den höchsten Berg der Tour mit über 1.100 Metern. Bernhard Fahrig aus dem Eichsfeld hat mir die Flasche als Reiseproviant mitgegeben. Noch einmal vielen Dank!

Am Brocken-Stein treffe ich gegen sieben Uhr einen Mann mittleren Alters, der jeden Tag ca. 20 km mit seinen sibirischen Schlittenhunden zu Fuß geht oder läuft. Er ist ein „Schwob“ und kommt aus der Nähe von Aalen, ist mit dem Camper unterwegs. Wir sprechen über die unterschiedlichen Mentalitäten in Ost und West. Er ist der Meinung, dass die Menschen in den neuen Bundesländern freundlicher seien. 

Auf dem Brocken ist nach wie vor nahezu menschenleer und ich fahre – immer noch euphorisiert – den steilen Kolonnenweg Richtung Scharfenstein und Ecker-Talsperre runter. Die Abfahrt erfordert Konzentration, da die Löcher in den Betonplatten zwar einigermaßen zugewachsen sind, aber die Trekking-Reifen sind nicht viel breiter und das Vorderrad darf nicht verkannten. Auch sind es mindesten 135 Kg, die den Berg langsam herunterrollen, meine Hände liegen  immer fest an den beiden Bremsgriffen. Zum Glück habe ich in Duderstadt neue Bremsbeläge für das Hinterrad bekommen …

Nach 20 Minuten Abfahrt mache ich eine Pause. Heute Nacht nur 4 Stunden geschlafen, die Bergfahrt fordert ihren Tribut. Ich lege mich auf die Erde, die Regenjacke darunter, es wird so langsam warm durch die Sonne, ich lege mir sicherheitshalber noch meine vordere Gepäcktasche mit den Wertsachen unter den Kopf und schlafe ein … Als ich aufwache, frage ich mich, wo mein Handy ist. Hosen- und Jackentaschen werden abgesucht, nichts. Die vordere, blaue Gepäcktasche durchsucht, nichts. Es kommt Panik auf. Wie soll ich ohne Handy kommunizieren mit Ellen, den Kindern, Dors …? Ein weiteres Beispiel, wie sich unser bzw. mein tagtägliches Leben in den letzten drei Jahrzehnten verändert hat!

Habe ich das Handy vielleicht oben auf dem Brocken liegen gelassen? Es hilft nichts. Alles Retour. Ich muss noch einmal den steilen Anstieg auf dem Kolonnenweg hoch zum Brocken. Am Brockenstein: nichts. Beim Brockenwirt und in dem Museum auch nichts abgegeben. Ich werde fatalistisch und denke: „Recht geschieht es mir, hättest halt besser aufpassen müssen.“ Schweren Herzens, frustriert, geht es wieder bergrunter. In Bad Harzburg kann man bestimmt ein neues Handy kaufen … Unterwegs spreche ich Mountainbiker, die bergauf fahren, an und bitte sie mir ggf. das Handy zuzusenden. Irgendwie gibt es Solidarität, vielleicht auch Mitleid, obwohl ich mit einem E-Bike unterwegs bin.

Nach einigen Kilometern Abfahrt liegt ein kleines Plateau vor mir: Scharfenstein. Hier stand früher mal eine Kaserne, genutzt von der sowjetischen Armee und später dann von den DDR-Grenztruppen. Mittlerweile abgerissen. Dafür befinden sich dort jetzt zwei Holzhütten, eine davon mit Bewirtung, betrieben von Harz-Rangern. Da der Anstieg nochmal E-Power verbraucht hat und ich zudem noch nichts Richtiges gefrühstückt habe, mache ich erst einmal eine Pause. Kaffee und Schmalzbrote, später dann noch ein Stück Kuchen und Limonade. Herrlich nach der ganzen Anstrengung und leider auch Aufregung.

Ich komme mit dem Ranger ins Gespräch: Er war in den Achtziger Jahren selber bei den DDR-Grenztruppen, allerdings nicht in der Nähe seines Wohnortes, sondern weiter nördlich. Ich erzähle meine Geschichte (ein Viertel Ossi, drei Viertel Wessi) und wir kommen nach anfänglicher Zurückhaltung sehr schnell in langes, sehr differenziertes Gespräch über das Leben in der DDR, die Wendezeit und die Zeit nach der Jahrtausendwende. Er regt sich über nicht differenzierende „West“-Besucher auf, die angesichts der Fotos sofort auf die Stasi-Leute im Osten schimpfen, alle ehemaligen DDR-Bewohner gleichsetzen, die Kosten der Wiedervereinigung als einseitige Belastung für die alten Bundesländer ansehen und auf den Soli schimpfen. So werden es fast zwei Stunden intensiver Diskussion und ich freue mich, dass ich einen solchen Gesprächs- und Diskussionspartner hier mitten in der Prärie am Fuße des Brockens kennengelernt habe.

Aus dem Esser-Buch, das mich bisher immer begleitet hat, weiß ich, dass die Ecker nicht nur Grenzfluss war, sondern dass das Tal und die Talsperre sehr schön sein gelegen sein sollen. Hätte ich es mal bloß gelassen und wäre mit einem kleinen Umweg über Waldwege nach Ilsenburg gefahren, nein ich wollte die Mountainbike-Strecke nehmen! Der erste Kilometer ging noch relativ problemlos, dann aber auf ca. 1 km nur noch eine Wurzel nach der anderen. War es die Trockenheit, die dazu führte, dass es eine Holperstrecke wurde, oder sonst was? Ich weiß es nicht. Ich denke nur: ein Glück, dass ich ein Trecking-Rad habe, das auch durch die vollen und schweren Satteltaschen relativ stabil fährt. Außerdem: Ich bin stolz auf meine Fähigkeit, das Fahrrad mittlerweile bei allen Unebenheiten im Griff zu haben.

Die Talsperre kann ich auf der Mauer überqueren. In der Mitte ein Grenzpfahl der DDR. Früher hat es wohl öfter Streitigkeiten zwischen der BRD und der DDR gegeben, die die Talsperre gemeinsam betrieben haben. Am Ende der Staumauer dann das böse Erwachen. Das ganze Gepäck vom Rad runter, die Treppen hochtragen, das Fahrrad hinterher und oben alles wieder zusammenbauen. 32 Grad Celsius. Ein Uhr mittags.

Anstatt nach Bad Harzburg zu fahre, suche ich mir wieder die „harte“ Tour raus. Über einen kleinen, steilen Weg runter ins Eckertal. Über Steine, leichtes Geröll, aber immer im Schatten und einen schönen Blick auf die Ecker, die allerdings nur wenig Wasser führt. Ich fahre mittlerweile relativ brutal über die Schotterwege parallel zum kleinen ehemaligen Grenzfluss, so mit 18-20 km/h, aber es geht ja auch leicht bergab… Irgendwann merke ich, dass es mich wieder erwischt hat, die Luft scheint vorne nicht mehr zu halten. Na ja, ein Unglück kommt selten allein.

Am Eckerkrug stehen einige überdachte Holztische. Hier befand sich früher eine Naturheilanstalt namens „Jungborn“ , gegründet von Adolf Just. Hier hat auf Franz Kafka im Jahr 1912 eine Kur gemacht. Ich brauche dringend eine Pause, folge dem Ansatz von Just, und mache meinen Oberkörper frei. Außerdem baue ich das Vorderrad ab und flicke den Reifen. Mittlerweile ist es Routine. Gepäck abbauen. Fahrrad auf den Sattel und den Lenker stellen. Vorderrad aus aus der Gabel. Wasser aus der 1,5 l-Flasche in den kleinen viereckigen Plastikbehälter. Schlauch ausbauen. Wieder aufpumpen und dann Stück für Stück durch das Wasser ziehen, bis es Blasen gibt. Aufrauen, Kleber drauf, trocknen, einen Gummiflicken drauf und 150 mal mit der kleinen Luftpumpe aufpumpen. Da kommt jedesmal Freude auf …Beim Durchsuchen der vorderen Packtasche nach Flickzeuge finde ich vollkommen überraschend mein Handy wieder. Es ist schmal und ich hatte es auf dem Brocken in der ganzen Euphorie und Aufregung nicht gefunden..Welch ein Glück!!! Ich bin erleichtert.

Ich entscheide mich weder nach Ilsenburg noch in den Westen nach Bad Harzburg zu fahren. In Stapelburg halte ich bei einem Supermarkt an… hat mehr den Charme des alten Konsums, nur mehr Waren natürlich. Ich kaufe mir Bananen und 500 gr. Joghurt. Irgendwie bekomme ich den Joghurt nicht runter, da helfen auch nicht wirklich eingetunkte Bananenstücke. Der Joghurt wird hinten auf dem Fahrrad ‚festgeschnallt‘. Man ist ja umweltbewußt. Zum Glück finde ich nach mehrmaligem Fragen ein Zimmer in einer Ferienwohnung, die ich für mich alleine habe. Obwohl draußen der Rasen total vedorrt ist, frage ich die Wirtin gleich nach der Besichtigung, ob ich zwei Tage bleiben kann. Ruhetage! Als ich mich nach 17 Stunden Unterwegs-Sein im Spiegel sehe, gewinne ich den Eindruck, dass ich mit dem Typen, der mich ansieht, heute Abend auch kein Bier mehr trinken möchte. Total kaputt, aber tolles Gefühl: Der Brocken ist geschafft!

Tag 32 und 33 (18./19.08.18): Ruhetage in Stapelburg

Ruhetag: Französische Küche – Spiegelei mit rohem Schinken, Pulverkaffee …

Der Computer, die vernetzte Welt ruft … Wie haben wir das eigentlich früher ohne ausgehalten?

Ehemaliger Grenzübergang Stapelburg: unterirdischer Bunker.  Mittlerweile zubetoniert.

Tag 32 und 33 (18./19.08.18):   Ruhetage in Stapelburg

KM: 980-985

Heute ist Samstag. Es ist eine gute Entscheidung, einen Ruhetag einzulegen. Nachts haben die Oberschenkelmuskel mal wieder derbe gekrampft. Die gestrige Brocken-Überquerung hat ihre Spuren hinterlassen. Aber morgens geht es mir schon viel besser als gestern Abend. Mit dem Schreiben des Tagebuches hänge ich hinterher. Daher: Schnell einige ich mich auf zwei Ruhetage anstatt nur einem. Die gediegen eingerichtete FEWO gibt mir so ein wenig das Gefühl, dass ich hier eine kleine Oase gefunden habe. Arminia Bielefeld spielt und ich höre Radio Bielefeld dabei. Es wird, wie fast immer bei der Drama-Queen, ein Zittersieg: 2:1 gegen die Dynamos aus Dresden. Ein Geschenk an den plötzlich verstorbenen Stadionsprecher, der 35 Jahre lang die Stimme der Alm (Schüco Arena) war.

Ich kaufe Lebensmittel ein, bruzzele mir etwas zurecht, trinke Pulver-Cappucino … nur vom Feinsten. Von meiner Nichte Iris habe ich die Telefonnummer von meinem Cousin Uli erhalten. Ich rufe an und stelle fest, dass er an der Bergstraße in Südhessen wohnt. Erinnerungen werden wach an meine insgesamt zehn Jahre an der TU Darmstadt, das Studium, die vielen Interviews mit Zeitzeugen aus dem NS-Widerstand, an aufrechte Kämpfer wie den Kommunisten Karl Schreiber, der dafür sorgte, dass das KZ Osthofen (Schauplatz von Anna Seghers‘ „Das siebte Kreuz“) nicht in Vergessenheit geriet, an Schwester Ria Ratz, die als evangelische Ordensschwester in Opposition zu den Nazis stand, oder an Alexander Haas, den damaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, der mich in der Auseinandersetzung um meine Staatsexamensarbeit / Promotion über Machtergreifung in Darmstadt 1933 sowie Widerstand und Verfolgung in Darmstadt gegenüber dem SPD-Oberbürgermeister verteidigte. Ich erinnere mich an die Zeit in der Hochschulpolitik als Mitglied des damaligen Allgemeinen Studentenausschusses und an die von mir gegründete Georg-Büchner-Edition, die mir zur Veröffentlichung der mehr oder minder auf dem Index stehenden Geschichtsforschungen sowie der von mir produzierten Langspielplatte „Osttangenten-Blues“ diente. Lange ist es her, doch die Erinnerungen an die Auseinandersetzungen, aber auch an die Solidarität und die Unterstützung, nicht nur von der politischen Linken, den Zeitzeugen, sondern u .a. auch von Seiten des damaligen Leiters des Hessischen Staatsarchivs in Darmstadt, Prof. Eckhart G. Franz, sind wach geblieben und holen mich manchmal auch noch ein.

Ich rufe meinen Cousin Uli an. Er ist erstaunt und anscheinend erfreut, von mir zu hören. Ein positives Gefühl, das ich auch in Heiligenstadt bei meinem Cousin Ernst-Georg und seiner Familie hatte. Ich frage nach Gerichtsakten über den Tod unseres gemeinsamen Großvaters, die er angeblich von seinem Vater geerbt haben soll. Nein, Prozess-Unterlagen aus dem Jahre 1961, als der Todesschütze zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt wurde und relativ schnell zur SED-Bezirksleitung nach Erfurt versetzt wurde, hat er nicht.

Mich trifft fast der Schlag, als er mir berichtet, dass sein Vater Ernst davon ausgegangen war, dass es kein Unfall, sondern Mord gewesen sei. An einem klaren, sonnigen Dezembertag könne man auf ca. 20 Meter Entfernung in einer Schonung, in der die Stämme jeweils mehrere Meter auseinander stehen und vielleicht 10 cm dick sind, keinen erwachsenen, schwergewichtigen Menschen mit einem Wildschwein verwechseln und zweimal (!) schießen. Ich muss das zunächst verdauen….. Aus dem vorgesehenen Ruhetag ist so ein emotional aufwühlender Un-Ruhetag geworden.

Am Sonntag habe ich die Möglichkeit, mich lange mit der Besitzerin der FEWO zu unterhalten. Ihr verstorbener Ehemann, der in den 60er Jahren über die Grüne Grenze im Eckertal in den Westen geflohen war, hat das Bauerngehöft nach der Wende schnell wieder zurück erhalten. Danach haben beide es aufwendig restauriert. Sie berichtet von den Schwierigkeiten und den Anstrengungen, die es gekostet hat, sich Anfang der 90er Jahre die Anerkennung der Dorfbewohner im wahrsten Sinne „zu erarbeiten“. Inwieweit auch heute noch Ressentiments vorhanden sind, bleibt unklar.

Ich fahre zum im November 1989 provisorisch errichteten Grenzübergang Eckertal-Stapelburg. Der BGS-Angehörige Lothar Engler hat über die Grenzöffnung am 11. November 1989 eindrucksvoll, auch mit zahlreichen Fotos, berichtet.  Und Werner Tharann aus Bad Harzburg hat die Öffnung der Grenze auf einem Videofilm festgehalten. Ein geplanter Besuch in dem unterirdischen Museum im ehemaligen Grenzübergang zwischen Stapelburg und Eckertal kann nicht stattfinden. Die Frau, die vor zehn Jahren einen Kiosk direkt über dem zu besichtigenden kleinen Bunker betrieben hat, gab nach wenigen Jahren auf. Es fand sich kein Träger, der die Arbeit unterstützte. So ist heute nur noch eine Betonplatte zu sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass der Kiosk an dem ehemaligen Grenzübergang nicht mehr lief.

Tag 34 (20.08.18): Von Stapelburg nach Schöningen

Stapelburg: Verabschiedung von meinen Gastgebern

Blick zurück auf den Harz und den Brocken

Gedenkstein am ehemaligen Grenzübergang Stapelburg. Ost und West reichen sich die Hände …

vertrocknete Blätter – wie im Herbst!

Grenzzaun und KfZ-Sperrgraben in der Nähe von Göddeckenrode

1.000 Km geschafft! Wer hätte das gedacht? 67 Stunden reine Fahrzeit.

Das muss gefeiert werden: Bernhard Fahrigs Wildkirschen-Schnaps.

Schlauchwechsel auf dem Stoppelacker …

Es geht mal wieder querfeldein … Hoffentlich kommt kein Ast runtergefallen!

Osterwieck: schön restaurierte Fachwerkhäuser

Welch eine Überraschung: Es gibt sie noch, sogar in Sachsen-Anhalt, die öffentlich zur Schau gestellte Fahne der EU!

Grenzübergang bei Jerxheim-Bahnhof

Tag 34 (20.08.18):  Von Stapelburg nach Schöningen

Km: 985 – 1060

Ich verabschiede mich herzlich von meinen beiden Gastgebern und fahre entlang der ehemaligen Grenze Richtung Vienenburg. Nachdem ich wieder im Westen bin, komme ich an total vertrockneten Ästen und z. T. entwurzelten Bäumen vorbei. Natürlich verfahre ich mich auch mal wieder. Abbenrode hätte ich auch ‚leichter‘ haben können, aber der Waldweg war schön. In Vienenburg nochmal schnell Geld holen auf der Bank und einen Cappucino bei einer relativ unfreundlichen Eisdielenbetreiberin trinken. Dann geht es wieder über die mittlerweile imaginäre Grenze in den Osten.

Ich bin einfach dankbar und froh, zumal jetzt keine gewaltigen Steigungen mehr kommen.  Kurz vor Göddeckenrode habe ich ein weiteres Teilziel erreicht: 1.000 Km habe ich hinter mir … und lebe noch! Ich genehmige mir erneut einen Schluck von Bernhards Wildkirschen-Schnaps, mache neben dem Grenzzaun eine Pause und halte für wenige Minuten inne. Die angerissene Achillessehne, die angerissenen Bänder im linken Fuß – ein Souvenir aus Chisinau, als ich morgens auf dem Weg zur Akademie der Wissenschaften auf Glatteis ausgerutscht bin (28. Januar 2014) – haben bisher gehalten und mitgemacht. Toi-toi-toi.

In Gödeckenrode treffe ich eine ältere Frau. Was heißt hier älter? Jahrgang 1946, gerade mal zwei Jahre älter als ich! Sie ist von der Wende enttäuscht, weil sie Anfang der 90er Jahre nicht nur ihre Stelle bei der Post verlor. Dazu muss man wissen, dass die Poststelle in der DDR lange Zeit eine wichtige Funktion im Dorf hatte und mit hohem Ansehen verbunden war. Es gab nur sehr wenige Telefone. Telefonieren und Telegramme versenden konnte man nur direkt auf der Post. Mit der `Posthalterin` musste man sich gut stellen, es war ja für die meisten Dorfbewohner das Tor nach aussen. Dass der/die Betreiber(in) der Post natürlich über viele Informationen verfügte, war natürlich auch klar.

Also, meine Gesprächspartnerin fühlte sich nicht mehr Richtung wohl im Ort, weil  mittlerweile die Westler aus den umliegenden niedersächsichen Dörfern das Regiment übernommen hätten. Nach der Wende wären sie relativ schnell gekommen und hätten die alten, z. T. verlassenen Häuser gekauft und renoviert. Die Qualität der Kindergärten und Schulen sei auch unterschiedlich. Sie sähe das an ihrer jüngsten Enkelin, die im bundesdeutschen Nachbarort den Kindergarten besucht habe. Auch die in der DDR gut qualifizierte Tochter würde sich im nahegelegenen Hornburg immer noch als Ossi fühlen, und viele Frauen hätten keine vergleichbare berufliche Ausbildung wie in der DDR erhalten.

Nach Hornburg fahre ich nicht rein, weil ich eine Abkürzung Richtung Osten nehmen will und prompt verfahre ich mich mal wieder. Dies endet – zum Glück – an einem Beobachtungsturm mitten auf einem Kamm, was durchaus interessant ist, aber auch ein Desaster. Die Wege sind mal wieder von Steinen und Ästen übersäht. Ich fahre über ein Stoppelfeld, aber es geht nicht weit: Wieder ist es der Vorderreifen, der nicht mehr genügend Luft hat. Ich komme nicht mehr richtig vorwärts, die Speichen will ich auch nicht gefährden. Also, ab an den Waldrand, mal wieder das ganz Gepäck runter! Wie gehabt und schon beschrieben: zur Feier des Tages (1.000 Km) gönne ich mir endlich den Ersatzschlauch und bin nach einer guten Viertelstunde wieder startbereit für den Trail … holterdiepolter geht es weiter …

Nach mehrmaligem Verfahren im Wald komme ich zu einer Ausflugsgaststätte in der Nähe von Osterwieck. Ich frage nach, ob ich den Akku nachladen sowie Kaffee und Kuchen bekommen kann. Die Wirtin ist zuerst etwas skeptisch, gestattet dann aber doch das Aufladen. Am Nachbartisch sitzt ein drahtiger Mann, der vielleicht knappe zehn Jahre jünger ist als ich: „Wo fahren Sie hin?“ – „Ostsee, immer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzen entlang!“ Es entspinnt sich eine Diskussion, die ich so schnell nicht vergessen werde. Themen wie üblich: Flüchtlinge, Migranten, Islam. „Alles raus, hat nichts mit Deutschland zu tun! Alle meine Freunde in Halle denken so. Schauen Sie sich doch mal in Halle an der Saale auf dem Marktplatz um! Alles Asylanten, Schwarze, Flüchtlinge! Ab sieben kann da keine deutsche Frau mehr hingehen.“

Als er dann tatsächlich fordert, man müsse mit Frau Merkel das Gleiche machen, wie es die Securitate in Rumänien mit Ceaușescu gemacht hat, nämlich den Staatschef ohne Gerichtsverhandlung zu erschießen (Weihnachten 1989), gebe ich meine Zurückhaltung auf: „Glauben Sie bloß nicht, dass wir es zulassen werden, dass hier in Deutschland Politiker erschossen werden, nur weil einigen Leuten deren Meinung nicht passt! Da gibt es genug Leute im Westen, die sich ganz klar dagegen stellen werden!“ – Er legt nach: „Und schauen Sie sich doch mal die Roth von den Grünen an, die ist sogar Bundestagsvizepräsidentin. Genau das Gleiche! Weg damit!“ Ich halte hier dagegen, weil ich diese Nazipropaganda nicht unwidersprochen stehen lassen will.

Das ganze Streitgespräch dauert über eine Stunde. In welchem Bereich er arbeitet, will der sehr gut informierte Herr mir nicht sagen. Zu meinem heutigen Etappenziel Marienborn sagt er beim Abschied nur: „Ja, zu Marienborn könnte ich Ihnen auch noch was sagen. Da kenne ich mich sehr gut aus. Aber lassen wir das …!“ Habe ich es hier etwa mit einem ehemaligen Angehörigen der Stasi zu tun gehabt, deren Aufgabe es war, bundesrepublikanische Reisende auszufragen bzw. anzuwerben? – Ich erinnere mich an den 2. Weihnachtsfeiertag 1981 als ich wenige Tage nach dem Tod meines Vaters den Totenschein zu meinen Brüdern in Ostberlin bringen wollte, damit sie ein Visum für die Beerdigung beantragen konnten.  Morgens gegen sieben Uhr werde ich an der Übergangsstelle Berlin-Friedrichsstraße vom Zoll der DDR befragt, was denn das für ein Schmuck sei, den ich als Geschenk mit mir führte. Es war Indianerschmuck, wahrscheinlich aus dem Sioux-Reservat, den ich auf einer Reise mit meiner früheren Frau Ute dort während des zweijährigen USA-Aufenthaltes in Buffalo, N.Y.,  gekauft hatte. Ich sollte 70 DM Zoll bezahlten. Als ich dem Grenzoffizier sagte, dass der Schmuck keine 30 DM wert sei, hielt er mir vor, dass sie in der DDR auch nicht mit allem in der BRD einverstanden seien, z. B. den Berufsverboten gegen Kommunisten. Nach vorigen Nacht ohne Schlaf war ich relativ geladen und habe ihm gesagt, dass er mir über Berufsverbote nichts sagen brauche. Die Tatsache, dass ich 1978 in Hessen keinen Referendarsplatz trotz sehr guter Noten bekommen hatte, waren für mich Anlass anzunehmen, dass ich selber unter den von Willy Brandt verfügten so genannten Radikalen-Erlass vom Januar 1972 gefallen war. Irgendwie muss es ihn beeindruckt haben: Meine Zollgebühr wurde halbiert, von 70 DM auf 35 DM.

Nachdem die Wirtin mich freundlich verabschiedet hat, bin ich mir mit Wut im Bauch klar, dass ich heute noch Kilometer machen muss, damit ich Dors, wie geplant, morgen früh in Helmstedt abholen kann. Es gilt Landstraße zu fahren: Aue-Fallstein, Huy, Jerxheim: teilweise Bundesstraße ohne Fahrradweg. Es wird mir mulmig, wenn die Autos mit 100 und mehr Sachen an mir vorbeirauschen. Zum Glück habe ich immer meinen gelben Regenschutz über dem Schutzhelm – ein guter Sonnenschutz gegen Hautkrebs und gleichzeitig von weitem sichtbar! Der Akku ist wieder einigermaßen aufgeladen und ich spule die Kilometer runter, mittlerweile Routine. Kurz vor der imaginären Grenze kaufe ich in Sachsen-Anhalt noch Studentenfutter zur Stärkung in einem Supermarkt. Im niedersächsischen Söllingen hat das Gasthaus zu, aber irgendwie gelingt es mir eine Internetverbindung herzustellen und noch ein Hotel in Schöningen für diese Nacht zu bekommen. Kurz vor acht Uhr, es dämmert schon, komme ich relativ groggy dort an. Zwei Monteure aus Schwerin sind schon da, die Unterbringung erinnert mich ein wenig an das Hafenhotel in Bombay im Jahre 1994. Jeder Ton des Nachbarn zu hören …

Zum Essen bekomme ich vorzügliche Rouladen. Das Alsterwasser als erstes Getränk und dann noch ein oder zwei normale Bier sind schon zur Routine geworden. Ich darf mich neben den Gastwirt setzen, der einige Jahre älter ist als ich. Er erzählt von früher, von vor der Wende, während der Wende und den leider traurigen Jahren danach. Vor der Wende war in seiner Gaststätte viel los: US-Soldaten, die in der Nähe stationiert waren, Russisch lernten und den Funkverkehr der Warschauer Vertragsstaaten abhörte, LKW-Fahrer der DDR-Spedition DEUTRANS, Kungelgeschäfte zwischen Amerikanern und Russen in der Wendezeit (Uniformen, Waffen der Sowjets gegen US-Dollar). Verwundert hat mich nur, dass er offensichtlich auch DEUTRANS-Fahrer mit in die Kaserne genommen hat, wo diese ihre Beobachtungen machten. Ich erzähle ihm von meiner Bundeswehrzeit von 1967-1970 und wir finden gleich eine gemeinsame Ebene, obwohl er nur Wehrpflichtiger war und ich ein 1000-Tagebär. Interessant war auch, dass sein Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war und dort ideologisch geschult worden ist …Was für ein Tag!

Tag 35 (21.08.18): Von Schöningen nach Oebisfelde

Tagebau bei Schöningen: wird wieder renaturiert

Originalgrenzanlagen bei Hötensleben

Helmstedt: Dors nach vier Wochen wieder on Tour

Gedenkstätte Grenzübergangsstelle Marienborn

Zu DDR-Zeiten undenkbar! Wie ist die Zeit vergangen (12. November 1989 – 21. August 2018)?!

Dors beim Verhör. Er schreibt ein Protokoll.

Schulklasse beim anschaulichen Geschichtsunterricht …  „Schalten Sie Ihr Handy aus!“

Magdeburg 1989: Massenproteste.

Freie Fahrt für freie Bürger …

Der Konsum – ein wesentlicher Teil der DDR-Alltagskultur.

DDR-Grenzpfahl mit E-Bikern

Flussüberquerung bei Seggerde

Pfahlbauten-Schloss in Oebisfelde

Tag 35 (21.08.18):   Von Schöningen nach Oebisfelde

Km: 1060 – 1125

Das Zimmer war im Prinzip in Ordnung. Das Schnarchen des Nachbarn hielt sich in Grenzen. Wie das mit meinem war, habe ich nicht so genau mitbekommen. Das Frühstück war überraschend gut: zwei frisch zubereitete Eier etc. und immer Kaffee mit Milch. So langsam macht sich wieder der Reflux bemerkbar. Tagsüber kaum etwas zu essen, außer Kaffee und ein Stück Kuchen, und abends wird immer reingehauen, was das Zeug hält. Kalorienspeicher auffüllen. Zwischenzeitlich war ich auf der Tour schon mal dünner, aber es gibt auch was Positives: Seit dem Harz sind die Temperaturen erträglicher geworden, so um die 22 bis 26 Grad Celcius, ab und an ein Regentropfen. Eine Wohltat, wenn auch zu wenig für die Natur.

Um 10.43 Uhr kommt Dors aus Bünde mit dem Zug nach Helmstedt. Ich wollte mich extra mit ihm im Westen treffen, damit wir beide gemeinsam über die Grenze fahren können. Vorher mache ich aber schnell einen Abstecher nach Hötensleben , wo die Grenzbefestigung noch original erhalten ist, eine der wenigen Grenzabschnitte, so wie z. B. bei Sickenberg / Allendorf. Ich merke, dass mittlerweile am Tag 35 meiner Reise eine gewisse `Sättigung`, was Grenzanlagen angeht, bei mir eingetreten ist. Ein paar Fotos zur Dokumentation. Das Lesen der Infotafel und dann geht es wieder zurück Richtung Schöningen.  Es sind jetzt noch knapp 16 Km bis Helmstedt. Die schaffe ich in einer Stunde.

Um halb elf bin ich dann da und wundere mich über die Universitätstage in Helmstedt. Welche Universität gibt es denn hier seit neuestem? Pünktlich kommt Dors mit dem Zug angefahren, elch ein Wunder bei der Bundesbahn. Seit vier Wochen hat er mich nur virtuell begleiten können. Die Freude ist groß und einen neuen Fahrradschlauch hat er mir als Geschenk aus der Heimat auch mitgebracht.

Wir fragen uns durch, wie wir in den Osten kommen, zum Glück hat Dors aber auch eine Navifunktion auf seinem Handy geschaltet. Wir fahren durch einen kleinen Wald und fragen einen Ausländer, der kein Deutsch spricht, wo Marienborn ist. Er kommt aus dem Iran und geht gerade in den ‚Westen‘ nach Helmstedt. Durch eine kleine Öffnung im „Moschendrohtzaun“ kommen wir auf ein Kasernengelände der ehemaligen NVA, das derzeit von Asylbewerbern bewohnt wird. Auch hier fragen wir uns wieder nach der Gedenkstätte / Raststätte, nach dem früheren Grenzübergang Marienborn durch. Eine junge Frau, die wohl offensichtlich zu den Betreuerinnen gehört, gibt uns mit einem slawischen Akzent Antwort. Ich kann es natürlich mal wieder nicht lassen und frage sie, woher sie kommt. Als sie Rumänien sagt, lege ich sofort los: „De unde sunteti in Romania? Am fost doua ani in Republica Moldova. Am locuit si lucrat in Chisinau la Academia de Stiinte…!“ Ihr fällt fast die nicht vorhandene Gebiss raus, und es ist eine Freude, mal wieder mit jemand Rumänisch zu sprechen, zu fragen, woher in Rumänien sie kommt, und zu erzählen, dass ich zwei Jahre in Chisinau gelebt und gearbeitet habe. Sie erzählt von ihrem Mann, ihrem Studium in Dortmund, ihrer Rückkehr nach Rumänien und der Jobmöglichkeit jetzt bei den Asylbewerbern. Dors schaut etwas ungläubig, freut sich aber mit mir.

Kurz danach sind wir auch schon auf dem Bundesautobahnparkplatz, auf dem noch viele der Gebäude der GÜST Marienborn im Original erhalten sind. Dors erzählt davon, wie er als 15-Jähriger mit seinem Vater auf der Transitstrecke nach Berlin unterwegs war, und zeigt mir die Stelle, wo sie alles aus dem VW Passat auspacken mussten, alles Schikane und sehr einschüchternd. Das war System von oben.

Ich gehe zu dem Laufband, auf dem die Pässe und Kfz-Papiere transportiert wurden. Ich erinnere mich an Sonntag, den 12. November 1989, als wir mit meiner damaligen Frau Ute und den drei Kindern im Alter von sechs und zwei Jahren und drei Monaten nach Berlin gefahren sind, um meinen Bruder Klaus und seine Familie zu besuchen. Es war eine eigenartige Stimmung. Schon im Westen kamen uns auf der gegenüberliegenden Fahrbahn Kolonnen von DDR-Fahrzeugen entgegen. Trabbis all over the place. Etwas, was man sich vorher nie hätte vorstellen können. Der Ton der DDR-Grenzsoldaten war merklich moderater – oder habe ich mir das im Nachhinein etwa nur eingebildet?

In West-Berlin am Brandenburger Tor war es ein Feeling wie ein politisches Woodstock. Menschen auf der Mauer sitzend, trinkend, feiernd, Bilder wie von einem anderen Stern …, auch das Hallo und die Überraschung, als wir dann endlich gegen halb sieben in Pankow zum Abendessen kamen, völlig unerwartet, da die Telefon- und Telegrammleitungen in diesen Tagen, die Weltgeschichte geschrieben haben, total blockiert waren. Am 15. November habe ich dann noch mit zwei anderen Kolleginnen meiner Schule drei Busse organisiert und wir sind in 30 Stunden praktisch ohne Schlaf mit 150 Schüler/innen nach Berlin gefahren und haben uns z. T. als Mauerspechte betätigt. Geschichtsunterricht live …

Vor dem Museumsgebäude treffen wir eine Gruppe von Fachoberschüler/innen, die gerade an einer Führung teilnehmen. Die Führerin erzählt anschaulich und engagiert, ein Teilnehmer wird aufgefordert, sein Handy wegzulegen und ich …, ich werde aufgefordert zu erzählen, wie das am 9. November war. Ich merke, ich gehöre so langsam zu den seltenen Exemplaren, die die Zeit vor, während und nach der Wende bewusst mitbekommen haben. Man wird alt. Wir schauen uns noch gemeinsam das Museum mit seinen vielen Exponaten an, auf ein spontanes Gespräch mit der Museumsleitung über didaktische Fragestellungen verzichte ich …, will Dors nicht damit nerven.

Mir wird bewusst, dass wir uns auf der Höhe von Magdeburg befinden, ca. 40 Km entfernt. Es ist das Jahr 1965, ich höre den Deutschen Freiheitssender 904, einen mit viel Beatmusik betriebenen Propagandasender der DDR, der seit dem Verbot der KPD in der Bundesrepublik im Jahre 1956 von Burg  bei Magedburg ausgestrahlt wird. Zu Pfingsten wird die gesamtdeutsche fortschrittliche Arbeiterjugend nach Magdeburg eingeladen. Friedensfreunde aus der Bundesrepublik seien willkommen, brauchen vorher kein Visum zu beantragen. Wie schon berichtet, fahre ich von Hann. Münden nach Bebra/Herleshausen und werde dort zuerst mal vom Bundesgrenzschutz befragt, verhört, was ich denn in Magdeburg wolle und ob mein Vater überhaupt damit einverstanden sei. Ich war 16 Jahre alt. Mein Vater war zum Glück telefonisch erreichbar und so durfte ich fahren. Wie bereits erwähnt, war dies mein erster Vermerk bei den Sicherheitsorganen der BRD … – nicht zu vergessen meine Aktivitäten gegen die Notstandsgesetze.

Nachdem ich also meine Großmutter und Verwandte in Heiligenstadt mit meiner Kreidler Florett besuchte hatte, fuhr ich durch den kalten und regnerischen Harz nach Magdeburg. Eigentlich unvorstellbar heute. Plötzlich hieß es, dass die westdeutschen Friedensfreunde, ich vermute im Nachhinein, dass es sich bei den meisten der 20 Anwesenden um Mitglieder der 1956 verbotenen KPD gehandelt haben muss, zu einer Gesprächsrunde mit dem Genossen Walter Ulbricht , dem 1. Generalsekretär der SED, kommen sollten. „Nu, wie sieht es mit dem Kampf der Arbeiterklasse in Westdeutschland aus?“, so muss es wohl gewesen sein. Andächtig stehe ich im Abstand von wenigen Metern neben dem Genossen Generalsekretär und lausche seinen Ausführungen …

Orts- und Zeitwechsel: gut vier Jahre später. Sauerland, Bildungsstätte. Seminar. Fähnrich in Kassel bei der Bundeswehr. Auftrag, dem vor wenigen Monaten aus dem Amt geschiedenen Bundespräsidenten Heinrich Lübke mit einer kleinen Abordnung von Soldaten einen Glückwunsch im Namen der Bundeswehr auszusprechen. Am 14. Oktober 1969 sitze ich bei Heinrich Lübke, an den genauen Ort kann ich mich nach nahezu fünf Jahrzehnten nicht mehr erinnern (Birgits Großtante wohnte in Enkhausen und die wußte, dass H. Lübke seine letzten Jahre dort verbracht hat – Wikipedia weiß es auch), zuhause auf dem Sofa und wir gratulieren ihm zu seinem 75. Geburtstag. Es fällt ihm schwer, Worte des Dankes zu finden … Er bemüht sich, aber wir merken, dass er wirklich krank ist. Seit diesem Zeitpunkt habe ich keinen der weit verbreiteten Witze über Heinrich Lübke mehr gemacht, er war krank, heute würde man es wohl fortschreitende Zerebralsklerose nennen ..seine Rolle als Baumeister von KZs im Dritten Reich war mir da noch nicht so bewußt .

Von Marienborn fahren wir mit unseren beiden E-Bikes über Beendorf, Schwanefeld, Saalsdorf, Gehrendorf nach Oebisfelde. Unterwegs versuchen wir uns an den Pflaumen, die aber noch nicht ganz reif sind. Wir kommen mit einem ca. 50-jährigem Spaziergänger ins Gespräch, für den die frühere deutsche Teilung kein Thema mehr ist. Früher war eigentlich alles im Großen und Ganzen in Ordnung und heute …, heute geht es uns gut.

Wir glauben nicht, dass wegen Bauarbeiten die Aller-Brücke gesperrt ist, und nehmen den direkten Weg in die nächste Ortschaft. Pustekuchen. Die Straße endet bei einer großen Baustelle. Zurück und 10 Kilometer Umleitung fahren? Zwei Brückenbauer erklären uns, dass es hier nicht weitergehe, es sei denn …, ja, da wäre ein kleiner Steg, da sei neulich zwar schon einer baden gegangen … . Im Trippelschritt, darauf vertrauend, dass das Wasser schon nicht so tief ist, bringen wir Fahrrad und Gepäck sicher rüber. Die Bauarbeiter beschweren sich über die die „faulen Rumänen“, die als Sub-Sub-Arbeitnehmer – als Eisenbieger und Betonarbeiter – mitgeholfen haben. Bevor wir uns nach Sachsen-Anhalt über den Fluss begeben können, kommen uns zwei ‚Grenzgänger‘ entgegen: ein etwa 12-jähriges Mädchen mit Kopftuch und ihr ein paar Jahre jüngerer Bruder, vermutlich Kinder von Asylbewerbern. Sie werden hinter der Baustellenabsperrung im Westen von einer Frau in den Fünfzigern mit dem Auto erwartet. „Beeilt euch …!“ – Ein Beispiel für die Willkommenskultur in der alten Bundesrepublik …

In Oebisfelde fällt mir als erstes das Plakat des gerade durchziehenden Klein-Zirkus auf,  Veranstaltung 18:00 Uhr. Ich erinnere mich an die Saisons 1957 und 1958, als mein Vater Lehrer der Zirkuskinder beim Zirkus Busch Roland war. Ein  Zirkuswagen mit einem kleinen Klassenzimmer für fünf Schüler/innen: Belita und Arlene – italienische Akrobatnummer auf dem Fahrrad (der Onkel war Silvio Franceso, Bruder von Caterina Valente), Charly Ruppert (seine Eltern hatten eine Bärennummer) und natürlich Ossi, der Sohn des Direktors Hoppe, der nachmittags und abends als 7-Jähriger mit einem großen Elefanten in der Manege stand …, und ich zwischendrin. Spielen im Gradin, unter den Sitzreihen, alle Tage an einem anderen Ort, aber von Füssen (Schloss Neuschwanstein) bis Hamburg (Heiliggeistfeld – St. Pauli) habe ich alles mal kurz gesehen …

Doch zurück zur Fahrradtour. Bei einem Stopp bricht mein Fahrradständer ab. Hätte ich mal nur die schwerere Packtasche von Ortlieb auf die rechte, äußere Seite gepackt! Hätte, hätte: Fahrradkette. Dors und ich finden nach einigen erfolglosen Versuchen noch ein wirklich schönes, gerade eröffnetes Hotel am Markt und gehen abends in eine Pizzeria um die Ecke zum Essen. Das Essen ist vorzüglich, der Wein zu süß, das entspreche aber dem lokalen Geschmack, sagt zumindest der sizilianische Besitzer, der schon über 10 Jahre im Osten ist. Seine Frau kommt, wie sich herausstellt, aus Kirgisien. „Otkuda wi? Ya bil 10 mezezov v Moskwe“ – na ja, wenn schon, denn schon! Rumänisch hat an diesem Tag wohl nicht gereicht …

Ach ja, fast hätte ich es vergessen! Heute vor 40 Jahren sind die Truppen des Warschauer Vertrages, im Westen sagte man Pakt, in die CSSR einmarschiert und haben dem sich anbahnenden politischen Umbruch, dem so genannten Prager Frühling, ein gewaltsames Ende bereitet. 20 Jahre später hat es dann mit der Öffnung der Grenzen in Ungarn geklappt.